Seiten

Posts mit dem Label USA werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label USA werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 23. September 2018

Random Article 2018 #2: 2000 in den USA - Viva Las Vegas

Ich schreibe wenig in letzter Zeit. Das weiß ich. Hier und auch für meine Geschichten fällt nicht besonders viel ab, weil meine Arbeit und Facebook Kreativität konsumieren.
Dazu kommt noch das Buch, das ich schreibe und das ich abgebrochen habe, seit mein Verleger mir gesagt hat: "Lass Dir Zeit." Ein Motivationskiller sondergleichen.
Aber ich möchte. Möchte mehr schreiben. Und das mache ich heute auch.

Ich möchte heute wieder eine Anekdote aus meiner USA-Reise im Jahr 2000 zum Besten geben: Las Vegas.
Es gibt natürlich noch einiges zu schreiben über San Francisco, die ich damals für die schönste Stadt der Welt gehalten habe; davon, wie ich mit den unwahrscheinlichsten aller Kandidaten unter den Reisenden meinen Traum erfüllt habe, in Chinatown essen zu gehen, nachdem ich am Vorabend mit sechzehn Freunden in Chinatown gegessen habe -Chinatown McDonalds!!!; vom Fisherman's Dwarf, der Cancer Soup in Bread Bowl, von der Fahrt durch die Bay, über die Golden Gate Bridge, von meinem zweiten Kaffee in den USA, und, und und. Aber ich möchte etwas durch die Zeit springen und etwas loswerden, was mir Spaß machen wird zu schreiben. Vielleicht erzähle ich später noch mehr über San Francisco, denn die eine oder andere Anekdote gab es ja durchaus.
Aber jetzt brennt mir die Geschichte auf den Lippen, die ich oft und gerne zum Besten gebe: Wie ich in Las Vegas gewann.

Also, Zeitsprung. Ich lasse unter anderem Fresno aus (dämliches, einstöckiges Kaff, zumindest der Vorort, in dem wir waren) und den Yosemite National Park mit seinen gewaltigen Mammutbäumen, erwähne den Grand Canyon nicht (noch) und gehe direkt nach Vegas über.
Wir kamen per Bus am Tag an. Die Stadt ist ein unscheinbarer Anblick, wenn man bei Sonnenschein hereinkommt. Man unterschätzt die Ausmaße der Stadt dann aber auch.
Wir waren im Luxor untergebracht, in wahrhaft luxuriösen Zimmern. Aber wir spielten nicht im angeschlossenen Casino, denn Linda, unsere Reiseleiterin, sagte: "Spielt nur in den älteren Casinos. Die haben ihre Baukosten raus und die Gewinnchance ist höher."
Dazu aber später mehr.
Jedenfalls machte ich mit einem bestimmten Kreis jüngerer Teilnehmer der Reise die Stadt unsicher, besuchte diverse Casinos am Tage, darunter das Paris, das Venecia, das Treasure Island, dessen Schiffsschlacht wir am Abend besuchten, das Bellagio mit seinem wirklich wunderschönen Wasserfontänenbecken und den weißen Tigern von Siegfried und Roy... Das Tagesziel war eine Achterbahnfahrt. In einer Achterbahn, die AUF einen Fernsehturm gebaut war. Inklusive Droptower, der noch mal dreißig, vierzig Meter Höhe gemacht hat.
Auch hier will ich nicht alles erzählen, was erzählenswert wäre, so wie der Veteran am Rollstuhl, der keine Hände und keine Füße mehr hatte und dem sein Brötchen zu Boden gefallen war und an dem ich schon vorbei war, bevor mir bewusst wurde, dass aus der sich an ihm vorbei wälzenden Menschenmasse niemand helfen würde, wenn ich es nicht tat; nicht davon, wie wir im Hard Rock Café eingefallen sind oder einem Taxifahrer erklärt haben, was die Expo 2000 in Hannover war.
Ich will davon erzählen, wie wir ins New York New York kamen, einem Hotelcasion, das am Boulevard lag. Es war Straßenszenen nachempfunden, und man machte sich sogar die Mühe, aus Gullys im Boden Rauch aufsteigen zu lassen. Der Laden war brandneu, aber er sah alt aus, und in meinem Kopf war da dieser Moment. Gerade kurz zuvor hatte eine Freundin einen riesigen One Arm Bandit bedient und prompt einhundert Dollar gewonnen, und ich war neugierig geworden.
Wir alle teilten uns auf und suchten uns Spielmaschinen. Ich fand eine mit einem Jackpot von fünfhundert Dollar und dachte mir: "Okay, das Casino sieht alt aus. Spiele ich doch hier." Das war mein Versuch, Lindas Rat zu beherzigen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir vorgenommen, jeden Tag höchstens einhundert Dollar zu verspielen. Ich bin eine gaaaaannz kleine Spielernatur, zugegeben. Also setzte ich mich an diesen One Arm Bandit und fütterte ihn mit zwanzig Dollar. Dann lernte ich, dass nur Amateure den Hebel ziehen, denn für sowas gibt es Knöpfe. Sogar einen Double Bet, mit dem man zwei Quarter auf einen Schlag einsetzt und auf den Jackpot spielt.
Jedenfalls wurden aus zwanzig Dollar vierzig, dann sechzig, und irgendwann achtundsechzig Dollar.
Meine Begleiter wollten mittlerweile zur Achterbahn weiter, aber ich wollte nicht mit. Ich wollte mir das restliche Geld auch nicht auszahlen lassen - ich wollte es verlieren. Ich hatte mir gesagt, wenn ich das verliere, dann spiele ich nicht mehr in Vegas. Deshalb blieb ich allein zurück.
Und dann, dann rauschten meine Coins richtig in den Keller. Ich hatte noch zwanzig oder weniger. Ich war so gut wie entwöhnt. Dann gewann ich einen kleinen Betrag dazu.
Kleine Erklärung vielleicht. Es war ein System aus drei Walzen. Bei bestimmten gleichen Symbolen wurde je nach Wert der Symbole Geld gutgeschrieben. Ich hatte eine kleinere Kombination getroffen.
Danach ging es wieder abwärts. Die Coins fielen. Und ich gewann erneut.
Erstaunlicherweise ging es weiter, ich gewann dazu und dazu und dazu, und das Geld wollte nicht weniger werden. Irgendwann wurde ich gierig, ich wollte das Geld in Händen halten und tippte auf Auszahlung. Ich nahm einen der berühmten Becher und füllte ihn mit den Quartermünzen, die der generöse Geldspielautomat für mich ausspuckte. Am Ende hatte ich einen vollen Becher voller amerkanischer Vierteldollarmünzen und suchte den Umtauschtresen. Dort wurden mir meine Münzen gegen Scheine eingetauscht, und Ace Kaiser hatte über einhundertachtundsechzig Dollar mehr in der Hand. Wow.

Wir blieben zwei Nächte in Vegas, und mir gingen zwei Dinge durch den Kopf. Erstens: Keiner meiner Freunde war da geblieben, keiner hatte mich gewinnen gesehen. Aber dafür hatte ich ja die Einhundert Dollar-Note als eindeutigen Beweis, dass ich gewonnen hatte. Und zweitens: Am nächsten Abend würde ich garantiert wieder dort spielen gehen, noch immer im Glauben, ich würde Lindas Rat befolgen und in einem alten Casino spielen. Nun. Nun ja.
Am nächsten Abend und nach besagter Invasion im Hard Rock Café Las Vegas - ich habe mir Drum Sticks mit Logo gekauft - bin ich dann alleine ins New York New York gegangen und suchte mir einen Automaten mit großem Jackpot. Zehntausend Dollar. Die Maschine fraß mein Geld, ohne zu rülpsen.
Also ging ich wieder an den gleichen Automaten wie am Vorabend, fütterte ihn auch mit zehn Dollar, und siehe da, der Automat hatte mich wiedererkannt und begann sofort damit, mich gewinnen zu lassen. Zwar nur kleine Beträge, aber was war das für ein Gefühl...

...sacken lassen. Denn jetzt kommt es. Relativ schnell war ich auf über dreißig Dollar Gewinn, da erschien eine Kombination, die ich so nicht erwartet hatte: Drei Siebenen. Der Automat tat etwas, was ich noch nicht erlebt hatte: Ohne, dass ich auf Auszahlung gedrückt hatte, spuckte er Geld.
Cool. Geil. Was für ein Erlebnis. Hätte ich es nur mit meinen Freunden teilen können...
Dann hörte er wieder auf. Ich spielte weiter. Das heißt, ich wollte es, aber der One Arm Bandit reagierte nicht. Auf gar nichts. Ich bekam Panik. Dachte: "Toll, Ace, jetzt hast du ihn kaputt gemacht."
Aber ein älterer Herr nahm sich schmunzelnd meiner an. "Don't worry, Pal, look up to the red Light on Top. Someone is already coming vor you."
Ich war dem Herrn, der mich gemeinsam mit einem Freund beobachtete, sehr, sehr dankbar, war ich doch drauf und dran, den Automaten allein zu lassen, um Hilfe zu suchen. Tatsächlich sagte eine Bassstimme hinter mir: "Excuse me, Sir."
Ein Mann, breit wie ein Epsaler, und nicht viel größer, scheuchte mich vor der Maschine fort, öffnete sie, rüttelte am Münzfach und schloss sie wieder. Der One Arm Bandit begann weiter, Münzen zu spucken. Oh, nur verklemmt. Niedlich. Und ich hatte mir schon Sorgen gemacht.
Dann hörte der Geldsegen wieder auf, ich wollte weiter spielen, aber WIEDER reagierte die Maschine nicht. Bevor ich mich aufregen konnte, kam wieder der freundliche Herr und sagte: "Relax, Pal, the light is burning again. Help is on the way." Ehrlich, ich war dem Burschen wirklich, wirklich dankbar.
Dann wieder hinter mir - ich glaube, der Typ mochte es, sich anzuschleichen - die Bassstimme: "Excuse me, Sir." Der Epsaler war wieder da, einen kleinen Sack auf der Schulter, jagte mich weg, öffnete den Spielautomaten, schnitt das Siegel am Sack auf und füllte den Inhalt, Quarter im Wert von mehreren hundert Dollar, ins Münzfach ein.
Dann verschloss er den Automaten wieder und ließ mich weiter spielen.
Das Geld, das er schon ausgespuckt hatte, packte ich sicherheitshalber schon mal in einen Bucket. Und oh Wunder, der Automat ging wieder ohne Probleme. Ich hatte ihn leergespielt. Was für ein Gefühl. Und nein, natürlich konnte ich nicht ein einziges Mal ganz normal gewinnen. Es musste spektakulär sein. Irgendwie.
Jedenfalls spielte ich noch einige Zeit, und obwohl die NAcht noch jung war, ließ ich das Gewinnen irgendwann, drückte auf Auszahlung und füllte einen zweiten Bucket mit den Münzen.
Mit zwei dieser Monster, einer bis zur Hutkrempe gefüllt, ging ich wieder zur Auszahlung und ließ mir die Münzen in Scheine tauschen. Beim zweiten Mal waren es zweihundertfünfundzwanzig Dollar und fünfzig Cent.
Und das ist meine stärkste Erinnerung an Las Vegas. Nicht unbedingt, dass ich rund dreihundert Dollar nach Einsätzen gewonnen hatte. Sondern was mit mir und dem Spielautomaten passiert ist, der nicht einmal, sondern gleich zweimal nicht hatte funktionieren wollen...
Okay, der Gewinn ist auch wichtig. ^^

Ja, ich hatte beide Abende viel Spaß. Ja, ich war anschließend in der Arcade-Abteilung und habe mit einer Handvoll Quarter, die ich nicht umgetauscht habe, in einem Simulator gesessen und habe die Star Wars-Trilogie nachgeflogen, bis die Quarter alle waren - ich kam bis Endor, bevor mir Lust und Quarter ausgegangen sind. Und selbst nach achtzehn Jahren sind diese Szenen so lebendig in mir, obwohl ich mich mehr wie ein toter Fisch gefühlt hatte, solange ich drüben war...

Ich werde, wenn es mich wieder packt, gerne mehr erzählen und vielleicht auch die Lücken schließn, die ich mit meinem Sprung nach Las Vegas gerissen habe, denn diese Geschichte musste einfach mal raus.

Bleibt mir treu und lest mich weiterhin.

Montag, 26. Februar 2018

Random Article 2018 #2: 2000 in den USA - Wie ich ein Erdbeben verschlief

Ich habe festgestellt, dass ich auf meinem Blog in letzter Zeit fast ausschließlich über Klicks und Wettbewerbe geschrieben habe. Vieles anderes kam dabei recht kurz. Ausnahme waren natürlich die Tiff-Comics meiner lieben Schwester. Schreiben wollte ich allerdings sehr viel mehr. Die Politik ist da ja immer Anlass für, und ich frage mich ohnehin, warum ich zur GroKo-Frage noch nichts verfasst habe. Die Antwort ist allerdings schnell gefunden: Ich schreibe dazu einfach zu viel auf Facebook und vergesse, die besten Texte hier als Kolumne zu posten. Das Schulmassaker in Florida böte auch Stoff, und wie schwer sich die Regierung damit tut, schlicht und einfach Nachrüstkits für halbautomatische Waffen zu verbieten, die Munition stärker zu besteuern oder einen Wesenstest für den Waffenkauf einzuführen... Mache ich vielleicht auch noch. Aber heute möchte ich etwas beginnen, was man auch als Kolumne bezeichnen könnte und was ich auch schon viel früher erzählen wollte. Nein, nicht über meine Erfahrungen mit Angstzuständen, das kommt später in einem eigenen Post. Heute will ich ein paar Anekdoten zum Besten geben.

Ich bin nicht besonders viel in der Welt herumgekommen in meinem Leben; mit der Schule in Frankreich, Holland und durch Belgien durchgefahren, Norddeutschland, Süddeutschland, nochmal Holland, das war es eigentlich schon. Ich war nie wirklich in einem Fernurlaub, hauptsächlich, weil ich das Geld für andere Dinge brauchte. Vielleicht bin ich deswegen Autor geworden. Wenn ich schon nicht verreisen kann, dann will mein Geist eben neue Dinge, Orte und Menschen kennenlernen. Und was habe ich dabei nicht alles erlebt und entdeckt. Wirklich, ich bin froh, das ich so ein aktiver Autor bin und so viele Welten gesehen habe... Und dann lese ich natürlich auch noch eine ganze Menge, und lesen ist fast so gut wie selbst schreiben.
Aber halt, eine Sache gibt es, die da aus dem Rahmen fällt. Im Jahr 1998 wurde ich von Freunden angesprochen, ob ich nicht mit der Reservistenkameradschaft Banteln im Jahr 2000 im September die Westküste der USA besuchen wollte, für sechzehn lange Tage. Dafür gab es einen Ansparplan, und einer der Teilnehmer hatte abgesagt und wollte seine bisherigen angesparten Anteile verkaufen.
Ich sagte vorsichtig ja, versuchte mehrfach, wieder abzuspringen, aber dann stand ich da mit einhundertsiebzehn anderen Teilnehmern vor den Reisebussen, die uns nach Hannover bringen sollten. Zum Flughafen.
Ehrlich, ich hatte absolut keine Ahnung, was mich erwartet, was ich sehen und erleben würde, was überhaupt passiert war. Und erst Recht war ich doch ein wenig erschrocken, als ich feststellte - bei einem Dollarkurs von einem Dollar zu zwei Mark zwanzig - dass ich im Schnitt dreißig Dollar pro Tag brauchte, um mich zu verpflegen. Ich verrate wohl nicht zu viel, wenn ich sage: Es wurde ein großer Spaß, aber ein teurer.

Jedenfalls stand ich dann da mit meinen Freunden vor dem Abfertigungsschalter, ich war noch nie geflogen, und sie beäugten mich amüsiert, wie ich mich denn machen würde. Nun, es ist wie Busfahren, nur das einem beim Start und bei der Landung etwas der Magen wegsackt.
Von Hannover ging es nach München, und von München nahm uns die Lufthansa auf einem Kurs über die Polkappen mit nach San Francisco. Der Flug dauerte vierzehn Stunden, und die meiste Zeit war ich wach und vertrieb mir mit meinem Sitznachbarn mit Gesprächen die Zeit. Netter Kerl, Deutscher, sollte in Kalifornien eine neue Stelle antreten. Beim Ausboarden verlor ich ihn aus den Augen, aufgeregt wie ich war. Damals hatte ich allerdings auch noch nicht mal eine eMailadresse. Schade ist es trotzdem. Und das mit der eMail würde sich noch einmal als schade erweisen, aber das ist eine andere Geschichte.
Nach der Gepäckaufnahme stand ich dann vor dem Einreisebeamten in seinem Glaskasten, mein Visum in der Hand, das wir während des Fluges ausgefüllt hatten. Der mittelgroße schnurrbärtige Mann sah mich ernst an, mir wanderte schon eine Augenbraue hoch, da klickte ein Stempel und es hieß: "Welcome to America."
An dieser Stelle, glücklich mit allen anderen Touristen aus Banteln wiedervereint, sollte ich kurz erwähnen, dass dies schon die zweite Amerikareise der Reservisten war. Vier Jahre zuvor hatten sie die Ostküste und die dortige Steubenparade besucht. Deshalb hatte man diesmal die Westküste im Visier. Und deshalb erwartete uns mit unserer Reisebegleiterin Lisa auch jemand, der die Bantelner schon einmal begleitet hatte. Zusammen mit einer Kollegin wurden wir auf zwei Busse verteilt und ins Hotel gefahren. Es war vor Ort Mittagszeit, und uns stand noch ein längerer Tag bevor. Jedenfalls waren wir auf dem Weg, um die Stadt zu erkunden, nach vierzehn Stunden Flug. Habe ich schon erwähnt, dass ich um vier Uhr morgens Ortszeit aufgestanden war? So ging es dann weiter, und es wurde relativ schnell dunkel, weil San Francisco ja relativ weit unten auf der Nordhalbkugel liegt. Wir besuchten diesen Abend unter anderem Chinatown; wir, das waren etwa vierzehn Leute. Ich hatte vor, wenn ich schon mal da war, auch chinesisch essen zu gehen. Wisst Ihr, wo wir den Abend dann gegessen haben? In Chinatown - im McDonalds.
Nachdem ich dort für einige nicht so gute Englisch-Sprecher als Dolmetscher tätig gewesen war, was sich als wegweisend für die weitere Reise erweisen würde, ging es dann irgendwann zu unserer ersten Erfahrung mit Alkohol in einer amerikanischen Stadt. Wir kauften amerikanische Bierdosen und bekamen dazu die obligatorische Papiertüte. Denn man darf in der Öffentlichkeit so viel saufen, wie man möchte und wie man verträgt: Bier, Whisky, Gin, und was die Läden hergaben, aber es durfte keiner sehen, weshalb es die praktischen Überzieher gab. Ja, an dieser Stelle darf man ruhig mit den Augen rollen.

Dann, ja, dann zog ich mich auf mein Zimmer zurück, nicht wirklich müde, aber rund vierundzwanzig Stunden auf den Beinen, denn vor dem Abflug in Hannover waren auch noch drei Stunden vergangen, geschweige denn beim Umsteigen in München. Ich schlief also irgendwann, und es war ein sehr tiefer, befriedigender Schlaf, aus dem ich erst erwachte, als draußen wieder die Sonne schien.
 Ich denke, ich bin so gegen zwanzig Uhr ins Bett, und zwölf Stunden später war ich wieder "da". Das hieß natürlich Frühstückszeit, und ich traf mich mit meinen Freunden in der Lobby. Da hörte ich das erste Mal: "Hast du dich auch so erschrocken, als das Erdbeben losging?" "Ja, du furchtbar jetzt. Alle Schränke haben gewackelt. Und das Bett erst."
Mein erster Gedanke war: "Was?" Auch mein zweiter und mein dritter.
Letztendlich stellte sich heraus, dass es nachts in San Francisco ein Beben der Stufe Fünf Komma vier gegeben hatte; Epizentrum acht, neun Kilometer von der Stadt entfernt. Das ist nichts Ungewöhnliches, denn San Francisco steht auf der San Andreas-Spalte, einem tektonisch hoch aktiven Gebiet. Und Erdbeben ist man in Kalifornien ohnehin gewöhnt. Zudem wartete man auf das "Big One", das einmal im Jahrhundert auftrat und die Städte an der San Andreasspalte verheerte. Aber wir waren im Hilton&Towers abgestiegen, mein Zimmer (Ich erwähne hier mal meinen Zimmerkumpel Raimund, falls ich noch mehr Glossen über Westküste 2000 schreiben sollte) war im fünfunddreißigsten Stockwerk, der Turm sollte reichlich gewackelt haben, und... Ja. Und. UND ICH HABE DAS EINZIGE ERDBEBEN MEINES LEBENS VERSCHLAFEN!
Vierundzwanzig Stunden fast ununterbrochen auf den Beinen, kein Wunder, dass ich tief geschlafen habe. Aber so tief, dass ich nicht mal ein Erdbeben mitgekriegt habe? Ja, das wurmt mich heute noch.

Allerdings ist das nicht das Einzige, was mein zweiter Tag in den USA zu bieten hatten. Und auch die restlichen Tage sollten, neben erheblichen Kosten, noch einige Wunder bereit halten. So zum Beispiel in Las Vegas, wo ich... Nun. Oder am Grand Canyon, wo wir... Hm. Phoenix, Arizona, San Diego, der Bryce Canyon, die Rockies, Los Angeles... Es gibt noch viel zu berichten, viel zu erzählen.
Zwei Dinge aber möchte ich vorweg nehmen. Das erste ist, dass ich an diesem Morgen in einem Diner gleich neben dem Hotel den zweitbesten Kaffee meines Lebens serviert bekommen habe, zusammen mit einem amerikanischen Pancake-Frühstück, das sich gewaschen hatte. Denn die Amis scheinen dem Frühstück wesentlich mehr Stellenwert einzuräumen als wir Deutsche. Das zweite ist, dass ich damals San Francisco für die schönste Stadt der Welt hielt, und auch heute noch, achtzehn Jahre später (siebzehneinhalb) denke ich mit Wohlwollen an diese schöne Stadt, ihre freundlichen Bewohner und ihre interessante Architektur zurück. Was ich aber schon verraten sollte, ist, dass San Francisco trotz all der Offenheit, der vielen älteren Gebäude und der Wolkenkratzer und des warmen Septemberwetters (Nebel gibt es nur im Hochsommer) eher sowas wie eine Kleinstadt ist. Oh, eine große Kleinstadt, wahrscheinlich die zweitgrößte nach Los Angeles, aber eben doch eine kleine Stadt mit schmalen Straßen. Nicht zu vergleichen mit den Bildern, die es ins Fernsehen oder ins Kino schaffen. Und diesen Eindruck sollte ich noch öfter auf der Reise haben.
Doch darüber berichte ich dann in Teil zwei, denn über San Francisco gibt es noch zwei, drei Anekdoten zu erzählen.

Mittwoch, 27. März 2013

Da ist er wieder, der Engel mit Eisaugen - mein März-Rant

Es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich mich zum Berufungsverfahren für Amanda Knox geäußert. Genauer gesagt war das am 4. Oktober 2011. Es ging darum, dass Amanda Knox in erster Instanz wegen Mordes an ihrer Mitbewohnerin Meredith Kercher verurteilt wurde, im Berufungsverfahren jedoch wegen unsicherer Beweislage in dubio pro reo freigesprochen wurde. Oder anders ausgedrückt: Das Berufungsgericht zweifelte daran, dass die Indizienkette ausreichte, um die US-Amerikanerin für Mord zu verurteilen, geschweige denn ihr den Mord nachzuweisen.

Mit dem Urteil waren anscheinend weder die Staatsanwaltschaft, noch die Familie von Miss Kercher als Nebenkläger wirklich glücklich. Was in beiden Fällen schamlose Untertreibungen sein dürfte.
Damals wie heute fühle ich mich nicht dazu berufen, darüber zu urteilen, ob Amanda Knox eine Mörderin, bzw. Totschlägerin ist oder nicht. Immerhin wurde mit ihr ein anderer Tatverdächtiger freigesprochen, während ein weiterer rechtskräftig wegen Mordes verurteilt im Knast sitzt. Geständnisse gibt es meines Wissens nach nicht. Darum geht es mir in diesem Post auch gar nicht, darum ging es mir auch damals nicht.

Warum ich also diesen Blogeintrag schreibe? Nun, wenn man "Engel mit Eisaugen" googelt, das damalige Schlagwort, das synonym für Frau Knox stand, kommt man zwangsläufig auf die aktuelle Berichterstattung zum Revisionsverfahren, das die Tage beginnen wird und das damit begann, dass die italienischen Revisionsrichter zumindest Teile des Urteils des Berufungsgerichts aufgehoben haben.
Nun, abgesehen davon, dass außer SpOn die wenigsten Medien tatsächlich von einem Revisionsverfahren sprechen, sondern von einem Berufungsverfahren, dass Knox aber schon längst hinter sich hat, findet man in der Suchliste alle Verdächtigen mit dem "Engel mit Eisaugen" als Schlagwort: heute.de, T-online.de, Welt.de, BILD.de, faz.de, rb-online.de, focus.de und auch spiegel.de. (Ja, ich weiß, dass das das gleiche wie SpOn ist...)
Eine Sache stößt mir genau wie damals sehr bitter auf, weil es meinem Verständnis von Rechtsstaatlichkeit widerspricht: Zwar war Amanda Knox damals bereits rechtskräftig verurteilt, bevor das Berufungsverfahren das Urteil aufhob, sodass man nicht davon sprechen konnte, sie würde in den Medien vorverurteilt werden, (andererseits hätte es etlichen Medien gut getan, da vorher drüber nachzudenken) aber die Schlagwortattitüde wurde durch die Bank von deutschen Medien verwendet.

Ich stelle heute wie damals fest: Das WAR eine Vorverurteilung. Und das macht es mir schwer, nicht automatisch Partei für Frau Knox zu ergreifen. Was mir nicht zusteht, weil ich über den Tathergang und über die Verhöre der Tatverdächtigen nichts weiß - außer, dass der letzte rechtskräftig verurteilte Mann der Gruppe (Rudy Guede) schwarz ist, aber das nur nebenbei.
Und das geht heute nahtlos weiter. Wieder wird die Schlagworttrommel geschlagen, wieder wird Frau Knox mit diesem Spitznamen das negative Label untergeschoben. Mehr noch, heute Nachmittag im ARD-Magain "Brisant" wurden süffisante Töne laut, als Frau Knox vorgeworfen wurde, mit dem Buch, das sie geschrieben hatte (oder hat schreiben lassen, wer weiß das schon), Geld verdient hat. Oder, dass ihre Familie ihr eine PR-Agentur besorgt hat, die sie in die wichtigen Talkshows und Fernsehsendungen der USA gebracht hat. Oder dass sie eventuell nicht freiwillig zum Prozess nach Italien zurückkehren würde. Wie kann sie es nur wagen, auch noch mit ihrer Geschichte Geld zu verdienen, sie zu erzählen, ihre Sicht der Dinge zu schildern? Wie kann sie nur, wo wir sie doch schon vorverurteilt haben? Geeez.

Liebes Brisant-Team, in jedem Satz glaubte ich heraushören zu können, dass Ihr Frau Knox erneut vorverurteilt. Alleine die ständige Betonung ihres Schlagwortes war für mich bereits eine Vorverurteilung. Es ist Eure Sache so wie die aller anderen Medien, uns zu informieren, uns mit Fakten zu versorgen, damit wir uns eine Meinung bilden können. Nicht, uns mit fertigen Meinungen zu versorgen, wie ich hier mal festhalten möchte. Aber, na ja, "Brisant" journalistisch ernstzunehmen ist wohl in etwa das Gleiche wie den Springerverlag für die "Ein Herz für Kinder"-Aktion zu loben: Die Absicht ist zu erkennen, aber danach wird es schummrig.

Noch schnell zwei Fazits nachgeschoben.
1) Ist Frau Knox tatsächlich die Mörderin oder Mittäterin am Mord von Meredith Kercher, wäre sie ein Riesenidiot, wenn sie nach Italien zurückkehren würde, um dem Prozess beizuwohnen.
2) Ist Frau Knox unschuldig, wäre sie trotzdem ein Riesenidiot, würde sie nach Italien zurückkehren, denn sie landete schon einmal aufgrund äußerst dünner Faktenlage und trotz fehlender Beweise vier Jahre im Knast. Das muss sie sich nicht wieder antun. Und wenn wir die Presse betrachten, die sich dabei überschlägt, um ihre diesmal rechtskräftige Verurteilung in letzter Instanz (hat Italien einen Bundes-, oder Verfassungsgerichtshof für eine Verhandlung über die Revision hinaus?) vermelden zu dürfen und schon vorab eifrig Vorverurteilung betreibt, tut sie sehr gut daran, zu bleiben, wo sie ist.

Zu Meredith Kercher: Eine junge Studentin wurde brutal ermordet, ihre Familie will selbstverständlich wissen, wie, weshalb und wer. Gerade wer. Das ist vollkommen legitim, und der Familie gilt auch mein Mitgefühl. Punkt.
Das ersetzt aber keinesfalls eine rechtsstaatliche und von Politik UND Presse unbeeinflusste Gerichtsverhandlung. Leider ist es der Preis der Demokratie, dass, wenn man einer Person die Schuld nicht nachweisen kann, diese Person nicht verurteilt wird. Ich denke, besser so als dass ein Unschuldiger sein Leben verliert. Vor allem, da Knox seit ihrer Freilassung noch keinen Mord begangen hat, schließe ich eine "Wiederholung" der Tat vorerst aus.
Tut weh, gebe ich zu. Aber für die Demokratie und ein unabhängiges Justizsystem müssen wir alle früher oder später mehr oder weniger Kröten schlucken oder Federn lassen.
Frau Knox, schuldig oder unschuldig? Es ist nicht die Aufgabe der Medien, das zu entscheiden.

Montag, 21. Januar 2013

McAllister abgewählt, Obama vereidigt... Und die Piraten?

Gerade während ich diese Zeilen schreibe, läuft im Fernsehen die Vereidigungsfeier von Barry Obama zu seiner zweiten Amtszeit. Der große öffentliche Auftritt ist bis ins Kleinste inszeniert und die Musik, die live gemacht wird, erinnert an große Kinofilme, Saalfüllende Klassiker. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das dem Amt des US-Präsidenten wirklich angemessen ist, aber die Amerikaner stehen halt drauf. Also nochmal vier Jahre Barry. Ich hoffe, der Gute kann noch was reißen und stellt rechtzeitig seinen Nachfolger vor. Den können die Demokraten gar nicht früh genug aufbauen. (Und es wird hoffentlich nicht Hillary Clinton.)
Zu seiner Politik und dergleichen habe ich schon viele Kommentare geschrieben und werde es in Zukunft wohl auch tun. Außerdem bin ich ihm gegenüber recht wohlwollend gestimmt, obwohl er nicht mal mein Präsident ist. Aber, und das ist der springende Punkt, sollten wir eines nie vergessen: Verbündeter, Freund, Nachbar (im übertragenen und im ideologischen Sinne), alles schön und gut, aber er ist Präsident der USA. Und das ist auch gut so. Schauen wir Deutschen und Europäer also zu, dass wir möglichst gut dabei wegkommen, wenn wir mit ihm zu tun haben. Bisher lief das gut. Und sobald er die Raketenabwehrbasen in Polen gestrichen hat, werde ich erleichtert aufseufzen.

Aber zurück von der Konfettiparade in die triste, graue Wirklichkeit. Kommen wir nach Niedersachsen. Als SPD-Mann habe ich nicht wirklich an das "Herzschlag-Finale" geglaubt. Ich dachte wirklich, Rot/Grün hätte einen soliden Vorsprung. Und dann wurde es nach den ersten Prognosen, den Hochrechnungen, noch mal fett spannend. Nur nach und nach verschob sich die Waagschale fort von Schwarz/Gelb hin zu Rot/Grün. Jetzt ist es genau ein Sitz im neuen Parlament der Niedersachsen, die meine Partei und die Grünen in der Mehrheit sind. Aber hey, das sind sie ja spätestens seit der zweiten Amtszeit von Gerd Schröder gewohnt, wo es eine fast gleiche Situation gab. Darum mache ich mir keine Sorgen. Aber wichtig ist einfach, dass der Nachrücker David McAllister eben nicht bestätigt wurde. Da nützte auch die Zweitstimmenkampagne der FDP nicht mehr, die übrigens recht klug angelegt war. Die rund fünf Prozent, die die FDP dadurch gewonnen hat, waren gut investiert. Denn hätten die CDU-Wähler, die mit Zweitstimme FDP gewählt haben, stattdessen CDU gewählt, wäre sie bei rund einundvierzig Prozent gelandet - und die FDP wäre eventuell nicht ins Parlament gekommen, was ihre maximal 4,9 Prozent defacto verbrannt und den Wahlsieg von Rot/Grün zementiert hätte. Tja. Hat dann leider doch nicht gereicht. Aber meine Schadenfreude hält sich in Grenzen.
Ob dem guten McAllister klar ist, dass er nun in Merkels Fokus ist? Und wir wissen doch alle, was mit jenen passiert, die in der CDU Führungsstärke beweisen. Der McAllister soll mal schön drauf aufpassen, dass er nicht neuer Bundespräsident wird, oder irgendetwas anderes, wohin Merkel all jene Spitzenleute der CDU abschiebt, die sie ablösen könnten. Er ist zwar nur ein CDU-Mann, aber schade wäre es trotzdem, wenn er sang-, und klanglos unter Dino-Merkels Sohlen verschwindet...
Na, Schwamm drüber. Wir haben gewonnen, und damit geht es hoffentlich als Erstes den Studiengebühren an den Kragen, womit endlich auch wieder nichtprivilegierte Menschen in Niedersachsen leichter studieren können. Weitere Projekte werden bald folgen.

Was uns aber zu Thema Nummer drei bringt: Die Piraten. Die waren nicht erfolgreich. Dabei hätten sie durchaus jede Stimme verdient gehabt, die die FDP überhaupt bekommen hat.
Und wenn ich gerade dabei bin: Warum hat die Presse nichts eiligeres zu tun, als die Piraten ab sofort in die Bedeutungslosigkeit zu schieben und "ihr Ende" herbeizuschreiben?
Liebe Presselandschaft, Du hast eindrucksvoll Deine Macht gezeigt, indem Du die Piraten so gut es ging schlechtgeschrieben und möglichst jeden noch so kleinen Patzer beschrieben hast, der den Piraten unterlief oder beinahe unterlaufen wäre. Und Du warst Dir auch nicht zu schade, das Image der Piraten an Marina Weisband anzuheften, gerade weil diese sich erst einmal auf ihr Studium konzentrieren will. Weisie weg, Piraten weg, ist vielleicht eine etwas zu optimistische Idee. Nur leider ist es mit dem "runterschreiben", liebe Presselandschaft, wie mit der BLÖD: Das klappt halt nicht immer. Und es war hoffentlich eine große Lernerfahrung für die Piraten selbst. Vor allem darin, sich wieder mehr selbst zu präsentieren und verstärkt auf das Internet zu setzen, und einen Scheiß drauf zu geben, was in den gedruckten Nachrichten über sie steht. Im Gegensatz zu Dir, liebe Presselandschaft, sehe ich eine Wahl, bei der sie nicht erdrutschartig zweistellige Prozentzahlen bekommt, nicht auch automatisch als Ende der Piratenpartei an. Im Gegenteil: Ab und an ein Nasenstüber härtet ab. Und man lernt daraus, sich zu ducken. Wir werden sehen, wie sich die Piraten bei der Bundestagswahl schlagen. Und vergiss nicht, liebe Presselandschaft: Im Gegensatz zur FDP, die das nur von sich behauptet, haben die Piraten aktiv gegen ACTA gekämpft und ACTA verhindert.
Das ist nämlich das große Problem, das wir in Deutschland haben: Die FDP. Dieser Möchtegern-freiheitliche Dinosaurier hat mit liberal nichts mehr zu tun. Das ist uns allen klar, seit die FDP am Abend der letzten Bundestagswahl nichts eiligeres zu tun hatte, als den Hoteliers Deutschland ein Steuergeschenk zu machen. Die Piraten hingegen stellen sich klar auf Seite der Privatsphäre und gegen den gläsernen Menschen in der öffentlichen Datenlandschaft. Wir brauchen dringend Freiheitsverteidiger, die die etablierten Parteien immer daran erinnern, dass wir diese Freiheit brauchen und dass sie täglich bedroht ist. Nicht zuletzt wegen diverser Parteien mit einem C oder einem F vor dem Namen. Wir brauchen ein Gewissen. Warum nicht eines aus jungen Leuten, die nebenbei wissen, was man mit dem Internet alles anfangen kann, anstatt sich davor zu fürchten?

Nein, die Piraten sind noch lange nicht erledigt. Und ein zweites Mal klappt Kleinschreiben nicht mehr, liebe Presselandschaft. Du wirst schon sehen.

Mittwoch, 4. Mai 2011

Waterboarding leicht gemacht

So, jetzt ist es raus. In einem Artikel auf Tagesschau.de werden führende Republikaner zitiert, die zumindest einen Teilanspruch auf die erfolgreiche Eliminierung von Osama Bin Laden erheben - genau jenen Mann, der von der CIA im Afghanistan-Krieg erst groß gemacht wurde. Sohn einer saudischen Unternehmerfamilie, die enge Geschäftsbeziehungen mit dem Bush-Clan unterhält. Kopf des schwammigen Netzwerks, das die Al Kaida-Idee verbreitet. Und einigermaßen überführter Drahtzieher der Anschläge auf ein US-Kriegsschiff und zwei US-Botschaften. 9/11 hat er, so las ich neulich, noch selbst verurteilt, bevor er auch hierfür verantwortlich gemacht wurde.
Nun, soweit, so gut. Das Verwerfliche aber ist, dass die Republikaner auch das sogenannte Waterboarding salonfähig machen. Um genauer zu sein, die Foltermethode des simulierten Ertrinkens, denn nur dadurch hätten die Fahnder jene Informationen bekommen, die letzte Woche zur gezielten Tötung Bin Ladens geführt hätten.
...sacken lassen.

Soso, meine Damen und Herren Republikaner, es waren also die erfolterten Informationen. Die Informationen, die wie erzwungen wurden? Durch jene Methode, bei der das Opfer natürlich annehmen muss, zum Tod durch Ertrinken gezwungen zu werden? Nicht nur quasi, sondern ganz effizient aus Folter? Abgesehen davon, dass das alleine schon einer verwerfliche Tat ist, die einem sogenannten Rechtsstaat nichts übrig lässt als die Blamage vor den freien Staaten der Welt, abgesehen davon, dass Präsident Obama diese "Maßnahme" mit Amtsantritt verboten hat, abgesehen davon, dass Folter ebenso wie die Todesstrafe zu den primitivsten, dümmsten und gotteslästerlichsten Formen der exekutiven Gewalt gehören und Menschen in meinen Augen vom Status des Menschseins disqualifizieren... Herrschaften, merkt Ihr es noch? Da werden die Hinweise gewonnen, die zu Bin Laden führen, und mindestens zweieinhalb Jahre später kommt erst der Zugriff? In der Amtszeit ausgerechnet von Barry Obama? Wie langsam ist der CIA gleich noch mal?
Also, wenn das wahr ist, dann haben sich die Republikaner nicht nur ein Armutszeugnis ausgestellt, sondern sie haben auch klar ihre Handlungsunfähigkeit bewiesen. Jetzt noch nachzukrähen, den "Erfolg" für sich verbuchen zu wollen und nebenbei auch noch Waterboarding wieder salonfähig machen zu wollen, ist dumm, primitiv und peinlich. Aber was soll man auch erwarten von einer Partei, die mit einer Organisation wie der Teaparty darum kämpft, im Namen der Demokratie Demokratie abzuschaffen, und die Sarah Palin tatsächlich für geeignet hält, nächste Präsidentin der USA zu werden - genau jene Frau, die von Alaska aus Russland sehen kann, und sich dadurch im Thema Außenpolitik legitimiert fühlt?

Mein Fazit: Waterboarding ist Folter, die mit der Todesangst des Opfers arbeitet. Mag sein, dass einem gefangenen Soldaten in Afghanistan noch schlimmere Dinge angetan werden, aber gibt das dem US-Militär und dem CIA das Recht, selbst zu foltern? Nein.
Man erkennt eine Gesellschaft daran, wie sie ihre Hilflosesten und ihre Schlimmsten behandelt. Die USA hat da noch einen langen Weg zu gehen.
Die Republikaner wollen den Tod von Bin Laden auf ihren Fahnen? Nun, meinetwegen. Aber dann sollen sie mir erst erklären, warum sie zugelassen haben, dass ausgerechnet ein demokratischer Präsident diesen "Erfolg" überhaupt erst erzielt hat. Können sie sicherlich, werden sie aber nicht tun.
Na ja, wenigstens hatte ich was zu lachen...