Ich muss mal an dieser Stelle etwas sagen. Über mich selbst. Bevor ich zum Thema komme. Ich bin keiner von diesen topaktuellen Blogger, die in ihrem Blog jemals in ihrer Blogistenz einen echten Mediencoop landen werden. Ich bin auch kein sehr aktueller Blogger. Darüber hinaus ist meine Recherche nicht die Beste, und ich berichte sehr einseitig positiv über die SPD, weil ich dort selbst Mitglied bin. Meistens, jedenfalls. Ich begehe etliche Fehler, das ist mir bewusst. Die Tippfehler sind dabei die harmlosesten. Aber ich neigte früher und mache das vielleicht heute auch noch dazu, durch die Anonymität des Netzes zu harsch zu sein, zu grausam, eventuell beleidigend.
Ich weiß, ich bin ein recht arroganter Kerl, und ich habe kaum eine Rechtfertigung, die das untermauert, außer vielleicht meine zehn Megabyte an Romanen, Sachtexten und Kurzgeschichten. Und, das kommt auch noch hinzu, ich nehme mir aus dem Internetzeitalter nur das, was ich brauche. Bloggen, zum Beispiel. Twittern mache ich nur, um einen neuen Blogeintrag bekannt zu machen. Weltbewegende Nachrichten? Nicht bei mir. Stattdessen meine eigene Meinung. Stattdessen meine Sicht der Dinge.
Zwölftausendmal wurde meine Seite seit seinem Bestehen aufgerufen. Zwölftausendmal - ohne meine eigenen Aufrufe - hatten Menschen Gelegenheit, ihre eigene Meinung über meinen Blog zu bilden.
Wie viele Menschen waren es wohl insgesamt, bei einem Profil, das Aufrufe aus den USA, Brasilien, Japan, China und vielen anderen Staaten verzeichnet? Ich weiß nur eines genau: Je mehr Aufrufe ich einer einzelnen Person verdanke, desto näher ist diese Person darin, mein Stammleser zu sein. Wenn also all die zwölftausend Aufrufe von nur zehn Personen verursacht worden wären, hätte ich zehn begeisterte Stammleser, denen ich wirklich etwas gebe, wenn ich mich mit Gott und der Welt auseinander setze.
Dafür, dass Ihr mich in meiner Unperfektheit akzeptiert, dafür, dass Ihr mich eifrig lest und auch kommentiert, dafür, dass ich all meine vielen Texte letztendlich nicht nur für mich alleine schreibe, dafür danke ich Euch. Euch allen, die mich regelmäßig lesen.
Doch kommen wir zum Thema. Kommen wir zum Titel dieses Blogeintrags.
Er besteht aus drei Begriffen. Einerseits Innenminister Uwe Schünemann, unserem Dorfsheriff für Niedersachsen. Beim perfekten Dinner hat er mir gut gefallen. Ich fand ihn sympathisch. Das gab sich allerdings bald darauf, als er tatsächlich vorschlug, junge Straftäter damit zu bestrafen, das ihnen der Führerschein entzogen wird. Oder sie ihn erst später machen dürfen. Ab da ging es mit meiner Meinung, vor allem zu seiner Professionalität, steil bergab. Heute, mit seinen Aussagen zu Facebook-Parties, hat er einen neuen Tiefstpunkt erreicht. Schlägt er doch Verbote vor, die uns näher an einen Polizeistaat bringen, der wir ohnehin durch die Antiterrorgesetze zu werden drohen.
Facebook ist mit drin. Facebook, die große Datenkrake, wie mein Freund Schreiberling immer gerne sagt. Facebook, das sich in der AGB Rechte auf jedes Bild und jeden Film sichert, die ein Nutzer hochlädt und ein anderer Nutzer sieht. Rechte, die auch Weiterverkauf beinhalten. Facebook, das die bösen Parties macht.
Party ist mit drin. Party, oder im Volksmund auch Feier genannt. Ein geselliges Treffen Gleichgesinnter zu einem bestimmten Thema, das gemeinsam zelebriert wird.
Kommen wir zur Thematik. Sheriff Schünemann hat neulich vorgeschlagen: !"Wenn die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet wird, müssen Facebook-Partys im Vorweg verboten werden", sagte Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) der "Welt am Sonntag."!
Grund für diesen Ausspruch ist unter anderem die Party der aus allen Wolken fallenden Thessa in Hamburg, die versehentlich auf Facebook ihre Geburtstagsparty als öffentliches Ereignis markiert hatte - und daraufhin tausende Zusagen erhielt.
Daran im Anschluss berichteten etliche Medien darüber, und provozierten Internet-Nutzer und Zeitungsleser vor allem jüngeren Semesters, auch wirklich hin zu gehen. Medienpräsenz in Form von Zeitungsreportern, Kameras und Radioreportern war garantiert, und alle freuten sich auf das Medienereignis, vor allem die Presse. Nun, bis auf die Nachbarn, und bis auf Tessa selbst. Obwohl, das hat sich auch geändert, denn Bild.de ist ja so nett, ihr Foto zu veröffentlicen und ihr den oben verlinkten Artikel zu widmen. Ganz nach dem Motto und der großen Hoffnung auf künftige Berichterstattung: Findet das Original, also die Thessa-Party, nächstes Jahr einen Nachahmer? BILD wird in jedem Fall rechtzeitig an den Jahrestag erinnern, und auch mit entsprechender Medienpräsenz vor Ort sein, dessen bin ich sicher. Vielleicht ist umziehen also doch eine Option, Thessa. Und natürlich der BILD nicht die Nachsendeadresse zukommen zu lassen.
Herr Schünemann springt hier selbstverständlich auf den "alle hassen die Datenkrake"-Zug auf. Dabei sind solche spontanen Parties, Flashmobs genannt, längst ein gesellschaftliches Phänomen, so wie es in den späten Siebzigern und achtzigern die Happenings waren. Und dabei lässt Sheriff Schünemann auch andere soziale Netzwerke vollkommen außer Acht. Warum sollte er auch meinVZ, MySpace, AOL und wie sie alle heißen,erwähnen oder konsequent ein Verbot für alle Parties fordern, die die öffentliche Sicherheit gefährden könnten und auf solchen Netzwerken gestartet werden? Einerseits, weil das keiner kontrollieren kann. Andererseits, weil nicht Facebook davor steht. Es muss schon jemand mit wichtigem Namen sein, sonst interessiert es keine Medien-Sau.
Aber Herr Schünemann (Sheriff) disqualifiziert sich hier in meinen Augen wieder einmal ein wenig mehr von seiner Rolle als Innenminister. Allein die Polizei hat das Recht, bereits vor einer Straftat vorbeugend eine Festnahme auszusprechen. Er steht der Sheriff zwar vor, aber selbst die Polizei braucht schon handfeste Beweise, um so einen gewagten Schritt zu gehen. Und nur weil es am Rande eines Massenflashmobs mit dreitausend Beteiligten zu ein paar Verhaftungen wegen Sachbeschädigung gekommen ist, sehe ich die öffentliche Sicherheit nicht gefährdet.
Das einzige, was hier die Öffentlichkeit gefährdet ist ein CDU-Politiker, der wahnwitzige Ideen bei der Bekämpfung des "Verbrechens" hat, und sich immer wieder mit kruden Ideen in den Vordergrund drängt. Facebook-Parties zu verbieten ist ja gut und schön, aber wann ist es ein Facebook-Party? Und was ist mit all den anderen Netzwerken? Ist nur Facebook gefährlich? Welch naiver Gedanke.
Nein, Herr Schünemann, wenn Sie etwas verbieten sollten, dann JEDE Berichterstattung über solche Parties. Denn ohne das übertriebene, übersteigerte, ja, hysterische Interesse von Medien wie BILD und RTL an diesen "Facebook-Parties" hätte es niemals Massenaufläufe, Polizeigroßeinsätze und vor allem auch keine Berichterstattung gegeben, die jungen Leuten erst noch zeigt, wie geil Facebook-Parties sind und was man alles verpasst, wenn man nicht hingeht.
Okay, nicht verbieten, denn das wäre ein Schlag gegen die Pressefreiheit. Aber man kann ja an die Vernunft der Presse appellieren - und bei den Medien, die zu einhundert Prozent gegen jede Vernunft berichten, siehe die Zeitung mit den vier großen Buchstaben, ein frostigeres Verhältnis ankündigen.
Aber Herr Schünemann (Sheriff) hat zwar die Chuzpe, für Straftäter Fahrverbot zu fordern, aber nicht, sich mit dem allmächtigen Boulevard anzulegen.
Mein Fazit: Natürlich kommt Schünemann mit so einem Vorschlag nicht weiter als bis zur Türschwelle seines Ministeriums. Aber der bürgerliche Wählerkreis wird ihn dafür lieben, vor allem wenn er scheitert und man die unvernünftige Haltung der anderen Parteien dafür schelten kann. Denn nichts ist dem Bürgertum suspekter als eine Jugend mit freiem Willen. Dass Schünemann mit seiner Forderung auch noch gegen Grundrechte verstoßen will, wird hierbei geflissentlich übersehen. Aber für den eigenen Star waren gewisse Gruppen ja schon immer bereit, eigene Grundwerte über Bord zu werfen. Wie wir in der Haargel-Affäre gesehen haben.
Tja, nun ist der Sheriff wieder in den Medien, mit einer noch hanebücheren Idee. Und was bleibt uns da noch zu tun? Auf Peter Lustig zu hören, der uns rät: "Einfach abschalten."
Nachtrag am 11.07.2011: Passend zum Thema stößt auch Verbraucherministerin Ilse Aigner ins Horn und will Facebook in die Pflicht nehmen. Es sei Aufgabe des Community-Betreibers, künftige Massenparties zu verhindern. Das wirft drei Fragen bei mir auf.
1) Versteht Ilse Aigner überhaupt irgendetwas von dem, was sie da sagt?
2) Hat sie ihren Facebook-Account nicht aus Protest gelöscht?
3) Meint sie das tatsächlich ernst?
Einmal ganz davon abgesehen, dass man Facebook ebenso wenig für Massenparties, altdeutsch Happenings genannt, verantwortlich machen kann wie Fahrzeughersteller in dem Fall wenn ein Autofahrer seine Tür öffen lässt und der Wagen ausgeraubt wird: Hat die Frau überhaupt verstanden, worum es hier geht? Nicht Facebook hat die Leute dort hinbestellt, nicht Facebook hat dazu aufgerufen, Massenparties aus Flashmobs zu kreieren. Nicht Facebook hat all die Nachahmer provoziert. Das waren einzig und allein die Medien, die nicht nur die Nachricht über die fälschlicherweise öffentlich gestellten Einladungen verbreitet haben, sondern danach auch noch für die mediale Aufmerksamkeit gesorgt haben, welche die Leute überhaupt erst angezogen hat. Es waren die Fernsehkameras und die Berichte, die Radios und die Zeitungsreporter, die aus einer peinlichen Panne eines Facebooknutzers überhaupt erst einen Flashmob gemacht haben. Wenn hier jemand in die Pflicht gehört, ist das nicht die böse Datenkrake, sondern diejenigen, die munter ohne eigenes Recht zu den Parties eingeladen haben: Nämlich die Medien wie ein gewisses Blatt mit vier großen Buchstaben. Frau Aigner, als Sie Facebook mit Löschung Ihres Accounts gedroht haben, wussten Sie da wenigstens mehr über das Internet und speziel Social Network-Seiten als vor der Anmeldung? Ich möchte es bezweifeln.
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