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Mittwoch, 27. November 2013

Der Koalitionsvertrag steht - aber ich stimme immer noch mit Nein

Der Titel ist Programm.
Zuerst einmal aber Lob und Respekt für die Teams um Sigmar Gabriel, die der CDU wirklich immens wichtige Punkte aus den Rippen geschnitten haben. Elementare Dinge des SPD-Wahlkampfs konnten durchgesetzt werden, und wenn dieser Koalitionsvertrag von der Basis angenommen wird, brauchen wir uns nicht zu schämen. Wir versinken zwar in absolute Bedeutungslosigkeit und erreichen FDP-Niveau, aber wie Sigmar so schön polterte: "Die CDU regiert soviel länger als die SPD, weil sie ans Regieren denkt, nicht ans Rechthaben!"

Hier die Punkte, die heute stolz per Mail verbreitet wurden:

  • einen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro ab 2015!
  • mehr Tarifbindung und damit bessere Tariflöhne!
  • gleicher Lohn für gleiche Arbeit und die Eindämmung von Leih- und Zeitarbeit und des Werksvertrags-Unwesens!
  • die abschlagsfreie Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren (mit Zeiten der Arbeitslosigkeit!); für Ältere beginnt der Ausstieg mit 63 Jahren, für Jüngere mit 64 bzw. 65 Jahren!
  • eine Verbesserung der Renten für Erwerbsgeminderte, ein konkreter Fahrplan für die Angleichung der Renten in Ost und West sowie eine Mindestrente von rund 850 Euro für langjährig Versicherte mit niedrigen Einkommen!
  • mehr Gleichberechtigung von Frauen durch ein Entgeltgleichheitsgesetz und eine gesetzliche Quote in Aufsichtsräten!
  • eine sozial verträgliche und bezahlbare Energiewende!
  • 6 Milliarden € mehr für Kitas, Schulen und Hochschulen!
  • 5 Milliarden € mehr pro Jahr für die Kommunen im Rahmen der Entlastung der Eingliederungshilfe!
  • eine Mietpreisbremse und mehr Mittel für Städtebau!
  • 5 Milliarden Euro mehr für die dringend benötigten Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur!
  • 4 Milliarden Euro mehr für die bessere Pflege und mehr Pflegekräfte!
  • die Abschaffung des „Optionszwangs" für in Deutschland geborene und aufgewachsene Kinder!
  • die strikte Regulierung der Finanzmärkte und Banken!
  • die Durchsetzung der Besteuerung der Finanzmarktspekulationen!
  • die stärkere Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit und Initiativen für mehr Wachstum und Beschäftigung in Europa.

Da fragt man sich unwillkürlich drei Dinge:
1) Was ist überhaupt das Kernprogramm der CDU, wenn quasi alle zentralen Wahlkampfforderungen der SPD durchgesetzt werden konnten, bzw. wie sehr geht Mutti der Arsch auf Grundeis, dass sie sich derart über den Kamm barbieren lässt?
2) Warum hat die CDU das alles nicht schon von sich aus im Wahlkampf vertreten, wenn es jetzt nach ein paar Wochen Verhandlung für sie hinnehmbar ist?
3) Wer klebt denn jetzt an seinen Ministerposten? Die SPD, die hier wirklich sehr gute Konditionen, ja, Verbesserungen für die Menschen in Deutschland, die diese Verbesserungen dringend nötig haben, erreicht, oder die CDU, von der mir aktuell nur eine Forderung im Gedächtnis ist, die ich für sinnvoll halte und die sie auch durchgesetzt hat (die Maut bleibt außen vor), nämlich die verbesserte Mütterrente? Doch wohl eindeutig die CDU, wenn sie sich für die SPD-Forderungen derart aufweicht.


Dennoch werde ich den Koalitionsvertrag ablehnen. Ich meine, einige der Punkte sind mehr als bemerkenswert und gehören gelobt. Punkt eins, der Mindestlohn zum Beispiel, mit nur einem Jahr Übergangsfrist statt derer zwei, wie viele versklavende Unternehmen gefordert haben. Die Verbesserung der Tarife und die Eindämmung von Leih-, und Zeitarbeit und die damit verbundene Verbesserung der Lebensqualität hunderttausender Deutscher. Gerne erwähnen möchte ich noch die Mindestrente und die kräftigen Finanzspritzen für Schulen, Hochschulen, die Infrastruktur und Kommunen, die Deutschland entscheidend voran bringen werden.
Auch sehr lobenswert ist die zukünftige Regulierung der Finanzmärkte, die Besteuerung der Finanzmarktspekulationen und die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in ganz Europa.
Ich frage noch mal: Wo ist da die Position der CDU? Warum winkt sie quasi das gesamte Wahlprogramm der SPD durch? Wo ist das bürgerliche Lager und warum macht Mutti jetzt rote Politik?


Mein Nein hat folgende Gründe:
1) Wenn die SPD schon bei Koalitionsverhandlungen mit der CDU derartigen Erfolg hat, wie würde rein rote Politik für Deutschland in den nächsten vier Jahren aussehen?
2) Wenn die CDU solch ein Traumergebnis eingefahren hat, warum fürchtet sie augenscheinlich Neuwahlen so sehr, dass sie die Kernforderungen der SPD durchwinkt?
3) Kann man wirklich mit einer Partei regieren, deren Standpunkt so wischi-waschi ist wie der unserer Bundeskanzlerin?
Und 4) Wem werden die Meriten dieser sozialverträglichen, gerechten und vor allem richtigen Politik zugerechnet werden, wenn wir in vier Jahren wieder wählen? Der SPD oder dem Seniorpartner, der CDU?


Der letzte Grund ist der zwingendste Grund, warum ich gegen eine große Koalition bin. Wie schon bei der letzten GroKo gehen alle Meriten an Mutti. Die SPD reißt sich den Arsch auf, bemüht sich, handelt, macht, verändert, und dann kommen wieder Schwarze und Gelbe und, ich zitiere Eckart von Klaeden: "Reißen mit dem Arsch wieder ein, was vorne aufgebaut wurde". Ich erinnere nur an den Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomkraft.
Nein, die SPD kann hier nur verlieren. Deutschland könnte gewinnen, sicher. Aber mit der Ländermehrheit können wir SPDler viele dieser mit der CDU ausgehandelten Forderungen auch so um-, und durchsetzen. Und da die CDU sie schon einmal durchgewunken hat, hat sie auch keine Ausrede mehr, sie zu blockieren. Egal ob es Neuwahlen gibt, eine CDU-Minderheitenregierung oder ein rot-rot-grünes Bündnis (was auch nicht komplizierter als sein dürfte als die GroKo), es wird mehr rote Politik gemacht werden.
Und vor allem das wichtigste Argument gegen die GroKo: Die Presse kann unserer SPD dann auch nicht mehr vorwerfen, uns ginge es nur um die gut dotierten Ministerpöstchen.
Just my two cents.

Dienstag, 22. Oktober 2013

Über den wahren Untergang des Abendlandes oder: Wo, zum Henker, sind die Zeitungslektoren geblieben

Der Rant
Okay, das wird wieder ein Rant. Eine Beschwerde über einen offensichtlichen Missstand. In unserer Kultur. Das hat nichts mit Zuzug zu tun, mit "Überfremdung" (wobei ich immer herzlich lachen muss, wenn ich das höre - im Angesicht von römischem Einfluss, Volkswanderungen von Kelten, Goten und Sachsen, dem frühneuzeitlichen Hugenotteneinzug in Preußen, der Urbanisierung deutscher Zechen durch die Abwerbung polnischer Bergleute für den Ruhrpott, die Okkupation von völkerrechtlich anerkannten Minderheiten wie Sorben, Friesen und Dänen in Deutschland, dem Mischgebiet an der deutsch-französischen Grenze, und, und, und... Deutsche als Volk, gibt es das? Sicher, aber nicht in genetischer Hinsicht. Wir in der Mitte Europas bilden einen großen genetischen Pool, der jeden Zuzug, der alles frisches Blut begrüßen sollte, das er bekommt. Darüber habe ich auch schon gebloggt, btw. Finde ich nur leider gerade nicht. ^^°), mit der "Ausmerzung der deutschen Kultur" oder anderen Lachnummern, die von rechten Populisten heruntergebetet werden, bis es mal einer glaubt.
Seien wir ehrlich, Stammtischparolen wie "das muss doch auch mal gesagt werden dürfen" und "die nehmen uns die Arbeit weg" oder "die kommen ins Land und leben von unserer Sozialhilfe" oder "da kommt gleich der ganze Stamm ins schöne Deutschland" sind eben genau das: Stammtischparolen, die glücklicherweise nur eine Nebenerscheinung in unserer Gesellschaft sind. Zwar mag der eine oder andere die eine oder andere These besonders vehement verteidigen, aber es gibt kein gemeinsames Konzept. Ein Fremdenhasser muss demnach nicht automatisch gegen politisches Asyl sein und jemand, der annimmt, die besten Jobs gingen nicht an Deutsche, sondern an billiger arbeitende, hochqualifizierte Ausländer nimmt ergo nicht automatisch an, Ausländer kämen wegen der tollen Sozialhilfe nach Deutschland. Randerscheinungen, von wenigen verbreitet, von wenigen geglaubt und umgesetzt (schlimm genug, dass jemand es tut), und da sollen sie auch bleiben.

En Detail
Nein, der wahre Untergang des Abendlandes findet auf einer völlig anderen Ebene statt. Nicht bei den "Killerspielen", nicht durch mit Burka herumlaufende und Burkini tragende muslimische Frauen, erst Recht nicht durch den Zerfall "guter alter deutscher Werte", nicht durch die Verwässerung des Binnenmarktbierangebots durch außereuropäisches Bier, das nicht nach deutschem Reinheitsgebot gebraut wurde (das wie alt ist? Vierhundert Jahre?), nicht durch Mischehen von Deutschen mit Norwegern und auch nicht durch die noch immer andauernde, permanente NSA-Überwachung aus den USA, unentschuldigt, nicht abgebrochen, und mit dem neuen Zentrum in Utah noch vehementer geführt. (Erinnert mich daran, dem Nächsten an die verbale Gurgel zu gehen, der über die NSA folgende Sätze sagt: "Ja, schon, sie überwachen uns, aber bedenkt doch, was sie auch für unsere Sicherheit getan haben" sowie "Wer keinen Dreck am Stecken hat, hat doch nichts zu befürchten".)
Nein, unser Untergang ist selbstgemacht, eigenverschuldet, selbst verursacht und im Prinzip ein Folgestück der ungehemmten, sich eben nicht selbst regulierenden, liberalen freien Marktwirtschaft (von der wir ruckzuck wieder abrücken müssen, bevor Merkel auch noch unser schönes, aber hochverschuldetes Deutschland austerisiert.).

Der Untergang
Das wahre Problem in Deutschland zeigte sich bereits während der PISA-Tests, die Deutschland, ein Land mit rund achtzig Millionen Einwohnern* ins europäische Mittelfeld rückte. Und wären da nicht die Bayern und die Baden-Württemberger mit ihren hervorragenden Schulsystemen gewesen, hätten wir noch schlechter abgeschnitten. Ja, unser Problem lautet Bildung. Die gesamte Bildung, die ein Mensch erlangen kann - und durch die staatliche Schulbildung augenscheinlich nicht mehr in dem Maße bekommt, das uns eigentlich zusteht. Erinnerungen an Zeiten werden wach, in der ab der fünften Klasse der Taschenrechner erlaubt werden sollte, "um die armen Kinder nicht zu überanstrengen", in Wirklichkeit aber, um die Jugend nicht zu fix im Kopf zu machen.
Heutzutage, das will ich nicht verhehlen, im Zeitalter von Internet und Wikipedia, kann tatsächlich, tatsächlich JEDER selbst bestimmen, wie viel Wissen und aus welchen Themen er aufnehmen will. Jeder entscheidet was er lernt und wann er es lernt. Und das ist traurig, weil es eigentlich die Aufgabe des Staates ist, für ein ordentliches Wissensfundament zu sorgen.

Die Folgen
Radikalste Folge sind Menschen, die korrekte Rechtschreibung (und das Tippen an einer Tastatur) erst durch das Chatten erlernen, anstatt in der Schule. Und selbst dann noch schwirren zehntausende Kommentatoren durch das Internet, deren Rechtschreibschwäche sie nicht davon abhält, überall ihren Senf zuzugeben. Schlimmer noch: Trotz offensichtlicher Defizite ist es ihnen egal, sie versuchen nicht den Bildungsgrad jener Kommentatoren zu erreichen, die fehlerlos schreiben können, sondern geben sich mit ihrem Niveau zufrieden und verteidigen dieses auch noch - indem Kritiker zum Problem gemacht werden, nicht etwa die eigenen Unzulänglichkeiten. Um das live zu erleben, muss man sich nur beliebige Leser-Kommentare anschauen auf tagesschau.de, SpOn.de, BILD.de (da besonders) oder beliebigen anderen sowie beliebten Online-Formaten, auf denen viel kommentiert wird. Und warum, frage ich, warum sollten sie danach streben, besser zu werden? In den USA gibt es sogar ein Schimpfwort für Leute, die andere korrigieren: Grammar Nazi.
Warum sie das so sehen? Weil die Zeitungen und Seiten, auf denen sie ihre rechtschreiblichen Gräueltaten posten (oder die sie lesen), um keinen Deut besser sind. Denn hier fällt auf, was sich seit zehn Jahren schon angedeutet hat und wird zur peinlichen Gewissheit: Deutschland spart nämlich seine Lektoren kaputt.

Das (traurige) Ergebnis
Hat jemand von Euch in letzter Zeit eine Zeitung aufgeschlagen? Ja? (Nein, wir gehen nicht ins Internet dafür. Da ist es viel zu offensichtlich. Gibt es überhaupt eine Online-Redaktion, die einen Lektor hat? Ich weiß es nicht, glaube es aber auch nicht.) Und, ist euch da einer der folgenden Fälle aufgefallen?:
1) Im internationalen Teil sind zwei kurze Artikel zum gleichen Thema.
2) Ein wichtiges Wort fehlt im Text.
3) Ein wichtiges Wort fehlt in der Überschrift.
4) Ein Wort fehlt.
5) In einem Wort ist ein Buchstabendreher.
6) Ein Wort ist falsch geschrieben.
7) Zwei Wörter hängen zusammen, weil das Leerzeichen vergessen wurde (aber das zweite Wort ist daraufhin korrekt klein geschrieben worden.).
8) ST wurde getrennt.
9) Hurenkinder und Schusterjungen treten in vermehrtem Maße auf.
10) Ist mir gerade begegnet: Ein Wort ist zuviel, weil der Satz nachträglich umgebaut wurde, aber nicht alle Wörter des alten Aufbaus entfernt wurden.

Da haben wir es. Willkommen im bereits stattfindenden Untergang unserer grandiosen deutschen Kultur. Nehmt Abschied vom Land der Dichter und Denker, denn seine Vorreiter, die gedruckten Zeitungen, arbeiten effektiv am eigenen Untergang, weil sie das Wichtigste, was das Zeitungslesen überhaupt erst ermöglicht, abschaffen und kaputtsparen: Den Lektor. Autschautschautschautsch. Und dafür gibt es keine Ausrede und keine Entschuldigung, Leute. Dies sind typische Einsparungen, die das gesparte Geld einfach nicht wert sind.

Meine Meinung
Ihr wisst, ich schreibe. Viel sogar. Und ja, ich mache immer noch eine Menge Fehler, vor allem bei der Kommasetzung. Ihr, meine Leser, habt das bisher immer toleriert und mir nicht das grammatikalische Messer an die Kehle gesetzt. Und gerade weil ich selbst schreibe, weiß ich, dass ich viele eigene Fehler, vor allem aus Flüchtigkeit entstandene, nicht selber sehe. Logisch, ich habe sie ja auch gemacht. Ein zweites Paar Augen, vornehmlich von jemandem, der mindestens mein grammatikalisches Niveau hat (denn letztendlich beherrsche ich ein vorbildliches Deutsch in Schrift und Wort), ist IMMER eine sehr gute Idee. Vor allem, wenn man wie ich mit den eigenen Texten nebenbei Geld verdienen will.
Was mich gleich wieder dazu bringt, auf die linke Seite meines Blogs hinzuweisen, wo Ihr die Verkauflinks zu meinen Büchern sowie zu deren Leseproben findet. <------- i="" kaufet="" kommentiert="" lest="" und="" zuhauf.="">
Wenn jetzt also in der Internetredaktion niemand Korrektur liest, weil Meldungen oft im Minutentakt veröffentlich werden, mag man das entschuldigen. Die Reporter und Redakteure dort haben die gleichen Probleme wie alle Menschen, die schreiben. Aber es dann so zu lassen, das ist das Verwerfliche. Und in den gedruckten Exemplaren, meine lieben Leser, da BLEIBT der Fehler. Für die Ewigkeit, solange es Belegexemplare gibt. Nichts und niemand wird jemals wieder ausgerechnet dort korrigieren können, auch nicht mit Tipp-Ex. Nicht im Anbetracht von Auflagen von mehreren zehntausend Exemplaren.

Die Forderung
Leute, unterstützt Eure Lektoren. Jene, die Euch Hobby-Autoren unter die Arme greifen, egal ob kommerziell, oder einfach aus Freundschaft heraus, aber auch die Profis. Unterstützt die Lektoren in den Redaktionen, eben indem Ihr Euch über Fehler beschwert. Macht den Zeitungen und den Online-Redaktionen klar, dass gerade sie, die sich als vierte Staatsgewalt sehen, als allererste Instanz auf perfekte Rechtschreibung Wert legen müssen! Ein Rechtschreibprogramm ersetzt NIE einen Lektor. Wir BRAUCHEN Lektoren. Die Redaktionen BRAUCHEN Lektoren! Die deutsche Sprache ist groß, bunt, vielschichtig und sehr interessant. Sie BRAUCHT Lektoren, Leute, die gelernt haben, wie man sie richtig benutzt. Steht auf, und sagt den Kosten-Nutzen-Rechnern in den Verlagen und Redaktionen, dass sie gefälligst weiterhin oder wieder in Lektoren investieren MÜSSEN. Fehler macht jeder mal, klar. Und man kann einem Autor nicht vorwerfen, dass er nicht perfekt ist oder Flüchtigkeitsfehler macht. Aber man kann der Redaktion vorwerfen, dass sie die Fehler unberichtigt lässt.
Für eine deutsche Lektorenbewegung, quasi.

*nur so ein Gedanke, den ich beim Tippen hatte. Statt zweiundachtzig Millionen Einwohnern hat Deutschland seit der neuesten Volkszählung ja "nur" achtzig. Was bedeutet das statistisch für die Weltbevölkerung?

Dienstag, 25. Juni 2013

Industrielle Revolution - Gedanken und Parallelen

Die Problemstellung

Ihr wisst ja - zumindest die regelmäßigen Leser meines Blogs - dass ich sehr durch die Themen hüpfe. Ich schreibe, was mir gefällt oder was mich interessiert. Dabei gehe ich auch schon mal der Weltpolitik an die Gurgel. Obwohl, da brauchen wir uns nichts vorzumachen, der Weltpolitik nichts egaler sein könnte. Schon die Europa-Politik oder der deutsche Merkelismus sind erschreckend immun gegen meine berechtigten Argumente. Erst recht gegen die nicht berechtigten, die aber in der Minderheit sind.
Langer Rede, kurzer Sinn, ich lese gerade ein Geschichtsbuch. Es ist vom Weltbild Kolleg aus der Reihe Abitur Wissen. Das Fachgebiet ist Geschichte. Die überarbeitete Ausgabe ist von 1994. Etwas alt? Sicher. Aber da es sich um Geschichte handelt, ist da nur eine neunzehnjährige Lücke. Da das Buch seinen Schwerpunkt ab der französischen Revolution setzt, an dem für den Autor, Herr Friedrich Schultes, die Neuzeit begann, ist das zu vernachlässigen.
Beim Lesen des Buches bin ich auf ein paar wirklich erschreckende Parallelen gestoßen, die ich später ausführlich aufführen werde.
Zuerst aber möchte ich ein paar Fakten aus dem Buch nennen. Nicht wenige von Euch potentiellen Lesern werden die gleichen Parallelen und Zusammenhänge wie ich sehen. Aber es lohnt sich, bis zum Ende mit dem Fazit zu lesen, versprochen. Der Aspekt, den ich besonders beleuchten möchte, ist die Industrialisierung.


Historische Fakten

Wie gesagt geht Herr Schultes davon aus, dass mit der französischen Revolution die Neuzeit, oder vielmehr die Industrialisierung begann. Hierbei spielt die erste kostendeckend arbeitende, weil effiziente Dampfmaschine von James Watt die ausschlaggebende Rolle. Dampfmaschinen waren schon seit Jahrhunderten bekannt, aber da sie in der Preis-Nutzen-Rechnung durchwegs versagt hatten, konnten sie sich nicht wirklich durchsetzen.
Dadurch, dass er die Kondensation des Dampfes aus dem Kolben, den er antreiben sollte, in einen eigenen Kondensator verlagerte, funktionierten die Teile endlich so, wie sie sollten. Und es begann der Siegeszug der Dampfmaschine, der später durch den Otto-Motor von Nicolaus Otto abgelöst wurde: Benzin als Ölderivat war auf dem Vormarsch und ermöglichte wesentlich kleinere Motoren, die im Verbrennungsprinzip Kraft lieferten, nicht über den Umweg der Dampfbildung.
(Ich sehe jetzt gerade ein paar Leser die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Ist da nicht was mit der Kernkraft? Wird da nicht auch mit der Hitze von den Brennstäben Dampf produziert, womit hochmoderne Turbinen betrieben werden? Gibt es nicht auch eine Art Otto-Motor für Kernenergie? Nein, gibt es nicht. Aber mich persönlich wundert, dass die Technik nie über den Druckwasserreaktor hinaus gekommen ist.)
Zugleich fielen zwei Ereignisse, die Europa für immer verändern sollten. Das erste Ereignis war die Einführung der flächendeckenden Impfung gegen Pocken. Die Kindersterblichkeit sank enorm, und in nur wenigen Jahren kam es in Deutschland und England zu erheblichen Bevölkerungszuwächsen.
Das zweite Ereignis war wahrscheinlich noch wichtiger. Justus von Liebig, deutscher Professor für Chemie, bewies die Düngewirkung z.B. von Salzen und begründete die moderne Agrikulturchemie. Dadurch erhöhten sich die Ernteerträge enorm und mehr Menschen konnten ernährt werden.
Soweit, so gut. Wir haben also eine Effizienzverbesserung in der beginnenden Industrie, weg von der Handarbeit, hin zur Nutzung von Maschinenkraft, die letztendlich in Henry Fords Fließbandarbeit mündete.
Etwa zur gleichen Zeit schritt die Kolonialisierung der Welt voran. Europas Industrien, allen voran England, erschlossen neue Absatzmärkte. Afrika wurde aufgeteilt, Asien als Kolonialgebiet oder als Markt eröffnet. Unter anderem erwähne ich hier die gewaltsame Öffnung des japanischen Absatzmarkts für ausländische Industrieprodukte durch Admiral Matthew Perry im Auftrag der USA. Nebenbei bemerkt führte dies zur Meiji-Restauration, also dem Ende der Samurai-Herrschaft, dem Ende des Bakufu genannten Regimes des Shogun, zur Öffnung für Industrie, westliche Fertigungsmethoden und westliche Medizin, was letztendlich zu Bevölkerungswachstum, mehr Wohlstand, wachsendem Wissen und der Industrialisierung Japans führte.
Aber ich gehe zu weit.
Zurück nach Europa. Die Landwirtschaft erwirtschaftete also mehr Produktivität, konnte mehr Menschen ernähren und es wurden immer weniger Menschen gebraucht, die die neuen Geräte bedienten. Die Zeiten, in denen zwanzig und mehr Knechte auf dem Kornboden mit Dreschflegeln auf die Getreidegarben einschlugen, gingen zu Ende. Mit einfachen Worten: Die bisher in der Landwirtschaft eingesetzten rund fünfzig Prozent der Bevölkerung wurden nicht in dem Maße gebraucht. Dazu kamen die Stein und Hardenbergsche Reformen, die unter anderem ein Ende der Leibeigenschaft der preußischen Bauern bedeutete. Dies sollte dazu dienen, u.a. das preußische Heer effizienter zu machen, nach rein französischem Vorbild, da von Stein und Co. annahmen, dass freie Bauern wesentlich effektiver kämpfen würden als Leibeigene. Der Schuss ging nach hinten los, denn viele Bauern verloren durch effektiven Lobbyismus einen Großteil ihres Landes an die Großgrundbesitzer, denen sie zuvor verpflichtet gewesen waren. Oftmals reichte das Land zur Bewirtschaftung nicht aus; die Stadtflucht setzte ein. Das Volk, in wenigen Jahren um zwanzig, dreißig Prozent gewachsen, drängte in die Städte und damit in die Industrie.


Zwischenfazit

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich absichtlich vereinfache, verallgemeinere. Zwar behandele ich nur einen begrenzten Aspekt der Geschichte, aber Herr Schultes hat ein ganzes Buch geschrieben. Es ist unmöglich, dies in einem simplen Blogeintrag wiederzugeben, will ich der Historie gerecht werden. Es lohnt sich in jedem Fall, den Links zur Wikipedia zu folgen und dort querzulesen, um ein Gefühl für die Materie zu entwickeln.
Ich mache derweil weiter mit meinem Geschichtsabriss.


Betrachtung der historischen Daten

Was also haben wir hier? Ein ganzes Heer an Ungelernten, das in die Städte zog und sich dort bessere Lebensbedingungen erhoffte. Arbeit, Anstellung, Entlohnung. Ein menschenwürdiges Leben. Wobei ein großer Teil dieser Menschen auch in die USA auswanderte, solange das neugegründete Land die freie Landnahme betrieb, um Einwanderer im großen Stil anzuziehen. Die Zahlen gingen massiv zurück, als die freie Landnahme endete.
Die sich entwickelnde Industrie hatte also ein wahres Heer an potentiellen Arbeitern vor sich. Durch Automatisierung von Prozessen wurden zudem immer weniger Arbeiter gebraucht. Und durch das Überangebot von Arbeitskräften sanken die Löhne. Teils widersetzten sich die Arbeiter den Modernisierungsprozessen, so wie die schlesischen Weber, die moderne Webstühle vernichteten, um ihre Arbeitsplätze zu erhalten, obwohl diese ihnen nur ein Leben am Existenzminimum bescherten. Die preußische Armee beendete den Aufstand schnell und entschlossen.
Sicher, Reformgesetze, die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeiter-Vereins, der schließlich zwangsläufig zur SPD führte, die Rückschläge durch die Sozialistengesetze, aber auch die Neuorganisation in Partei und Gewerkschaften, deren Mittel der Arbeitskampf war, taten später ihren Teil zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen.
Doch bis dahin sah es mau aus. Die Arbeit eines Mannes, oft vierzehn Stunden am Tag, reichte durch die Dumping-Löhne nicht dazu, eine Familie zu ernähren. Die Frau musste ebenfalls arbeiten, und dies zu vergleichsweise geringeren Löhnen. Also wurde auch die Kinderarbeit üblich, auf Kosten von Kindswohl und Bildung. Erwachsenen-Arbeitstage waren für Kinder keine Seltenheit, sondern die Norm. Als Negativ-Beispiele erwähne ich hier zwei Verwendungen von Kinderarbeit, die oft zum frühen Tod der Kinder führte:
Einmal war dies der Einsatz in den damaligen Bergwerken, wo Kinder aufgrund ihrer geringen Größe in engen Schächten eingesetzt wurden, wo sie Schwerstarbeit verrichten mussten.
Ein andernmal war da der Beruf des Schornsteinfegers, der, wenn nicht gleich den Panik-, Erstickungs-, oder Verletzungstod brachte, (bei Charles Dickens' Oliver Twist kann man nachlesen, wie Jungs oben in die Kamine gejagt wurden, um diese zu putzen. War der Chef der Meinung, der Bursche hätte lange genug Zeit im Kamin verbracht, zündete er ein rauchloses Feuer an, dessen Hitze den Jungen wieder raustreiben sollte. Manchmal war es nicht rauchlos, manchmal konnte der Junge nicht raus, weil er eingeklemmt war. Aber wozu damit belasten? Es gab unzählige Kinder in Reserve, die diese Arbeit verrichten konnten und mussten.) so doch den Tod durch Staublunge und Lungenkrebs, die die Arbeit in der feinen Asche nun mal mit sich brachte.
Und was war in der Industrie los? Dadurch, dass die Kinder von Industrie-Arbeitern mitarbeiteten - Ihr seht es richtig - wurde natürlich das Angebot an Arbeitskräften vergrößert, und als Folge sanken wieder einmal die Löhne, denn man konnte Jedermann jederzeit kündigen und neu einstellen; nur wer bereit war, mit seiner ganzen Familie am Existenzminimum zu arbeiten und zu leben, konnte auf ein sklavisches Dasein als Industriearbeiter hoffen. Oder er musste eben betteln gehen. In den 1830er Jahren in Berlin kamen auf drei Bürger ein Bettler.
Ja, die Lage wurde besser. Ja, das Leben der Menschen wurde besser. Und das, Herrschaften, verdanken wir zu großen Teilen der SPD, denn Industrie, Bürgertum und Adel, die damals meinungsgebend waren (Stichwort Dreiklassenwahlrecht), waren nicht am Wohl der Arbeiter interessiert, sondern an einer steigenden Rendite. Dementsprechend mussten sich die Arbeiter organisieren, als Proletariat, als eigene Bewegung, in Parteien und Gewerkschaften. Erst das brachte so etwas ähnliches wie eine klassenlose Gesellschaft. Und nein, ich denke nicht, dass Deutschland heutzutage klassenlos ist. Jemand hat mal gesagt - ich weiß nicht, ob ich es wortgemäß wiedergebe - dass das Zeichen einer klassenlosen Gesellschaft "nicht ist, wenn man neben dem Reichen Auto fährt, sondern wenn der Reiche neben einem im Bus sitzt".


Parallelen in der Dritten Welt

Kommen wir zu Teil zwei meiner Gedanken. Parallelen in unserer Zeit. Schauen wir mal kurz in die Dritte Welt, in die armen Länder der Erde, die gerade industrialisiert werden. Bangladesh. Erst kürzlich erschütterten Bilder und Nachrichten einer eingestürzten Textilfabrik, die auch für deutsche Einzelhandelsketten wie KiK und andere produzierte, mit mehreren hunderten Toten die Welt. Betroffen waren vor allem Frauen. Auch Kinderarbeit ist dort üblich.
Fällt jemandem etwas auf? Richtig. Wir haben die Situation, dass die Industrie im lohntechnisch billigeren Ausland fertigen lässt. Ein Arbeiter in Bangladesh kostet nur den Bruchteil eines Arbeiters in Deutschland. Und dennoch kann man die fertigen Waren in Deutschland verkaufen. Und weil man ja so billig verkaufen muss, um konkurrenzfähig zu sein, muss da doch was zu machen sein.
Wie war das doch gleich? Das Heer der Unqualifizierten zieht durch die Verbesserungen in Medizin und Landwirtschaft aus den Positionen in der Lebensmittelproduktion, wo es nicht mehr gebraucht wird, ab, und wendet sich der Stadt zu. Dadurch ergibt sich ein Überangebot an potentiellen Arbeitern. Die Löhne sinken. Und das tun sie so sehr, dass der Mann eine Familie nicht mehr ernähren kann. Die Frau muss ebenfalls arbeiten. Natürlich muss sie genauso hart arbeiten wie der Mann, kriegt aber weniger Lohn. Weil, und das ist der springende Punkt, durch die Ressource Frau natürlich die Arbeitsplätze wieder verknappt werden und die Löhne sinken, weil mehr Menschen bereit sind, für dieses Entgelt am Existenzminimums zu arbeiten. Und das ist noch nicht alles: Auch die Kinder müssen ran, um die Familie über Wasser zu halten, weil die Arbeit der Eltern nicht mehr reicht. Und oh weh, was passiert im armen Bangladesh? Durch die Kinderarbeit wird wieder die Arbeitsmarktsituation verschärft - die Löhne sinken.
Die Folge? Verelendung trotz Arbeit, Erhöhung des Analphabethentums und damit eine Bremse vor der Chance auf Bildung und eine Verbesserung der eigenen Situation. Und das ist nur ein Land von vielen, in denen internationale Firmen produzieren lassen. Unter anderem für den Absatzmarkt Europa, wo sie trotz der Billigproduktion im Ausland unter Ausbeutung ganzer Völkerscharen ihre hohe Rendite sichern. Warum wohl produziert Apple bei FoxConn? Nicht um Rendite zu machen, sondern um besonders viel Rendite zu machen.
(Die Lösung liegt natürlich für Bangladesh und die anderen ausgebeuteten Staaten der dritten Welt, aber auch für die FoxConn-Belegschaft in der Gründung starker Gewerkschaften. Es ist die einzige Möglichkeit für ein menschenwürdiges Leben, solange der Staat unter er Fuchtel der Industrie steht, anstatt es umgekehrt zu handhaben.)


Noch besser: Parallelen im heutigen Deutschland

Aber das ist noch nicht alles. Das ist noch nicht der ganze Bogen, denn dieses Spiel der Industrie wird auch gerade wieder mal in Deutschland gespielt und wird, solange unsere Gewerkschaften nicht vehement dagegen arbeiten, auch noch eine ganze Zeit so weitergehen.
Ich erinnere nur daran, dass das erste Jahrzehnt im neuen Jahrtausend geprägt war von Lohnverzicht zugunsten von Arbeitsplatzgarantien. Die Löhne sind nach und nach in Deutschland gefallen, während die Waren und Dienstleistungen im Preis gestiegen sind. Welcher Mann kann heutzutage den Lebensunterhalt der Familie alleine bestreiten? Oft genug muss die Frau ebenfalls arbeiten. Halbtags oder Vollzeit. Und hätten sie Kinder - wer kann sich heute denn schon noch Kinder leisten? - würden die ihren Teil dazu verdienen müssen, indem sie als Regaleinräumer im Supermarkt auf 400,-€ jobben gehen oder Zeitungen und Prospekte austeilen. Aber reicht diese künstliche Lohnreduktion der Industrie? Nein, natürlich nicht. Da, wo dem Vorstand eine starke Belegschaft gegenübersteht, die Abenteuer, Outsourcing und Produktionsmaximierung ohne Sinn und Verstand einen Riegel vorschiebt, reichen auf einmal geringere Renditen. Hauptsache, man ist im Plus.
Wo sie aber losgelassen, nützt auch die schwarze Zahl am Ende der Bilanz nichts. Denn dort, wo sie dürfen, da wird alles maximiert, Kosten werden gesenkt, Arbeitskosten auch, indem man die Belegschaft rauswirft und über einen Zeitarbeitsdienst zu billigeren Löhnen wieder einstellt, und dergleichen.
Oder es wird gleich dicht gemacht, weil eine industrielle Produktionsstelle, die nicht wesentlich mehr abwirft als das dicke schwarze Plus, "unrentabel" ist. Aus diesem Grund wird General Motors nach von Guttenbergs "Rettungsaktion" auch das Bochumer Opel-Werk schließen. Eine Entwicklung, die sich abgezeichnet hat, als der Ex-Minister noch für seine geniale Rettung und Hofierung des amerikanischen Mutterkonzerns gelobt wurde. Ehrlich, Opel wäre selbstständig besser dran. Und Bochum stünde nicht vor der Schließung.
Und weiß der Henker, was Opel mit den Subventionsmilliarden gemacht hat, die ihr zur Verfügung gestellt wurden.
Unter diesem Gesichtspunkt sollte man auch den Mindestlohn betrachten. Wenn Herr Rösler sagt, vier Euro seien eine gute Entlohnung und den Rest könne der Staat zuschießen, so ist das nichts weiter als die Verknappung aus den ersten Jahrzehnten des Industriezeitalters - nur mit anderen Methoden. Damit wird subventioniert und die Gemeinschaft trägt die Einsparungen der Industrie und fördert damit ihren Profit. Alleine deshalb geht der Weg nicht am Mindestlohn vorbei. Was die Industrie macht, wenn "der Markt alles reguliert", haben wir in den letzten Jahren oft genug gesehen. Wie oft ist die Börse kollabiert? Wann genau hat das Platzen der USA-Spekulationsblase eine weltweite Bankenkrise ausgelöst? Nein, Herrschaften, wenn sie losgelassen, geht es immer um Profit, um Renditensteigerung. Und ein Traditionsunternehmen in Deutschland mit einhundert Jahren Geschichte ist mit seinem Standort Deutschland auch nur so lange interessant, wie ein Großkonzern Vorteile hat oder in Deutschland bleiben MUß. Es ist abzusehen, dass der Name Opel z.B. ins Ausland abwandern wird, während die deutschen Werke nach und nach dem Rotstift zum Opfer fallen werden.
Ohne unsere sozialmarktwirtschaftliche Komponente, die ausgebaut, statt reduziert gehört (ja, ich rede hier tatsächlich gegen Privatisierung und für Verstaatlichung von Schlüsselunternehmen wie Post, Bahn und Strom, aber das ist was für einen eigenen Blogeintrag), und ohne starke Gewerkschaften stehen die normalen Arbeiter mit dem Rücken zur Wand. Und die Wand wird auch noch wegrationalisiert.
Noch geht es uns in Deutschland verhältnismäßig gut. Noch haben wir den höchsten je in Deutschland erreichten Lebensstandard. Noch haben Konservative und Liberale die amerikanischen Verhältnisse wie "Hire&Fire" nicht durchsetzen können. Noch nicht. Aber die Abwanderung unserer Arbeitsplätze ist sicher nicht nur ein feuchter Traum der Großindustrie.
Der Witz bei der ganzen Geschichte ist: Solche Firmen können sehr gut leben und ihre Arbeiter und Angestellten großzügig entlohnen, wie man z.B. an VW sieht. Und sie erwirtschaften auch gute Renditen. Es muss kein Lohndumping betrieben, keine Zeitarbeiter beschäftigt und keine Produktion ausgelagert werden. Nein, muss es wirklich nicht. Aber entweder sitzen dem Vorstand die unrealistische Renditeforderungen im Nacken (mal ganz ehrlich, jedes Jahr sieben Prozent Produktivitätssteigerung - wer soll das alles kaufen, und sollen Arbeiter und Angestellte umsonst arbeiten?), oder Banken haben übersteigerte Erwartungen für die gewährten Kredite zur Sicherung des Produktionsmittelankaufs. Das alles muss nicht sein. Und es kann auch relativ einfach von der Politik reguliert werden. Mindestlohn ist daher für diese übersteigerten Erwartungen reines Gift. Aber macht Euch darum keine Sorgen: Firmen, die ihre Arbeitsplätze in Deutschland abbauen und ins Ausland gehen, sobald der Mindestlohn Realität ist, hätten dies kurzfristig ohnehin getan.


Mein Fazit: 

Sehen wir den Fakten doch mal ins Auge und vergleichen wir sie mit den historischen Daten. Denn wer nicht aus der Geschichte lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen, frei nach George Santayana. Und genau das steht uns bevor.
Wir erinnern uns, nach dem Ausverkauf der DDR-Betriebe für 'nen Appel und 'nen Ei an Westfirmen (diesen Wahn konnten nur wenige Betriebe überleben, so wie Zeiss und Rotkäppchen Sekt) jammerten deutsche Chefetagen, man möge doch mit Lohnforderungen das nächste Jahrzehnt moderat sein, um deutsche Arbeitsplätze zu sichern. Die Gewerkschaft war moderat, und was war die Folge? Die neuen Zeitarbeitsregeln, gedacht, um Geringqualifizierte und Randgruppen wie z.B. Arbeiter kurz vor dem Rentenalter wieder in Lohn und Brot zu bringen, wurden von der Industrie eigenwillig interpretiert und zur Verbesserung der Rendite verwendet (nicht zum Überleben) und fälschlich angewendet. Und auch der 400,-€-Job, ursprünglich dazu gedacht, die polnische Putzfrau (um es überspitzt auszudrücken) auf eine rechtliche Basis zu stellen, wucherte wild als Arbeitsgrundlage. So suchen NKD, KiK und dergleichen ihre Verkaufskräfte prinzipiell als 400,-€-Kräfte, weil der erste Job dieser Art keine Lohnnebenkosten fordert (oder, zumindest seit Merkels letztem Geniestreich, ein Butterbrot aus der Tasche des Arbeitnehmers). Zwei solche Jobs ersetzen eine Lohnnebenkostenpflichtige Teilzeitstelle und gehen somit auf Kosten der sozialen Kassen. Aber da es der Industrie dient, streuen die Regierungsparteien weiter brav Sand in die Augen der Bevölkerung und behalten die Regelungen brav bei, die einmal aus anderen Gründen und zu anderen Zwecken ins Leben gerufen worden waren.


Reale Gefahren

Ein letzter Punkt, über den ich diskutieren will, sind Elterngeld und Krippenplätze.
Vorweg möchte ich eines sagen: Ob nun der Mann das Geld verdient oder die Frau, ist nebensächlich. Auch die Entscheidung für oder gegen Kinder ist Sache des Einzelnen oder der Paare. Wenn eine Frau (oder der Hausmann) in einer Teilzeitstelle Erfüllung findet oder sogar ganztags arbeitet, damit das gemeinsame Geld für drei Urlaube im Jahr reicht, soll mir das recht sein. Was mir aber sauer aufstößt, das ist, dass, um bei einem einfachen Modell zu bleiben, die Frau in Teilzeit mitarbeiten muss, um die Familie über die Runden zu bringen. Oder sogar in Vollzeit, weil das Geld nicht reicht... Und damit wird natürlich die Situation auf dem Arbeitsmarkt verschärft. Viele Bewerber auf eine schlecht bezahlte Stelle ermöglichen es dem Arbeitgeber, diese Stelle noch schlechter zu entlohnen. Und je mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt dazukommen, desto größer wird die Flut arbeitswilliger Nichtverdiener, die auch mies bezahlte Jobs annehmen wie einen 400,-€-Job, einfach weil sie es müssen. Auch wenn vier dieser Jobs eine Vollzeitstelle mit vollen Lohnnebenkosten zerstören.
Und in diese Zeit will die CDU die Krippenplatzregelung einführen, damit Mütter ihre Kleinkinder abgeben können, um zu arbeiten... Und das nicht weil sie es so wollen, sondern weil es für die Ernährung der Familie die einzige Lösung ist.
Wenn jetzt auch noch die Kinder hinzugezogen werden, dann haben wir sie wieder, die Verhältnisse zu Beginn des industriellen Zeitalters. Nur kommt zu unserem Problem nicht nur die wachsende Zahl potentieller Arbeiter, aus denen Unternehmen schöpfen und Lohndumping betreiben können, sondern die noch weit unüberschaubarere Zahl an ungelernten Kräften im billigen Ausland.
Schätze, es wird Zeit, die soziale Marktwirtschaft zu retten und dem "sich selbst regulierenden freien Markt" endlich auf die Finger zu klopfen.
Seien wir ehrlich: Kapitalismus ist nur deshalb noch nicht furios gescheitert, weil immer wieder der Staat eingreift und ihn rettet. Und das brauchen wir nicht bis in alle Ewigkeit. Wirklich nicht.

Montag, 6. Mai 2013

Sie sind immer noch da - leider. Über die Aktion Kinder in Gefahr

Einige meiner regelmäßigen Besucher werden sich gewundert haben, dass ich (wieder mal) die Werbung abgeschaltet habe. Nein, diesmal nicht, weil es sich nicht rentiert. Es hat einen ernsten Hintergrund. Man mag über Schüssler Salze den Kopf schütteln (vor allem in D12-Dosierungen), man mag es lächerlich finden, wenn neben einem meiner Homöopathie-Artikel eine Werbung für Astrologie steht. Und man könnte sich fragen, ob vielleicht jemand es geplant hat, wenn er auf meinem Blog Werbung für ein SF-MMORPG findet.
Was gar nicht geht, das ist die Aktion Kinder in Gefahr. Da hatte ich heute eine Werbung in meinem Blog. Meine erste Reaktion war: Abschalten.
Über diese Aktionsgruppe, die "deutsche Vereinigung für eine christliche Kultur" habe ich bereits einmal gebloggt, als ich auf ihre Pläne gestoßen bin, die BRAVO verbieten zu lassen. (Btw, das propagieren sie immer noch. Anscheinend hat es also für eine Kanzler-Petition nicht gereicht.)
Der neueste Streich dieser Aktionsgruppe geht aber auf keine Kuhhaut mehr, geschweige denn auf ein Stück Schweineleder.

Die Aktion Kinder in Gefahr behauptet tatsächlich, in Deutschland gäbe es eine "zunehmende Kultur an Christenfeindlichkeit".
Dies begründen sie wie folgt:
1) Das Christentum wird ihrer Meinung nach in den Medien und im Fernsehen permanent verhöhnt, angefeindet und mit Gotteslästerungen beschimpft.
2) Christliche Gruppen würden nur noch unter Polizeischutz gegen Abtreibung demonstrieren können.
3) Kinder soll nicht ab dem ersten Schuljahr beigebracht werden, was Homosexualität, Bisexualität, usw. und sexuelle Vielfalt ist.

Es ist natürlich schon ein sehr starkes Stück, daraus abzuleiten, Deutschland würde zunehmend christenfeindlicher werden. Es ist aber ein genauso starkes Stück, die eigene Gruppe als Stellvertreter für alle Christen Deutschlands zu sehen. Da sträuben sich mir nicht nur die Nackenhaare.
Wenn eine bigotte, selbst überzeugte Gruppe christlicher Fundamentalisten glaubt, hier wäre der amerikanische Bible Belt und jede Aktion, Meinung oder Handlung gegen ihre Einstellung oder ihre Aktionen träfe die ganze deutsche Christenheit, kann ich als evangelisch-lutherischer Christ nicht die Klappe halten und muss sagen: Akzeptiert die Realität und lernt endlich dazu! Für mich sprecht Ihr definitiv NICHT!

1) Gotteslästerungen sind nicht strafbar. Gottseidank das nicht. Die eigene Meinung ist garantiert - von einigen Einzelfällen abgesehen, die ich aber für wichtig erachte. Anfeindungen muss das Christentum abkönnen. Immerhin ist sie eine Religion der Gewaltlosigkeit, hat sich aber beim Thema nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Und verhöhnt werden... Nun, die ersten Christen in Rom wurden verhöhnt, verfolgt und getötet. Ich würde mich dafür interessieren, was sie zu unseren heutigen Christen sagen würden - im Speziellen zu den Fundi-Sissies der Aktion Kinder in Gefahr.

2) Es ist natürlich eine gewagte Aussage, dass "man nur noch unter Polizeischutz gegen Abtreibung demonstrieren" könne. Ich meine, mich hat auch nie eine ähnliche Pressemeldung erreicht. Impliziert das, dass christliche Fundamentalisten Angsthasen sind, sobald es zu einer Diskussion kommt? Meinungen aufeinanderprallen? Oder werden sie wie die Schwächeren in der Schule dauernd verdroschen, sodass sie die Leute in dunkelblau brauchen?
Jeder hat das Recht auf freie Meinung. Abtreibungsgegner, aber auch deren Befürworter. Und zu jeder Demonstration ist eine Gegendemonstration grundsätzlich zulässig. Das ist Demokratie, Baby.
(Meine persönliche Meinung zu Abtreibung: Jede Frau muss grundsätzlich volle Kontrolle und volles Entscheidungsrecht über den eigenen Körper haben. Muss. Da gibt es m.E. keine Diskussion.)

3) Ich frage mich immer, welches Problem christliche Fundamentalisten mit Homosexuellen haben. Was denken die sich? Ich meine, britische Fundis bieten Psychotherapien an, um Homosexualität "heilen" zu können. Andere sprechen von Laster oder Frevel, gar von einem Verbrechen gegen Gott.
Aber wenn dem so ist, warum hat Gott dann überhaupt erst Homosexuelle erschaffen? Und wie war das noch mit dem Vorsatz "Liebe deinen Nächsten"? Hört das bei Homosexuellen auf? Ich BITTE Euch. Das macht Euch zu sehr, sehr, sehr schlechten Christen.
Und überhaupt: Denkt Ihr wirklich, die werden Hetero, wenn man ihnen Homosexualität verbietet?
Die Homosexuellen in Deutschland zu WKII haben ihre Verfolgungszeit und ihre Unterdrückung überstanden; sie haben sich nicht "umgewöhnt".
Darüber hinaus finde ich es richtig und gut, wenn man einer ganzen Klasse Erstklässler erklärt, warum Jonas zwei Mamas hat. Oder Adele zwei Papas. Und es schadet auch nichts zu erklären, warum Frau Koch früher mal Herr Koch war. Das sind reine Informationen. Außer natürlich, bigotte Fundamentalisten christlichen Glaubens denken ähnlich rückständig wie afrikanische Konservative und halten Homosexualität für eine Erfindung, eine Idee, die eingeführt wurde, für die Propaganda betrieben wird, um "andere schwul zu machen".
Dafür habe ich kein Verständnis. Jeder soll so leben dürfen wie er oder sie es will, ohne dass zwangsläufig jemand mit dem Finger auf sie oder ihn zeigt. Oder noch schlimmer, ihm oder ihr "Hilfe bei dem großen Problem" anbietet.

Alles in allem ist die Aktion unter aller Sau. Absichtlich verlinke ich nicht auf die Seite, weil ich ihr keinerlei Zulauf gönne. Das Niveau ist sogar noch niedriger als an deutschen Stammtischen mit BILD als Hauptlektüre. Kein Wunder, dass die Petition gegen BRAVO noch immer auf der Seite herumdünkelt - sie kriegen nie genügend Unterschriften zusammen.
Das Gleiche hoffen wir dann mal für die aktuelle Petition. Und für den Verein an sich.
Christliche Werte, ja. Aber nicht wie es diese Gruppe betreibt: Selektiv, so wie es ihr passt.
Aber wie sagte schon Jesus? "Selig sind die, die da geistig arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich."
Das Direktticket für den Himmel ist gebucht. Immerhin etwas.

Dienstag, 26. Februar 2013

Homo-Ehe in Deutschland

Um es vorweg zu sagen, ich bin nicht homosexuell. Daher weiß ich auch nicht, was in homosexuellen Männern und Frauen vorgeht. Das fällt mir schon bei den meisten heterosexuellen Frauen schwer, btw. Auf jeden Fall haben die homosexuellen Männer und Frauen (Männer deshalb zuerst, weil die Zahl von homosexuellen Männern zu homosexuellen Frauen ungefähr zehn zu eins ist), die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften leben, anstatt Alibi-Beziehungen zu führen, einen langen und weiten Weg hinter sich, damit, um es burschikos auszudrücken, schwul sein in Deutschland endlich als normal angesehen wird. (Was es ja auch ist. Ein Teil der Menschen wird immer homosexuell sein. Das hat nichts mit Krankheit zu tun, nichts mit Erziehung oder Training, sondern schlicht und einfach mit Biologie.)
Seit dem Christopher Street-Zwischenfall haben sie einiges erlebt und mitgemacht. Während Schwule und Lesben mancherorts in der Welt noch immer oder schon wieder merkwürdig angestarrt werden, sei es in diversen russischen Städten, die ihre Jugend vor küssenden schwulen Pärchen schützen wollen, sei es in afrikanischen Ländern, die verhinden wollen, dass ihre Oberschüler von Schwulenorganisationen angeworben werden und die Todesstrafe für aktive Schwule fordern, sollte es das in Deutschland doch nicht mehr sein. Aber es sollte klar sein, dass Schwule und Lesben in Deutschland nicht wie die Türkei mit lediglich einer privilegierten Partnerschaft abzuspeisen sind. Nein, manche von ihnen wollen die volle, gleichwertige Ehe, wie die Heteropaare sie bekommen. Und das zu Recht.
...sacken lassen.

Nun regt sich in der Mitte der CDU Widerstand, ausgehend von dem Argument, dass Ehe und Familie vom Grundgesetz besonders geschützt sind, und dass es die gleichgeschlechtliche Ehe demnach eigentlich gar nicht geben dürfe, ohne diesen Schutz aufzuweichen.
Okay... Abgesehen davon, dass Homosexuelle genau diese Ehe anstreben, diesen besonderen Schutz, diese besonderen Privilegien, vergeben durch das Grundgesetz, die Gleichstellung mit dem Rest der Ehen in Deutschland an sich, frage ich mich doch eines...
Ist die CDU-Mitte wirklich so strunzdoof zu glauben, Schwule und Lesben würden einen andergeschlechtlichen Partner heiraten, wenn ihnen die gleichgeschlechtliche Ehe verweigert wird, oder ist das nur ein ziemlich doofer Versuch, dämlich auch noch, um homosexuelle Paare zu diskriminieren?
Letzteres, würde ich sagen, denn so dumm, Erklärung eins zu glauben, würde ich der CDU jetzt nicht unterstellen. Nicht sehr, zumindest.

Liebe CDU, Schwule und Lesben gehören zur Menschheit wie wir Heteros. Sie sind nicht aus dem Nichts gekommen und sie gehen auch nicht weg, wenn Ihr die Augen schließt. Alles, was sie wollen, ist, dass ihre Beziehungen genauso im vollen Umfang anerkannt werden wir unsere, dass sie Verträge als Ehepaar abschließen dürfen, vollwertig adoptieren dürfen und was der Privilegien für ein Ehepaar mehr sind. Alles, was sie nicht tun werden, ist, plötzlich heterosexuell zu werden, als müsse man dafür nur einen Schalter umlegen, sobald es schwierig wird. Ungerecht ist es außerdem.
Also, trollt keine schwulen Menschen, liebe CDU-Mitte. Es fällt immer auf Idioten zurück.

Samstag, 12. Februar 2011

Neues von Muberkel

Der heutige Blogpost wird kurz und knapp.
Er ist einem bestimmten Gedanken gewidmet, der mir gerade durch den Kopf geht.
Wir alle haben, sofern wir Internet nutzen, Zeitung lesen oder Fernsehnachrichten schauen, von der sanften Revolution in Tunesien gehört und Bilder gesehen.
Wir alle haben vernommen, wie mehrere zehntausend Protestanten auf dem Kairoer Tahrir-Kreisel, den Nebenstraßen und mit Solidaritätskundgebungen in allen große Städten des Landes den Rücktritt von Mubarak erzwungen haben, um den Weg frei für ein Ende des Ausnahmezustandes und eine Öffnung zu mehr Demokratie zu erreichen.
... sacken lassen.
Oh nein, ich will mich jetzt nicht über die Ängste der europäischen Presse äußern, die sofort wieder "böse Muslime" auf dem Vormarsch sehen, um ein wichtiges deutsches Urlaubsland wie Ägypten unter der Burka zu verschleiern - oder noch schlimmer, die Preise für den Pauschaltourismus erhöhen. Auch ziehe ich keine Parallelen zu den Massenprotesten im Iran im Vorjahr.
Nein, etwas anderes kommt mir da in den Sinn.
Tunesien ist ein Land mit rund zehn Millionen Einwohnern, und zehntausende waren auf der Straße.
Ägypten ist ein Land mit zweiundachtzig Millionen Einwohnern, und Hunderttausende waren landesweit auf der Straße. (Nicht auf dem Tahrir-Platz, der wäre bereits für fünfzigtausend zu klein).
Ergebnis: Zwei langjährige, defacto mit dem Ausnahmezustand regierende Staatschefs in Nordafrika weniger.
...sacken lassen.

Kommen wir mal zu Deutschland mit seinen rund zweiundachtzig Millionen Einwohnern.
Im Sommer hatten wir eine Großdemonstration in Berlin. Die Angaben der Teilnehmer schwanken zwischen einhunderttausend bis fünfhunderttausend, die sich gegen die Verlängerung der Atomkraftwerklaufzeiten ausgesprochen haben.
(Genauer gesagt, kurz nach der Demonstration war fünfhunderttausend die Zahl, die genannt wurde, als es um die Teilnehmer ging. Jetzt, ein halbes Jahr später, sind "nur noch" hunderttausend Teilnehmer in den Medien zu finden. Ein Schelm, der Böses oder Manipulatives dabei denkt.)
Der Kommentar der Bundesregierung: "Die schweigende Mehrheit hat heute nicht demonstriert."
...sacken lassen.

Ich frage mich gerade eines: Wenn in Deutschland mehr Menschen gegen einen Aspekt der Regierungspolitik protestieren, als Ägypter, die Mubarak absetzen wollen, auf den Tahrir-Platz passen, warum kann eine Frau Kanzlerin Merkel das mit so einem dümmlichen Satz abtun, und in einem diktatorischen Staat mit Ausnahmezustand nimmt der Regierungschef seinen Hut? Warum setzt die Physikerin Merkel die Subvention der Atom-Lobby fort, und in anderen Ländern verändert sich die gesamte politische Landschaft?
Was, zum Henker, läuft hier falsch in Deutschland?
Ich habe darauf keine Antwort. Vielleicht aber habt Ihr eine, meine lieben Leser.
Aber wie dem auch sei, ich bin sicher, sie wird uns nicht besonders gefallen.
Die Antwort jetzt, nicht die Merkel. Die gefällt uns ja ohnehin nicht.

Dienstag, 2. Februar 2010

Bankgeheimnisse für Fortgeschrittene

Willkommen, meine Schüler. Heute wird Euch der große Shifu Ace ein Gleichnis erzählen. Es handelt von zwei Orten, an dem ein und dieselbe Sache unterschiedlich behandelt wird - weil es unterschiedliche Erträge bringt. Es geht um die Sicht der Dinge - und darum, dass es selbst bei banalen Dingen unendlich viele Ansichten geben kann und auch gibt.
Aber fangen wir einfach mal an.

Nehmen wir einen Staat. Er ist klein, er ist abgeschieden und er ist wehrhaft. Diese Wehrhaftigkeit ist der große Stolz des kleinen Staates. Seit ein paar Jahrhunderten steht er alleine, und so will er es auch. Er spielt nicht bei den vermeintlich "Großen" mit, und bisher ist er damit gut gefahren.
Durch dieses Verhalten, diesen Kodex, diese Einstellung, kann sich unser Staat aller Privilegien erfreuen, die er sich zuteilt. Wer sollte ihn auch kontrollieren? Im Gegenteil, seine neutrale Haltung führt eher noch dazu, dass man solche Kontrollen unterlässt, oder ihm in internationalen Verträgen sogar Vergünstigungen einräumt, die andere Staaten nicht bekommen.
Eines seiner größten Staatsschätze ist das Bankgeheimnis. Es ist absolut, dieses Bankgeheimnis. Der Staat sagt, dass jeder Euro, jeder Dollar, jede Rupie und jede Franke, der auf eine seiner Banken eingezahlt wird, absolut vertraulich behandelt wird. Und dieses Versprechen verteidigt er mit Zähnen und Klauen. Von der Oma, die in diesem Staat ihre Spargroschen einlagert, über den Terrorist, der hier seinen Auslandsfond unterhält, bis hin zum Steuerhinterzieher - das Geld dieser Leute ist sicher auf den Banken des Staates, da er niemandem Rechenschaft schuldig ist.
Deshalb hat dieser Staat im Thema Bankensicherheit und Verschwiegenheit einen sehr guten Ruf, und wird von Menschen und Firmen aus der ganzen Welt in Anspruch genommen. Das macht das Bankenwesen nicht nur zu einem höchst wichtigen Wirtschaftszweig, sondern auch zu einer enormen Einnahmequelle. Denn selbstverständlich verschließen die Banken das Geld nicht in ihren unterirdischen Tresoren, sondern lassen es arbeiten, zum Beispiel indem die Geldinstitute das Geld gegen Zinsen weiter verleihen. Das bringt Gewinn. Ein Teil des Gewinns geht an den Kunden der Bank, ein anderer an den Staat, und den klitzekleinen Rest streicht die Bank selbst ein. Eigentlich eine schöne Sache, möchte man denken, und allen geht es gut dabei. Was ist also dagegen zu sagen, dass dieser Staat sein Bankgeheimnis so sehr schützt? Das hat immerhin etwas mit Integrität, Würde und Aufrichtigkeit zu tun.
Wir werden sehen.

Dieser Staat hat einen Nachbarn. Einen recht unruhigen Nachbarn aus Sicht des ersten Staates, denn als er schon lange gegründet war, da gab es diesen Nachbarn noch nicht einmal. In letzter Zeit jedoch machte der Nachbarstaat Furore. Erhöhte seine Einwohnerzahl um ein Drittel, vergrößerte sich auf völlig legalem Wege beachtlich, wuchs allgemein gegen den Welt-Trend und kämpfte die letzten drei Jahrzehnte meist erfolgreich um den Titel Exportweltmeister. Eigentlich, so möchte man meinen, ginge es dem Nachbarn recht gut. Dabei hat der Exportweltmeister ein kleines Problem: Er verlangt von seinen Bürgern, wenn sie Profite machen, einen Teil vom Kuchen. Immerhin stellt er ein Land zur Verfügung, eine Infrastruktur, verschiedene Medien und Gremien, Judikative, Exekutive, Legislative und versucht auch sonst, all seinen Bürgern ein gutes Leben zu ermöglichen. Diese Sachen, von der Autobahn bis zur Kostenerstattung für Ehrenämter, müssen bezahlt werden.
Okay, mag man sich denken, wenn zum Beispiel der reiche Onkel Paul seine Million Euro nicht in der Matratze aufbewahrt, sondern einer Bank leiht, damit die daraus noch mehr Geld macht, dann darf der Staat doch ruhig seinen Anteil davon haben. Er nimmt ja nicht alles weg, nur einen kleinen Teil. Doch der Exportweltmeister hat diese Rechnung ohne Onkel Paul gemacht - und natürlich unseren freundlichen Staat mit dem Bankgeheimnis. Denn in dessen Banken kriegt Onkel Paul auch Zinsen auf sein Geld - und dass er Steuern zahlen muss, merkt er gar nicht. Im Endeffekt aber verdient er an den Zinsen im Nachbarland mehr als wenn er in einer Bank des Exportweltmeisters investieren würde. Was macht also Onkel Paul? Er fliegt ins Ausland, zu unserem freundlichen Staat, eröffnet ein Konto und zahlt seine Million darauf ein. Da freut sich die Bank natürlich, weil sie nun eine Million mehr hat, mit der sie arbeiten und an der sie verdienen kann - auch wenn sie Onkel Paul nun Zinsen zahlen muss.
Auch der Onkel Paul freut sich, denn einerseits kriegt er ja nichts von den Steuern mit, die er im Bankenstaat zahlen muss, und andererseits hat er mehr raus als hierzulande. Und er umgeht so auch die lästige Zinssteuer.
Die Sache hat nur einen kleinen Haken: Der Exportweltmeister hat genau gesehen, dass Onkel Paul die Million im Inland verdient hat, und er findet, das sie an Onkel Pauls Zinsen mitverdienten sollte, genau wie an allen anderen Zinsen, die von den Banken im Inland ausgezahlt werden. Immerhin, die ganzen Straßen, Sozialversicherungsleistungen und die Bundeswehr unterhalten sich ja nicht von allein. Doch das ist Onkel Paul egal, denn es kann ihm ja niemand beweisen, das seine Million im Bankenstaat liegt. Stattdessen braucht er nicht einmal zu behaupten, er hätte das Geld durchgebracht. Dass dadurch vielleicht Waisenhäuser geschlossen werden müssen, und Straßen nicht mehr repariert werden, das ist Onkel Paul egal. Auf die paar Kröten kann der Staat auch verzichten, denkt er sich. Und ist es seine Schuld, das es ganz, ganz viele Onkel Pauls im Exportweltmeisterland gibt, die alle denken, das Steuern zahlen böse ist - vor allem für sie?

Nun geschieht aber etwas ganz schreckliches: Im Bankenstaat arbeitet ein ganz unfreundlicher Zeitgenosse mit diesen Bankdaten aus dem Land mit dem Exportweltmeister, und er sieht ganz deutlich all die Onkel Pauls, die da ihr ganzes Geld am Staat vorbei drücken. Und da er es satt hat, immer nur fremde Millionen umher zu schieben, beschließt er, kriminell zu werden. Richtig, er klaut einfach mal alle Informationen, welche die Bank über ihre internationalen Kunden hat. Und damit ist das Bankgeheimnis für den Arsch.
Diese Bankdaten bietet der Frechdachs nun dem Exportweltmeister für ein paar läppische Milliönchen an, und ein paar Testdaten, die er als Lockmittel heraus gegeben hat, verschaffen dem Staat schon mal das Doppelte an Steuernachzahlungen als der freche junge Mann aus dem Bankenstaat haben will. Klingt ja eigentlich nach einem guten Geschäft.
Aber für unseren kleinen, freien und selbstbewussten Staat ist das natürlich eine Katastrophe: Wo kommen wir denn dahin, wenn alle Welt wüsste, wer bei ihnen welche Bank benutzt um mit wie viel Geld in seinem Heimatland Steuern zu hinterziehen? Wo kommen wir denn dahin, wenn all diese Kunden ihre Milliarden abziehen, um in Zukunft brav Zuhause zu investieren und Steuern bezahlen wie die normalen Bürger auch?
Das sagt der Bankenstaat natürlich nicht, denn wenn er es so formuliert, dann klingt es ja so, als würde er einerseits illegale Aktivitäten beschützen wollen, die nur bei ihm nicht illegal sind, und andererseits es ihm nur um die vielen Milliarden Euro geht, mit denen seine Banken arbeiten können und von denen sie Steuern zahlen.
Darum werfen sie dem Nachbarstaat, also dem Exportweltmeister, auch prompt vor, er würde nicht als Rechtsstaat handeln, weil die Bankdaten ja geklaut sind. Und ein Staat, der geklaute Bankdaten kauft, um im eigenen Land seine eigenen Staatsbürger der Steuerhinterziehung zu überführen, das ist ein Hehler.
Und so plustert sich der kleine Bankenstaat gewaltig auf, droht mit Konsequenzen in den guten Beziehungen und bestellt vielleicht sogar den Botschafter vom Exportweltmeister ein, um sich zu beschweren: Das ist doch alles nicht Rechtsstaatlich.
Vor Gericht zieht er allerdings nicht, um den Nachbarn zu hindern, die Daten zu kaufen. Und damit hat er wahrscheinlich Recht, denn das Gericht könnte gegen ihn entscheiden. Dann lieber Stimmung machen, gegen die Moral des Exportweltmeisters wettern und mit viel Geschrei und dem Vorwurf der Hehlerei davon ablenken, das es ja gar nicht um den Rechtsstaat geht - es geht um Geld. Viel Geld. Verdammt viel Geld. Und wenn der Staat auch nur einmal den Handel mit geklauten Bankdaten einreißen lässt, und zulässt das seine Kunden im Heimatland vollkommen legal der Steuerhinterziehung überführt werden, dann... Dann weichen seine Kunden womöglich noch auf andere kleine, stolze, unabhängige Staaten aus, die auch ein Bankgeheimnis haben, und wo die Mitarbeiter noch keine Daten geklaut haben, um sie den anderen Staaten zu verkaufen. Die Cayman-Inseln, zum Beispiel. Das ist dann ganz, ganz schlecht für den Bankenstaat, dem so eine riesige Einnahmequelle verloren geht, weil die ganzen Onkel Pauls nicht mehr zu ihnen kommen.
Ja, ja, Onkel Paul hat bei der Geschichte übrigens nichts gelernt. Er ist immer noch der Meinung, das er von seinen Zinsen nichts an den Staat, in dem er lebt, abgeben sollte. Also nimmt er seine nächste Million und bringt sie... Nicht in den Bankenstaat, denn da ist ja das Geheimnis um sein Vermögen, für das er keine Steuern zahlt, nicht mehr sicher. Stattdessen macht er dann wohl mal einen Ausflug in die Karibik.

Was ist die große Weisheit hinter diesem Gleichnis? Minus und Minus ergibt leider nur in der Mathematik Plus. In unserem Fall jedoch ist es tatsächlich unmoralisch, ja, illegal, die geklauten Bankdaten zu kaufen, um Steuersünder im eigenen Land zu überführen.
Andererseits ist es noch unmoralischer, ein Bankenwesen zu unterhalten und zu fördern, das auf diese Kunden abzielt, das rund um das Erfolgsmodell der Steuerhinterziehung aufgebaut ist. Das so weit geht, dass sogar der Staat protestiert, wenn einer einzigen Bank ein paar tausend vertraulicher Datensätze verloren gehen.

Letztendlich entstehen damit allen, außer dem Bankenstaat, Nachteile. Zum Beispiel neulich, als der Bankenstaat nach sechzig Jahren endlich dazu gezwungen werden konnte, die Vermögenswerte von im Krieg getöteten Juden deren rechtlichen Erben offen zu legen. Bis dato war das Geld weiter verwaltet worden, war mit den Zinsen Geld verdient worden. Eine sichere Angelegenheit, wenn man einerseits den Erben die Einsicht verweigern konnte - womöglich heben sie das Geld noch ab - und man andererseits ziemlich sicher sein kann, dass die Kontobesitzer nicht wieder kommen werden. Bei wie vielen Steuerhinterziehern ist das auch schon passiert, ohne das die Banken im Bankenstaat sich bemüßigt sahen, die Erben über das Konto des toten Onkel Paul aufzuklären?
Man sollte schon ein einigermaßen reines Gewissen haben, bevor man mit dem Finger auf andere zeigt, mein lieber Bankenstaat.