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Mittwoch, 5. August 2015

Ja, wo ist er denn, der Grexit? II Diesmal als Rant

Stimmt, ausnahmsweise geht es heute nicht ums Schreiben, sondern wieder um die Weltpolitik, oder im engsten Sinne um die Europapolitik. Aber nicht nur um das oben im Titel erwähnte Griechenland und dem Mythos des erzwungenen Euro-Ausstiegs, der angeblich... wenn sich alle einig sind... anhand der unterzeichneten Verträge... irgendwie möglich ist... wenn Griechenland zustimmt...
Nein, es geht nicht nur darum, wie Europa dieses Land beutelt. Es geht auch darum, wie sehr das Land in Stich gelassen wird.

Aber zuerst möchte ich den Grexit beleuchten. Ich habe es gesagt, oder? Ich habe es gesagt: Es wird keinen Grexit geben. Denn nur das griechische Parlament kann den Grexit beschließen, auf gar keinen Fall aber Mutti Merkel oder Wolfgang "grauer Tiger" Schäuble. Dennoch hat der graue Tiger Varoufakis das Genick gebrochen und Tsipras mindestens symbolisch ins Gemächt getreten. Sein Vorschlag des "vorläufigen Grexit" ist nicht anders zu verstehen denn als Versuch der Kastration der Syriza, was ja auch wunderbar geklappt hat, und der Rücktritt von Varoufakis erscheint mir heute noch mehr wie die kleinliche Rache eines alten Mannes an jemandem, der ihm erfolgreich und faktenbasiert widersprochen hat.
Vorweg eines: Ich glaube an den Schuldenschnitt. An die Schuldenneuberechnung, die Fristenverlängerung, und auch an den Zinsschnitt. Warum ich das sage? Tsipras hatte über sechzig Prozent der Bevölkerung hinter sich. Sie alle sagten nein zu den Forderungen der Troika. Trotzdem ist er umgekippt und hat sämtliche Maßnahmen beschließen lassen, gegen die er protestieren wollte?
Wie ist das möglich? Hat der Mann kein Rückgrat? Oder gab es hinter verschlossenen Türen ein paar Versprechen, die die Öffentlichkeit nicht erreicht haben, so nach dem Motto: "Alexis, hör mal, wir müssen unser Gesicht wahren und wir müssen die Bankensubventionierung unbedingt beibehalten. Wenn du uns gut aussehen lässt und wenn du es schaffst, noch ein halbes Jahr im Amt zu bleiben und unsere Reformen durchsetzt, dann führen wir den Schuldenschnitt der IWF durch und verlängern und reduzieren die Zinszahlungsziele für Griechenland."?
Letzteres kann ich mir sehr gut vorstellen, denn selbst die IWF hat schon VOR den Verhandlungen genau diesen "dringend nötigen" Schuldenschnitt ins Spiel gebracht.
Und er wird kommen, sobald "sich Griechenland mustergültig beim Sparkurs verhalten hat". Wobei Schäuble eine Regierung der alten Eliten sicher lieber wäre als Tsipras' Syriza als Partner.

Und noch mal für alle ein paar wichtige Fakten: Das Geld, das von unserem Parlament immer wieder gebilligt wird, geht nicht nach Griechenland. Es verweilt ein, zwei Tage auf einem griechischen Konto, und dann werden damit Forderungen der Gläubiger bedient. Aber wer hält heutzutage noch Schuldanleihen aus Griechenland? Außer der einen oder anderen griechischen Bank, die diese einfach nicht loswird? Richtig: Europäische Banken, allen voran die EZB. Die Zeit recherchierte das schon 2011, und daran hat sich nichts geändert. Angereichert mit ein paar Milliönchen Steuergeldern aus griechischen Kassen fließt es zurück zur Europäischen Zentralbank, und von dort als Überschuss wieder in die Kassen der Staaten Europas. Was hat dieser Kreislauf für einen Sinn? Außer natürlich, weiteres Buchgeld aus dem gebeutelten Mittelmeerstaat abzufischen? Die einfachste Erklärung ist die: Damit man behaupten kann, unser Geld fließt nach Griechenland. Die zweiteinfachste Erklärung: Die Banken wollen es so.
Mit diesem Geld werden keinesfalls die "übergroßen griechischen Renten und Pensionen" finanziert.
Aber wenn Griechenland Staatseigentum für, so behauptet das der Schäuble, rund fünfzig Milliarden Euro verscherbelt, dann darf es ein Viertel von dem Geld für dringend erforderliche Investitionen im Inland behalten. Falls es diese fünfzig Milliarden überhaupt einnimmt. Ist das nicht nett von der EU?

Ich wurde auf Facebook von einem Freund darauf hingewiesen, dass in vielen staatlichen Betrieben Investitionen für Modernisierungen dringend notwendig sind, um sie überhaupt konkurrenzfähig zu halten, und dies ginge am einfachsten über den Verkauf, weil dies die Investoren eher anlockt als eine eher ungeliebte Beteiligung an einer staatlichen Firma. Gut, das mag sein. Dem versperre ich mich nicht - ich habe dabei allerdings auch nicht mitzuentscheiden. Hätte ich das allerdings, dann würde ich eine ganz klare Grenze bei der Grundversorgung ziehen. Strom, Wasser, Gas, Post, Krankenhäuser, Bahn, all das würde ich ums Verrecken nicht privatisieren. Was dann passiert, wissen wir ja alle. Zum Beispiel teilen sich in Deutschland vier große Konzerne den Kuchen, weshalb wir in Europa den höchsten Strompreis zahlen, obwohl die Preise an der Strombörse purzeln. Und auch Personen, die zu anderen Anbietern wechseln als E.ON, Vattenfall und Co. entkommen ihnen nicht wirklich, denn selbst am kleinsten Stadtwerk ist mindestens einer der großen Vier irgendwie auch noch beteiligt und hält mit Sicherheit zumindest eine Sperrminorität
Und deshalb können uns die großen Vier auch vorjammern, sie müssten Großkraftwerke in die Nordsee setzen und eine Stromtrasse nach Süddeutschland legen, um den Strom zu den dortigen Industrien bringen, oberirdisch natürlich, sonst kostet das zu viel (dabei hat mir mein MdB Bernd Westphal vor über vier Jahren schon zugebrüllt verraten, die Strompreise wären so hoch, weil die Unternehmen für den Umbau des Netzes Mittel zurücklegen würden - war anscheinend nicht genug für die Erdverkabelung, zumindest nicht bis zum Machtwort aus Berlin). Dabei läge die Zukunft der Energieversorgung eher in der dezentralen Versorgung in kleinen Stadtwerken und kleineren Energieprojekten, nicht darin, die abgeschalteten Atomkraftwerke gegen Großkraftwerke in Form von Offshore-Windparks auszutauschen. Die Spargel alle über Deutschland zu verteilen dürfte für die - zugegeben, wesentlich umweltfreundlichere und von mir auch geschätzte - Windenergie wesentlich mehr bringen als die Bündelung in der Nordsee, aber das ist nur die Meinung eines Mannes, der die Dezentralisierung bevorzugt, nicht die Bündelung.
Mein Fazit also: Die Versilberung der Grundversorgung wird mit Sicherheit kommen, die Griechen werden noch mehr Geld dafür ausgeben müssen, um überhaupt leben zu können, und ob die Privatisierung anderer Staatsbetriebe überhaupt erstmal die bestehenden Jobs erhält, geschweige denn die Höhe der bisherigen Gehälter, wage ich doch ernsthaft zu bezweifeln.
Immerhin ist es sogar hier in Deutschland üblich, verschiedene Löhne für gleiche Arbeit zu bezahlen, und das nur, indem die deutsche Post mal eben ein paar Tochterunternehmen gründet. Wenn das bei uns möglich ist, dann wird es in einem Land wie Griechenland, dem das Rückgrat gebrochen wurde, noch richtig lustig werden. Natürlich nicht für die Arbeiter und Angestellten, aber für die potentiellen Investoren, die jetzt ein Billiglohnland ausgerechnet in Westeuropa zum Austoben haben werden...

Weiterer Unsinn ist im Übrigen die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 23% - zehn Prozent mehr, die jetzt vor allem die einfachen Bürger aufbringen müssen. Ich meine, hierzulande wettert die Zeitung für Hetze und Schuldzuweisung, die Griechen sollen doch ihre Inseln verkaufen, und ihre Reeder und ihre Milliardäre besteuern, vor allem aber ihr Schwarzgeld zurückholen. Und dann ist nicht eine einzige Maßnahme aus dem Forderungskatalog darauf ausgelegt, diese demographische Gruppe überhaupt zu erreichen. Keine Schwarzgeldmaßnahmen, keine Sondersteuer auf Reiche (an die Reeder gehen die eh nicht ran, denn die bezahlen europaweit keine oder nur wenige Steuern), keine Erbschaftssteuer für Mega-Erbschaften - aber die Renten und Pensionen sollen weiter gekürzt werden. Das stört hier aber keinen, weil die Solidarität in Europa mit den einfachen Leuten in den anderen Ländern erfolgreich totdemagogiert wurde. Wieder von der uns bekannten Zeitung, aber auch von Stammtischparolenparteien wie AfD und, ja, der CSU.
Ich meine, wie viel Ouzo verbraucht ein Reicher so am Tag, wie viel Tzaziki braucht er, und wie viele nagelneue Sportwagen wird er die Woche kaufen und damit die Mehrwertsteuererhöhung um zehn Prozent mittragen? Ich verrate es Euch: Der superreiche Grieche wird unter dreiundzwanzig Prozent Mehrwertsteuer eher kaum so leiden wie der einfache Bürger. Weil er nicht mehr braucht als die kleinen Leute, weil er nur eine begrenzte Anzahl an Sportwagen kaufen kann und weil er, ja, wesentlich mehr Geld zur Verfügung hat. Das immer noch sakrosant ist.

Alles in allem mag sich dieses kleine Land in den Euro geschmuggelt haben, mag es gelogen haben, mag es zu hohe Pensionen bezahlt haben, mag es zu viele Beamte bezahlt haben, die gar nicht existieren, und meinetwegen mag es ein Ausbund an Korruption und Vetternwirtschaft sein, das die Mafia neidisch über die Adria blicken lässt - trotzdem ist der europäische Forderungskatalog ein Lebensverschlechterungspapier für die ganz normalen Bürger, wie wir sie auch sind. Aber "die Griechen haben das ja nicht anders verdient", oder wie?
Meine Idee ist ja, dass Griechenland gezielt ruiniert wird, damit die Arbeitslosen für nen Appel und nen Ei bereit sind, in Deutschland zu arbeiten. Der Mindestlohn ist immer noch günstiger als mancher Branchenlohn. (Dazu fällt mir Robert Bosch ein: Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe; ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne zahle.)
Zusammenfassend beklage ich nicht nur die Ausbeutung des ganz normalen Griechen, sondern auch den Zusammenbruch der innereuropäischen Solidarität und den fehlenden Willen, neben der Bankenrettung etwas wirklich effektives für Griechenland zu tun. Hier Gelder für vier Prozent zu leihen und dieses Geld für sechs Prozent an die Griechen weiterzureichen ist jedenfalls nicht diese Hilfe.

Und Zusammenbruch der innereuropäischen Solidarität ist auch das nächste Stichwort. Die "feigen, faulen, Ouzotrinkenden, Syrtaki tanzenden, Siestamachenden Griechen" bewältigen gerade ohne jede Hilfe von uns eine Aufgabe, die uns eigentlich genauso angeht wie die Griechen selbst. Über Griechenland, genauer gesagt über seine Inseln im ägäischen Meer ergießt sich ein Strom an Kriegsflüchtlingen aus Syrien und auch aus Afrika. Die gute Net Sparrow war kürzlich vor Ort und hat einen Bericht darüber geschrieben, den ich jedem hier ans Herz legen möchte.
Hilfe oder Geld aus Europa? Fehlanzeige. Menschlichkeit? Fehlanzeige. Die Griechen leisten, was sie können, aber hierzulande faselt man von "sicheren Herkunftsländern" und "beschleunigten Asylverfahren".
Fakt ist, die Vereinten Nationen habe Deutschland schon vor Jahren empfohlen, pro Jahr zwei Millionen Neubürger aufzunehmen, um den demographischen Wandel zu stoppen. Fakt ist, wir haben in Deutschland einen Wohnungsleerstand von rund fünf MILLIONEN Wohneinheiten. Fakt ist, wir haben eine Infrastruktur, die auf wesentlich mehr Menschen ausgelegt ist, als in diesem Land leben. Weil mehr Leute sterben als geboren werden. Fakt ist, diese syrischen Flüchtlinge kommen freiwillig zu uns, ebenso tun dies die Schwarzafrikaner, die Afghanen, und auch alle anderen, die sich als Ziel nicht England ausgesucht haben. Es sind nicht mal ansatzweise so viele Menschen, wie wir jedes Jahr aufnehmen und integrieren müssten, um das jetzige Schrumpfen der Bevölkerung zumindest zu verlangsamen. Warum tun wir das nicht? Warum entlasten wir die Griechen nicht? Die Syrer zum Beispiel haben meist einen hohen Bildungsstand, ihr Kulturempfinden ist unserem ähnlicher als man vermutet, und sie kommen nicht wegen der guten Sozialleistungen zu uns, sondern weil wir seit siebzig Jahren keinen Krieg mehr kennen, sind integrationsbereit, lernwillig und keinesfalls arbeitsscheu. Wir könnten die Flüchtlinge auf den griechischen Inseln problemlos aufnehmen. Der Platz ist da. Die Infrastruktur ist da. Die Nahrung ist da. Wir könnten die Griechen entlasten. Aber wir tun es nicht. Dies in einem Land, das von einer Partei regiert wird, die "christlich" im Namen hat, die aber statt nach christlichen Werten der Nächstenliebe zu handeln lieber "Das Boot ist voll"-Stammtischrhetorik betreibt, das ist für mich schwer zu verstehen.
Und nein, ich muss "nicht selbst Flüchtlinge aufnehmen, wenn ich schon so für sie Partei ergreife". Es gibt genügend freien Wohnraum in Deutschland. Paradoxerweise stecken wir sie lieber in Zelte auf öffentlichen Plätzen, damit sie es nicht zu komfortabel haben und lieber zurück in ihre kriegsgeschüttelten (oder von Konzernen ausgebluteten) Länder gehen. Und manche Idioten von der CSU finden es dann auch noch unerhört, wenn eine Zeltstadt voller Flüchtlinge WLAN hat...
Anstatt Chancen zu nutzen, wird mal wieder... Ausgesessen. Irgendwann gehen die schon wieder nach Hause, wenn wir sie nur schlecht genug behandeln, oder was?
Mit einem Kopfschütteln beende ich diesen langen Blogtext. Deutschland und deine Aussitzpolitik, Du verpasst nicht nur die humanitäre Krise, sondern auch Deine großen Chancen. Denn ich verrate Dir eins: Es werden garantiert keine zwei Millionen Schweden, Norweger, Dänen oder Holländer nach Deutschland einwandern wollen. Heute nicht, und auch im nächsten Jahr nicht.

Sonntag, 12. Juli 2015

Ja, wo ist er denn, der Grexit?

Nurmal für alle, die hier eher zufällig drauf stoßen und meine kleine Reihe an Griechenlandkommentaren nicht kennen: Der einzige mögliche Weg für den Grexit, also den Umstand, dass Griechenland aus dem Euro "fällt", ist, dass das griechische Parlament den Austritt beschließt. Zwar geistert das Gerücht herum, die anderen Staaten "könnten eventuell, wenn sie alle es beschließen", oder wenn man den Vertrag entsprechend auslegt, Griechenland austreten lassen, aber das ist alles unbelastbarer Bullshit. ES WILL AUCH GAR KEINER! Es ist klar, dass die Griechen nicht wollen, der Euro bringt ihnen viel zu viele Vorteile. Und wenn die nicht wollen, dann geht es nicht. Ende. Und auch die Bundesregierung will das gar nicht. Im Gegenteil, für sie ist der Grexit nichts weiter als eine unverhohlene Drohung gegen Griechenland, damit dort die Austeritätspolitik bis zum Erbrechen durchgeführt wird.

Warum, wird man sich fragen, aber dazu komme ich gleich. Zuerst kommen wir zum was.
Was hat Schäuble nicht alles gesagt. Grexit, Grexit, Grexit. Der große Grexit sollte über Griechenland kommen, zuletzt sollte er AUTOMATISCH eintreten, sollten die Griechen gegen die Sparlauflagen stimmen. Davor wurde er unzählige Male angedroht. Was ist passiert? Nix. Stattdessen gibt es neue Verhandlungsrunden, in die der IWF das erste Mal auch einen Schuldenschnitt einbringt. Das ist genau das, was Griechenland braucht. Eine Stundung oder eine Umschuldung würden auch gehen, wären aber für das gebeutelte Land nicht ganz so vorteilhalft. Aber, in genau dieser Stimmung, weiß die FAZ und auch andere Zeitungen zu vermelden, bringt Wolfgang Schäuble den Grexit auf Zeit ins Spiel. Und das ist nichts weiter als großer Bullshit. Ganz großer Bullshit. Denn wenn die Griechen einmal raus aus dem Euro sind, werden sie niemals wieder die Anforderungen an den Maastrichter Vertrag erfüllen. Schäuble versucht nur, die Drohung, die nur ein aufgeblasener Papiertiger war, mit neuem Leben zu erfüllen.

Jetzt kommt das warum. Warum tut der alte Mann im Rollstuhl das? Warum beharrt Merkel "alternativlos" auf die Austeritätspolitik?
Mein ganz persönlicher Verdacht ist ja, dass Griechenland systematisch ruiniert wird, damit junge arbeitslose Griechen, Italiener und Spanier nach Deutschland ziehen, um hier für den Mindestlohn und weniger zu arbeiten bereit sind. Aber das ist nur ein Aspekt der Geschichte. Im Kern geht es um die Austeritätspolitik. Die "darf nicht scheitern". Denn wenn sie das tut, wenn sich Schuldenschnitt, Investitionen und eine nicht korrupte Regierung als besserer Weg erweisen - Island hatte sich mit dem Mehrfachen der jährlichen Staatshaushalts in der Bankenkrise hoch verschuldet und vorgemacht, wie man da aus eigener Kraft rauskommt, übrigens ohne rigorose Totsparpolitik - dann ist das nicht nur das Scheitern der Austeritätspolitik (gescheitert ist die sowieso, denn fünf Jahre totsparen haben weder den Patienten umgebracht, noch die Wirtschaft gerettet), sondern auch der ganze Neoliberalismus, also die Bevorteilung der Wirtschaft vor der Gesellschaft, steht dann nicht nur vor dem Prüfstand, sondern kann getrost als gescheitert angesehen werden.
Überhaupt, was ist das für eine Ideologie, die zwar den freien Markt propagiert, der alles von selbst regelt, dann aber Hilfe vom Staat einfordert, um seine Ideologie durchsetzen zu können? Sei dies in der Austeritätspolitik zu sehen, sei dies bei der Abwehr berechtigter Gewerkschaftsforderungen, sei dies bei der Privatisierung (also dem Verkauf von Tafelsilber) staatlicher Firmen... Letzteres ist übrigens ein ganz, ganz großer Witz, der nun auch in Griechenland zu sehen ist. Denn die Neoliberalen wollen gar keinen Wettbewerb - sie wollen Monopole. Es soll eine Firma sein, die z.B. in Berlin die Wasserwerke aufkauft und betreibt. Das Monopol, also der Mangel an Mitanbietern, versetzt die Firma in der Lage, jeden Preis zu verlangen, den sie für das Wasser und seine Entsorgung haben will, bis dem Bürger der Kragen geplatzt ist und Berlin seine Wasserwerke zurückgekauft hat. Gut, dass das möglich war.

Das Gleiche steht nun Griechenland bevor. Neoliberale Firmen und Fonds lauern nur darauf, Griechenlands Monopole zu übernehmen und fortan jeden Preis verlangen zu können, den sie wollen. Gut, ich gebe zu, das ist Spekulation von mir, aber gesehen haben wir es oft genug. Zuletzt beispielsweise, als neoliberale Geldfonds Optionen auf Nahrungsmittel in Afrika gekauft und damit die Grundnahrungsmittel extrem verteuert haben. So einen Scheiß brauchen wir in Afrika nicht. So einen Scheiß brauchen wir auch nicht in Europa, in Asien, in beiden Amerikas. Wirklich nicht. Und vor allem brauchen wir keine neoliberale Wirtschaftspolitik in Griechenland. Sie funktioniert nämlich nicht.

Dienstag, 6. Januar 2015

Die Drohgebärde vom Griechenland-Rauswurf - ein Märchen

Die Griechen wählen. Und nach etlichen Jahren der gescheiterten Austeritätspolitik, indirekten Hilfmaßnahmen für Gläubigerbanken, schrumpfenden Vermögen und Bruttosozialprodukt (was erstaunlicherweise nicht die Superreichen im Land traf, geschweige denn die Banken), neuen Höchstraten in Verschuldung und Arbeitslosigkeit und weiteren Horrogeschichten, die von Hassartikeln diverser Möchtegerntageszeitungen in Deutschland mitbefeuert werden, stehen sie bei den Wahlen vor dem großen Scheideweg. Weiterhin rigoros sparen, oder mit einer neuen, linken Regierung einen Neustart wagen - mit den Schuldnern durch Neuverhandlungen, nicht etwa durch höriges Weitermachen wie bisher.
Grund genug, dass durch Berlin das alte Märchen vom Griechenlandrauswurf "Grexit" aus dem Euro geistert.

Allerdings wäre mir eines neu: Nämlich, dass Deutschland entscheiden kann, dass Griechenland aus dem Euro fliegt. Oder dass unser Land, bzw. Mutti Merkel auch nur einen Hauch daran mitzuentscheiden hat. Denn allein Griechenland, in diesem Fall das griechische Kabinett oder eher das Parlament, haben das Recht, über einen EU-Austritt ihres Landes zu entscheiden. Was Griechenland nicht tun wird, weder unter den Mitte-Rechten, die hörig weiter verprivatisieren, noch unter den Linken.
Damit zu drohen ist also nichts weiter als eine - Tatsächlich - Drohgebärde und damit ein Eingriff in den griechischen Wahlkampf. Von außen. Wieder einmal. Denn bereit 2012 war sich die Bundesregierung nicht zu schade, subtil mit dem Grexit zu drohen.

Machen wir uns nichts vor. Griechenland hat sich ein Großteil der Suppe selbst eingebrockt. Korruption, Steuerbegünstigung Reicher und hohe Prozentzahlen nichtexistener Beamter und Rentner haben dem Land nicht gut getan. Griechenland hat demzufolge einiges verdient und muss einiges an Wiedergutmachung (im eigenen Land) leisten. Aber machen wir uns auch auf der anderen Seite nichts vor. Die Massenprivatisierung von Staatseigentum gehört ebenso wenig zu den sinnvollen Maßnahmen wie z.B. das Bedienen der Schulden u.a. deutscher Banken mit deutschen Steuergeldern über den Umweg Griechenlandschulden, was defacto eine Verstaatlichung privater Schulden ist, wie der Spiegelfechter sagt.

Die Mär vom Euro-Rauswurf Griechenlands wird nicht wahrer, je öfter man sie wiederholt. Das finde ich peinlich, feige, unehrlich. Genauso wenig wie die Behauptung, das Winz-Ländlein Griechenland mit seinen knapp elf Millionen Einwohnern würde nachhaltig den Euro gefährden können, während weitere 230 Millionen Menschen in Europa den Euro als Hauptwährung führen.
Ich will mal ein Fazit geben: Alle Personen und alle Medien, die direkt behauptet haben oder es auch nur suggerieren, jemand anderer als der griechische Souverän (das Parlament) könne darüber entscheiden, ob das Land die Euro-Zone verlässt, hat schlicht und einfach gelogen. Ob aus Dummheit oder mit purer, blanker Berechnung, ja, fast schon verbrecherischer Energie, sei dahin gestellt. Und all diese Personen, seien sie nun aus der Politik oder aus den Medien - oder der Finanzwelt - haben massiv an Glaubwürdigkeit verloren. Denn Lügner mag ich nicht, und sind sie zu dumm, das nicht zu wissen, haben sie dort, wo sie gerade arbeiten, nichts verloren. (Ich entschuldige mich schon mal vorab bei allen dummen Menschen. Diesen diskriminierenden Vergleich haben sie eigentlich nicht verdient.)

Edit am 07.: Tagesschau.de berichtet, dass der Martin Schulz vom EU-Parlament exakt meiner Meinung ist.

Edit am 08.03.2024, weil dieser Post seit mehreren Monaten zu den Meistgelesenen meines Blogs gehört:
Tja, es sieht so aus, als hätte ich hier Recht gehabt. Kein #Grexit. Und auch mit der anderen Sache. Nach diversen Milderungen der Austeritätspolitik, die ohnehin nur zweifelhaften Erfolg gebracht hat, und die Merkel nutzte, um deutsche Steuergelder auf Umwegen als indirekte Subvention nach Deutschland fließen zu lassen, haben die Griechen es schließlich doch geschafft. Siehe da, langsam und mit Bedacht, ohne Zerstörung der eigenen Wirtschaft, ging doch auch.

Dienstag, 16. Oktober 2012

Bitte ohne Chemie, ohne Gene und ohne Griechenland

Seit ein paar Tagen möchte ich über ein bestimmtes Thema bloggen. Nämlich über Griechenland, was ich im Übrigen schon ein paarmal getan habe. Mein Unverständnis darüber, dass die EU nicht einmal läppische zehn Millionen EU-Bürger beschützen kann (Ja, ich weiß, ich habe die letzten Male immer achtzehn Millionen geschrieben. Tschuldigung.), vor allem vor der landeseigenen Korruption, hat mich schon oft verzweifeln lassen. Klar haben wir mehr als genug eigene Probleme im Land, klar sollte die Politik sich darum kümmern - und wenn sie es nicht tut, dann eben wir Bürger. Denn seien wir doch ehrlich, uns geht es nicht viel besser als den Griechen, bei denen selbst unter der Knute der Troika eifrig weiter Geld von "unten" nach "oben" verteilt wird. Bei uns ist halt nur mehr zu holen. Aber deshalb die Griechen leiden lassen? Nein.

Bevor ich mich darüber richtig aufrege, will ich kurz zu einem anderen Artikel kommen, der den Chemie-Unfall bei Kraft Foods in Bad Fallingbostel betrifft.
Ja, ein Chemie-Unfall in einem Lebensmittelkraftwerk. Dort wurden Natronlauge und Salpertersäure zusammengeschüttet.
Der NDR berichtet darüber, und einer der User, Bayern37, erklärt in den Kommentaren 83 und 84 selbst für Laien, was dort geschehen ist. So.
Also, noch mal für alle, die zu faul sind, auf einen Link zu klicken, und für all jene, die Kraft Foods jetzt beschuldigen, "Chemie" zu verwenden: Die Salpetersäure wird aus Reinigungszwecken eingesetzt, z.B. um die Anlagen zu entkalken. Merke: Säure löst anorganische Stoffe auf.
Die Natronlauge hingegen wird eingesetzt, um die Tanks und Rohrleitungen von organischen Rückständen zu reinigen, z.B. Milchreste und dergleichen. Sie macht das Gleiche wie Spüli und Seife.
Diese beiden Substanzen wurden zusammengekippt. Versehentlich. Was ist dann passiert? Nun, Säure und Lauge neutralisieren sich gegenseitig, und so sollte man meinen, dass das Problem damit gegessen ist. Pustekuchen. Bei dieser Reaktion entsteht Hitze, und diese Hitze verdampft die Salpetersäure, die nun unter hohem Druck stand und beim Abpumpen als Giftwolke austreten konnte. Mittlerweile kühlt die Feuerwehr die Tanks runter, um diesen Prozess zu stoppen. Man kann durchaus sagen, die Einsatzkräfte machen aus einer Scheiß Situation das Beste, und dafür mein Lob, meine Damen und Herren.
Was mich dabei aufregt, ist auf Seite eins der Kommentare zu finden: Wenn sofort jemand ankommt und diebisch-vergnügt fragt, was denn Kraft in sein Essen tut, wenn es mit Salpertersäure und Natronlauge um sich wirft. Oder welche Chemiekeulen wohl im Essen zu finden sind.
Das ist dann meistens der Moment, in dem ich für einen Augenblick still innehalte, verzweifelt den Kopf schüttle und mich ehrlich frage, woher diese Menschen ihre Schulbildung haben. Aus dem Aufdruck des Happy Meals, oder noch schlimmer, aus der BLÖD?
Das Gleiche passiert, wenn ich mal wieder lese, dass jemand Essen ohne Gene haben will, oder meinetwegen ohne Gentechnik. Da kann ich mich nicht entscheiden, ob ich bitterböse lachen, oder genauso bitterböse weinen will.

Deshalb hier mein kleiner Klugscheißercrashkurs für Chemie und Gentechnik.
Chemie: Für alle, die es nicht wissen: Wir bestehen, grob gesagt aus den Überresten von explodierten Sternen. In diesen wurden aus Wasserstoff all jene Elemente gebacken und mit der Explosion ins Universum getrieben, aus denen wir bestehen. Angefangen beim Edelgas Helium, der Nummer zwei in der Atomwertigkeit über Chlor, Gold und Uran bis hin zu Plutonium, dem letzten nicht künstlichem Element (alle weiteren bis hin zum bisher höchstwertigen Lawrencium mit der Ordnungszahl 103 kann man in Reaktoren "erbrüten"), das alles stammt aus einer sterbenden Sonne. Und daraus sind wir gemacht. Der Kohlenstoff, auf dem wir basieren, der Sauerstoff, der mit Wasserstoff zu Wasser wird, und Leben wie wir es kennen, überhaupt erst möglich macht, und all die anderen Elemente, die teilweise massiv wie Kalzium und teilweise nur in Spuren wie Gold, Uran und Iod in unseren Körpern zu finden sind. Wir sind alle Chemie. Daher gibt es auch kein Lebensmittel OHNE Chemie. Und egal ob man Konservierungsstoffe, künstliche Lebensmittelzusätze oder Antioxidanzen mag, so viel Wissen sollte jeder Mensch auf dieser Welt mitbringen, um sich nicht selbst als dumm und unwissend zu disqualifizieren.

Was uns gleich zu Punkt zwei bringt: Gentechnikverweigerern. Die schlimmst Sorte der Ablehner auf dieser Welt. Ich meine, ich kann Vegetarier verstehen, die wegen der Tiere kein Fleisch mehr essen wollen, und ich finde es auch in Ordnung, wenn PETA mal wieder gegen die Ausbeutung von Tieren mit einer "Nackte Models"-Kampagne protestiert -  vor allem gegen die Unsitte der Pelzgewinnung. Ist in Ordnung, solange sie nicht glauben, mir das Schnitzel auf dem Teller verbieten zu können. Ansonsten sollen sie leben und bekehren, wie immer sie es wünschen. Ist in Ordnung.
Ich kann es auch nachvollziehen, wenn jemand sagt: "Tomaten, die nicht mehr faulen? Wer braucht den Mist?"
Und das ist auch richtig. Was nützen diese Dinger dem Verbraucher, wenn einer Tomate das Gammel-Gen ausgebaut wurde? Nicht so viel wie dem Verkäufer, der die Tomaten länger als frisch verkaufen kann.
Außerdem ist es klar, dass die Agrarindustriefirma Monsanto wirklich eine Riesenschweinerei verübt hat, als ihre genmanipulierten Maisfelder andere Maisfelder befruchteten, und Monsanto in dessen Folge jedwelchen Mais mit "ihrer" Gensequenz als Eigentum einforderte (wobei hierbei der Fehler bei den Behörden und Gerichten liegt, die diesem Schwachsinn zugestimmt haben), aber es ist nicht gefährlich.
Und wenn wieder mal eine halbherzige Studie über Genmais an bestimmten Laborrattenvölkern ausgeführt wird, von denen man weiß, dass die überwiegende Mehrheit im hohen Alter von zwei, drei Jahren Krebs ausbildet, und dann später triumphierend verkündet, die Ratten hätten nach der Genmaisfütterung Krebs entwickelt, dann ist das auch noch keine Gefahr. Schwachsinn, sicher, aber keine Gefahr. Nicht nur, weil wir einen anderen Gencode als die Ratten haben. Auch, weil das Ergebnis vorherzusehen war. ^^°°°

Die Hysterie gegen Gentechnologie hingegen ist für mich nicht nachzuvollziehen. Was erwarten die Menschen? Dass der Verzehr von Genmaiskolben die Menschen in Gehirnfressende Zombies verwandelt? Oder dass Genmais Krebs erzeugt? Ich glaube, da haben der Kaffee, die Zigaretten und der Alkohol mindestens so viel Mitspracherecht wie Feinstaub, Autoabgase und Sonnenstudios.
Im Prinzip gilt folgendes: Als Mendel sein Vererbungsprojekt durchführte, bei dem er grüne runde Erbsen und eckige gelbe Erbsen untereinander befruchtete (um grüne runde, grüne eckige, gelbe runde und gelbe eckige Erbsen zu erhalten), war das bereits Gentechnik.
Als der Mensch sich das Pferd untertan machte, und die verschiedenen Mutationen auszüchtete, um bestimmte Tiere zu bekommen, vom Esel über das Trakehner-Pferd bis zum Shetland-Pony, war das Gentechnik.
Als die ersten Hunde Aufnahme bei uns Menschen fanden, wurden auch hier die verschiedensten Rassen durch gezielte Kreuzung und Züchtung herausgebildet. Das geht vom Chihuahua über den Deutschen Schäferhund hin bis zum irischen Wolfshund. Das ist auch Gentechnik.
Okay, vielleicht macht es keinen Sinn, in Äpfel ein Gen einzubauen, das ihre Süße garantiert, aber das weiß man erst, nachdem man es ausprobiert hat. Auch die Schädlichkeit für Menschen ist eine ganz andere Frage, die erst eruiert werden muss.
Nehmen wir doch mal ein ganz praktisches Beispiel, dem wir uns gerade stellen müssen: Der saisonalen Grippe. Vor drei Jahren ging die Schweinegrippe durch Europa, steckte hunderttausende an, und was geschah? Da sie einen milden Verlauf nahm und zudem die eigentliche saisonale Grippe verdrängte, gab es in Deutschland statt der üblichen fünftausend Grippetoten für eine ruhige Saison nur rund einhundertvierzig Schweinegrippentote. Was wäre, wenn Wissenschaftler einen Weg fänden, die gefährlichen Sequenzen aus den Grippeviren auszubauen? Sodass sie sich zwar weiterhin verbreiten, aber nicht mehr die hohen Mortalitätsraten erreichen, selbst wenn sie mit anderen Viren ihres Stamms Gensequenzen austauschten? (Nein, nein, nein, Herrschaften, "I am Legend" war ein Kinofilm und ist nicht einmal ansatzweise ernstzunehmen. Außerdem ging es dabei um Krebszellen, nicht um Grippeviren, das mal nebenbei. Davon abgesehen sind Krebszellen entartete Körperzellen, die jederzeit im menschlichen Körper entstehen. Ja, entstehen. Das Gros wird vom Immunsystem unschädlich gemacht, und nur wenige Zellen werden schließlich Tumore, aber auch das nur nebenbei.)
Will sagen: Keine Angst vor Gentechnik. Angst vor Gentechnik-Anwendern sollte man hingegen durchaus haben, wenn sich Medizinunternehmen ernsthaft darum bemühen, auf menschliche Gene ein Patent zu bekommen. Das ist schon einen Avaaz-Protest wert, weil es absoluter Irrsinn ist. ^^°°°
Aber vor der Gentechnik, der simplen Kreuzung bis hin zum Austausch von Gensequenzen, sollte man keine Angst haben. Hierin liegt vielleicht die Zukunft der Krebsbekämpfung. Zum Beispiel.
Also: Erst informieren, dann protestieren, meine lieben "Keine Gentechnik in meinem Essen"-Freunde.


Zurück zum Titelthema: Griechenland.
Was ist da nicht alles geschrieben worden. Es gäbe unzählige Beamte, die Lohn kassierten, aber gar nicht existierten (oder schon verstorben waren), es herrsche eine unsägliche Korruption bei den Ärzten, die gar nicht anfingen mit der Behandlung, ohne geschmiert worden zu sein, die Pensionäre würden viel zu früh in Rente gehen, und viele Familien Verstorbener würden weiterhin die Rente beziehen, und, und, und...
...sacken lassen.
Nun sind ja schon einige Jahre ins Land gegangen, seit Muberkels Forderungskatalog auf dem Tisch abgelegt wurde, der vor allem aus zwei Forderungen bestand: Die Wirtschaft kaputt sparen, und das Tafelsilber des Landes durch Privatisierung dem Geldadel in den Rachen zu schmeißen.
Die Pensionen und die nicht existierenden Beamten mal beiseite gelassen, wenn wir uns Griechenland ansehen, was steht da vor unseren Augen? Ein Land, das langsam gesund geschrumpft wird und auf eigenen Füßen stehen kann? Oder ein Land, das kaputt gespart wird, dessen Wirtschaft schrumpft und dessen Arbeitslosenquote in die Höhe schnellt, weil niemand investiert? Na?
Ich antworte bewusst nicht auf meine eigene Frage.
Aber ich will noch mal kurz auf das Thema Korruption schauen. Also den Unternehmern, den Politikern und den korrupten Ärzten auf die Finger schauen. Wen treffen die Sparauflagen am Meisten, frage ich mich. Diese Berufsgruppen, oder die Pensionäre, die Arbeitslosen, die sozial Schwachen (und jenen, die durch die Sparprogramme zu solchen gemacht wurden)?
Ich sage es Euch, diejenigen, die diese Krise erst verursacht haben, die ihren Reibach hatten, denen geht es heute auch noch gut. Auch weil ein gewisses Land in Europa einen Teil der Staatseinnahmen daraus generiert, dass es europäische Bürger bei der Steuerhinterziehung unterstützt, ihr Geld mit Kusshand nimmt, und dem griechischen Staat nichts davon erzählt, weil: Bankgeheimnis. Nicht anders als es mit uns auch verfährt. (Nein, ich meine nicht Liechtenstein. Das andere große daneben.)
Es trifft immer die Falschen. Zuerst leiden sie darunter, das ihnen in der Korruption das Geld aus der Tasche gezogen wird, dann leiden sie darunter, dass der Staat bei ihnen sparen muss, anstatt bei den eigentlichen Verursachern der Staatskrise. Die normalen Bürger donnern die soziale Leiter runter, obwohl sie nichts dafür können, und die, die oben stehen, winken auch noch fröhlich, weil sie ihre Scherflein in Käse-Country sicher haben.
Und dann lästert auch noch die BLÖD jahrelang über die "Pleite-Griechen". Pfui, kann man da nur sagen. Pfui zur BLÖD, und Pfui zur Troika und der Kanzlerin mit ihrem Sparwahnwitz.
Der auch nur betrieben wird, um Griechenland dazu zu bringen, sich für einen Euro-Ausstieg zu entscheiden. Geez.

Aber wir haben ja bald Bundestagswahl, und die ist alternativlos. Gell, Frau Muberkel?

Montag, 6. August 2012

Keine Gnade für die Kanzlerin

Falls sich jemand über den Titel wundert: Er möge ihn mehrfach lesen. Ich bevorzuge die Variante, in der suggeriert wird, dass Muberkel keine Gnade kennt. Oh, ich liebe die deutsche Sprache. ^^
Worum geht es mir? Natürlich um Muberkel, die wieder mal etwas als alternativlos hinstellt, als etwas, das geschehen muss, weil es eben so ist. In diesem speziellen Fall den von ihr und dem politischen Trampeltier Söder geforderten Euro-Ausstiegs Griechenlands, den - obacht - nur Griechenland selbst beschließen kann. Damit das aber auch klappt, wird das Land aufs Fieseste ausgehungert, drangsaliert und ausgeblutet - und der zivile deutsche Bankensektor verdient sich bis zum Bankrott, zum Schuldenschnitt oder zum erpressten Ausstieg Griechenlands aus dem Euro ein richtiges Vermögen an der Notlage des Landes, weil Muberkel der Meinung ist, es mache Sinn, die Banken als Mittelsmänner fett zu füttern, anstatt das Geld an Griechenland direkt oder über die EZB auszuzahlen.
Ich höre immer wieder, zuletzt heute vom CSU-Mann Söder, dass der deutsche Steuerzahler nicht gezwungen werden sollte, die Griechen mit seinen Steuergeldern zu retten, und das es irgendwann einmal zuviel ist. Immerhin seien die Griechen an ihrem Dilemma ja selbst Schuld.
Übersetzt bedeutet das: "Verdammt, die Griechen sind zäher als wir dachten, die steigen immer noch nicht freiwillig aus. Also brauchen wir emotionalen Druck."

Ich möchte an dieser Stelle mal die Bankenkrise beleuchten, die von den USA im Zuge der geplatzten Spekulationsblase Immobilien zu uns herüber schwappte, und die enthüllte, das eine Bank, die keine normale Sau kannte, nicht nur essentiell für Deutschland ist, sondern auch unbedingt mit Steuergeldern gerettet werden musste: Die Hypo Real Estate Bank.
Wir haben einen Bankensektor, den keiner versteht, der nicht mittendrin arbeitet, ein Feld von Banken und Kassen, die miteinander verflochten sind auf Wegen, die nicht erklärt werden, die aber für Deutschland laut Muberkel "alternativlos" sind; ein System, in der eine Hypo Real Estate Bank ihren ersten Auftritt in den allgemeinen Medien jenseits der Fachpresse hat, als es für sie um die Wurst geht - um staatliche Rettung durch Steuermilliarden.
Ich frage jetzt mal so: Die Bankenrettung war alternativlos. Aha. Das musste mit Steuergeldern erfolgen. So, so. Damit haben wir Deutschen das bisherige Netz aus Banken und deren Verpflichtungen erhalten, so wie es vor der Krise war, und dafür ein paar Verstaatlichungen gewonnen. Ach.
Auf der anderen Seite sind da die Griechen. Ein Volk von achtzehn Millionen Menschen in einem der schönsten Urlaubsländer Europas, gesegnet mit einer langen Geschichte, einer wundervollen Inselwelt und herzlichen Menschen, die im Euroland bleiben wollen, die in der EU bleiben wollen, obwohl die Finanz-Troika ihnen nicht nur sprichwörtlich das Fell über die Ohren zieht.

Ich bringe das Ganze mal auf den Punkt: Ich sehe es tausendmal lieber, wenn mit meinen Steuergeldern der Wohlstand und das Leben von achtzehn Millionen europäischen Mitbürgern bewahrt wird, zu denen ich vielleicht eines Tages in den Urlaub fahre, die Menschen sind wie Du und ich, greifbare, reale Menschen, die uns hier und jetzt und heute brauchen, und auch unsere [seufz] Politiker wie - leider - Muberkel, als auch nur einen Teil des Geldes auszugeben, um ein paar Banken und ein paar hundert Arbeitsplätze zu retten, sowie ein paar Millionenprämien für Top-Bankenmanagern... In allen anderen Branchen werden Insolvenzen doch auch nicht gestoppt, warum also bei Banken?
Ich verstehe nicht so ganz, was Muberkel will. Die Banken, ihre Mitarbeiter und die Prämien ihrer Spitzenmanager mussten alternativlos gerettet werden. Aber geht es um achtzehn Millionen Menschen, hat sie keine Probleme damit, Griechenland in Europas neues Armenhaus zu verwandeln.
Ich weiß schon, warum die CDU mit Muberkel für mich unwählbar ist.
Und sollte für uns Christenmenschen, die [seufz] gerade in der CDU/CSU sitzen, Nächstenliebe nicht die erste Pflicht sein?
Frau Bundeskanzlerin, dem C im Namen Ihrer Partei zu willen, lesen Sie doch bitte mal den Bibeltext vom Verlorenen Sohn in Lukas 15,11 nach. Und vielleicht erröten Sie bei dieser Gelegenheit auch ein wenig.

Samstag, 4. August 2012

An unsere Olympioniken

Tja, es ist mal wieder soweit. Unsere Zeitungen sind voll davon, ob eine Reichensteuer ethisch ist, vergessen dabei aber immer die Beitragsbemessungsgrenze, die kein bisschen ethisch ist und hilft, dass Reiche ohne jede Leistung noch reicher zu werden, ob sie wollen oder nicht; sie diskutieren ob Griechenland in der Eurozone verbleiben darf, wobei der einzige, der über das Ausscheiden entscheiden kann, Griechenland ist - und Deutschland unter Merkel versucht krampfhaft, den kleinen Staat am Balkan derart kaputt zu sparen, damit er das auch tut, was ich moralisch widerwärtig, abstoßend und primitiv finde; dann wird über die Ethik der Sterbehilfe diskutiert, und ich frage mich, was schwerer wiegt: Das Recht am eigenen Tod, oder das Recht der Krankenhäuser, für letztendlich sinnlose Therapien über Jahre oder gar Jahrzehnte Lebenserhaltende Maßnahmen oder Therapien abrechnen zu können. Die Welt und unsere Medien sind voll von skurrilen Nachrichten, die versuchen, sich selbst ernst zu nehmen, wenn  es denn schon kein anderer tut.

Und mittendrin stehen sie auch, wenn es um Olympia geht. Richtig heuchlerisch wird es, wenn unsere Medien unseren Athleten in London vorab alles Gute wünschen, sie jetzt aber zu Losern, Versagern, Leistungsverweigerern erklären, und jede Goldmedaille, die wir nicht erringen, zum nationalen Verlust stilisieren. Dabei wissen wir doch alle, die sich für Olympia interessieren, dass Deutschland im Nationenranking stets zwischen Platz fünf und sechs angesiedelt ist, und wir deshalb gar nicht alle Wettkämpfe gewinnen KÖNNEN. Ich nenne so eine Berichterstattung Heuchelei.

Liebe Olympioniken Deutschlands, die Ihr seit Barcelona (wieder, wie zuvor in den Fünfzigern und Sechzigern) das große Privileg habt, für ein geeintes Deutschland in Euren Disziplinen antreten zu dürfen; die Ihr durch Eure Leistungen das RECHT erworben habt, in Euren Disziplinen Deutschland in London zu vertreten; die Ihr Euer Bestes gebt, um Deutschland würdig zu vertreten...
Hört nicht auf die Spinner, die von Steuergeldverschwendung für "nicht erfolgreiche Sportsparten" schreiben, die Gold sehen wollen, als wären sie phönizische Händler. Hört nicht auf Typen wie Wagner, die vorab nett kommen, und hinterher "Versager" schreien. Wer von denen ist oder war denn Sportler, Sportwissenschaftler oder sogar jemals im eigenen Leben Olympionike? Ich wette, nicht allzu viele. Und eine andere Wette stelle ich auf: Das Gros dieser vollkommen überzogen negativ berichtenden Aasgeier ist garantiert in der Disziplin Couchpotato Teil der Welt-Elite.

Liebe Olympioniken, Ihr seid oder wart in London, zu den Olympischen Sommerspielen. Vier Jahre habt Ihr gekämpft, gearbeitet, gerackert, um die Qualifikation zu schaffen. Vier Jahre oder länger habt Ihr gewartet, um diese Tage zu erleben. Vier Jahre, um Euch im Zeitraum von gut zwei Wochen in Euren Disziplinen mit den Besten der Welt zu messen. Ihr habt Tage vor und hinter Euch, die so nie wieder kommen werden, auch nicht bei den nächsten Sommerspielen. Leute, dies ist Olympia! Euer Olympia! In unserer verrückten, spießigen und dem Spiel des Geldes ausgelieferten Welt DAS Ereignis, das Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit unter allen Menschen symbolisiert. Die Welt versammelt zu friedlichen Spielen, zum friedlichen Wettstreit. Dies ist Eure Zeit! Dies ist Eure Gelegenheit! Viele, wenn nicht die Meisten von Euch sind angetreten, ohne überhaupt Hoffnung zu haben, Gold zu erringen, überhaupt aufs Treppchen zu kommen, oder wenigstens Blech zu kriegen - Ihr seid trotzdem in London.
Und, auch wenn es die BLÖD und Wagner nicht sind, ICH bin stolz auf jeden deutschen Olympioniken, der es bis hierhin geschafft hat. Ihr habt bereits so viel geleistet, und selbst wenn Ihr Eure Wettkämpfe nicht gewinnt... IHR nehmt daran TEIL! Was beneide ich Euch.
Lebt diese Tage. London kommt nie wieder. Und wenn dabei Medaillen heraus springen, erwartete oder unerwartete, krönt das das Erlebnis, sicher, und es befriedigt die Eitelkeiten von Leuten, die mit EUREM Erfolg aber auch rein gar nichts zu tun haben. Wagners zum Beispiel.
Zieht Euer Ding durch. Macht die Spiele. Und bleibt bis zur Abschlussfeier.

Um ehrlich zu sein, ich beneide Euch. Zu gerne wäre ich in meinem Leben einmal nach Olympia gefahren, wäre unter der deutschen Fahne, wie die Athleten aller anderen Nationen, einmarschiert, hätte Menschen kennenlernen wollen aus vollkommen anderen Disziplinen und zu Gelegenheiten, die es so nie gegeben hätte. Hätte dabei sein wollen, wenn sich die Welt trifft, zum friedlichen Wettstreit.
Mit Russen, Aserbaidschanern, Leuten aus Obervolta, Venezuela und Samoa einen Toast ausgebracht... Leider habe ich mich nie dazu aufraffen können, besonders sportlich zu sein, und/oder meine Sportart zu finden.
Nehmt diesen Neid, und seht ihn als Bewunderung, als Wertschätzung, als meinen Stolz auf Euch. Macht Euer Ding, egal was passiert. Ich bin schon stolz auf Euch. Und wenn ganz Deutschland schimpft "wie schlecht die Leistungsverweigerer doch sind", meinen Respekt für Euch können die Euch nicht mehr nehmen.
Und ach ja: Habt verdammt noch mal Spaß in London.

Euer Ace

Freitag, 4. November 2011

How to deceive german people...

Also, Leute, ich weiß ernsthaft nicht, wo ich heute anfangen soll.
Ich weiß wirklich nicht, wo ich thematisch hinsteuern soll.
Und ich weiß echt noch nicht, wie weit ich es heute führen soll.

Fangen wir mit dem Thema an, über das ich ursprünglich posten wollte:
Mittagstisch. Diskussion. Zufällig erwähnt: "Pluto ist ja kein Planet mehr."
Da kriege ich zu hören: "Ja, aber dieser andere Planet im Planetoidengürtel, der größer als der Mond ist, der soll ja Planet werden."
"Wo? Im Asteroidengürtel?" "Ja." "Größer als der Mond?" "Ja." "Du meinst nicht Ceres?"
"Nein, das kam im Fernsehen. Den haben sie neulich erst entdeckt."
"Das ist unmöglich." ... ... ... "Du weißt auch nicht alles besser, und es kam im Fernsehen."
...
"Das ist trotzdem unmöglich. Ein Objekt dieser Größe müsste schon vor Jahrtausenden entdeckt worden sein. Sieh dir Ceres an. Eintausend Kilometer groß, und seit Ewigkeiten bekannt."
"Aber es kam im Fernsehen in so ner Sendung. Man konnte ihn vorher nicht sehen, weil er so eine Oberflächenstruktur hat. Er wurde jetzt erst entdeckt."
"Sieh mal, ein Objekt größer als der Mond, das sich im Planetoidengürtel befindet, reflektiert Sonnenlicht und wird damit sichtbar. Ceres hat man so entdeckt. Wenn das Ding größer als der Mond ist, dann hätte man deinen Planeten noch vor Ceres entdecken müssen."
"Aber es kam im Fernsehen. Du weißt auch nicht alles besser. Die werden ja keinen Quatsch erzählen."
"Das ist trotzdem unmöglich. Du meinst sicher den neuen Planeten, den man in der Oortschen Wolke hinter Pluto entdeckt hat..."
"Nein, im Planetoidengürtel. Kam im Fernsehen. Und jetzt halt die Klappe."
...sacken lassen.

Also, hier noch mal zum Mitschreiben: Der Astronom Florian Freistetter, der auf Scienceblogs.de das Astrodicticum Simplex betreibt, ein Blog, der Astronomie Laien erklärt und näher bringt, hat vollkommen Recht. Die Existenz dieses Planeten, der angeblich im Planetoidengürtel existieren soll, erfordert Glauben. Wissenschaft aber erfordert Wissen. Mit einigen schlichten Beobachtungen, ein wenig Fachliteratur und gesundem Menschenverstand wäre mein Gesprächspartner von selbst darauf gekommen, dass ihm das Fernsehen - schade, dass ich den Sender nicht weiß - gequirlte Scheiße erzählt hat.
Florian hatte und hat zuerst mit dem Kometen Elenin zu kämpfen gehabt, der wahlweise aus hochverdichteter Masse eines Neutronensterns bestehen sollte, oder selbst ein Brauner Zwerg sein sollte (weil Idioten Koma und Schweif des Planeten für genauso fest hielten wie Sonnenmasse, dabei ist sie gasförmig und flüchtig), oder eben ein Vorbote von Nibiru, der schon im Dezember nächsten Jahres die Erde treffen soll, und das auf einer Bahn, für die er dreitausendsechshundert Jahre braucht... Was 1) eine sehr exzentrische, ellyptische Umlaufbahn erfordert, und 2) bedeutet, er müsste, um nächsten Dezember der Erde auch nur nahe zu kommen, bereits auf Höhe der Jupiterbahn sein.
Wäre das Objekt tatsächlich so groß wie ein Brauner Zwerg, und damit locker zwanzigmal so Massereich wie der Jupiter, hätten wir schon einen zweiten Mond am Himmel, alleine weil er Sonnenlicht reflektiert.
Klingt das soweit für alle logisch? Gut, okay. Und für alle, die jetzt rufen, Nibiru sei nur im Infrarotbereich zu erkennen, bzw. er absorbiert Sonnenstrahlen, eine Gegenfrage: Wenn da plötzlich ein riesiger schwarzer Fleck durchs Sonnensystem wandert, der Sterne verdeckt, meint Ihr, der fällt nicht auf?

Summa summarum verhält es sich auch mit dem Planeten, von dem das Fernsehen behauptet hat (Oh, ich WILL wissen, welcher dämliche Sender das war!!!), er wäre größer als der Mond und befände sich im Planetoidengürtel: Ein Ding, das so groß ist, erreicht fast die Größe des Mars. Zwar ist der Planetoidengürtel noch weiter entfernt als Mars, aber trotz der höheren Entfernung wäre er das hellste Objekt im Gürtel und wäre ohne Mühe bei der richtigen Konstellation mit bloßem Auge zu sehen.
Und auch wenn er Licht absorbiert, d.h. kein Sonnenlicht reflektiert, aus welchen Gründen auch immer, würde man ihn spätestens dann entdecken, wenn er Sterne verdeckt.
Also, Leute, bitte, bitte, bitte. Das ist Kreationismus, das ist Glaube statt Wissenschaft. Das ist Schwachsinn. Schaut zum Himmel und guckt nach, ob da irgendwas zu finden ist.
Und an meinen Gesprächspartner gerichtet: Glaub nicht jeden Scheiß, den Du im Fernsehen siehst, und verbiete mir nicht den Mund, nur weil Dir meine Antwort unbequem ist. Letztendlich weiß ich nicht annähernd so viel über Astronomie wie Florian Freistetter, aber unter den Blinden ist der Einäugige König.


Nächstes Thema. Es ist lange her, dass ich mich über GMX.de/Web.de aufgeregt habe. Heute ist es mal wieder so weit.
Die Redaktion schreibt unter dem Titel Deutsche für Euro-Aus Athens bei Sparverweigerung: "Die große Mehrheit der Deutschen ist für einen Austritt Athens aus der Eurozone, sollten die Griechen bei einem Volksentscheid gegen das internationale Hilfsprogramm stimmen. 82 Prozent sprechen sich im aktuellen ARD-Deutschlandtrend für das Euro-Aus der Hellenen aus."
...sacken lassen.

Leute, ich kann hier zwei Dinge nicht glauben. Das eine ist, dass hier wirklich suggeriert wird, dass Griechenland aus dem Euro aussteigen KANN; das andere, dass deutsche Politiker das für eine LÖSUNG halten.
Und noch ein Punkt stößt mir dabei sehr sauer auf: BILD. Natürlich ist es die BILD-Berichterstattung, die Fähnchen nach dem Wind-Merkel dazu gebracht hat, nach Atom-Umstieg und Minderlohnschwenk nun vom alternativlosen Retten von Griechenland auf den RAUS! RAUS! RAUS!-Zug aufzuspringen.
...sacken lassen.

Leute, mal ganz ehrlich. Griechenland hat knappe elf Millionen Einwohner. Das Bruttoinlandsprodukt beträgt lt. Wikipedia 230 Milliarden Euro pro Jahr.
Zum Vergleich: Deutschland macht bei 82 Millionen Einwohnern fast 3,3 Billionen!
Oder um es mal in Worte zu fassen: Für eine Million Steuergelder, die Griechenland generiert, generieren wir zwei! Wir sind reicher als unser beliebtes südländisches Urlaubsland, erheblich reicher. Nicht nur ein bisschen reicher, sondern RICHTIG reicher. Und wir sind nicht die einzigen EU-Motoren. Sonst wäre das eine traurige Sache, das Vereinigte Europa.
...sacken lassen.

Natürlich läuft nicht alles rund in Griechenland. Gerade erst in den Siebzigern Demokratie geworden, ist der Staat recht jung. Korruption ist ein riesiges Problem. Beamte, die nicht existieren, Rentner, die nicht existieren und Tote, die Rente beziehen, sind für das erheblich geringere Budget Griechenlands ein Riesenproblem. Da muss was getan werden. Da muss aufgeräumt werden. Und man fängt am Besten z.B. in den Krankenhäusern an, wo man nur behandelt wird, wenn man sein Schmiergeld für den Arzt abgibt. Sicher. Aber das sind interne Probleme, die die Griechen bitte auch selbst regeln.
Okay, bleiben die großzügigen Beihilfen Deutschlands und anderer europäischer Staaten. Was ist damit?
Nun, ich misstraue Muberkel, dass wissen alle meine Blog-Leser. Und ich misstraue vor allem einer Hilfe, die vertraglich verlangt, das Griechenland von den Hilfsgeldern stantepede für ein paar Milliarden Euro deutsche U-Boote kauft. Was soll denn der Scheiß? Ich dachte, das Geld soll Griechenland helfen, und nicht Deutschen Werften? Muberkels Politik ist das.
Und jetzt kommt die Crux: Wofür ist das Geld da? Soll es die Infrastruktur verbessern? Fließen daraus Gehälter für Spezialisten, die Korruption bekämpfen? Werden wichtige Firmen wettbewerbsfähig gehalten, und damit Arbeitsplätze gesichert?
...sacken lassen.

Nun, es gibt da ein paar Banken, viele davon europäische Banken. Auch deutsche. Griechische sind, ehrlich gesagt, auch dabei. Die haben Griechenland geholfen, besser auszusehen als sie eigentlich dastanden, und ihnen damit den Sprung in die Währungsunion erleichtert. Und das war auch gut so, denn ich sehe einerseits in einem Land wie Griechenland in keinem Fall eine große Nagelprobe für eine Staatengemeinschaft von fast dreihundert Millionen Menschen, und andererseits kommt es auch deutschen Urlaubern zugute, die im Urlaub mit Euro bezahlen können.
Peter Scholl-Latour hat gesagt, es sei Quatsch, Griechenland zu "opfern" und den Euro politisch angreifbar zu machen, nur weil ein so kleines Land wie Griechenland in überschaubaren Schwierigkeiten steckt.
Zurück aber zu den Banken. Griechenland wurde ein rigoroser Sparkurs verpasst. Das mag auf den ersten Blick sinnvoll erscheinen. Haben die doch alle über ihre Verhältnisse gelebt, die Pensionskassen und Rentenkassen leergefressen, und dergleichen - zumindest wenn man BLÖD glaubt. Aber was macht dieser rigorose Sparkurs? Warum demonstrieren so viele Menschen in Athen? Wieso wollen die nicht zum eigenen Wohl sparen? Trauern sie dem Geld nach, das die nichtexistenten Beamten bekommen haben, und das ihnen nun fehlt? Mussten sie jetzt doch Opa als verstorben abmelden und kriegen keine Rente mehr für ihn? Oder... sieht es vollkommen anders aus, und sorgt der rigide Sparkurs dafür, dass - japs - der sich selbst regulierende Markt plötzlich Arbeitsplätze KOSTET, weil die Sparmaßnahmen jeden vernünftigen Unternehmer kleine Brötchen backen lässt, bis die Krise vorbei ist?
Griechenland spart sich kaputt, aber nicht auf Kosten derer, die dort das Geld haben, die berühmten fünf Prozent. Auch nicht so sehr auf Lasten korrupter Ärzte, Richter, Rechtsanwälte, und was weiß ich noch. Nein, auf dem Rücken der Masse. Und glaubt mir, achttausend Renten, die an tote oder nichtexistente Personen ausgezahlt wurden, reichen nicht für elf Millionen korrupte Griechen.
...sacken lassen.

Und wenn wir schon mal dabei sind: WER kriegt eigentlich das Geld, das die EU zur Euro-Rettung zur Verfügung stellt? WER profitiert? Griechenland? Die Griechen? Die griechische Regierung? BILD? Nur eine Antwort ist richtig.
Aber es profitiert noch jemand. Hierzu ein kleines Rätsel: Wo hat das Land die meisten Verpflichtungen, d.h. die meisten Zinsforderungen, die es mit den Krediten aus Euro-Land fleißig bedienen muss, damit das Geld weiter fließt?
*trommelwirbel*
Richtig! Bei AUSLÄNDISCHEN BANKEN, darunter auch deutsche Banken! Dieser ganze Knüppelkurs, zur Schicksalsfrage für den Euro hoch gepusht, ist nichts weiter als eine Subvention für unsere eigenen Banken. Und das auf Kosten, des - zugegeben - korrumpierten Staates Griechenland, aber vor allem auf dem Rücken der kleinen Leute.
Das ist das Knochenxylophon, auf dem Muberkel und BLÖD gerade spielen.
...sacken lassen.

Und jetzt die Crux des Themas. Die europäischen Staaten und damit auch Griechenland haben rechtsgültige Verträge abgeschlossen. Weit reichende Verträge. Viele Verträge. Haben Rechte und Pflichten auf sich genommen.
Glaubt hier irgendjemand, Griechenland könnte einfach so zur Drachme zurückkehren? Glaubt hier irgendjemand, nur weil eine obskure Umfrage behauptet, die meisten Deutschen wollen Griechenland aus der Eurozone kicken, das hätte auch nur die geringste Auswirkung auf die Politik?
Glaubt hier noch irgendjemand, dass wenn Muberkel irgend etwas als "alternativlos" bezeichnet, dass es keine Alternativen gibt?
Nein, das geht alles nicht. Aber schreien tut sie ja, die Frau Doktor. Ach, wäre sie doch nur in der Physik geblieben. Dort kann man Macht-Politiker, die ihr Fähnchen nach dem Wind drehen, sicher noch gut gebrauchen...

Mein Fazit: Retten sieht anders aus. Größter Schwachsinn aus den Stuben des Turbokapitalismus und aus dem Schwarz/Gelben Regierungssumpf.
Mein Rat: Entweder die Zügel schleifen lassen und Griechenland zu einer Wirtschaft verhelfen, die ihre Verpflichtungen eines Tages begleichen kann, oder ein radikaler Schuldenschnitt. Trifft dann ohnehin nur die Banken, die überhaupt eine Mitschuld am Griechenland-Desaster haben.
Was den Schuldenschnitt angeht: Keine Angst vor dem Staatsbankrott. Staaten überleben sowas. Und ein so kleines Land wie Griechenland mit einem so kleinen Bruttosozialprodukt reißt uns nicht mit in den Untergang.

Aber, man fragt sich zu Recht, warum dafür Geld da ist, und in Deutschland Menschen beinahe schon zwei Jobs brauchen, um ihre Familien über Wasser zu halten.
Die Antwort steht weiter oben. Das Geld ist ja nicht für die Griechen, sondern für deutsche Banken. Und für ein paar versteckte Subventionen hat Schwarz/Gelb doch immer Zeit und ein paar Milliarden übrig...
Anstatt den Banken das Geld und die Zinsen in den Arsch zu schieben, wäre eine Übernahme der Schulden und eine Verringerung der Zinslast angebracht. Daran würde Deutschland noch sehr gut verdienen. Aber dann könnte man die Banken ja nicht versteckt fördern.
Und das erklärt auch unser bröckelndes Sozialsystem: Deutsche Staatsbürger, ob mit oder ohne Hartz IV, sind keine Banken.
...sacken lassen.


So, genug geschrieben. Das reicht definitiv für einen Eintrag. Und es reicht für mich, um mich zu ärgern.
Das nächste Mal hoffe ich, dass Lettland pleite geht. Nicht, dass ich den Letten Böses wünsche... Aber wer wie ich gefühlte fünfzig Mal Griechenland geschrieben hat, der weiß, was ich meine. ^^°°°

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Irre! BILD wundert sich über Kapitalflucht der Griechen ins Ausland.

Und suggeriert, wenn ich das richtig gelesen habe, dass die Griechen, die ihr Geld kurz vor dem Bankenkollaps "in Sicherheit" bringen, ihr Privatvermögen nicht ins Ausland schaffen dürfen, weil es ja "Griechen-Geld" ist, und das soll gefälligst im Land bleiben. Warum, frage ich mich. Soll das Geld verstaatlicht werden, um griechische Schulden zu bezahlen?
Hm, Deutschland hat auch Staatsschulden, daher finde ich diese Idee der BILD gar nicht mal so schlecht. Warum nicht auch hier? Verstaatlichen wir doch am Besten das Vermögen des Vorschlagenden, um unser Staatsdefizit auszugleichen. Ich meine, wenn BILD schon mal so eine Idee in den Raum stellt, dann ist dem deutschen Steuerzahler das Vermögen der Axel Springer AG mehr als willkommen.
...sacken lassen.
Einmal unabhängig davon betrachtet, wie die rund zweihundert Milliarden Euro zustande gekommen sind, ob es sich um die Privateinlagen der Kleinsparer handelt, oder um die eine oder andere Milliardärs-Million, grundsätzlich ist gegen die Verschiebung des Geldes, z.B. in die Schweiz rechtlich nichts zu sagen. Mag sein, dass hier die Superreichen Griechenlands, die die berühmten fünf Prozent ausmachen und eine Mitschuld an der griechischen Staatskrise tragen, ihr Geld retten wollen.
Mag sein, dass korrupte Ärzte, Anwälte, Architekten, Vorarbeiter, Vorstandschefs, Besserverdiener und Polizisten - auch die nicht korrupten - ihr Scherflein aus griechischen Banken heraus transferieren, bevor sie den Abflug machen, also die Banken jetzt.
Und mag auch sein, dass besagte Banken pleite gehen, weil ihnen nun zweihundert Milliarden fehlen: Es ist nicht strafbar. Korrupt zu sein durchaus. Aber sicher nicht, sein Geld ins Ausland zu schaffen.
Nach deutschem Recht muss auch im Ausland gewonnenes Vermögen in Deutschland versteuert werden. Ich denke, Griechenland ist da nicht viel anders. Wenn die Griechen also ihre Auslandsvermögenswerte gründsätzlich bei der Steuer korrekt angeben, sehe ich hier nur einen Grund für einen Bericht, nämlich dass dieser Aderlass der Banken die Wirtschaft weiter schwächen wird.

Abgesehen davon hält Egghats Blog eine Obergrenze für zweihundertachtzig Milliarden Euro griechisches Auslandsvermögen für realistisch.
Das macht etwa vier Fünftel des Brutto-Inlandsprodukts aus.
Das Geld, über das BILD also berichtet, wird nicht gerade im Moment ins Ausland geschafft, sondern wurde dort schon zuvor investiert. Solange diese Vermögen angemeldet sind, und die Steuern auf die Verzinsung entrichtet wird, ist auch hier alles im grünen Bereich, (Egghats Blog hält etwa 2,6 Milliarden Euro Schwarzgeld für möglich) und es bleibt wieder nur der von mir identifizierte Wunsch der BILD, privates Vermögen zu verstaatlichen. Nicht unbedingt das der Superreichen, nicht die Vermögen der Korrupten (Griechenland hat sehr unter der über Jahre etablierten Korruption zu leiden), nein, es muss das Vermögen "der Griechen" sein.

Es wurde über Griechenland viel geredet und viel diskutiert, und die BILD hat dabei viel gehetzt; zwei ihrer Schmierfinken, die man auch noch Journalisten nennen muss, haben für ihre Hass- und Panik-Kampagne auch noch einen Preis bekommen. Aber zu fordern, dass Privatvermögen herhalten sollen, um Staatsschulden auszugleichen... Ist das nicht durch und durch und in jeder Form... Kommunistisch? Wandelt sich also die alte Mitte-Rechts-Einpeitscherin BILD jetzt in das Kampfblatt der Weltrevolution?
Wohl eher nicht. BILD reitet alles, was sie satteln kann, und wie immer ist sie sich für kein Thema zu schade. Schade ist einzig und allein, dass es Leute gibt, die ihr alles nachplappern.
...sacken lassen.

Bringen wir es mal auf den Punkt. Griechisches Schwarzgeld im Ausland bedeutet die gleichen Probleme wie für Deutschland. Es wird nicht versteuert, der Staat, und damit der Bürger, hat nichts davon. Angemeldetes griechisches Vermögen im Ausland hingegen wird versteuert, der Staat kriegt seinen Anteil, und leistet somit seinen Teil für die Entschuldung des Staates. Griechisches Kapital im Ausland würde auch ein Bankensterben überstehen und hinterher dem Staat weiterhin frisches Kapital einbringen. Und das scheint die einzige Überlebensstrategie für Griechenland zu sein, das von amerikanischen Rating-Agenturen niedergeratet wird, durch Put-Optionen der Investoren-Haie beschossen wird, und dann auch noch schlechte, ungerechte und einseitige Presse kriegt. In Deutschland zum Beispiel, durch die Axel Springer AG.
Um es mit den Worten von Peter Scholl-Latour zu sagen: "Griechenland ist nicht groß und wichtig genug, um deshalb den Euro zu riskieren."
Ich neige dazu, eher diesem großen Journalisten zu vertrauen als den Tintenklecksern von BILD mit ihren Endzeitszenarien.


Und wenn ich schon mal dabei bin: FOODWATCH steht in der Zeitung, und ich finde absolut keinen Grund, die Organisation für ihre neuesten Ansichten zu kritisieren.
Wenn FOODWATCH sich dagegen ausspricht, dass Stiftungen und Fonds in der Lebensmittelbranche investieren und damit Hedgefond-Managern das Kapital in die Hand geben, um Lebensmittel weltweit durch die im Ölgeschäft leidlich bekannten Verbrechen namens Termingeschäfte zu verteuern, und damit Hungersnöte auslösen, dann kann ich FOODWATCH nur Recht geben. Auf der einen Seite gibt es genügend Lebensmittel für alle, aber internationale Finanzwilderei treibt die Preise so in die Höhe, dass die Menschen im Angesicht der Reissäcke verhungern, weil sie sie sich nicht mehr leisten können.
Es ist nicht das erste Mal, dass mit Termingeschäften Nahrung künstlich verteuert wird und z.B. afrikanische Staaten in soziale Unruhen geworfen werden, weil die Rendite wichtiger war als die Menschen. Erst 2008 haben wir das erlebt. Bitte nicht noch mal. Termingeschäfte an sich müssen global verboten werden.

Was ist ein Termingeschäft? Hm, ich bin kein Ökonom, wohl aber Kaufmann, deshalb mein kurzer Abriss zum Thema.
A kauft Erdöl, sagen wir von B. Es geht um die Summe X. Aber das Erdöl wird erst in der Zukunft wirklich gekauft und bezahlt werden. Bis dahin ist es nur in der Bilanz verkauft worden. Aber in der Öl-Produktion des Landes von B wird das Erdöl schon als verkauft heraus gerechnet. Was passiert also: Das Öl ist noch nicht einmal gefördert, geschweige denn bezahlt, aber die Summe X fehlt bereits in der Produktion.
Was wissen wir aus dem kaufmännischen Unterricht? Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Das Angebot wurde um die Menge X verringert, zwar noch nicht bezahlt und auch nicht ausgeliefert, aber das ist dem Markt leider egal. Das Angebot sinkt bei gleicher Nachfrage. Ergebnis: Der Preis steigt.
Nun bezahlt A das Öl und verkauft es für den künstlich erhöhten Preis weiter. Schon hat er durch das Termingeschäft einen besseren Gewinn gemacht.
Natürlich gibt es bei Termingeschäften das Risiko, dass genau das Gegenteil geschieht, nämlich das der Preis fällt, und A das schlechte Geschäft macht. Aber je mehr finanzstarke Investoren sich den Termingeschäften anschließen, desto mehr sinkt die Ölmenge auf dem Markt, und desto höher klettert der Preis.
Das ist mit uns und dem Erdöl in den letzten Jahren geschehen.
So war es aber auch 2008 bei den Lebensmitteln, und so wird es augenscheinlich 2011 wieder bei den Lebensmitteln sein.
Wenn wir Termingeschäfte also verbieten, dann verhindern wir eine künstliche Verknappung der Rohstoffe, und damit eine künstliche Erhöhung der Preise, die wir alle auszugleichen haben. Schätze, es wird Zeit für die Politik, ein paar der Kapitalisten-Haifische da draußen zu schlachten...