Dienstag, 9. Februar 2010

Obama vs. Palin. Palin?

Ja, ja. Da ist der gute Barack Hussein Obama gerade mal ein geschlagenes Jahr im Amt, und schon versuchen die Republikaner, die rechten Medien, die wirklich miesen Verlierer bei Fox TV und sogar das eine oder andere Presseprodukt bei uns, dem beliebten Präsidenten das regieren madig zu machen.
Haben die Leute ihm nicht zugehört? Er hat ja nun nicht gerade verschwiegen, dass es schwer werden würde, den Trümmerhaufen wieder zu kitten, den Dubia hinterlassen hat. Halten sie nichts von seinen Erfolgen sowohl bei der Popular Vote als auch bei seinem überwältigenden Überhang der Wahlmänner? Immerhin hat er nicht nur das Ausland acht Jahre Bush vergessen lassen, den Friedensnobelpreis erhalten, bevor er überhaupt die Chance hatte, mit irgend jemandem Frieden zu schließen, ein Konzept für Guantanamo, den Irak und Afghanistan erarbeitet (und musste dabei dummerweise den Konservativen mehr Zugeständnisse machen als für seine Politik gut ist), und ist auf dem besten Wege, zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte eine gesetzliche Krankenkasse einzuführen.
Nein, der Mann ist auch äußerst souverän. Egal ob ein ausfallender Teleprompter oder eine angreifende Fliege, der Mann bleibt sachlich, ruhig und konsequent.
Na, es wäre ja auch zu viel verlangt, von den Betonköpfen, die die Kriege ANGEFANGEN haben, die Obama jetzt aufräumen muss zu erwarten, ihm erst mal eine CHANCE zu geben, bevor sie ihn als gescheitert, unfähig und schwarz hinzustellen...

Stattdessen setzt die konservative Klientel, die in den USA durchaus mit dem Republikanern eins zu eins gleich zu setzen ist, auf einen ganz besonderen Gegner, der bereits 2008 gegen Obama den Kürzeren gezogen, Verzeihung, gegen ihn erfolgreich angetreten ist und Zweiter wurde: Die Ex-Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin.
Richtig. Genau die, die sich als "Hockey Mom" produzierte, und von richtigen Hockey Moms dafür abgestraft wurde. Die Frau, die meinte, sie hätte außenpolitische Erfahrung, weil sie "Russland von meinem Heim aus sehen kann". Was, nebenbei, geographisch unwahrscheinlich ist.
Die Frau, deren Tochter ein uneheliches Kind hat, was eigentlich alle Konservativen und Republikaner in den USA mit krebsroten Gesichtern auf die Barrikaden treiben müsste.
Die Frau, die nicht mehr Gouverneur von Alaska ist, und sich stattdessen einen hoch bezahlten Posten von Fox in der Hauptstadt hat zuschustern lassen. Der Eindruck, sie würde gegen Obama in Stellung gebracht, drängt sich geradezu auf, wenn man bedenkt, wie die Murdoch-Medien in letzter Zeit gegen ihren eigenen Präsidenten vorgegangen sind.
In diesem Zusammenhang muss man auch ihren Auftritt beim Tea Party Congress sehen, einer losen Veranstaltung konservativer (und wahrscheinlich republikanischer) Kräfte, die etwas über sechshundert Dollar für drei Tage bezahlten, nur um am letzten Tag ihre große Hoffnung reden zu hören.
Aber ausgerechnet diese große Hoffnung erlaubte sich auf der Tea Party einen Fauxpas: Sie schrieb sich Stichwörter in die Hand. Doch während The Telegraph das mit einem ungläubigen Kopfschütteln betrachtet, sieht der österreichische Standard darin sogar eine Stärke von Palin. Allerdings glaube ich, kann man da keiner geteilten Meinung sein. Im Zeitalter von Telepromptern und Post it-Zetteln ist "in die Hand schreiben" vollkommen out.

Man sollte meinen, dass Barack Obama als hart arbeitender und vom Volk unterstützter Präsident einen solchen Gegner nicht zu fürchten braucht, was ihm auch zu wünschen wäre. Aber leider wäre sie in diesem Jahrhundert bereits Nummer zwei, die einfach nur mit Medienmacht, viel Geld und von den monopolisierten, Bundesstaaten übergreifenden Medien protektiert um das Weiße Haus kämpft. Ein Nicht-Präsident im Weißen Haus reicht eigentlich. Warum wollen Leute wie Murdoch unbedingt einen zweiten? Die Antwort auf diese Frage wird wohl jeder von uns für sich selbst finden müssen.

Es gibt allerdings einen Hoffnungsschimmer bei der Geschichte: Barack Obama wurde nicht gewählt, weil er die großen Medien auf seiner Seite hatte, sondern weil seine Anhänger von Tür zu Tür gingen und für ihn warben. Weil sein Vater schwarz ist. Weil er einen Wechsel versprach und die Trümmer der Bush-Regierung weg räumen wollte. Die Chancen stehen gut, dass diese breite Basis ihn mit jedem seiner Erfolge mehr unterstützt. Zu wünschen wäre es ihm, und vor allem uns, dem "Alten Europa". Vergesst nicht, Leute, in der Nordsee ist Erdöl!

Montag, 8. Februar 2010

Eine Blume in der Wüste ist wie ein Einsichtiger in der CDU.

...selten und kostbar.
Leser meines Blogs wissen, dass ich gegenüber CDU und FDP ein eher launisches Verhältnis pflege. Das liegt allerdings nur zum Teil an meinem roten Parteibuch, sondern eher an der schwarz-gelben Lobby-Politik, die sie mehr oder weniger heimlich ausführen. Man erinnere sich nur mal an das Steuergeschenk an die deutsche Hotelbranche mit der fadenscheinigen Begründung, Betten würden dann billiger werden. Einfacher wäre es doch gewesen, diese offensichtliche Subvention als Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit zu verkaufen. Immerhin ist Deutschland ein Tourismus-Land. Das darf durchaus gefördert werden, auch ohne das zuvor ein paar Millionen Euro an Parteispenden fließen. (Außerdem, liebe FDP, lässt man sich hinterher von der dankbaren Klientel bezahlen, nicht vorher.)

In diesem Zusammenhang überrascht hat mich der neue Bundesumweltminister Norbert Röttgens. Anstatt die Lobby-Politik der eigenen Partei fortzusetzen und die Atomkraft in den Himmel zu loben (sowie fälschlicherweise als billig und CO2-frei anzupreisen) , bezeichnet er die Atomenergie als Brückentechnologie und fordert dementsprechend eine Abwendung von der Kernenergie, hin zu alternativen und erneuerbaren Energien. Zwar propagiert er auch die Verlängerung der Laufzeiten, aber plädiert- sehr ungewöhnlich für seine Partei - für ein Ende nach vierzig Jahren. Als Grund gibt er unter anderem an, dass die Entsorgung des Atommülls noch immer ungeklärt ist und Atomstrom in der Bevölkerung noch immer auf keine hinreichende Akzeptanz stößt.
Für diese absolute Abkehr von der Kernenergie, zumindest für CDU-Verhältnisse, erntete er gleich Kritik von Unions-Fraktionsvizechef Michael Fuchs, der von Steuerverschwendung beim stillegen funktionsfähiger AKWs zugunsten von Vogelshreddern (in seiner Welt sind damit Windkraftanlagen gemeint) und Subventionsgräbern (in seiner Welt sind das nicht die Atomkraftwerke, sondern Solarkraftanlagen) sprach.
Der außenpolitische Sprecher der Union, Philip Mißfelder, geht da noch einen Schritt weiter und sagt: "Angesichts einer international gegenläufigen Bewegung verliert ein deutscher Alleingang in Sachen Kernenergie mehr und mehr an Logik."

...sacken lassen.

Wollen wir diese Aussagen doch mal analysieren.
Konkreter, vertraglich festgelegter Atomausstiegszeitpunkt ist 2020, für alle existierenden Kraftwerke auf deutschem Boden. Kraftwerke wie Biblis, das älteste AKW auf deutschem Boden, sollten mittlerweile längst abgestellt sein.
Nun kommt Herr Röttgens daher und verpackt seine Laufzeitverlängerung der Kraftwerke auf vierzig Jahre mit den schönklingenden Worten, dass die Brückentechnologie wegen der ungeklärten Atommüllfrage und der geringen Akzeptanz halt weichen muss. Für einen CDU-Mann ist das schon ein enorm mutiger Vorstoß. Allerdings schiebt auch Röttgens damit den Ausstieg nur vor sich her und lässt Tür und Tor offen für den Laufzeitenhandel. Beinahe kommt der Verdacht auf, die Union versuche sich auf diese Weise vor der NRW-Wahl im Mai noch einmal als Atomkraftausstiegspartei zu positionieren. Und nach der Wahl die Sintflut.

Anscheinend hat Michael Fuchs bei der entsprechenden Besprechung nicht zugehört, sonst würde er nicht Laufzeitverlängerungen "nach internationalem Vorbild" auf sechzig Jahre fordern, und die Alternativen Windkraft und Solarenergie mit markigen, herabwürdigenden Schimpfwörtern belegen. Und anscheinend ist es ihm egal, dass Atomkraft zweimal bezahlt wird: Einmal an der Steckdose, und einmal durch enorme steuerliche Subventionen.
Nebenbei gesagt, hat er allerdings auch keine Idee, wo der Atommüll hin soll.

Auch Philip Mißfelder war an dem Tag anscheinend nicht da, sonst hätte er nicht einen derart dummen Satz gesagt wie jenen, in dem er auf den internationalen Trend pocht.
Alle anderen Kinder springen von der Brücke, also müssen wir das auch? Ich bitte Sie, Herr Mißfelder, wir sind ein Land der Innovationen. Wenn wir als große Industrienation als erste ohne Atomstrom auskommen und aufhören, extrem heißen Müll zu produzieren, nehmen wir auf diesen Technologiesektionen eine Vorreiterstellung ein, die sich gewaschen hat. Vollbeschäftigung und Milliardeneinnahmen an Steuern sind die Folge, je weiter wir diese Vorreiterstellung ausbauen können. Aber Ihnen ist es ja lieber, die teure und problematische Kernkraft zu betreiben, den großen Energiekonzernen Subventionen zu zahlen und weiter mit dem Atommüllproblem zu kämpfen. Nämlich weil alle anderen es auch tun. Was für eine schwache Aussage.


Ich treffe jetzt mal eine meiner seltenen Prognosen. Und ich bin sehr gespannt ob sie eintritt.
Nach den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen wird, egal ob die CDU gewinnt oder verliert, Kanzerlin Angela Merkel einerseits von der Atomkraft nicht mehr als "Brückentechnologie" sprechen und sich andererseits auf eine Laufzeit von vierzig Jahren einschießen - mit der Option, sichere Kraftwerke nach eingehender Prüfung weiter laufen zu lassen, solange sie sicher bleiben.
Eigentlich keine Prognose, sondern eine simple Extrapolation. CDU halt.

Freitag, 5. Februar 2010

6 vor 9 ist mein Ding.

Alle, die regelmäßig meinen Blog aufsuchen, um meine recht häufigen Einträge zu lesen - ja, ich rede von Euch dreien - wissen, dass ich ein regelmäßiger Leser auf Bildblog.de bin, der nicht nur Bild kritisierenden Blogseite. Dort verfolge ich dankbar die tägliche Rubrik 6 vor 9, in der sechs aktuelle Internetlinks vorgestellt werden, die von medialem Interesse sind. Einige meiner Blog-Einträge basieren auf diesen Links, und haben schon die eine oder andere Reaktion erzeugt. *seufz*

Heute möchte ich wieder auf Bildblog und 6 vor 9 eingehen, allerdings ohne einen großen Blogeintrag drum herum zu schreiben. Zwei Themen haben es mir heute angetan.

1) Die Geschichte um eine Verwechslung. Wie aus Hörensagen und einem Facebook-Diebstahl aus Neda Agha-Soltan Neda Soltani wurde - und wie vehement die Massen ihrer eigentlichen "Heldin" zugunsten der fehlerhaften Verbreitung von Soltanis Foto die Gefolgschaft verweigerten.
Als Blogger, der sich zumindest bemüht, etwas zu recherchieren und bei den Fakten zu bleiben, möchte ich der armen Frau Neda Soltani auf diese Weise helfen, indem ich den Link zu ihrer Geschichte verbreite - und damit Neda Agha-Soltan endlich zu ihrem Recht kommt.

2) Ein Standard-Vertrag für Laiendarsteller in einer gewissen Real Live-Soap, nennen wir sie "Schluss mit Hotel Mama". Oder: "Wie Dir nichts außer der Unterhose bleibt. Ach nee, das Muster gefällt uns, die wollen wir auch."
Da frage ich mich wirklich, ob das die Konsumenten dieser Serien nicht zu Mittätern macht...

Donnerstag, 4. Februar 2010

Raider heißt jetzt Twix - und Nacktscanner heißen jetzt Körperscanner, sonst ändert sich nix!

Ehrlich gesagt war ich schon etwas verwundert, als ich heute die LDZ aufschlug, die Tageszeitung meines Vertrauens. Allerdings hat es bis eben gedauert, bis ich dahinter kam, was mich störte.
Im Artikel kamen ein Sicherheitsbeauftragter des Frankfurter Flughafens und der Innensenator Hamburgs, Christoph Althaus, zu Wort, die den Einsatz von Nacktscannern erheblich befürworteten. Das hat eigentlich schon gereicht, um genügend Stoff für meinen Blog her zu geben.
Dann aber fiel mir auf, dass das einschlägige Jargonwort "Nacktscanner" im Artikel vollkommen vermieden wurde. Dieses - zugegeben - sehr negative Wort für die neue Sicherheitstechnologie soll also genauso aus der Diskussion verschwinden wie dazumal Raider, oder in der neueren Zeit das Wort Schweinegrippe?
Vielleicht hat Twix sich für die leckeren Keks-Karamell-Schokoriegel durchgesetzt. Schweinegrippe wurde in den Medien jedoch nur äußerst selten H1N1, Neue Grippe, Mexikanische Grippe oder Nordamerikanische Grippe genannt. Ebenso wenig wird sich "Körperscanner" für den Begriff "Nacktscanner" durchsetzen. Und damit ist die Problematik bereits auf den Punkt gebracht.
Während die Flughafensicherheit und Herr Althaus die neue Technologie unbedingt wollen - leider kann ich nicht auf ein Printmedium verlinken - und die Zeitersparnis loben, betonen die Kritiker immer noch den Angriff auf die Menschenwürde, der mit dieser Technologie in Kauf genommen wird. Der Bundestagsdatenschutzbeauftragte Peter Schaar sagt dazu: "Ich habe bisher noch kein Gerät gesehen, das die Persönlichkeitsrechte wahrt."
Unser Innenminister in Niedersachsen, Herr Schünemann, bläst jedoch in ein anderes Horn. In einem Focus-Artikel fordert er zwar zuerst, dass die Profilsuche (wie am israelischen Flughafen Tel Aviv üblich und höchst erfolgreich - Anm. d. Autors) vor der Nacktscannertechnologie stehen müsse, betont aber, dass ein Nacktscan nicht so ehrverletzend sei wie z.B. die am Flughafen übliche Leibesvisite oder gar die Fälle, in denen sich Passagier ganz entkleiden müssten.
Zugegeben, in dem Punkt hat Herr Schünemann Recht - aber er unterschlägt, dass für das Entkleiden ein konkreter Verdachtsfall vorliegen muss.

Fazit: Tolle Idee, der Scannertechnologie ein besseres Image als Heilsbringer zu verpassen, ihren Namen auf etwas weniger anrüchiges ändern zu wollen und die Sicherheit in den Vordergrund zu stellen.
ABER die Diskussion geht in die vollkommen falsche Richtung. Denn wir wissen ja spätestens seit der Markus Lanz-Sendung zum Thema, dass die neue Technologie ein Totalversager ist.
Und selbst wenn sie so sehr verfeinert wird, dass sie tatsächlich auch auf die Haut geklebte Zünder entdeckt - wer hindert die Terroristen daran, ihr Handwerkszeug im Körper zu tragen?
Das wäre dann Terrorismus für'n Arsch, zugegeben. Aber effektiv.
Also, die Technologie FUNKTIONIERT einfach NICHT. Dafür Milliarden auszugeben, um den Flughafenbetreibern Absolution für vollständige Sicherheit zu erteilen und den Fluggästen eine Placebo-Sicherheit zu bieten, halte ich für vollkommen übertrieben.
Es gibt weitaus bessere Ansätze, und die kosten nicht einmal einen Bruchteil dessen was diese Unsinnskabinen kosten sollen.
Und wie wir ja alle wissen: Auch im Falle unseres verhinderten nigerianischen Selbstmordbombers hat die Nacktscannertechnologie komplett versagt. Denn der niederländische Flughafen Schiphol, von dem er gestartet ist, hat bereits fünfzehn Nacktscanner im Einsatz. Leider ist der ursprüngliche, von mir in einem früheren Blog-Eintrag gesetzte Link zum entsprechenden Artikel mittlerweile tot, aber die Süddeutsche Zeitung berichtete bereits 2008 über die Nacktscanner, die auf Schiphol im Einsatz sind - und der Link ist nicht gelöscht.

Ich kann es nicht oft genug sagen: Sprengstoffdetektoren sind weit sinnvoller als Nacktscanner, denn die finden auch eine Bombe, die im wahrsten Sinn des Wortes für den Arsch ist.

Dienstag, 2. Februar 2010

Bankgeheimnisse für Fortgeschrittene

Willkommen, meine Schüler. Heute wird Euch der große Shifu Ace ein Gleichnis erzählen. Es handelt von zwei Orten, an dem ein und dieselbe Sache unterschiedlich behandelt wird - weil es unterschiedliche Erträge bringt. Es geht um die Sicht der Dinge - und darum, dass es selbst bei banalen Dingen unendlich viele Ansichten geben kann und auch gibt.
Aber fangen wir einfach mal an.

Nehmen wir einen Staat. Er ist klein, er ist abgeschieden und er ist wehrhaft. Diese Wehrhaftigkeit ist der große Stolz des kleinen Staates. Seit ein paar Jahrhunderten steht er alleine, und so will er es auch. Er spielt nicht bei den vermeintlich "Großen" mit, und bisher ist er damit gut gefahren.
Durch dieses Verhalten, diesen Kodex, diese Einstellung, kann sich unser Staat aller Privilegien erfreuen, die er sich zuteilt. Wer sollte ihn auch kontrollieren? Im Gegenteil, seine neutrale Haltung führt eher noch dazu, dass man solche Kontrollen unterlässt, oder ihm in internationalen Verträgen sogar Vergünstigungen einräumt, die andere Staaten nicht bekommen.
Eines seiner größten Staatsschätze ist das Bankgeheimnis. Es ist absolut, dieses Bankgeheimnis. Der Staat sagt, dass jeder Euro, jeder Dollar, jede Rupie und jede Franke, der auf eine seiner Banken eingezahlt wird, absolut vertraulich behandelt wird. Und dieses Versprechen verteidigt er mit Zähnen und Klauen. Von der Oma, die in diesem Staat ihre Spargroschen einlagert, über den Terrorist, der hier seinen Auslandsfond unterhält, bis hin zum Steuerhinterzieher - das Geld dieser Leute ist sicher auf den Banken des Staates, da er niemandem Rechenschaft schuldig ist.
Deshalb hat dieser Staat im Thema Bankensicherheit und Verschwiegenheit einen sehr guten Ruf, und wird von Menschen und Firmen aus der ganzen Welt in Anspruch genommen. Das macht das Bankenwesen nicht nur zu einem höchst wichtigen Wirtschaftszweig, sondern auch zu einer enormen Einnahmequelle. Denn selbstverständlich verschließen die Banken das Geld nicht in ihren unterirdischen Tresoren, sondern lassen es arbeiten, zum Beispiel indem die Geldinstitute das Geld gegen Zinsen weiter verleihen. Das bringt Gewinn. Ein Teil des Gewinns geht an den Kunden der Bank, ein anderer an den Staat, und den klitzekleinen Rest streicht die Bank selbst ein. Eigentlich eine schöne Sache, möchte man denken, und allen geht es gut dabei. Was ist also dagegen zu sagen, dass dieser Staat sein Bankgeheimnis so sehr schützt? Das hat immerhin etwas mit Integrität, Würde und Aufrichtigkeit zu tun.
Wir werden sehen.

Dieser Staat hat einen Nachbarn. Einen recht unruhigen Nachbarn aus Sicht des ersten Staates, denn als er schon lange gegründet war, da gab es diesen Nachbarn noch nicht einmal. In letzter Zeit jedoch machte der Nachbarstaat Furore. Erhöhte seine Einwohnerzahl um ein Drittel, vergrößerte sich auf völlig legalem Wege beachtlich, wuchs allgemein gegen den Welt-Trend und kämpfte die letzten drei Jahrzehnte meist erfolgreich um den Titel Exportweltmeister. Eigentlich, so möchte man meinen, ginge es dem Nachbarn recht gut. Dabei hat der Exportweltmeister ein kleines Problem: Er verlangt von seinen Bürgern, wenn sie Profite machen, einen Teil vom Kuchen. Immerhin stellt er ein Land zur Verfügung, eine Infrastruktur, verschiedene Medien und Gremien, Judikative, Exekutive, Legislative und versucht auch sonst, all seinen Bürgern ein gutes Leben zu ermöglichen. Diese Sachen, von der Autobahn bis zur Kostenerstattung für Ehrenämter, müssen bezahlt werden.
Okay, mag man sich denken, wenn zum Beispiel der reiche Onkel Paul seine Million Euro nicht in der Matratze aufbewahrt, sondern einer Bank leiht, damit die daraus noch mehr Geld macht, dann darf der Staat doch ruhig seinen Anteil davon haben. Er nimmt ja nicht alles weg, nur einen kleinen Teil. Doch der Exportweltmeister hat diese Rechnung ohne Onkel Paul gemacht - und natürlich unseren freundlichen Staat mit dem Bankgeheimnis. Denn in dessen Banken kriegt Onkel Paul auch Zinsen auf sein Geld - und dass er Steuern zahlen muss, merkt er gar nicht. Im Endeffekt aber verdient er an den Zinsen im Nachbarland mehr als wenn er in einer Bank des Exportweltmeisters investieren würde. Was macht also Onkel Paul? Er fliegt ins Ausland, zu unserem freundlichen Staat, eröffnet ein Konto und zahlt seine Million darauf ein. Da freut sich die Bank natürlich, weil sie nun eine Million mehr hat, mit der sie arbeiten und an der sie verdienen kann - auch wenn sie Onkel Paul nun Zinsen zahlen muss.
Auch der Onkel Paul freut sich, denn einerseits kriegt er ja nichts von den Steuern mit, die er im Bankenstaat zahlen muss, und andererseits hat er mehr raus als hierzulande. Und er umgeht so auch die lästige Zinssteuer.
Die Sache hat nur einen kleinen Haken: Der Exportweltmeister hat genau gesehen, dass Onkel Paul die Million im Inland verdient hat, und er findet, das sie an Onkel Pauls Zinsen mitverdienten sollte, genau wie an allen anderen Zinsen, die von den Banken im Inland ausgezahlt werden. Immerhin, die ganzen Straßen, Sozialversicherungsleistungen und die Bundeswehr unterhalten sich ja nicht von allein. Doch das ist Onkel Paul egal, denn es kann ihm ja niemand beweisen, das seine Million im Bankenstaat liegt. Stattdessen braucht er nicht einmal zu behaupten, er hätte das Geld durchgebracht. Dass dadurch vielleicht Waisenhäuser geschlossen werden müssen, und Straßen nicht mehr repariert werden, das ist Onkel Paul egal. Auf die paar Kröten kann der Staat auch verzichten, denkt er sich. Und ist es seine Schuld, das es ganz, ganz viele Onkel Pauls im Exportweltmeisterland gibt, die alle denken, das Steuern zahlen böse ist - vor allem für sie?

Nun geschieht aber etwas ganz schreckliches: Im Bankenstaat arbeitet ein ganz unfreundlicher Zeitgenosse mit diesen Bankdaten aus dem Land mit dem Exportweltmeister, und er sieht ganz deutlich all die Onkel Pauls, die da ihr ganzes Geld am Staat vorbei drücken. Und da er es satt hat, immer nur fremde Millionen umher zu schieben, beschließt er, kriminell zu werden. Richtig, er klaut einfach mal alle Informationen, welche die Bank über ihre internationalen Kunden hat. Und damit ist das Bankgeheimnis für den Arsch.
Diese Bankdaten bietet der Frechdachs nun dem Exportweltmeister für ein paar läppische Milliönchen an, und ein paar Testdaten, die er als Lockmittel heraus gegeben hat, verschaffen dem Staat schon mal das Doppelte an Steuernachzahlungen als der freche junge Mann aus dem Bankenstaat haben will. Klingt ja eigentlich nach einem guten Geschäft.
Aber für unseren kleinen, freien und selbstbewussten Staat ist das natürlich eine Katastrophe: Wo kommen wir denn dahin, wenn alle Welt wüsste, wer bei ihnen welche Bank benutzt um mit wie viel Geld in seinem Heimatland Steuern zu hinterziehen? Wo kommen wir denn dahin, wenn all diese Kunden ihre Milliarden abziehen, um in Zukunft brav Zuhause zu investieren und Steuern bezahlen wie die normalen Bürger auch?
Das sagt der Bankenstaat natürlich nicht, denn wenn er es so formuliert, dann klingt es ja so, als würde er einerseits illegale Aktivitäten beschützen wollen, die nur bei ihm nicht illegal sind, und andererseits es ihm nur um die vielen Milliarden Euro geht, mit denen seine Banken arbeiten können und von denen sie Steuern zahlen.
Darum werfen sie dem Nachbarstaat, also dem Exportweltmeister, auch prompt vor, er würde nicht als Rechtsstaat handeln, weil die Bankdaten ja geklaut sind. Und ein Staat, der geklaute Bankdaten kauft, um im eigenen Land seine eigenen Staatsbürger der Steuerhinterziehung zu überführen, das ist ein Hehler.
Und so plustert sich der kleine Bankenstaat gewaltig auf, droht mit Konsequenzen in den guten Beziehungen und bestellt vielleicht sogar den Botschafter vom Exportweltmeister ein, um sich zu beschweren: Das ist doch alles nicht Rechtsstaatlich.
Vor Gericht zieht er allerdings nicht, um den Nachbarn zu hindern, die Daten zu kaufen. Und damit hat er wahrscheinlich Recht, denn das Gericht könnte gegen ihn entscheiden. Dann lieber Stimmung machen, gegen die Moral des Exportweltmeisters wettern und mit viel Geschrei und dem Vorwurf der Hehlerei davon ablenken, das es ja gar nicht um den Rechtsstaat geht - es geht um Geld. Viel Geld. Verdammt viel Geld. Und wenn der Staat auch nur einmal den Handel mit geklauten Bankdaten einreißen lässt, und zulässt das seine Kunden im Heimatland vollkommen legal der Steuerhinterziehung überführt werden, dann... Dann weichen seine Kunden womöglich noch auf andere kleine, stolze, unabhängige Staaten aus, die auch ein Bankgeheimnis haben, und wo die Mitarbeiter noch keine Daten geklaut haben, um sie den anderen Staaten zu verkaufen. Die Cayman-Inseln, zum Beispiel. Das ist dann ganz, ganz schlecht für den Bankenstaat, dem so eine riesige Einnahmequelle verloren geht, weil die ganzen Onkel Pauls nicht mehr zu ihnen kommen.
Ja, ja, Onkel Paul hat bei der Geschichte übrigens nichts gelernt. Er ist immer noch der Meinung, das er von seinen Zinsen nichts an den Staat, in dem er lebt, abgeben sollte. Also nimmt er seine nächste Million und bringt sie... Nicht in den Bankenstaat, denn da ist ja das Geheimnis um sein Vermögen, für das er keine Steuern zahlt, nicht mehr sicher. Stattdessen macht er dann wohl mal einen Ausflug in die Karibik.

Was ist die große Weisheit hinter diesem Gleichnis? Minus und Minus ergibt leider nur in der Mathematik Plus. In unserem Fall jedoch ist es tatsächlich unmoralisch, ja, illegal, die geklauten Bankdaten zu kaufen, um Steuersünder im eigenen Land zu überführen.
Andererseits ist es noch unmoralischer, ein Bankenwesen zu unterhalten und zu fördern, das auf diese Kunden abzielt, das rund um das Erfolgsmodell der Steuerhinterziehung aufgebaut ist. Das so weit geht, dass sogar der Staat protestiert, wenn einer einzigen Bank ein paar tausend vertraulicher Datensätze verloren gehen.

Letztendlich entstehen damit allen, außer dem Bankenstaat, Nachteile. Zum Beispiel neulich, als der Bankenstaat nach sechzig Jahren endlich dazu gezwungen werden konnte, die Vermögenswerte von im Krieg getöteten Juden deren rechtlichen Erben offen zu legen. Bis dato war das Geld weiter verwaltet worden, war mit den Zinsen Geld verdient worden. Eine sichere Angelegenheit, wenn man einerseits den Erben die Einsicht verweigern konnte - womöglich heben sie das Geld noch ab - und man andererseits ziemlich sicher sein kann, dass die Kontobesitzer nicht wieder kommen werden. Bei wie vielen Steuerhinterziehern ist das auch schon passiert, ohne das die Banken im Bankenstaat sich bemüßigt sahen, die Erben über das Konto des toten Onkel Paul aufzuklären?
Man sollte schon ein einigermaßen reines Gewissen haben, bevor man mit dem Finger auf andere zeigt, mein lieber Bankenstaat.

Freitag, 29. Januar 2010

8888

Tja, Leute, es ist passiert. Auf Fanfiktion.de ist die Zahl der Aufrufe meiner Geschichten tatsächlich bei der nächsten Schnapszahl angelangt. Heute morgen beim einloggen war die 8888 eindeutig überschritten. ^^
Selbstverständlich bin ich da sehr stolz drauf, bedeutet es doch, das ich von April aus gerechnet über achttausenddreihundert Aufrufe hatte. Dazu kommen einhundertundacht Reviews, was auch einhundert Reviews seit April bedeutet. Gut, gut, es könnte durchaus besser sein, aber ehrlich gesagt bin ich mit dieser Entwicklung sehr zufrieden.

Mittwoch, 27. Januar 2010

Heimunterricht. Heimunterricht? Und World of Warcraft!

Ein etwas irreführender Titel zu einem Thema, dem ich gerne mal mein persönliches Fazit mitgeben möchte. Der Zusatz ist eine eher spontane Idee, und wird in Teil zwei dieses Blogs behandelt.


Heimunterricht heißt in diesem Fall, dass Eltern das Recht fordern, ihre eigenen Kinder Zuhause zu unterrichten. Dies ist in unserem Land bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht möglich, weil die Bildungshoheit beim Staat liegt und wir eine allgemeine Schulpflicht haben.
Vor einiger Zeit verfolgte ich einen Bericht im Fernsehen, ein Bremer Ehepaar betreffend, deren Söhne im Grundschulalter sind. Nach einigen Schwierigkeiten auf ihrer Schule hat sich das Paar dazu entschlossen, ihre Kinder daheim zu unterrichten. Da beide Lehrer sind, hatten sie temporär sogar eine Genehmigung dafür, und die Kinder hatten bei den Kontrollprüfungen auch sehr gute Noten. Irgendwann aber spielte Bremen nicht mehr mit und bestand darauf, dass die Jungs wieder auf eine reguläre Schule gehen.
Dort hat es den beiden aber nicht gefallen, und nach ein paar Wochen sowie einigen Fragen nach den langen Haaren der beiden Jungs nahmen die Eltern den Heimunterricht wieder auf. Den jetzigen Stand kenne ich nicht, aber das Schlusswort des Vaters beinhaltete nach meiner vagen Erinnerung Begriffe wie "auswandern".

Heute auf Tagesschau.de ist ein ganz ähnlicher Bericht zu sehen. Eine christlich geprägte Familie mit sieben Kindern ist aus Deutschland ausgewandert, um ihre Kinder daheim zu unterrichten. Grund dafür sei, so der Vater, dass der Unterricht in Deutschland weniger und weniger dem christlichen Glauben entspräche. Dafür erhielt und erhält die Familie Unterstützung US-amerikanischer christlicher Organisationen.

...sacken lassen. Noch mehr sacken lassen.

Familie eins: Unverständlich für mich. Die beiden sind Lehrer, verbringen ihre Arbeitszeit damit, die Kinder anderer Eltern zu unterrichten - und haben kein Vertrauen in ihre Kollegen?
Selbst wenn es an der Schule hapert, da ließe sich sicherlich eine geeignetere Lehranstalt finden. In meinen Augen sind die Eltern Überprotektiv. Dabei hätten es gerade diese zwei so nötig, auf eine reguläre Schule zu gehen, dem Mikrokosmos des Elternhauses zu entkommen, soziale Kontakte zu schließen und neue Erfahrungen zu machen, vom Ausflug bis zur Klassenfahrt.
Dass sich ausgerechnet Pädagogen derart in Heimunterricht hinein steigern und sogar so weit gehen auszuwandern, ist Narzißmus.
In meiner Schulzeit war ich nie der Beliebteste, hatte Spitznamen wie Professor und Streber, aber dennoch möchte ich keinen Tag und kein gewechseltes Wort aus dieser Zeit missen. Ich habe Dinge gelernt, die ich so vorher nie gesehen hatte, neue Perspektiven kennen gelernt und neue Erfahrungen gemacht... (Unter anderem in Chemie, dass man mit dickem Schnupfen eine Schwefelreaktion nicht unbedingt riechen muss.)
All das enthalten diese Eltern ihren Kindern vor. Aber irgendwann werden sie zu alt für den Mikrokosmos Elternhaus sein. Was dann?

Familie zwei: Oh... Mein... Gott... Ganz Deutschland spricht von Überfremdung, Kultureller Übernahme durch den Islam und besserer Integration. In der Schweiz machen sich rechte Gruppen die Entscheidungsmüdigkeit der Direktdemokratie zunutze und drücken ein Verbot für den Anbau von Minaretten an Moscheen durch. Und in Bayern spukt noch immer die "privilegierte Partnerschaft" der Türkei durch die Regierungsämter, also über einen Staat, der in der NATO seit über fünfzig Jahren unserem Schutz gedient hat und dessen Staatsbürger maßgeblich an unserem Fünziger- und Sechziger-Aufschwung Teil hatten.
Diese ganze Diskussion ist nichts gegen die drohende Entfremdung Deutschlands durch militante und radikale Christen! Oh ja, über dieses Thema rege ich mich sehr gerne auf, weil ich Leute hasse, die unfair kämpfen. Und christliche Fanatiker, egal ob Kreationisten oder nicht, haben nicht einmal den Mumm, mit einer Waffe auf einem Video zu posieren und Tacheless zu reden - sie kommen von hinten, heimlich, mit dem Dolch im Ärmel. Angst vor dem islamischen Gottesstaat? Ehrlich gesagt ist die Gefahr durch radikale Christen größer, und ich fürchte mich mehr vor dem christlichen Gottesstaat.
Bestes Beispiel hierfür ist unser gute Familienvater, der fürchtet, das seine Kinder nicht christlich genug erzogen werden. Und das der Lehrplan seiner Meinung nach nicht christlich genug unterrichtet. Dies geht so weit, das er mit seiner Familie sogar auswandert. In ein Land, das ihm seinen eigenen Lehrplan erlaubt.
Verfolgt? Unterdrückt? Bevormundet? Mitnichten. Auch dieser Familienvater enthält seinen Kindern die Sozialisierung mit Gleichaltrigen vor, isoliert sie, indoktriniert sie, nimmt ihnen Chance und Recht auf eine zweite Meinung, auf eine eigene Meinung. Und wie dieser Lehrplan aussieht, möchte ich gar nicht wissen.
Viele Muslime, die sich gegen die Schulpflicht ihrer z.B. Töchter stemmen, nennen als Grund dafür gerne den Biologie-Unterricht, wo "die Mädchen Dinge lernen, die gegen unseren Glauben sind". Als wenn Körperfunktionen und Kinder kriegen nicht zu den Dingen gehören, durch die sie selbst überhaupt erst existieren... Der Haken ist, dass die Argumente christlicher Schulverweigerer damit ABSOLUT IDENTISCH sind. Für beide habe ich kein Verständnis, und beides darf es in Deutschland, einem säkularisierten Land mit strikter Trennung von Kirche und Staat NICHT GEBEN.
Sollen sie meinetwegen in den USA ihre Kinder unterrichten, sieben jungen Menschen die Chance auf ein eigenständiges Leben verbauen. Sollen sie drüben bleiben und im Mikrokosmos Elternhaus leben. Aber deshalb eine Diskussion über Heimunterricht in Deutschland beginnen? Sicherlich nicht. Der Staat darf die Bildungshoheit nicht aus der Hand geben. Das ist meine Meinung.


Kommen wir zu einem anderen Thema, Teil zwei meines Titels: World of Warcraft.
Das ist ein MMORPG, ein Multi Media Online Role Playing Game, oder übersetzt ein Rollenspiel im Internet. Nach Angaben von Blizzard, dem Vertreiber des Spiels und dem Betreiber der Spieleserver, gibt es weltweit rund fünf Millionen Spieler. Damit ist es das beliebteste Browser-Spiel der westlichen Welt, vielleicht sogar weltweit. Auf jeden Fall ist es ein Bombengeschäft, das durch neue Add-ons beständig attraktiv gehalten wird.
Gestern berichtete Stern TV direkt nach einer Reportage über Glücksspielsucht auch über World of Warcraft. Der Bericht ging dabei erheblich unter die Gürtellinie, tangierte kurz Ego-Shooter und konzentrierte sich schlussendlich auf Suchtopfer.
Die Reportage begleitete Spieler auf eine so genannte LAN-Party, also ein Treffen von Spielern, die sich ansonsten nur übers Netz treffen, beleuchtete die Personen vor den Konsolen und das Umfeld einer solchen LAN, inklusive kommerzieller Händler.
Danach schwenkte der Bericht (kehrte aber gerne wieder und wieder zur LAN-Party zurück, um die Zeit voll zu kriegen) auf eine amerikanische Sucht-Klinik um, in der nur Rollenspiel-Aussteiger betreut werden. Man ließ Ex-Süchtige zu Wort kommen, präsentierte Beispiele von WoW-Spielern, die auf Youtube-Videos ihren Ausstieg verkündeten und dafür ihre Spiele-CDs zerbrachen, ihren Account verkauften, und, und, und...

...sacken lassen.
Ich spiele selbst World of Warcraft. In der Woche bin ich schon mal acht Stunden on. Länger hält meine Aufmerksamkeitsspanne für WoW selten an, außer ich verbeiße mich ernsthaft in ein Problem oder eine bestimmte Questreihe. Ist das vorbei, geht meine Zeit bei WoW wieder drastisch zurück. Es gibt immer Tage, an denen ich gar nicht on gehe, oder lediglich meine Auktionen kontrolliere. So ist das nun mal. Der eine spielt mehr, der andere weniger.
Ich habe allerdings schon immer gespielt. Ganz früher, Anfangs der achtziger, hatte ich einen Atari 2600, und hatte Spiele wie Pitfall, Pac Man und dergleichen.
Darauf folgte Ende der Achtziger mein C64, auf dem ich dann Pirates!, Wizball, Pool of Radiance, Kaiser und andere spielte.
Während meiner Bundeswehrzeit konnte ich günstig einen gebrauchten Amiga kaufen. Ich übernahm ihn mit Dutzenden Spielen, von Populous über Pirates! Gold bis hin Powermonger.
Dann kaufte mein Bruder seinen ersten PC, einen 486er. Er stieg relativ spät in den PC-Sektor ein, denn damals war der 486er schon ein leistungsstarkes Gerät, das ich später von ihm kaufen konnte. Damals machten Spiele wie World of Warcraft Furore und revolutionierten den Markt.
Mit mehr Rechenleistung kamen auch komplexere Spiele heraus. Waren anfangs zu C64er Zeiten Bilder noch als Speicherfresser verpönt, konnte es nun gar nicht mehr plastisch genug sein, konnte eine Grafikkarte gar nicht genug leisten. Waren Spiele zum Anfang der PC-Zeit nur mit Diskette, später mit CD spielbar, war irgendwann der Sprung zu großen Festplatten da, auf denen das Spiel komplett gespeichert wurde. Die Spiele wurden größer, komplexer, brauchten mehr und mehr Festplattenspeicher - und boten dafür auch mehr. Es fing mit grafisch einfachen Sachen wie Masters of Orion 2 an, schwenkte über Command&Conquer, schlitterte über Emperor of Dune voran, bis wir Warcraft 3 erreichten - und die Serverabhängigen Spiele wie eben World of Warcraft.

...nach diesem kleinen Exkurs gilt wieder: Sacken lassen.
Ich habe, seit ich zehn Jahre alt bin, mehr oder weniger regelmäßig gespielt. Ich bin mit der Brotkiste, wie der C64 liebevoll genannt wurde, groß geworden. Ich habe nie selbst programmiert, und erst sehr spät angefangen auf dem PC zu schreiben. Ich war nie richtig tief drin, und heutzutage beherrsche ich nicht einmal HTML. Dafür kenne ich Tools, die das für mich übernehmen. Ich bin vielleicht kein Experte, aber ich schaue von INNEN auf die Materie, nicht auf außen.
Darum frage ich Stern TV: Hallo? Tickt Ihr noch richtig? Schön und gut, Eure Youtube-Videos von Leuten, die ihre Spiele-CDs zerbrechen... Aber WoW wird komplett auf der Festplatte installiert und braucht keine CDs zum starten. Eine Klinik in Amerika für Spiele-Süchtige? Nett, wirklich nett. Überlaufen scheint die Klinik allerdings nicht zu sein, mit ihren fünfundzwanzig Plätzen. Eine dicke junge Deutsche legt ihrer sozialen Probleme und ihrer Fettleibigkeit die Spielsucht zugrunde... Sicher, dass es nicht doch die Schokoriegel waren?
Es ist irreführend, unfair und tendenziös, Interviewpartner falsch zu zitieren, falsch anzukündigen und aus dem Zusammenhang gerissen zu zeigen. Wenn also ein kommerzieller Verkäufer darüber berichtet, dass man für eine epische Waffe eben Ruf farmen muss, weil man sie für Gold nicht bekommt, dann bedeutet das NICHT, dass er das Spiel negiert. Dann bedeutet das nur, dass die Spieler, die keinen Ruf farmen wollen, eine geringe Aufmerksamkeitsspanne und wenig Ausdauer haben.
Fazit: Ein externer Bericht, der auch Opfer zu Wort kommen lässt. Allerdings stellt er WoW in den Vordergrund und vergisst zu erwähnen, dass man bei allen MMORPGs süchtig werden kann - auch bei offline gespielten Computerspielen - und er bauscht das Problem unnötig auf. Siehe die fünfundzwanzig Plätze in der Computersucht-Klinik. Bei *hust* fünf Millionen WoW-Spielern weltweit. Hier wird der Bock zum Gärtner gemacht, hier wird ein Schuldiger gesucht. WoW ist nur ein Spiel. Und leider gibt es Menschen, die damit nicht umgehen können. Aber diese Menschen hätte man alle auch eine Stunde vorher im Bericht über Glücksspielsucht wieder finden können. Das ist kein seriöser Journalismus, liebe Stern TV-Redaktion.


Edit: Ich bin dem Link von Norbert gefolgt und stieß auf zwei Videos von ARD-Sendungen zum Thema Spielsucht. Beide Filme haben gravierende Fehler, die auch die Stern TV-Reportage hatte. Sie nennen keine Zahlen, keine harten Fakten. Sie führen Einzelschicksale auf und pauschalisieren sie auf alle anderen. Damit erklären sie auch mich zu einem potentiell Süchtigen, und das gefällt mir absolut gar nicht. Keine Fakten, Verallgemeinerungen, Laien statt Experten kommen zu Wort. Vor zwanzig Jahren hätte man so einen schwammigen Bericht in der Bunten erwartet, aber sicher nicht in der ARD.