Sonntag, 23. Mai 2010

Es lebe Foodwatch!

Wer meinen Blog aufmerksam verfolgt hat, der weiß, dass ich in der letzten Zeit nicht sehr viel Freude mit der Verbraucherorganisation Foodwatch hatte. Ihre Kampagne gegen Capri-Sonne und ihr Versuch, sich beim Radiumgehalt im Trinkwasser zu profilieren, ernteten bei mir nur harsche Kritik.

Doch das ist alles vorbei, denn ab jetzt scheint die Sonne für Foodwatch bei mir.
Endlich haben sie mal was richtig gemacht, anstatt sich an irgendein Thema dran zu hängen und zu sagen, sie seien die Ersten - oder das Thema sei überhaupt relevant. Und sie haben diesmal auch nicht einfach Europarecht überworfen und eigene Grenzwerte gesetzt, an die sich die Politik gefälligst zu halten hat. Nein, diesmal hat Foodwatch ein eigenes Thema - und eine eigene Klage.
In der Leine Deister Zeitung zu gestern fand ich den höchst interessanten Artikel, dass sich die Verbraucherschutzorganisation sehr speziell für LIDL interessiert, genauer gesagt für den Käse-Skandal. Wir erinnern uns alle: Ein österreichischer Zulieferer hatte einen Käse produziert, der zu viele Listerien enthielt - ein Bakterium, das schwere Infektionen auslösen kann und in machen Fällen sogar zum Tode führt.
Tatsächlich hat Foodwatch nun LIDL verklagt. Und den Käsehersteller in Österreich. Und das Stuttgarter Ressort des Verbraucherschutzministerium. Weil sie nach Auffassung von Foodwatch den Rückruf und die Warnung zu spät gestartet haben. Weil es drei Todesfälle gibt, die im Zusammenhang mit dem Käse stehen können, beziehungsweise den darin übermäßig vorkommenden Listerien.

Ein Schelm, der ich jetzt natürlich nicht bin, würde vielleicht an dieser Stelle anmerken, dass Foodwatch mal wieder einen Fall macht, wo gar keiner vorhanden ist, weil die Organisation einfach behauptet, der Verbraucherschutz wäre zu langsam gewesen. Oder LIDL den Rückruf zu spät gestartet hat. Tatsächlich gibt es hier Regeln und Normen, die anscheinend von allen Parteien eingehalten worden sind, aber es ist natürlich das gute Recht jeder Verbraucherschutzorganisation, diese Normen in Frage zu stellen und eine Verschärfung zu fordern - gerade in so einem schwerwiegenden, schrecklichen Zwischenfall, der so unendlich vielen Kunden von LIDL das Leben gekostet haben könnte. Und noch viel mehr bedroht hat.
Richtig so, Foodwatch. Nur die Lauten kommen in den Garten, und das Protestieren gegen Normen und Regeln, die Eurer Meinung nach nicht ausreichend sind, habt Ihr ja schon beim Trinkwasser ausgiebig ausprobieren können.

Ich fasse zusammen: Listerien sind Bakterien, die praktisch überall vorkommen, auch im menschlichen Körper. Wikipedia listet eines als wirklich gefährlich auf, aber was weiß schon Wikipedia? In erhitzten Speisen kommt das Bakterium nicht vor, dafür kann es den Weg in Frischkäseprodukte schaffen. Als eine Charge als mit dem Bakterium kontaminiert identifiziert wurde, hat LIDL einen Aufruf für die Rückgabe gestartet und die Charge aus dem Regal genommen. LIDL hat dabei nicht hinter dem Berg gehalten, im Gegenteil. Man hat nicht gewartet, bis es eventuell die ersten Toten gab.
Nun kommt Foodwatch daher. Und sie sagen, es gibt drei potentielle Tote. Das soll am Käse liegen, der verkauft wurde, bevor er aus dem Regal geräumt werden konnte. Genauer gesagt könnte es am Käse liegen, beziehungsweise die Listerien könnten den Tod dieser Personen begünstigt haben. Ein pathologischer Bericht liegt mir nicht vor, aber immerhin, die Möglichkeit besteht.
Foodwatch geht sogar so weit, deshalb zu klagen. Da drängt sich mir die Frage auf: Im schlimmsten Fall, bei mehreren hundert Toten, hätte Foodwatch da zur Revolution aufgerufen, in Berlin Barrikaden errichtet und die Bundesregierung gestürzt?
Das ist keine Verhältnismäßigkeit der Dinge. Ganz und gar nicht.

Dienstag, 18. Mai 2010

Bangkok, die Dritte

Wenn ich so auf meine Arbeitsoberfläche gucke, dann sehe ich, dass dies mein erster Mai-Post ist. Und wir haben heute bereits den Achtzehnten. Da habe ich meinen Blog aber ganz schön schludern lassen.
Grund hierfür ist ein nicht unbeträchtlich schlechtes Gewissen die Proteste der Rothemden in Bangkok betreffend, das sich vor allem durch meine letzten Posts gebildet hat. Alleine die Links zu Youtube-Videos, u.a. zu AlJazeeraEnglish, haben mir vor Augen geführt, dass die angeblich gewaltlosen Proteste sehr wohl gewalttätig waren, und noch immer sind.
Dazu hat mich giorgio immer mal wieder mit Nachrichten versorgt, die er direkt aus dem Thai-Fernsehen hat. Ehrlich gesagt habe ich die registriert und mit Vorsicht genossen, bis ich sie durch eine zweite Stelle verifizieren konnte. Und so änderte sich nach und nach mein Bild über eine demokratische Bewegung zu einem Bezahlt-Theater der Gewalt.
Einen großen Teil Mitschuld trägt Tagesschau.de, das ich ansonsten schon für relativ parteilose Berichte schätze. Im Fall Bangkok haben die Redakteure jedoch vollkommen versagt. Selbst als sie eingestehen mussten, dass aus den Reihen der Rothemden scharf geschossen wurde, selbst als klar wurde, dass der ehemalige Premier Thaksin die Strippen zieht und wahrscheinlich für die beträchtlichen Geldbeträge verantwortlich ist, welche die Demonstranten erhalten, kehrten sie doch immer wieder zu ihrem Pro-Rothemden-Kurs zurück.
Fakt ist durchaus, dass sich die Mehrzahl der Protestierenden aus dem "Issaan", dem Nordosten auf den Weg nach Bangkok gemacht haben. Fakt ist auch, dass die Lebensbedingungen dort denen in Bangkok nicht sehr ähnlich sind. Fakt ist ebenso, dass eine Anhebung des Lebensstandard in dieser Region vieles in Thailand verbessern kann. Fakt ist auch, dass es der niedrige Lebensstandard dort ist, der die Menschen nur zu bereitwillig Geld für Demonstrationen annehmen lässt. Geld, das wahrscheinlich aus Thaksins Vermögen stammt.
giorgio hat mir dazu etwas Haarsträubendes berichtet, nämlich das Thaksin hohe Prämien an die Hinterbliebenen von Toten zahlt. Egal welches Geschlecht sie haben oder wie alt sie sind. Wenn das wahr ist, dann wüsste die Welt jetzt eigentlich, warum in dem eingekesselten und umkämpften Stadtviertel noch immer Frauen und Kinder ausharren. giorgio hat mir dazu einen Youtube-Link geschickt, der ein Kleinkind auf einer Barrikade zeigt. Über die Moral von Menschen, die so etwas zulassen, die so etwas tolerieren, die vielleicht auf das Blutgeld beim Tod dieses Kindes spekulieren, brauchen wir nicht zu diskutieren.
Ebenso eindeutig ist das nächste Video, das einen wütenden Mob zeigt, die einem Armeelaster bedrängen und die Besatzung bedrohen, bis ein Schuss fällt und einer der Soldaten keine Lebenszeichen mehr zeigt. Dass mehrere der Umstehenden den Reglosen dann in einen Van schaffen, ist keine Entschuldigung dafür, was vorher geschehen ist.
Einige sagen ja, dass die meisten Soldaten in Bangkok Wassermelonen sind - außen schwarz, aber innen rot. Das war diesem Mob egal. Und in einer Verteidigungssituation war er auch nicht gerade.
Es steht schlecht für eine demokratische Bewegung, die solche Menschen in ihren Reihen hat, sich nicht von ihnen distanziert. Die ihre "Kämpfer" mit Molotow-Cocktails und Macheten ausstattet, und laut Tagesschau.de auch mit Schusswaffen.
Es steht schlecht um eine Demokratiebewegung, die den Rücktritt des Premiers fordert, Neuwahlen verlangt, und all das auf dem Silbertablett serviert bekommt - nur um im nächsten Atemzug weitere Forderungen zu stellen, die mit Demokratie nichts zu tun haben.

Ehrlich gesagt habe ich lange nichts geschrieben, weil ich einen gravierenden Fehler gemacht habe. Und ich hatte Angst, wieder einen Fehler zu machen.
Ich hoffe wirklich, dass die fünfundneunzigtausend Menschen, welche die Demonstrationen verlassen haben, wirklich für Demokratie auf der Straße waren, für eine Verbesserung ihrer Lebensumstände. Dass sie gegen die Vorherrschaft von Adel und Geldadel demonstriert haben, und diesen Forderungen treu bleiben, denn sie können Thailand nicht schaden. Im Gegenteil, ein großes Reservoir an Menschen kann das Land in eine hoch technisierte Zukunft katapultieren.
Was die anderen fünftausend angeht, die führerlose Busse auf Polizisten lenkt, um sich ballert und mit Macheten sowie Schusswaffen bewaffnet ist, bin ich sehr sicher, dass das Wort Demokratie für sie ein Fremdwort, eine leere Hülse ist. Sie sind meines Erachtens nur wegen zwei Dingen in Bangkok: Es gibt Geld, und sie können sich austoben.
Ich hoffe wirklich, dass es nach all dem doch positive Veränderungen in Thailand geben kann und geben wird. Dafür könnte man zum Beispiel das von Thaksin nach thailändischem Recht rechtmäßig beschlagnahmte Vermögen sehr gut verwenden, finde ich. Das ist eine bessere Verwendung, als damit Aufstände zu provozieren und Bewaffnete für Eskalationen zu bezahlen.

Was, werden manche sagen, mache ich aber, wenn diese neuen Fakten auch falsch sind, und ich meine Meinung wieder ändern muss - vielleicht auch nur zum Teil?
Keine Sorge. In dem Fall sehe ich mich als Wissenschaftler, der seine Meinung nach der Faktenlage bestimmt. Ich revidiere mich in einem neuen Blogeintrag. Denn Fehler darf man ruhig machen. Fehler muss man sogar machen, denn niemand ist perfekt. (Ich leider auch nicht.) Aber man muss zu ihnen stehen, aus ihnen lernen. Ich selbst werfe mir dann nichts mehr vor.
Ihr, meine Leser, mir dann hoffentlich auch nicht mehr.

Euer Ace

Edit am 20.05.: Ich verlinke hier mal die Niederschrift eines Interviews der Deutschen Welle u.A. mit dem deutschen Botschafter vor Ort. Alles was der Mann sagt, sprengt die Berichterstattung von tagesschau.de und beschreibt die Situation so, wie ich sie sehe.