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Montag, 26. Februar 2018

Random Article 2018 #2: 2000 in den USA - Wie ich ein Erdbeben verschlief

Ich habe festgestellt, dass ich auf meinem Blog in letzter Zeit fast ausschließlich über Klicks und Wettbewerbe geschrieben habe. Vieles anderes kam dabei recht kurz. Ausnahme waren natürlich die Tiff-Comics meiner lieben Schwester. Schreiben wollte ich allerdings sehr viel mehr. Die Politik ist da ja immer Anlass für, und ich frage mich ohnehin, warum ich zur GroKo-Frage noch nichts verfasst habe. Die Antwort ist allerdings schnell gefunden: Ich schreibe dazu einfach zu viel auf Facebook und vergesse, die besten Texte hier als Kolumne zu posten. Das Schulmassaker in Florida böte auch Stoff, und wie schwer sich die Regierung damit tut, schlicht und einfach Nachrüstkits für halbautomatische Waffen zu verbieten, die Munition stärker zu besteuern oder einen Wesenstest für den Waffenkauf einzuführen... Mache ich vielleicht auch noch. Aber heute möchte ich etwas beginnen, was man auch als Kolumne bezeichnen könnte und was ich auch schon viel früher erzählen wollte. Nein, nicht über meine Erfahrungen mit Angstzuständen, das kommt später in einem eigenen Post. Heute will ich ein paar Anekdoten zum Besten geben.

Ich bin nicht besonders viel in der Welt herumgekommen in meinem Leben; mit der Schule in Frankreich, Holland und durch Belgien durchgefahren, Norddeutschland, Süddeutschland, nochmal Holland, das war es eigentlich schon. Ich war nie wirklich in einem Fernurlaub, hauptsächlich, weil ich das Geld für andere Dinge brauchte. Vielleicht bin ich deswegen Autor geworden. Wenn ich schon nicht verreisen kann, dann will mein Geist eben neue Dinge, Orte und Menschen kennenlernen. Und was habe ich dabei nicht alles erlebt und entdeckt. Wirklich, ich bin froh, das ich so ein aktiver Autor bin und so viele Welten gesehen habe... Und dann lese ich natürlich auch noch eine ganze Menge, und lesen ist fast so gut wie selbst schreiben.
Aber halt, eine Sache gibt es, die da aus dem Rahmen fällt. Im Jahr 1998 wurde ich von Freunden angesprochen, ob ich nicht mit der Reservistenkameradschaft Banteln im Jahr 2000 im September die Westküste der USA besuchen wollte, für sechzehn lange Tage. Dafür gab es einen Ansparplan, und einer der Teilnehmer hatte abgesagt und wollte seine bisherigen angesparten Anteile verkaufen.
Ich sagte vorsichtig ja, versuchte mehrfach, wieder abzuspringen, aber dann stand ich da mit einhundertsiebzehn anderen Teilnehmern vor den Reisebussen, die uns nach Hannover bringen sollten. Zum Flughafen.
Ehrlich, ich hatte absolut keine Ahnung, was mich erwartet, was ich sehen und erleben würde, was überhaupt passiert war. Und erst Recht war ich doch ein wenig erschrocken, als ich feststellte - bei einem Dollarkurs von einem Dollar zu zwei Mark zwanzig - dass ich im Schnitt dreißig Dollar pro Tag brauchte, um mich zu verpflegen. Ich verrate wohl nicht zu viel, wenn ich sage: Es wurde ein großer Spaß, aber ein teurer.

Jedenfalls stand ich dann da mit meinen Freunden vor dem Abfertigungsschalter, ich war noch nie geflogen, und sie beäugten mich amüsiert, wie ich mich denn machen würde. Nun, es ist wie Busfahren, nur das einem beim Start und bei der Landung etwas der Magen wegsackt.
Von Hannover ging es nach München, und von München nahm uns die Lufthansa auf einem Kurs über die Polkappen mit nach San Francisco. Der Flug dauerte vierzehn Stunden, und die meiste Zeit war ich wach und vertrieb mir mit meinem Sitznachbarn mit Gesprächen die Zeit. Netter Kerl, Deutscher, sollte in Kalifornien eine neue Stelle antreten. Beim Ausboarden verlor ich ihn aus den Augen, aufgeregt wie ich war. Damals hatte ich allerdings auch noch nicht mal eine eMailadresse. Schade ist es trotzdem. Und das mit der eMail würde sich noch einmal als schade erweisen, aber das ist eine andere Geschichte.
Nach der Gepäckaufnahme stand ich dann vor dem Einreisebeamten in seinem Glaskasten, mein Visum in der Hand, das wir während des Fluges ausgefüllt hatten. Der mittelgroße schnurrbärtige Mann sah mich ernst an, mir wanderte schon eine Augenbraue hoch, da klickte ein Stempel und es hieß: "Welcome to America."
An dieser Stelle, glücklich mit allen anderen Touristen aus Banteln wiedervereint, sollte ich kurz erwähnen, dass dies schon die zweite Amerikareise der Reservisten war. Vier Jahre zuvor hatten sie die Ostküste und die dortige Steubenparade besucht. Deshalb hatte man diesmal die Westküste im Visier. Und deshalb erwartete uns mit unserer Reisebegleiterin Lisa auch jemand, der die Bantelner schon einmal begleitet hatte. Zusammen mit einer Kollegin wurden wir auf zwei Busse verteilt und ins Hotel gefahren. Es war vor Ort Mittagszeit, und uns stand noch ein längerer Tag bevor. Jedenfalls waren wir auf dem Weg, um die Stadt zu erkunden, nach vierzehn Stunden Flug. Habe ich schon erwähnt, dass ich um vier Uhr morgens Ortszeit aufgestanden war? So ging es dann weiter, und es wurde relativ schnell dunkel, weil San Francisco ja relativ weit unten auf der Nordhalbkugel liegt. Wir besuchten diesen Abend unter anderem Chinatown; wir, das waren etwa vierzehn Leute. Ich hatte vor, wenn ich schon mal da war, auch chinesisch essen zu gehen. Wisst Ihr, wo wir den Abend dann gegesssen haben? In Chinatown - im McDonalds.
Nachdem ich dort für einige nicht so gute Englisch-Sprecher als Dolmetscher tätig gewesen war, was sich als wegweisend für die weitere Reise erweisen würde, ging es dann irgendwann zu unserer ersten Erfahrung mit Alkohol in einer amerikanischen Stadt. Wir kauften amerikanische Bierdosen und bekamen dazu die obligatorische Papiertüte. Denn man darf in der Öffentlichkeit so viel saufen, wie man möchte und wie man verträgt: Bier, Whisky, Gin, und was die Läden hergaben, aber es durfte keiner sehen, weshalb es die praktischen Überzieher gab. Ja, an dieser Stelle darf man ruhig mit den Augen rollen.

Dann, ja, dann zog ich mich auf mein Zimmer zurück, nicht wirklich müde, aber rund vierundzwanzig Stunden auf den Beinen, denn vor dem Abflug in Hannover waren auch noch drei Stunden vergangen, geschweige denn beim Umsteigen in München. Ich schlief also irgendwann, und es war ein sehr tiefer, befriedigender Schlaf, aus dem ich erst erwachte, als draueßn wieder die Sonne schien.
 Ich denke, ich bin so gegen zwanzig Uhr ins Bett, und zwölf Stunden später war ich wieder "da". Das hieß natürlich Frühstückszeit, und ich traf mich mit meinen Freunden in der Lobby. Da hörte ich das erste Mal: "Hast du dich auch so erschrocken, als das Erdbeben losging?" "Ja, du furchtbar jetzt. Alle Schränke haben gewackelt. Und das Bett erst."
Mein erster Gedanke war: "Was?" Auch mein zweiter und mein dritter.
Letztendlich stellte sich heraus, dass es nachts in San Francisco ein Beben der Stufe Fünf Komma vier gegeben hatte; Epizentrum acht, neun Kilometer von der Stadt entfernt. Das ist nichts Ungewöhnliches, denn San Francisco steht auf der San Andreas-Spalte, einem tektonisch hoch aktiven Gebiet. Und Erdbeben ist man in Kalifornien ohnehin gewöhnt. Zudem wartete man auf das "Big One", das einmal im Jahrhundert auftrat und die Städte an der San Andreasspalte verheerte. Aber wir waren im Hilton&Towers abgestiegen, mein Zimmer (Ich erwähne hier mal meinen Zimmerkumpel Raimund, falls ich noch mehr Glossen über Westküste 2000 schreiben sollte) war im fünfunddreißigsten Stockwerk, der Turm sollte reichlich gewackelt haben, und... Ja. Und. UND ICH HABE DAS EINZIGE ERDBEBEN MEINES LEBENS VERSCHLAFEN!
Vierundzwanzig Stunden fast ununterbrochen auf den Beinen, kein Wunder, dass ich tief geschlafen habe. Aber so tief, dass ich nicht mal ein Erdbeben mitgekriegt habe? Ja, das wurmt mich heute noch.

Allerdings ist das nicht das Einzige, was mein zweiter Tag in den USA zu bieten hatten. Und auch die restlichen Tage sollten, neben erheblichen Kosten, noch einige Wunder bereit halten. So zum Beispiel in Las Vegas, wo ich... Nun. Oder am Grand Canyon, wo wir... Hm. Phoenix, Arizona, San Diego, der Bryce Canyon, die Rockies, Los Angeles... Es gibt noch viel zu berichten, viel zu erzählen.
Zwei Dinge aber möchte ich vorweg nehmen. Das erste ist, dass ich an diesem Morgen in einem Diner gleich neben dem Hotel den zweitbesten Kaffee meines Lebens serviert bekommen habe, zusammen mit einem amerikanischen Pancake-Frühstück, das sich gewaschen hatte. Denn die Amis scheinen dem Frühstück wesentlich mehr Stellenwert einzuräumen als wir Deutsche. Das zweite ist, dass ich damals San Francisco für die schönste Stadt der Welt hielt, und auch heute noch, achtzehn Jahre später (siebzehneinhalb) denke ich mit Wohlwollen an diese schöne Stadt, ihre freundlichen Bewohner und ihre interessante Architektur zurück. Was ich aber schon verraten sollte, ist, dass San Francisco trotz all der Offenheit, der vielen älteren Gebäude und der Wolkenkratzer und des warmen Septemberwetters (Nebel gibt es nur im Hochsommer) eher sowas wie eine Kleinstadt ist. Oh, eine große Kleinstadt, wahrscheinlich die zweitgrößte nach Los Angeles, aber eben doch eine kleine Stadt mit schmalen Straßen. Nicht zu vergleichen mit den Bildern, die es ins Fernsehen oder ins Kino schaffen. Und diesen Eindruck sollte ich noch öfter auf der Reise haben.
Doch darüber berichte ich dann in Teil zwei, denn über San Francisco gibt es noch zwei, drei Anekdoten zu erzählen.

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