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Donnerstag, 13. Juli 2017

Der überregionale Teil der Leine Deister Zeitung: Der Kommentar "Schluss mit maßlos" von Marcus Mäckler regt mich auf.

Also, ich habe ja so meine Erfahrungen mit den Kommentatoren der Dirk Ippen-Gruppe.
Für alle, die mit dem Begriff "Ippen-Gruppe" nichts anfangen können: Herr Ippen, hier sein Wikipedia-Eintrag, hält anteilsmäßig an fast einem Dutzend regionaler Zeitungen eine Mehrheit oder besitzt sie komplett. Sie teilen sich in einen regionalen Teil aus, der, logisch, von den Regional-Redaktionen betreut wird, und einen überregionalen Teil, der für alle diese Zeitungen - oder zumindest für einen großen Teil, das weiß ich gerade nicht - gemeinsam gilt. Für diesen Pool steuern verschiedene Reporter und Redakteure ihren Anteil zu, und dann nicht selten in den Kommentaren.
Ich zum Beispiel habe mit Herrn Bruggaier (Internet) einen ereignisreichen, fruchtbaren und stets freundlichen Austausch über seine Ideen der Internetsicherheit geführt, wie man in meinem Blog nachlesen kann. Mit anderen Autoren hatte ich noch nicht das Vergnügen, die Federn zu kreuzen. Ist vielleicht auch besser so, denn ein Herr Drewes (Wirtschaft) ist mir zu weit rechts (Wirtschaftrechts), und ein Herr Anastasopoulus geht mir zu fies mit griechischen Staatsschulden bei deutschen Banken um.
...sacken lassen.

Was ist passiert? Gestern, am Mittwoch, den 12.07.2017, war ein Herr Markus Mäckler an der Reihe, der zum Thema "Urteil zum Tarifeinheitsgesetz" einen Kommentar abgegeben hat, unter dem Titel - oben bereits erwähnt - "Schluss mit maßlos".
Er leitet den Artikel folgendermaßen ein: "Am Ende fehlte es selbst den härtesten Sympathisanten an Verständnis." Dazu stelle ich fest: Ich sympathisiere, und das noch immer. Also gibt es mindestens einen harten Sympathisanten, Herr Mäckler, der noch Verständnis hat.
Weiter geht es: "Mit blinder Kampfeslust ließ GDL-Chef Claus Weselsky 2015 den Streik der Lokführer eskalieren - auf Kosten von Millionen von Pendlern. [...] Dabei ging es nicht in erster Linie um soziale Interessen, sondern um die Eitelkeiten und Machtansprüche kleiner Gruppen. Ironischerweise läuteten sie durch diese Maßlosigkeit ihre eigene Entwaffnung ein; das Tarifeinheitsgesetz. [...]
...sacken lassen.
Den restlichen Text gebe ich ausschnittsweise wieder, aber ich bin wirklich ziemlich sauer. Er schwadroniert, ja, schwadroniert noch darüber, dass die kleinen Gewerkschaften ja trotzdem noch streiken können, wenngleich das Gesetz ja bestimmt, dass der Tarif der zahlenmäßig stärksten Gewerkschaft übernommen werden muss, was natürlich himmelschreiender Unsinn ist. Wozu streiken, wenn man keinen Tarifabschluss erreichen kann? Halt, ich rege mich auf. Später dazu mehr.
Lasst uns hier sachlich weitermachen.
Es grenzt an Ironie, wenn er dann darauf verweist, dass die Karlsruher Richter, die das  Tarifeiheitsgesetz durchgewunken haben, Verbesserungen verlangen, nach denen die anführende Gewerkschaft die Interessen kleinerer Gewerkschaften berücksichtigen muss. Also nicht jetzt vertreten oder durchsetzen, nur berücksichtigen. Tja.
Ganz zum Schuss schreibt Herr Mäckler noch: "Sollte es aber, wie manche befürchten, zu "Häuserkämpfen" darum kommen, wer die meisten Mitgleider und damit das Verhandlungsrecht hat, täten sich ganz andere Fragen auf: Dann ginge es darum, für wen die Gewerkschaftsspitzen eigentlich kämpfen. Ihre Mitglieder - oder die eigene Macht."
...sacken lassen.

Also, an dieser Stelle muss ich ganz deutlich fragen: Herr Mäckler, wer bezahlt Ihr Gehalt? Ist es Herr Ippen? Sein Geld ist bei diesem Kommentar allerdings nicht gut angelegt.
Ich möchte mich erklären. Zuerst einmal möchte ich Sie bitten, diesen Artikel von der ver.di-Seite zu lesen. Dort steht sinngemäß, dass ein Arbeitskampf außerhalb der Tariflaufzeit zu erfolgen hat. Es braucht fünfundsiebzig Prozent Ja-Stimmen aller nichtverhinderter Mitglieder, um einen Streik zu beginnen, aber nur fünfundzwanzig Prozent Zustimmung aller Mitglieder, um einen Streik zu beenden. Ich erkläre Ihnen das, um zu verdeutlichen, was 2015 passiert ist. Die GDL hat mit der Bahn verhandelt, und die Bahn hat auf stur geschaltet. Sie hat einen Streik in Kauf genommen, sie hat es hingenommen, auf Kosten von Millionen Pendlern, wie Sie es ausgedrückt haben. Nicht aus Ego-Gründen des Vorsitzenden Weselsky, sondern weil über fünfundsiebzig Prozent der Mitglieder für den Arbeitskampf gestimmt haben. Ein Streik ist immer das letzte Mittel im Arbeitskampf, und vor allem kein schönes Mittel, aber wenn der Arbeitgeber der Gewerkschaft nicht entgegen kommt, nicht mal in Zwischenschritten, dann riskiert sie nicht einfach nur einen Streik, sie nimmt ihn in Kauf. (Wohl auch in der Hoffnung, dass die Gewerkschaft keinen Streik riskiert, weil Streik in Deutschland mittlerweile einen schlechten Leumund hat, leider.)
Die GDL hat damals nicht nur einfach mehr Geld gefordert, einen Ausgleich bei höherer Belastung oder gar die Gleichstellung von Lokführern und Lokrangierführern - ja, Sie haben richtig gelesen, nein, ich weiß auch nicht, was ein Lokrangierführer ist und warum er schlechter behandelt wird als ein Lokführer - sondern auch das Recht, nicht nur die Lokführer in der GDL zu vertreten, sondern auch die Lokrangierführer und das Zugpersonal, die in dieser Gewerkschaft organisiert sind. ICH PERSÖNLICH halte das für vollkommen legitime Anliegen.

Sie werden jetzt fragen: Was spricht denn dagegen, dass sich die GDL an der EVG und ihren Abschlüssen orientiert?
Das werde ich Ihnen sagen. Die EVG, die von der Bahn bevorzugt wird, ist Nachfolger der TransNet, einer Gewerkschaft, die maßgeblich dazu beigetragen hat, dass die Bahn privatisiert werden konnte. Klingt jetzt nicht so bedrohlich. Aber die TransNet war so kuschelzahm und zahnlos, dass einer ihrer Vorsitzenden 2008 in den Vorstand der Bahn wechselte und dort dann für Personalbelange zuständig war. Ja, ein Gewerkschafter. Ja, jemand, der maßgeblich beim Umbau der Bahn geholfen hat. Auf Kosten der Arbeitnehmer.
Natürlich ist es das Recht des Arbeitgebers, sein Unternehmen, gerade ein ehemaliges staatliches Unternehmen, das privatisiert wurde, auf solidere Füße zu stellen, indem er Ausgaben senkt und Einnahmen erhöht. Die Gesetze bilden hier recht eindeutige Limits. Weit gefasste, zugegeben. Aber genauso ist es das Recht der Arbeitnehmer zu entscheiden, ob und wie weit sie diese Veränderungen mittragen, und sich gegebenenfalls dagegen entscheiden, sprich: Dass sie sich organisieren und auch streiken.
Die EVG ist jetzt nicht wesentlich härter als TransNet, also ist es auch weder ein Wunder, dass die Bahn lieber mit ihr verhandelt -  es war die EVG, die ihre organisierten Lokführer aufrief, beim GDL-Streik als Streikbrecher zu arbeiten, was genug über die Gesinnung der EVG-Spitze sagt.
Ja, die eine Gewerkschaft hat die andere torpediert. Sich nicht solidarisch zu zeigen, keine eigenen Warnstreiks zu veranstalten, um die andere Gewerkschaft, die anderen Arbeitnehmer zu unterstützen, geschenkt. Eigene Mitglieder als Streikbrecher loszuschicken hingegen ist in mehr als einer Hinsicht peinlich und eindeutig.

Ich stelle fest: Es war sicher keine "wilde Kampfeslust" und auch nicht das Ego von Herrn Weselsky, das zum Streik geführt hat, sondern die Mehrheit der Mitglieder der Gewerkschaft der GDL, und das mit überwältigender Mehrheit. Wenn, dann war es das Ego aller Mitglieder. Punkt. Und ja, es ging auf Kosten von Millionen von Pendlern. Ja, was denken Sie denn, was ein Streik ist? Ein Gruppenkuscheln? Ein Streik ist nur dann effektiv, wenn er den Arbeitgeber trifft, und noch besser, wenn er großen Teilen der Bevölkerung ins Bewusstsein gerät. Den Streik gewollt hat hier sicher nur die Bahn, denn außer Streikgeld hatte die GDL nichts zu verlieren, und zu gewinnen gab es das Recht, alle Mitglieder vertreten und für alle Mitglieder einen Tarif aushandeln zu können. Wie ich schon sagte, ist ein Streik das letzte Mittel im Arbeitskampf. Hier sind übrigens die damaligen Forderungen. Wenn man berücksichtigt, dass sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber irgendwo in der Mitte treffen, halte ich keine der Forderungen für übertrieben.
Warum also ließ die Bahn den Streik zu, provozierte ihn sogar? Ja, das meine ich so. Nun, wenn Sie meine Meinung hören wollen, so ging es 1) darum, Herrn Weselksy und die GDL zu diskreditieren, durch wirksame Öffentlichkeitsarbeit, die aus dem regulären Arbeitskampf, aus einem im Grundgesetz festgeschriebenen Recht eine gefühlt schlimme Sache zu machen, was eifrigst von diversen Medien bedient wurde und noch immer wird; 2) darum, das Tarifeinheitsgesetz durchzudrücken, um genau das zu erreichen, dass die Bahn fortan nur noch mit der EVG verhandeln muss und die GDL bleiben kann, wo der Pfeffer wächst (als SPD-Wähler und Mitglied bin ich von Frau Nahles entsprechend enttäuscht).
Noch einmal: Ein Streik ist das letzte Mittel im Arbeitskampf. Die Hürden, um einen Streik zu beginnen, sind hoch. Die Hürden, um ihn zu beenden, sind niedrig. Zum Streik braucht es immer zwei Parteien, von denen eine nicht verhandeln will, aber ein Streik ist, auch wenn Millionen Pendler darunter leiden, eine legale Sache.
Als Deutsche streiken wir ohnehin zu wenig; die großen Gewerkschaften haben sich viel zu lange sagen lassen, dass niedrige Abschlüsse wichtig wären, um die zarte Konjunktur nicht einbrechen zu lassen; das Ergebnis sind Millionen Arbeitnehmer in Billiglohnverhältnissen.

Sie, Herr Mäckler, schimpfen hier nicht über die GDL, Sie schimpfen über das Streikrecht, das uns als Arbeitern und Angestellten gesetzlich zusteht und unsere letzte Möglichkeit ist, in festgefahrenen Verhandlungen die Arbeitnehmerseite durchzusetzen. Sie torpedieren die Arbeitnehmer als Ganzes, denn das geänderte Streikrecht betrifft alle Arbeitnehmer, und ein Arbeitskampf bei der Bahn, bei der Post (woran ich 2015 teilgenommen habe, um Herrn Appels Pläne zum Outsourcing der Angestellten in Tochterfirmen mit Billigtarif zu verhindern - wir haben das zumindest geschafft), bei den Piloten oder auch nur beim Stahlbauer um die Ecke wird dadurch eine negative Konnotation erhalten. Streik ist böse? Nein. Streik ist unser Recht. Sie reden den Streik nur schlecht, Herr Mäckler. Erzählen Sie mir nicht, Sie meinten wirklich nur die GDL und die Ansprüche kleinerer Gewerkschaften. Das geänderte Streikrecht gilt bundesweit, gilt für uns alle.

Aber, ich will es nicht verhehlen, es gibt einen positiven Aspekt und eine Hoffnung.
1) Gerade in Ostdeutschland in Pflegebetrieben war und ist es üblich, nach Tarif zu bezahlen. Wo ist der Witz dabei? Christliche Gewerkschaften. Der Arbeitgeber brauchte nur einen Arbeitnehmer, der in eine christliche Gewerkschaft eintrat, um den Tarifvertrag dieser Gewerkschaft anzuerkennen - üblicherweise eine Dumping-Geschichte auf vermeintlich legalem Grund. Dies ist jetzt nicht mehr möglich, denn nur ein einziges Mitglied, das in der ver.di ist und in solchen Betrieben arbeitet bedeutet, dass künftig nicht mehr der Tarif der Christlichen Gewerkschaft gilt, sondern jener von ver.di. Aber, Sie ahnen es schon, ja, die Sache hat einen Pferdefuß: Solche Arbeitnehmer passen dann natürlich nicht mehr zur Jobbeschreibung und werden aus diesen oder jenen Gründen gekündigt oder scheiden "freiwillig" aus.
2) Der Lichtblick. Ich habe einen Lichtblick versprochen. Die EVG ist leicht im Niedergang. Waren es bei der Gründung noch über 300.000 Mitglieder, so sind es jetzt noch 225.000 und weniger.
Die GDL hingegen wächst und hat jetzt schon 34.000 Mitglieder. Um also jene Gewerkschaft zu sein, mit der die Bahn verhandeln MUSS, muss sie nur die Mitgliederstärkste Gewerkschaft im Unternehmen sein. Ich denke, jetzt, wo die GDL auch Zugbegleitpersonal vertreten darf, könnte sich der bisherige Kuschelkurs der EVG rächen und der GDL zu mehr Wachstum verhelfen.




Noch einmal, ein letztes Mal. Es heißt Streikrecht. Recht. Nur, weil wir hier in Deutschland kaum noch Streiks gewohnt sind, heißt das nicht, dass Streiks bäh sind. Wer dennoch versucht, Streiks auf das Ego der Vorsitzenden zu reduzieren oder das Leid der Millionen Pendler beklagt, muss sich nicht wundern, wenn man ihm widerspricht. Hiermit geschehen, Herr Mäckler.

Donnerstag, 6. November 2014

Ich bin ein GDL-Versteher

Ich weiß gar nicht so genau, wo ich anfangen soll. Die GDL streikt, nicht für sich selbst, sondern für die anderen Bahnbediensteten. Damit sie den gleichen Nutzen haben wie die gewerkschaftlich organisierten Lok-Führer. Eine gute Sache. Finde ich. Die Medien finden das nicht so gut.
Jens Berger vom Spiegelfechter hat neulich erst die Hintergründe des GDL-Streiks aufgeführt und schön erklärt, wie der GDL den Ausverkauf der EVG an die Bahnchefs Schritt für Schritt rückgängig gemacht wurde. Und er hat uns in Erinnerung gerufen, bzw. Unwissenden wie mir gezeigt, dass der EVG-Vorsitzende Norbert Hansen für eben diesen Ausverkauf mit einem lukrativen Vorstandsposten ausgerechnet bei der Bahn belohnt wurde. Kein Wunder, dass die GDL alles daran setzt, die Arbeitsbedingungen auch für die Kollegen zu verbessern. Sie ist immerhin die größte Gewerkschaft der Bahnbeschäftigten. Und hat nicht Frau Ministerin Nahles gesagt: "Die größte Gewerkschaft in einem Unternehmen sollte den Tarif für alle vorgeben."? Tja, Andrea, das wäre dann wohl die GDL.
Dennoch sträuben sich mir die Haare, wenn ich sehen muss, mit was für einem Halali in deutschen Medien auf die GDL und ihren Vorsitzenden Claus Wedelsky Hatz gemacht wird.
Auch hierzu hat sich Jens Berger geäußert. Treffend, wie ich finde. Wo, bitte, ist hier die vierte Säule unserer Demokratie hin? Wo, bitte, ist die Kontrollinstanz, die die Presse so gerne sein will? Im Moment sehe ich hier nur Gratis-Promotion für die Deutsche Bahn an allen Fronten in diesem Tarifstreit.
Ehrlich, Leute, ich bin ein GDL-Versteher, und ich wünsche den Streikenden ein dickes Fell. Zieht das durch, Leute, bleibt hart, gewinnt zurück, was Norbert Hansen ausverkauft hat. Ich als SPD-ler kenne das ja bereits von der Atomstrom-Industrie und diversen leeren Versprechungen beim Umbau des Sozialstaats von Arbeitgeberseite.

Klar, liebe Leute, ist es hart, wenn man den Zug verpasst oder gar nicht erst bekommt, weil er gar nicht fährt. Klar ist es nicht toll, nicht zur Arbeit zu kommen, Meetings zu verpassen und darunter zu leiden, dass eine Gewerkschaft Forderungen durchsetzen will. ...Hm. Für wen eigentlich? In diesem Fall für so ziemlich alle Mitarbeiter der Bahn. Und ehrlich, Leute, ganz ehrlich, angenommen, die IG Metall möchte ihre bescheidenen drei Prozent Lohnerhöhung erstreiken, "um die aufkeimende Konjunktur nicht zu stören", aber das ist den Arbeitgebern wie damals um 2000 zuviel, was meint Ihr, wird passieren? Die Medien werden sich daran erinnern, wie gut das heute mit der GDL geklappt hat, und sie werden wieder einseitig sein und polarisieren. Dann nicht, weil, "einige wenige zu Lasten vieler" streiken, sondern "weil die Grundversorgung in Deutschland gefährdet ist", oder ein anderer, hanebüchener Grund, der die Streikenden diskreditieren und zum Einknicken zwingen soll.
Mehr ist es nicht: Propaganda gegen die Streikfront. Ein Streik ist kein Kuscheln, aber er ist auch kein Krieg und erst Recht keine Invasion. Und zum Streik gehören immer zwei. Dazu gehört aber auch ein Blick auf das Vorher und Nachher. Und ganz, ganz ehrlich gesagt, ich sympathisiere nicht nur mit der GDL, sondern auch mit ihren Streikzielen. Und jeder, ich betone, JEDER Arbeitnehmer in Deutschland sollte die GDL mindestens moralisch unterstützen, damit wir hier in Deutschland ein klares Zeichen setzen: Wir Arbeitnehmer, das ist die Mehrheit, und wir sind untereinander solidarisch.
Was aber passiert stattdessen? Es gibt eine Menge Leute, die sich jetzt abgrundtief schämen sollten, finde ich.

Nachtrag: Wohooo! Nathan hat mir zwei Artikel verlinkt, die ich Euch nicht vorenthalten möchte.
Der Spiegel spricht Tacheless und zeigt ganz klar, was Sache ist. Nix mit böser GDL - böse Bahn!
Und Der Freitag zeigt noch mal fix die Hintergründe auf. Transnet, ick hör Dir trapsen.

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Vom Lokführerstreik über Pilotenstreik zum Streik bei Amazon

Ja, es wurde in Deutschland gestreikt. Ja, es betraf den Nah-, und Fernverkehr. Ja, es wird auch wieder diesen Bereich betreffen. Völlig legal, alles im rechtlichen Rahmen, seit Jahrzehnten vom Gesetzgeber erlaubt und von Arbeitgeberseite und Arbeitnehmerseite ratizifiert.
...sacken lassen.

Aber jetzt muss ich mal meinem Unmut Luft machen. HABT IHR SIE NOCH ALLE?
...noch mal sacken lassen.
Liebe deutsche Presse, was Ihr in den letzten Wochen getan habt und gerade tut, ist eine bodenlose Frechheit. Die Lokführer streiken, und ihre Gewerkschaft ist zu klein, oder die Urabstimmung wurde gefälscht; die Piloten streiken, und die sollen sich doch mit ihren bereits angehäuften Luxusgehältern zufrieden geben; aber wenn bei Amazon gestreikt wird, ist das ein aufrichtiger, zu fördernder Arbeitskampf?
...sacken lassen.

Ich bringe es mal auf den Punkt. Eine Gewerkschaft ist eine Organisation von Arbeitern. Diese Organisation von Arbeitern verhandelt, ihre Mitglieder im Rücken, mit dem Arbeitgeberverband über Löhne und Gehälter. Ist selten geworden in Deutschland, seit Hartz IV-Empfänger ihr Schicksal durch Faulheit, Alkoholkonsum und Lotterleben selbst verdient haben und man zur Mittelschicht gehört, kaum dass man eintausend Euro Netto verdient; es gibt ja immer noch jemanden, der unter einem steht. Und der kriegt noch viel zu viel, sodass der Staat versucht, so viel Sozialleistungen wie möglich abzuknapsen und zu kürzen. Aber ich schweife ab.
Wir haben da also eine Gewerkschaft. Nennen wir sie Verdi. Die verhandelt mit den Arbeitgebern. Je stärker eine Gewerkschaft ist, je mehr Mitglieder sie hat, je besser sie ihre Mitglieder auf den Arbeitskampf einstimmen kann und je besser die Streikkasse gefüllt ist - ja, Leute, das vergessen viele. Im Streik wird das Gehalt nicht weiter bezahlt. Da leben die Streikenden von der gemeinsamen Kasse, also gehen sie tatsächlich ein Risiko ein - desto mehr Druck kann sie auf den Arbeitgeber ausüben, um ihre Forderungen durchzusetzen.
Die Gewerkschaft macht ein Angebot. Die Arbeitgeber machen ein Gegenangebot. Man trifft sich irgendwo in der Mitte. In den letzten vierzehn Jahren war das Angebot der Gewerkschaften relativ klein, bei zwei, drei Prozent Lohnsteigerung, weil sie "nicht den hoffnungsvoll aufkeimenden Aufschwung" kaputt machen wollten. Stattdessen ging der Binnenhandel flöten. (Siehe Karstadt. Kein Geld im Inland - das Aus für inländische Warenhäuser.)
Forderungen von dreieinhalb, vier oder gar fünf Prozent? Nicht zu realisieren. Die einzigen, die da eine Ausnahme bildeten, waren lt. meiner Erinnerung die Lufthansa-Piloten. Die waren mutiger und haben mehr gefordert. Bei Zuwachsraten im Luftverkehr auch das richtige Vorgehen.
Nun kommen aber Arbeitgeber und Gewerkschaften zu keiner Einigung. Was passiert? Arbeitskampf.
Der Arbeitskampf sieht den Streik vor. Die Beschäftigten legen die Arbeit nieder, der Arbeitgeber hat das Recht, die Beschäftigten auszusperrren und Streikbrecher einzusetzen. Wer den längeren Atem hat, gewinnt. Um zu streiken, hat der Gesetzgeber aber hohe Hürden gesetzt. In der sogenannten Urabstimmung zum Streik müssen achtzig Prozent der Gewerkschafter FÜR den Streik sein.
Anders herum sieht es zum Streikende aus. Hier müssen nur zwanzig Prozent dafür sein, und der Streik ist zu Ende.
...sacken lassen.

Sicher, es gab Zugausfälle. Sicher, es gab und wird geben, dass Flüge ausfallen, nicht ersetzt werden, ersatzlos gestrichen sind. Na und? Okay, ich arbeite gleich um die Ecke und habe ein Auto. Aber ehrlich, Leute, auch wenn ich direkt betroffen wäre, hätte ich als Arbeitnehmer Verständnis für die Streikenden. Denn wenn ich mal im Arbeitskampf bin und meine, mehr Lohn zu verdienen, als mir angeboten wird, und wenn meine Gewerkschaft mit über drei Vierteln das Gleiche denkt, dann will ich in der Bevölkerung auf Verständnis treffen. Nicht auf ein von Hohn, Spott und Anschuldigungen verseuchtes Klima, wie sie die deutsche Presselandschaft gerade mehrheitlich produziert.
JEDER gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer Deutschlands hat das Recht auf Streik. Für den Arbeitskampf. Um für mehr Lohn zu streiten, um am zweifellos weitergehenden Aufschwung teilzuhaben. Damit nicht noch mehr Geld von ganz unten nach ganz oben verteilt wird - und von allen Einkommensklassen bis hoch zu den 0,1% der Bevölkerung, die das Gros des Geldes halten, noch was abknapsen, und das nicht gerade wenig...
...sacken lassen.

Liebe deutsche Presselandschaft. Die deutschen Streikenden bewegen sich vollkommen konform mit den Gesetzen zum Arbeitsrecht. Sie tun NICHTS VERBOTENES! Das wisst Ihr natürlich, liebe Reporter. Warum also drückt Ihr auf die moralische Tränendrüse und sprecht von "Unverhältnismäßigkeit", "Verantwortung" und "dem Leid des Pendlers"? Ihr wisst schon, dass das, was Ihr hier zelebriert, Wasser auf die Mühlen der Arbeitgeber ist, um die Streikenden in ihrem Sinne unter Druck zu setzen? Ihr wisst schon, dass eine solche Berichterstattung die Streikenden demoralisiert und sie um den gerechten Lohn ihrer Mühen bringt, nämlich einen gerechten Anteil am Gewinn der Arbeitgeber? Ihr wisst schon, dass man hier vermuten kann, dass Ihr absichtlich parteiisch handelt - und das auch noch in bester Propaganda-Manier?
Und dann gibt es einen Streik bei Amazon (was ich übrigens begrüße, weil bessere Arbeitsbedingungen immer einen Streik wert sind), und obwohl durch einen Amazon-Streik mehr Menschen betroffen sind als durch einen Pilotenstreik bei der Lufthansa, geht der in Ordnung, weil es gegen einen amerikanischen Konzern geht, oder was?
An dieser Stelle verlinke ich mal auf den Spiegelfechter, der einen etwas anderen Aspekt dieses Themas beleuchtet. Im Prinzip sind wir uns aber einig: Das geht so nicht.
...sacken lassen.

Liebe deutsche Medien, wenn jemand im Rahmen der Gesetze handelt, und Ihr alles dafür tut, um ihn unter Druck zu setzen, ihn moralisch ins Abseits zu stellen und drängt, seine Handlungen, sprich Streik, einzustellen, dann ist das Meinungsmanipulation. Und das hat in Deutschland einen wirklich schlechten Beigeschmack. Denkt mal drüber nach, liebe Reporter und Redakteure in Deutschland.