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Freitag, 30. November 2012

Wind of Change

Seit einiger Zeit verfolge ich die derzeitige Debatte um Offshore-Windparks, Windenergie, EE-Umlage, Trassenverlängerung, und, und, und. Der Konsens, den unsere uninformierten oder meinetwegen gleichgeschalteten Zeitungen und Medien dazu bringen ist: Der Verbraucher muss zahlen. Ich frage mich, wieso.Immer wieder blitzt in der Debatte um den Strom auf, das Windparks zwangsabgeschaltet werden müssen und das jemand die Windparkbesitzer für den Verdienstausfall entschädigen muss. Ab hier setzt mein eigenes Denken ein, und ich frage: Wieso?

Tatsache ist, das es auch in Deutschland nur eine begrenzte Zahl an Verbrauchern gibt. Tatsache ist, das wir ins europäische Stromnetz einspeisen. Tatsache ist, dieses Netz verträgt bei Verbrauchern auf einer Seite und Produzenten auf anderer Seite nur eine gewisse Menge produzierten Strom, und das bedeutet, dass im Ernstfall Stromkraftwerke hinzu-, oder abgeschaltet werden müssen, um das Netz zu stabilisieren.
...sacken lassen.

Worauf will ich hinaus? Nun, Deutschland hat die höchsten Strompreise in Europa, und dabei ist die versteckte Subvention der Atomenergie NICHT mit eingerechnet, denn die erfolgt über Zahlungen der Bundesregierung, nicht über den Strompreis.
Deutschland produziert auch mehr Strom, als es eigentlich verbrauchen kann und exportiert Überschüsse ins Ausland. Selbst im Zeitalter abgeschalteter Atomkraftwerke.
Fazit: Wir haben mehr Strom, als wir verbrauchen können.
...sacken lassen.

Nun macht aber auch eine andere Information die Runde. An der Strombörse, wo sich die Produzenten von Strom ihre Stromnutzungsmengen zuschieben, ist der Strompreis schon lange gesunken, aber an den Verbraucher wird nichts weitergegeben. Im Gegenteil, er soll mehr bezahlen, und auch noch über den Strompreis die Subvention der Erneuerbaren Energien und den Ausbau des Stromnetzes tragen.
...sacken lassen.

Also, ich fasse zusammen: Deutschland hat mehr Strom, als es benötigt. Deutschland trägt dazu bei, das europäische Stromnetz zu stabilisieren, indem es seine Überschüsse weitergibt. Selbst nachdem etliche KKW abgeschaltet wurden, haben wir mehr als genügend Strom. In einem normalen Markt, der sich selbst reguliert, würde das bedeuten, das der Strompreis fällt. Ein höheres Angebot als Nachfrage bedeutet automatisch Preiskampf der Anbieter und bessere Preise für den Endverbraucher. Warum geschieht das nicht in Deutschland? Nun, einerseits, weil die derzeitige Bundesregierung ihr Bestes tut, wieder mal etwas als "alternativlos" zu verkaufen, und andererseits, weil die großen vier Energiekonzerne in Deutschland, E.ON, Vattenfall, EnBW und RWE ein sogenanntes Oligopol bilden; sie beherrschen zu viert den Strommarkt in Deutschland und diktieren die Preise. Klar gibt es viele kleine Anbieter, Stadtstromwerke und ausländische Anbieter, oder einfach nur Firmen, die große Kontingente Strom kaufen, ohne ihn zu produzieren, um ihn günstig an Endverbraucher abrechnen zu lassen, Yello zum Beispiel. Der Strom ist dabei übrigens IMMER der Gleiche. Unterschiedlich ist nur der Preis. Nun gibt es in Deutschland keine große Wechselmentalität beim Stromanbieter. Die großen Vier können sich einigermaßen zuverlässig darauf verlassen, dass ein Stromkunde zeitlebens bei ihnen bleibt. So kann man natürlich sehr gut und sehr bequem Geld verdienen. Und durch den Aufkauf örtlicher Versorger lässt sich das Oligopol gut weiter ausbauen. Ihr könnt Euch sicher meine Überraschung vorstellen, als ich erfuhr, dass das Überlandwerk Leinetal, mein Versorger, mittlerweile mehrheitlich E.ON gehört. Ich wette, die meisten Stromkunden der ÜWL wissen das nicht und halten damit E.ON aus falsch verstandener Loyalität zu ÜWL die Stange.

Nun gibt es noch einen Punkt, der an mir nagt. Sieben Kernkraftwerke, aber elf Reaktoren wurden vom Netz genommen und sollen es auch bleiben. Für elf Reaktoren wird man in Zukunft keine Uran-Brennstäbe mehr kaufen müssen; für den Strom aus elf Reaktoren muss keine versteckte Subvention mehr fließen; für elf Reaktoren müssen keine Brennstäbe mehr in La Hague aufgearbeitet und kein Atommüll entsorgt werden. Für elf Reaktoren muss kein Strom bezahlt werden! Und? Wieso sinkt der Strompreis dann nicht, wenn genügend Strom da ist, und die Subventionsmaschinen eigentlich im Rückbau sein müssten? Weil die großen Vier es so wollen. Und weil die Bundesregierung das deckelt. Ich bin sicher, ein "Spezialist" kann mir in großen Worten und farbigen Schilderungen gut erklären, warum das so ist und so sein muss und so bleiben muss. Einerseits, ich verstehe es trotzdem nicht. Die Betriebskosten für elf Reaktoren fallen weg. Puff. Die Kosten für den Strom, den sie produziert haben, fallen weg. Bleiben noch die Kosten für die Mitarbeiter und den Rückbau (den die Betreiber zurückzulegen staatlich verpflichtet sind). Nichts.
Stattdessen bombardieren uns alle Zeitungen damit, dass die Preiserhöhung kommt... Definitiv. Und sie sagen uns auch, dass der böse Wechsel zu erneuerbaren Energien schuld ist.
...sacken lassen.

Da bleibt eigentlich nur eines: Die Macht des Oligopols brechen. Und das geht nur mit einem Anbieterwechsel. Nur wenn eine große Gruppe Personen von den großen Anbietern zu den Abrechnern wechselt, um Stromkosten zu sparen, wird sich auch der Strompreis für alle anderen bewegen. Klar, es gibt viele Tarife, viele Anbieter, es ist alles so unübersichtlich. Und es ist so bequem, einfach bei dem zu bleiben, was aus meiner Steckdose kommt, und dann warnen die Zeitungen auch immer über unseriöse Geschäftspraktiken der anderen Stromanbieter...
Aber mal ganz ehrlich, in unseren Zeiten, kann man sich da Bequemlichkeit noch leisten? Ein Wechsel könnte durchaus das wettmachen, was uns bei den großen Vier auf den Strompreis aufgeschlagen werden soll, eventuell erheblich mehr. Auch hier gibt es Preisvergleich-Websites und Tarif-Vergleiche. Klar muss man ab sofort ein wenig mitdenken, anstatt wie gewohnt immer mit dem gleichen alten Anbieter abzurechnen. Aber ganz, ganz ehrlich: Zahlt Ihr lieber mehr, und das freiwillig, nachdem Ihr wie unmündige Kinder genasführt wurdet? Dann soll das wohl so sein.
Ich werde jedenfalls bei der nächsten Vertragsverlängerung zuerst mal die Tarifseiten im Web konsultieren, bevor ich mich wieder auf E.ON einlasse. Garantiert. Auf das der Strompreis fallen möge.

Und wisst Ihr, liebe Leser, was das Ironische an der Geschichte ist? Abgesehen davon, das wir Verbraucher durch Energiespar-Modi an Haushaltsgeräten, Energiesparlampen und vieles mehr Strom einsparen und deshalb eigentlich weniger als mehr für Strom bezahlen müssten: Strom wird in Deutschland subventioniert. Nicht für den Verbraucher, sondern für die Produzenten und die Industrie. Dabei gibt es mehr zivile Verbraucher als geschäftliche... Wirklich, der einzige Ausweg ist ein Anbieterwechsel.

Montag, 8. Februar 2010

Eine Blume in der Wüste ist wie ein Einsichtiger in der CDU.

...selten und kostbar.
Leser meines Blogs wissen, dass ich gegenüber CDU und FDP ein eher launisches Verhältnis pflege. Das liegt allerdings nur zum Teil an meinem roten Parteibuch, sondern eher an der schwarz-gelben Lobby-Politik, die sie mehr oder weniger heimlich ausführen. Man erinnere sich nur mal an das Steuergeschenk an die deutsche Hotelbranche mit der fadenscheinigen Begründung, Betten würden dann billiger werden. Einfacher wäre es doch gewesen, diese offensichtliche Subvention als Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit zu verkaufen. Immerhin ist Deutschland ein Tourismus-Land. Das darf durchaus gefördert werden, auch ohne das zuvor ein paar Millionen Euro an Parteispenden fließen. (Außerdem, liebe FDP, lässt man sich hinterher von der dankbaren Klientel bezahlen, nicht vorher.)

In diesem Zusammenhang überrascht hat mich der neue Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Anstatt die Lobby-Politik der eigenen Partei fortzusetzen und die Atomkraft in den Himmel zu loben (sowie fälschlicherweise als billig und CO2-frei anzupreisen) , bezeichnet er die Atomenergie als Brückentechnologie und fordert dementsprechend eine Abwendung von der Kernenergie, hin zu alternativen und erneuerbaren Energien. Zwar propagiert er auch die Verlängerung der Laufzeiten, aber plädiert- sehr ungewöhnlich für seine Partei - für ein Ende nach vierzig Jahren. Als Grund gibt er unter anderem an, dass die Entsorgung des Atommülls noch immer ungeklärt ist und Atomstrom in der Bevölkerung noch immer auf keine hinreichende Akzeptanz stößt.
Für diese absolute Abkehr von der Kernenergie, zumindest für CDU-Verhältnisse, erntete er gleich Kritik von Unions-Fraktionsvizechef Michael Fuchs, der von Steuerverschwendung beim stillegen funktionsfähiger AKWs zugunsten von Vogelshreddern (in seiner Welt sind damit Windkraftanlagen gemeint) und Subventionsgräbern (in seiner Welt sind das nicht die Atomkraftwerke, sondern Solarkraftanlagen) sprach.
Der außenpolitische Sprecher der Union, Philip Mißfelder, geht da noch einen Schritt weiter und sagt: "Angesichts einer international gegenläufigen Bewegung verliert ein deutscher Alleingang in Sachen Kernenergie mehr und mehr an Logik."

...sacken lassen.

Wollen wir diese Aussagen doch mal analysieren.
Konkreter, vertraglich festgelegter Atomausstiegszeitpunkt ist 2020, für alle existierenden Kraftwerke auf deutschem Boden. Kraftwerke wie Biblis, das älteste AKW auf deutschem Boden, sollten mittlerweile längst abgestellt sein.
Nun kommt Herr Röttgen daher und verpackt seine Laufzeitverlängerung der Kraftwerke auf vierzig Jahre mit den schönklingenden Worten, dass die Brückentechnologie wegen der ungeklärten Atommüllfrage und der geringen Akzeptanz halt weichen muss. Für einen CDU-Mann ist das schon ein enorm mutiger Vorstoß. Allerdings schiebt auch Röttgen damit den Ausstieg nur vor sich her und lässt Tür und Tor offen für den Laufzeitenhandel. Beinahe kommt der Verdacht auf, die Union versuche sich auf diese Weise vor der NRW-Wahl im Mai noch einmal als Atomkraftausstiegspartei zu positionieren. Und nach der Wahl die Sintflut.

Anscheinend hat Michael Fuchs bei der entsprechenden Besprechung nicht zugehört, sonst würde er nicht Laufzeitverlängerungen "nach internationalem Vorbild" auf sechzig Jahre fordern, und die Alternativen Windkraft und Solarenergie mit markigen, herabwürdigenden Schimpfwörtern belegen. Und anscheinend ist es ihm egal, dass Atomkraft zweimal bezahlt wird: Einmal an der Steckdose, und einmal durch enorme steuerliche Subventionen.
Nebenbei gesagt, hat er allerdings auch keine Idee, wo der Atommüll hin soll.

Auch Philip Mißfelder war an dem Tag anscheinend nicht da, sonst hätte er nicht einen derart dummen Satz gesagt wie jenen, in dem er auf den internationalen Trend pocht.
Alle anderen Kinder springen von der Brücke, also müssen wir das auch? Ich bitte Sie, Herr Mißfelder, wir sind ein Land der Innovationen. Wenn wir als große Industrienation als erste ohne Atomstrom auskommen und aufhören, extrem heißen radioaktiven Müll zu produzieren, nehmen wir auf den Technologiesektionen der erneuerbaren Energien eine Vorreiterstellung ein, die sich gewaschen hat. Vollbeschäftigung und Milliardeneinnahmen an Steuern sind die Folge, je weiter wir diese Vorreiterstellung ausbauen können. Aber Ihnen ist es ja lieber, die teure und problematische Kernkraft zu betreiben, den großen Energiekonzernen Subventionen zu zahlen und weiter mit dem Atommüllproblem zu kämpfen. Nämlich weil alle anderen es auch tun. Was für eine schwache Aussage.


Ich treffe jetzt mal eine meiner seltenen Prognosen. Und ich bin sehr gespannt ob sie eintritt.
Nach den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen wird, egal ob die CDU gewinnt oder verliert, Kanzlerin Angela Merkel einerseits von der Atomkraft nicht mehr als "Brückentechnologie" sprechen und sich andererseits auf eine Laufzeit von vierzig Jahren einschießen - mit der Option, sichere Kraftwerke nach eingehender Prüfung weiter laufen zu lassen, solange sie sicher bleiben.
Eigentlich keine Prognose, sondern eine simple Extrapolation. CDU halt.

Edit am 14.02.: Tagesschau.de berichtet ohne jede Wertung von der harschen Kritik, der Umweltminister Röttgen für seinen Vorstoß ausgesetzt ist - und verbreitet damit weiterhin die Mär vom billigen Atomstrom.
Dennoch, ein Gutes hat es: Je mehr die schwarzen Umwelt- und Wirtschaftsminister Röttgen in die Enge treiben, desto mehr muss er Farbe bekennen. Sein Rücktritt wäre der erste Riss in der Fassade der Koalition. Allerdings würde dann niemand mehr behaupten können, Schwarz-Gelb wolle den Atomausstieg, nur halt später als Rot-Grün.