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Dienstag, 4. Oktober 2011

Engel mit Eisaugen?

Heute ging der spektakuläre Berufungsprozess gegen die US-Amerikanerin Amanda Knox zu Ende. Sie war in erster Instanz wegen Mordes an ihrer Mitbewohnerin Meredith Kercher in einem Indizienprozess zu fünfundzwanzig Jahren Haft verurteilt worden.
Berühmt wurde der Fall nicht nur wegen der Brutalität der Tat (deshalb wohl Mord und kein Totschlag), sondern auch wegen Knox' recht hübschen Äußeren. Dieser brachte ihr den Spitznamen "Engel mit den Eisaugen" ein.
Nach der Urteilsverkündung wurde sie zitiert, zurück nach Hause, zurück in ihr Leben zu wollen. Verständlich, immerhin hatte sie vor dem Berufungsverfahren bereits vier Jahre Haft abgesessen. Amanda Knox ist jetzt vierundzwanzig. Man kann annehmen, das sie noch ein langes Leben vor sich hat.

Ich möchte mich jetzt nicht in die Ermittlungen der Polizei einmischen, deren DNS-Entnahme mangelhaft war, was den Prozess platzen ließ, nicht darauf hinweisen, das der eigentliche Mörder, so Knox (und ihre Mitbeschuldigten) tatsächlich unschuldig sind, noch irgendwo da draußen herum läuft. Ich möchte zu diesem Fall, den ich erst mitbekommen habe, als die Berufung angesetzt und der Fall durch die Medien ging, eigentlich gar nichts sagen als ich ohnehin getan habe.
Mir geht es eher um ihren Spitznamen, den sie von der Presse bekommen hat.
...sacken lassen.

"Engel mit den Eisaugen".
Was entnehmen wir hieraus? Einmal das Wort Engel, das eigentlich in einem toleranten, positiven Zusammenhang zu sehen ist. Dann kommen schon die Eisaugen. Gut, sie hat blaue Augen, wie dieses Foto in einem Online-Artikel des Hamburger Abendblatts beweist. Aber eigentlich sind Eisaugen blassblau oder grau, finde ich. Haben wir hier also eine Farbbeschreibung der Augen, oder eine Wertung?
Ist es eine Wertung, dann haben die Medien hier eine negative gefunden. Eisaugen lassen auf Kälte, Skrupellosigkeit, Gefühlsarmut schließen. Negative Eigenschaften, die das Wort Engel ins absolute Gegenteil verkehren.
Also ist "Engel mit den Eisaugen" ein negativ wertender Begriff. Wer ist da mit mir einer Meinung? Ach, doch so viele.
Also, was haben wir hier? Eine durch und durch negative Wertung, die schon vorab beweisen soll, was die Medien gerne sehen würden, nämlich das sie schuldig ist. Es ist eindeutig, das die Vorverurteilung bereits statt gefunden hat; die Medien wollten ihrer rechtskräftige Verurteilung.
Ist sie schuldig? Ist sie unschuldig? Das Gericht sagt unschuldig, und für ein Revisionsverfahren wird sie wohl kaum nach Italien zurückkehren.
Aber zwei Dinge werden fortan auf ihrem Leben lasten. Einerseits ist es der von den Medien geschürte Verdacht, sie könnte ja doch, und so... Wobei es für die Medien sehr leicht ist, diesen Verdacht wach zu halten und zur Gewissheit zu machen, nachdem sich vor allem die deutschen Medien sehr gerne des Kunstworts des "Freispruchs zweiter Klasse" bedienen.
Andererseits der Begriff "Engel mit den Eisaugen". Den wird sie nie wieder los werden, und dafür werden die gleichen Medien sorgen.
...sacken lassen.

Fazit: Ich weiß nicht, wann dieser Name aufgekommen ist, nach ihrer ersten Verurteilung, vor oder während des Prozess. Nach wäre im gewissen Maße verständlich, vor oder während mehr als eine Frechheit, schon ein Eingriff in den Prozessverlauf. Zeitungen und Sender spielen sich als Richter auf, und das ist nicht sehr schön. Hatten wir auch Zuhauf. Zum Beispiel im Fall Kachelmann.
Und auch die ARD macht es nicht gerade richtig, wenn tagesschau.de weiterhin diesen Begriff verwendet, und das nach dem Freispruch.
Wollen denn alle Medien auf Teufel komm raus auf Boulevard-Niveau sinken?
Wenn das der Fall ist, werden andere kommen und den Bereich seriöser, nicht vorverurteilender Berichterstattung übernehmen. Sinkt ruhig auf BLÖD-Niveau, liebe deutschen und europäischen Medien. Die Blogosphäre freut sich schon darauf, über Euer sinkendes Niveau zu steigen. Und dafür muss sie nicht mal etwas tun.