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Mittwoch, 27. März 2013

Da ist er wieder, der Engel mit Eisaugen - mein März-Rant

Es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich mich zum Berufungsverfahren für Amanda Knox geäußert. Genauer gesagt war das am 4. Oktober 2011. Es ging darum, dass Amanda Knox in erster Instanz wegen Mordes an ihrer Mitbewohnerin Meredith Kercher verurteilt wurde, im Berufungsverfahren jedoch wegen unsicherer Beweislage in dubio pro reo freigesprochen wurde. Oder anders ausgedrückt: Das Berufungsgericht zweifelte daran, dass die Indizienkette ausreichte, um die US-Amerikanerin für Mord zu verurteilen, geschweige denn ihr den Mord nachzuweisen.

Mit dem Urteil waren anscheinend weder die Staatsanwaltschaft, noch die Familie von Miss Kercher als Nebenkläger wirklich glücklich. Was in beiden Fällen schamlose Untertreibungen sein dürfte.
Damals wie heute fühle ich mich nicht dazu berufen, darüber zu urteilen, ob Amanda Knox eine Mörderin, bzw. Totschlägerin ist oder nicht. Immerhin wurde mit ihr ein anderer Tatverdächtiger freigesprochen, während ein weiterer rechtskräftig wegen Mordes verurteilt im Knast sitzt. Geständnisse gibt es meines Wissens nach nicht. Darum geht es mir in diesem Post auch gar nicht, darum ging es mir auch damals nicht.

Warum ich also diesen Blogeintrag schreibe? Nun, wenn man "Engel mit Eisaugen" googelt, das damalige Schlagwort, das synonym für Frau Knox stand, kommt man zwangsläufig auf die aktuelle Berichterstattung zum Revisionsverfahren, das die Tage beginnen wird und das damit begann, dass die italienischen Revisionsrichter zumindest Teile des Urteils des Berufungsgerichts aufgehoben haben.
Nun, abgesehen davon, dass außer SpOn die wenigsten Medien tatsächlich von einem Revisionsverfahren sprechen, sondern von einem Berufungsverfahren, dass Knox aber schon längst hinter sich hat, findet man in der Suchliste alle Verdächtigen mit dem "Engel mit Eisaugen" als Schlagwort: heute.de, T-online.de, Welt.de, BILD.de, faz.de, rb-online.de, focus.de und auch spiegel.de. (Ja, ich weiß, dass das das gleiche wie SpOn ist...)
Eine Sache stößt mir genau wie damals sehr bitter auf, weil es meinem Verständnis von Rechtsstaatlichkeit widerspricht: Zwar war Amanda Knox damals bereits rechtskräftig verurteilt, bevor das Berufungsverfahren das Urteil aufhob, sodass man nicht davon sprechen konnte, sie würde in den Medien vorverurteilt werden, (andererseits hätte es etlichen Medien gut getan, da vorher drüber nachzudenken) aber die Schlagwortattitüde wurde durch die Bank von deutschen Medien verwendet.

Ich stelle heute wie damals fest: Das WAR eine Vorverurteilung. Und das macht es mir schwer, nicht automatisch Partei für Frau Knox zu ergreifen. Was mir nicht zusteht, weil ich über den Tathergang und über die Verhöre der Tatverdächtigen nichts weiß - außer, dass der letzte rechtskräftig verurteilte Mann der Gruppe (Rudy Guede) schwarz ist, aber das nur nebenbei.
Und das geht heute nahtlos weiter. Wieder wird die Schlagworttrommel geschlagen, wieder wird Frau Knox mit diesem Spitznamen das negative Label untergeschoben. Mehr noch, heute Nachmittag im ARD-Magain "Brisant" wurden süffisante Töne laut, als Frau Knox vorgeworfen wurde, mit dem Buch, das sie geschrieben hatte (oder hat schreiben lassen, wer weiß das schon), Geld verdient hat. Oder, dass ihre Familie ihr eine PR-Agentur besorgt hat, die sie in die wichtigen Talkshows und Fernsehsendungen der USA gebracht hat. Oder dass sie eventuell nicht freiwillig zum Prozess nach Italien zurückkehren würde. Wie kann sie es nur wagen, auch noch mit ihrer Geschichte Geld zu verdienen, sie zu erzählen, ihre Sicht der Dinge zu schildern? Wie kann sie nur, wo wir sie doch schon vorverurteilt haben? Geeez.

Liebes Brisant-Team, in jedem Satz glaubte ich heraushören zu können, dass Ihr Frau Knox erneut vorverurteilt. Alleine die ständige Betonung ihres Schlagwortes war für mich bereits eine Vorverurteilung. Es ist Eure Sache so wie die aller anderen Medien, uns zu informieren, uns mit Fakten zu versorgen, damit wir uns eine Meinung bilden können. Nicht, uns mit fertigen Meinungen zu versorgen, wie ich hier mal festhalten möchte. Aber, na ja, "Brisant" journalistisch ernstzunehmen ist wohl in etwa das Gleiche wie den Springerverlag für die "Ein Herz für Kinder"-Aktion zu loben: Die Absicht ist zu erkennen, aber danach wird es schummrig.

Noch schnell zwei Fazits nachgeschoben.
1) Ist Frau Knox tatsächlich die Mörderin oder Mittäterin am Mord von Meredith Kercher, wäre sie ein Riesenidiot, wenn sie nach Italien zurückkehren würde, um dem Prozess beizuwohnen.
2) Ist Frau Knox unschuldig, wäre sie trotzdem ein Riesenidiot, würde sie nach Italien zurückkehren, denn sie landete schon einmal aufgrund äußerst dünner Faktenlage und trotz fehlender Beweise vier Jahre im Knast. Das muss sie sich nicht wieder antun. Und wenn wir die Presse betrachten, die sich dabei überschlägt, um ihre diesmal rechtskräftige Verurteilung in letzter Instanz (hat Italien einen Bundes-, oder Verfassungsgerichtshof für eine Verhandlung über die Revision hinaus?) vermelden zu dürfen und schon vorab eifrig Vorverurteilung betreibt, tut sie sehr gut daran, zu bleiben, wo sie ist.

Zu Meredith Kercher: Eine junge Studentin wurde brutal ermordet, ihre Familie will selbstverständlich wissen, wie, weshalb und wer. Gerade wer. Das ist vollkommen legitim, und der Familie gilt auch mein Mitgefühl. Punkt.
Das ersetzt aber keinesfalls eine rechtsstaatliche und von Politik UND Presse unbeeinflusste Gerichtsverhandlung. Leider ist es der Preis der Demokratie, dass, wenn man einer Person die Schuld nicht nachweisen kann, diese Person nicht verurteilt wird. Ich denke, besser so als dass ein Unschuldiger sein Leben verliert. Vor allem, da Knox seit ihrer Freilassung noch keinen Mord begangen hat, schließe ich eine "Wiederholung" der Tat vorerst aus.
Tut weh, gebe ich zu. Aber für die Demokratie und ein unabhängiges Justizsystem müssen wir alle früher oder später mehr oder weniger Kröten schlucken oder Federn lassen.
Frau Knox, schuldig oder unschuldig? Es ist nicht die Aufgabe der Medien, das zu entscheiden.

Dienstag, 4. Oktober 2011

Engel mit Eisaugen?

Heute ging der spektakuläre Berufungsprozess gegen die US-Amerikanerin Amanda Knox zu Ende. Sie war in erster Instanz wegen Mordes an ihrer Mitbewohnerin Meredith Kercher in einem Indizienprozess zu fünfundzwanzig Jahren Haft verurteilt worden.
Berühmt wurde der Fall nicht nur wegen der Brutalität der Tat (deshalb wohl Mord und kein Totschlag), sondern auch wegen Knox' recht hübschen Äußeren. Dieser brachte ihr den Spitznamen "Engel mit den Eisaugen" ein.
Nach der Urteilsverkündung wurde sie zitiert, zurück nach Hause, zurück in ihr Leben zu wollen. Verständlich, immerhin hatte sie vor dem Berufungsverfahren bereits vier Jahre Haft abgesessen. Amanda Knox ist jetzt vierundzwanzig. Man kann annehmen, das sie noch ein langes Leben vor sich hat.

Ich möchte mich jetzt nicht in die Ermittlungen der Polizei einmischen, deren DNS-Entnahme mangelhaft war, was den Prozess platzen ließ, nicht darauf hinweisen, das der eigentliche Mörder, so Knox (und ihre Mitbeschuldigten) tatsächlich unschuldig sind, noch irgendwo da draußen herum läuft. Ich möchte zu diesem Fall, den ich erst mitbekommen habe, als die Berufung angesetzt und der Fall durch die Medien ging, eigentlich gar nichts sagen als ich ohnehin getan habe.
Mir geht es eher um ihren Spitznamen, den sie von der Presse bekommen hat.
...sacken lassen.

"Engel mit den Eisaugen".
Was entnehmen wir hieraus? Einmal das Wort Engel, das eigentlich in einem toleranten, positiven Zusammenhang zu sehen ist. Dann kommen schon die Eisaugen. Gut, sie hat blaue Augen, wie dieses Foto in einem Online-Artikel des Hamburger Abendblatts beweist. Aber eigentlich sind Eisaugen blassblau oder grau, finde ich. Haben wir hier also eine Farbbeschreibung der Augen, oder eine Wertung?
Ist es eine Wertung, dann haben die Medien hier eine negative gefunden. Eisaugen lassen auf Kälte, Skrupellosigkeit, Gefühlsarmut schließen. Negative Eigenschaften, die das Wort Engel ins absolute Gegenteil verkehren.
Also ist "Engel mit den Eisaugen" ein negativ wertender Begriff. Wer ist da mit mir einer Meinung? Ach, doch so viele.
Also, was haben wir hier? Eine durch und durch negative Wertung, die schon vorab beweisen soll, was die Medien gerne sehen würden, nämlich das sie schuldig ist. Es ist eindeutig, das die Vorverurteilung bereits statt gefunden hat; die Medien wollten ihrer rechtskräftige Verurteilung.
Ist sie schuldig? Ist sie unschuldig? Das Gericht sagt unschuldig, und für ein Revisionsverfahren wird sie wohl kaum nach Italien zurückkehren.
Aber zwei Dinge werden fortan auf ihrem Leben lasten. Einerseits ist es der von den Medien geschürte Verdacht, sie könnte ja doch, und so... Wobei es für die Medien sehr leicht ist, diesen Verdacht wach zu halten und zur Gewissheit zu machen, nachdem sich vor allem die deutschen Medien sehr gerne des Kunstworts des "Freispruchs zweiter Klasse" bedienen.
Andererseits der Begriff "Engel mit den Eisaugen". Den wird sie nie wieder los werden, und dafür werden die gleichen Medien sorgen.
...sacken lassen.

Fazit: Ich weiß nicht, wann dieser Name aufgekommen ist, nach ihrer ersten Verurteilung, vor oder während des Prozess. Nach wäre im gewissen Maße verständlich, vor oder während mehr als eine Frechheit, schon ein Eingriff in den Prozessverlauf. Zeitungen und Sender spielen sich als Richter auf, und das ist nicht sehr schön. Hatten wir auch Zuhauf. Zum Beispiel im Fall Kachelmann.
Und auch die ARD macht es nicht gerade richtig, wenn tagesschau.de weiterhin diesen Begriff verwendet, und das nach dem Freispruch.
Wollen denn alle Medien auf Teufel komm raus auf Boulevard-Niveau sinken?
Wenn das der Fall ist, werden andere kommen und den Bereich seriöser, nicht vorverurteilender Berichterstattung übernehmen. Sinkt ruhig auf BLÖD-Niveau, liebe deutschen und europäischen Medien. Die Blogosphäre freut sich schon darauf, über Euer sinkendes Niveau zu steigen. Und dafür muss sie nicht mal etwas tun.