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Sonntag, 9. September 2012

Post an Cyno

Es ist vielleicht nicht jedem Leser meines Blogs bekannt, aber ein Geheimnis ist es auch nicht: Ich bin langjähriges Mitglied des Science Fiction Clubs Black Hole Galaxie. (Ja, der Schreibfehler ist beabsichtigt.) Als dieser verfasse ich vierteljährlich zu unserem Fanzine einen Leserbrief. Bis auf eine Ausnahme seit meinem ersten WoC, dem Heft Nr. 7. Und wir sind jetzt bei 73!

Im aktuellen Heft, also der 72, äußert sich mein alter Freund und Weggefährte Cyno in seinem Leserbrief über die Gefahren des Internets. Darauf habe ich ihm heute geantwortet - und festgestellt, dass ich damit eigentlich einen Blogeintrag geschrieben habe. XDDD
Seinen Brief, auch nur auszugsweise, will ich nicht veröffentlichen. Schon gar nicht ohne seine Erlaubnis. Aber meine Antwort. Und die kann auch für sich selbst stehen. ^^

Here we go: Meine Antwort an Cyno, seine sicherheitstechnischen Bedenken zum Internet betreffend.


Und wieder, lieber Cyno, muss ich Dir widersprechen, wenn Du vom anarchistischen, Faustrechtgesteuerten und gefährlichen Internet redest. Klar, einem Server auf den Molukken kann man hierzulande nur schwer abschalten, und wenn jemand auf Facebook gemobbt wird, dann - so wir wissen - schickt er einen Killer vorbei. Aber dem steht entgegen, dass das Internet keinesfalls ein rechtsfreier Raum ist, oder sogar strafrechtlich immun. Im Internet wird allerdings eines deutlich: Man kriegt das Publikum, das man verdient.
Wer also auf Facebook gerne mobbt, der macht seinen Account einschlägig; eine Gesellschaft reagiert auf ein solches Verhalten nach Art der Individuen. Von den Vernünftigen, die sich angewidert abwenden und den Verleumdungen keinen Glauben schenken über jene, denen es gleichgültig ist bis hin zu solchen, die eifrig mitmobben, ist alles vertreten. Und das ist im normalen Leben, in der Schulklasse oder auf der Arbeit genau das Gleiche. Hinzu kommt, dass das sogenannte Cybermobbing im Internet harmloser ist. Warum sage ich das? Ganz einfach: Wenn Du nicht gerade Til Schweiger bist, dann KENNT DICH KEINE SAU! Du selbst kennst aber in den allermeisten Fällen den Mobber, der sich sogar noch selbst identifiziert, wenn er auf Deiner Timeline postet. Und Du kennst ja wohl zumindest Dein eigenes Umfeld. Und ach ja, durch die Presse geht vielleicht die Facebook-Party, aber sicher nicht ein Mobbingversuch.
Und nur, damit hier nicht der falsche Eindruck entsteht: Der Auszubildende, der zum Lynchmord am - falschen - Tatverdächtigen von Emden aufgerufen hat, stand deswegen bereits vor Gericht. Facebook ist eben doch kein rechtsfreier Raum. Rechtsradikale Seiten werden dort abgeschaltet, so wie jedes Profil, das Gewaltverherrlichend, rassistisch oder strafrechtlich relevant ist. Auch ein Shitstorm ist nichts weiter wie eine Anrufwelle empört-besorgter Eltern, die von ihren Kindern nur ein Drittel der Wahrheit erfahren haben, aber gleich glauben alles zu wissen, und für Informationen nicht zugänglich sind - oder eben Mitbürger, die ihrer Zeitung für einen vollkommen verfehlten Artikel, der grob falsch ist, mit einem Leserbrief nachhaltig auf die Füße treten. Nur halt im Internet. Und vielleicht je nach Art und Thema mit erheblich mehr mehr oder weniger qualifizierten Personen, die ihre Anmerkung dalassen.
Ich verstehe nicht, was am Internet so besonders schlimm sein soll. Auch wenn man "Angst" vor der berühmten Anonymität hat, wenn mein Facebook-Account wegen Verstoß gegen die Nettiquette geflaggt ist, habe ich Ärger am Hacken. Natürlich kann ich mich dann gleich unter falschem Namen erneut anmelden, aber meine Verknüpfungen bzw. Freunde sind erstmal weg. Ich denke, der große Fehler des Internets ist schlicht und einfach, dass zu viele Menschen gar nicht wissen, dass sie so gut wie nie anonym sind, wenn sie z.B. auf Facebook posten. Und dass sie Ärger kriegen, wenn sie gegen Regeln und Gesetze verstoßen, ganz wie im wirklichen Leben. Eigentlich ist das Internet das wirkliche Leben, so wie Telefon oder die Tageszeitung, nur ohne Hörer oder Papier. Und wie im richtigen Leben gilt das Strafgesetzbuch. Nicht umsonst bemühen sich illegale Organisationen, z.B. für Kinderpornografie, ihre Daten auf ausländischen Servern hochzuladen und von dort aus zu verbreiten, wo der Server nicht angetastet werden können sollte. Aber auch hier gibt es mittlerweile Technologie, um diese Server zu formatieren. Tja.
Generell finde ich, Cyno, Du siehst die Debatte um das Internet zu schwarz. Das sind Argumente, die drohen, Dich in die Ecke derer zu treiben, die eine Zensur wollen. Meines Erachtens gibt es den Wunsch nach Zensur nur, weil wir User uns über das Internet besser und schneller denn je informieren können; weil wir uns schneller eine eigene Meinung bilden können. Wenn wir abseits der Fernsehsender und der BILD nach Informationen suchen, gibt es plötzlich kein Meinungsmonopol, und das ist der Koalition ein Dorn im Auge. Verhindern, das wir unser Internet behalten, kann sie aber nicht.
Ach ja, noch was: Dein: Erst wenn man selbst Opfer wird...
Tja. Wie war es doch gleich? Wenn man auf Facebook gemobbt wird, weiß man von wem, oder zumindest von welchem Account aus. Wenn man Opfer einer Phishing-Attacke wird, ist es in etwa das Gleiche, wie wenn man eifrig zurückruft, nachdem die Bandansage am Telefon einem sechzigtausend Euro verspricht, die man gerade gewonnen hat.
Ich wage zu behaupten: Fehler macht jeder mal, und reinfallen kann er/sie auch. Passiert. Ich selbst bin auf eine betrügerische Abo-Falle herein gefallen und hätte beinahe bezahlt. Aber schon eine wirklich kurze Suche im Internet zur Seite, die mich abzocken wollte, informierte mich darüber, mit wem oder was ich es zu tun hatte. Thema erledigt, Hilfe angenommen, Ende. Wer allerdings permanent auf solche Dinge herein fällt und eifrig zahlt, der vertelefoniert auch zweihundert Euro, um an den versprochenen Wagen zu kommen. Es ist ein wenig wie mit suchtanfälligen Leuten. Sobald sie ihre Sucht gefunden haben, bleiben sie dabei. Egal ob es Internet ist, Alkohol, Zigaretten, Drogen im engeren Sinne, und so weiter. Es gibt halt solche Leute. Und natürlich sollte man ihnen helfen. Sowohl den Süchtigen, als auch den "Internetversagern", die jeden Spam glauben und in jede Abo-Falle tappen. Deshalb aber zu sagen, das Internet an sich ist gefährlich, beweist für mich, dass jemand bei Dir Angst geschürt hat. Klar gibt es Gefahren, aber weder überwiegen sie, noch sind sie eine große Bedrohung für Jedermann. Ich freue mich auf Deine Antwort.

Montag, 2. April 2012

Im überregionalen Teil der LDZ am Samstag stand ein Kommentar...


Verfasst vom Redakteur Johannes Bruggaier, und er hat mir überhaupt nicht gefallen. Ich habe mir daraufhin die Muße genommen, eine Antwort zu verfassen. Diese möchte ich Euch, meinen Lesern, nicht vorenthalten. Nur eines vorweg: Ich war stinksauer. Zudem er heute, am Montag, noch mal nachgelegt hat, aber dazu mehr am Schluss.
Ich habe meine Erwiderung an die Lokalredaktion Gronau eingesandt, der Chefredakteur hat sich gemeldet und mir gesagt, er habe den Brief weiter gereicht. Nun, wir werden sehen, ob Herr Bruggaier sich rechtfertigt oder seine Argumentation unterstützen kann... Oder nicht.
Ich werde Euch auf dem Laufenden halten.

Bitte habt Verständnis dafür, das ich aus rechtlichen Gründen, die Zitate, die ich aus der LDZ direkt übernommen habe, durchstreiche. Sollte das trotzdem Probleme wegen dem Zitatrecht geben, werde ich sie entfernen und nur meine Antworten stehen lassen. Dies zur Warnung, dass der Text unübersichtlich werden könnte.
Here we go:


Sehr geehrter Herr Johannes Bruggaier,

mit großem Entsetzen habe ich Ihren Kommentar im überregionalen Teil der Leine Deister Zeitung vom letzten Samstag gelesen, dem 31.03.2012.
Damit Sie mein Entsetzen verstehen, möchte ich zitieren und darauf eingehen, denn meines Erachten nach haben Sie da ein Paradebeispiel grandioser Polemik geliefert, die an der Sache vollkommen vorbei schießt. Mit anderen Worten: Sie haben eine Sache zweckentfremdet, um sie einem vollkommen anderen Ziel unterzuordnen. Ich als Teil der Internet-Community und Kommunalpolitiker bin darüber keinesfalls erfreut. Ich habe es lieber, wenn auch "Fleisch am Knochen" ist.
Aber werden wir konkret.

"Ein untadeliger Schüler in Lebensgefahr, fünfzigfaches Mordbegehren an einem Minderjährigen: Dazu also hat es die Errungenschaft "sozialer" Netzwerke gebracht, so sieht es aus, wenn im goldenen Internet-Zeitalter der "mündige Bürger" zur Tat schreitet. Bravo!"

Hierzu frage ich Sie: Warum war der Minderjährige in Lebensgefahr? Wie konnte es sein, dass sich eine Facebook-Gruppe gegründet hat, die zur Lynchjustiz aufgerufen hat? Die Staatsanwaltschaft Emden hat mehrfach dazu aufgerufen, weder den Namen des getöteten Mädchen zu veröffentlichen, noch das Opfer und die Familie zu personalisieren. Es waren die gedruckten Medien, allen voran die Zeitung mit den vier großen Buchstaben, die großmaßstäblich dagegen verstoßen haben, die eine VORVERURTEILUNG des mutmaßlichen Täters betrieben haben. Die Facebook-Gruppe ist ein Symptom, nicht die Ursache. Es waren die gedrucken und Online-Medien, die ungehemmt ihr Zerrbild trotz der laufenden Ermittlungen, trotz der Bitten der Staatsanwaltschaft, verbreitet und ultimativ diesen Lynchaufruf zu verantworten haben.
Das sich diese Gruppe auf Facebook gefunden hat, hat überhaupt NICHTS zu sagen. Genauso gut hätte dies ein Stammtisch sein können, ein Bücherclub, eine Telefonkette, ein Rundschreiben per SMS an Freunde, oder andere soziale Netzwerke, letztendlich sogar eine Annonce in der Zeitung. Facebook mag gerade der angesagte besondere Feind sein, dem man alles Schlechte andichten kann, aber es liefert nur die Plattform, nicht die Motive. Das haben die Zeitungen getan.
Natürlich müssen die Beteiligten entsprechend in die Verantwortung genommen werden, denn die Gewalt liegt einzig und allein beim Staat. Aber die Verantwortung der Medien herunter zu spielen und mit empörtem Finger auf Facebook zu zeigen ist durchsichtige Polemik.

"Natürlich hat das alles nichts mit der heiligen Meinungsfreiheit im "digitalen Raum" zu tun. Ein Frevler, wer da jetzt an staatliche Eingriffe denkt! Wie konnten es die Ermittler auch nur wagen, der Twitter- und Facebook-Gemeinde einen falschen Verdächtigen anzudrehen?"

Herr Bruggauer, ich bin entsetzt, was Sie uns hier vorsetzen. Es mag Sie verwundern, aber unsere Gesetze gelten auch im Internet. Jemand, der dort volksverhetzend vorgeht, oder der zu einer Straftat aufruft, wird im Rahmen unserer Gesetze belangt. Die von Ihnen aufgeführte heilige Meinungsfreiheit gilt auch nur, solange sie mit unserem Grundgesetz vereinbar ist. Dass Sie vorgeben, das nicht zu wissen, und dass Sie suggerieren, für Initiator wie Teilnehmer der Lynchjustizgruppe gäbe es kein Nachspiel, ist dreist.
Jetzt unverhohlen und im Umkehrschluss staatliche Eingriffe zu fordern bedeutet, den Bock zum Gärtner zu machen. Statt das Internet staatlich regulieren zu wollen - über die Grenzen des BGB hinaus - sollten Sie sich ehrlich hinterfragen, wie groß die Schuld Ihrer Zunft an dieser furchtbaren Entwicklung ist: Genau, die Schuld Ihrer Reporterkollegen, zum Beispiel in der BILD-Redaktion, ohne deren Vorverurteilung der Minderjährige nie für schuldig gehalten worden wäre, solange die Ermittlungen und ein eventuelles Gerichtsverfahren nicht abgeschlossen sein würden. Es waren Redakteure und Reporter, die das Gegenteil suggerierten und damit womöglich den jungen Mann für immer gebrandmarkt haben. Anstatt einen sinnvollen Kommentar über die Pflicht von Presseleuten zu mehr Sensibilität und weg von den reißerischen Schlagzeilen zu schreiben, suchen Sie die Schuldigen nicht in den vorverurteilenden Redaktionen, sondern lieber bei Facebook. Entweder sind Sie engstirnig, oder Sie betreiben diese Verschleierung in voller Absicht.

"Wahrscheinlich liegt der Fehler auch hier wieder bloß in mangelnder Transparenz, in zu viel Staat und zu wenig Online-Mitbestimmung."

Herr Bruggauer, der Fehler liegt einzig und allein bei den vorverurteilenden Medien, bei Ihren Kollegen in den landes- und bundesweiten Redaktionen, die den Minderjährigen als schuldig hingestellt haben, als weder die Ermittlungen abgeschlossen waren, noch überhaupt ein Prozess abgeschlossen war, der seine Schuld festgestellt hätte. Der junge Mann ist siebzehn Jahre alt, und steht damit unter besonderem Schutz, Täter hin, Täter her. Einige Medien haben das eiskalt und aus Kalkül missachtet, vor allem aber die Abläufe in der deutschen Justiz. Die Folge war, dass junge Menschen glaubten, es wäre ja irgendwie erlaubt, gegen den Minderjährigen vorzugehen, weil er ja "schuldig" war.
Hier einzudeuten, Online-Mitbestimmung hätte auch nur ansatzweise etwas mit dem Thema zu tun, um die Schlagwörter nach und nach in Richtung Piraten zu drängen, ist dreist.

"Gar keine Polizei mehr, nur noch Facebook: Das wäre wohl die Lösung nach Art der Internet-Community. Dann könnten diese Chat- und Twitter-Helden gleich selbst auf die Fahndung gehen."

Ich finde es beachtenswert, zu welchen Tiraden Sie fähig sind, Herr Bruggaier. Sie suggerieren eine Gesetzesfreiheit im Netz, die es nicht gibt, und die auch keiner wünscht. Nicht einmal die Internet-Community. Seien Sie versichert, ich bin Teil dieser Community, und würde jemand im Netz so etwas durchdrücken wollen, würde ich dagegen sein und entsprechend handeln und argumentieren. So aber fühle ich mich pauschal mitverurteilt.
Was die Fahndung der "Chat- und Twitterhelden" angeht, könnte das Eigentor nicht größer sein: Die Polizei Hannover fahndet seit über einem Jahr sehr erfolgreich nach Vermissten, und das mit Facebook. Ihr negativer Kommentar in diese Richtung irrt an der Realität vorbei.

"Wie damals im Wilden Westen. Das waren noch Zeiten!"

Natürlich ist dieser Lynchmob verwerflich, natürlich müssen Initiatoren und Mitläufer bestraft werden. Natürlich muss Emden, muss Niedersachsen zeigen, dass so etwas "nicht cool" und nicht gesetzeskonform ist; dass hier eine Straftat begangen wurde. Und es wäre auch eine Straftat gewesen, wenn der minderjährige Verdächtige tatsächlich schuldig gewesen wäre. Das geht bei Ihnen vollkommen unter, entspricht aber den Regeln unseres Rechtsstaates. Nur falls Sie das noch nicht wissen.

"Apropos Wilder Westen: Dass "einige soziale Netzwerker glauben, in unserem Rechtsstaat Wild-West-Methoden wiederbeleben zu dürfen", findet der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, Bernhard Witthaut, nicht lustig. Wie spießig!"

Natürlich ist das nicht lustig, und natürlich ist es in keinem Fall spießig, das so zu sehen wie Herr Witthaut. Wissen Sie aber, was spießig ist? "Sozialen Netzwerkern" einen Stempel aufzudrücken, wenn die Initialzündung auch an einem Stammtisch hätte entstehen können, einer Sportgruppe, oder in einer Discothek, wo sich viele Menschen treffen.
Ich als sozialer Netzwerker, der Recht und Gesetz achtet, sich sogar dafür stark macht, fühle mich pauschal mitverurteilt, und das lasse ich mir nicht gefallen. Auf Ihren Feldzug gegen Facebook gibt es leider ein paar Friendly Fire-Opfer. Ich gehöre dazu, und wie Sie sehen, lasse ich das nicht auf mir sitzen.

"Was twittert eigentlich der niedersächsische Landesverband der Piratenpartei zu dem Vorfall? Die weißen Ritter des freien Internets? Nichts? Ach so."

Herr Bruggaier, an dieser Stelle muss ich an Ihrer Kompetenz und Ihrer Ausbildung zweifeln. Haben Sie schon einmal von journalistischen Grundlagen gehört? Wenn Sie zum Thema ein Statement der Piraten haben wollen, dürfen Sie doch nicht auf eine Nachricht auf Twitter warten; als Journalist sind Sie verpflichtet, den niedersächsischen Pressesprecher der Piraten anzurufen oder anzumailen und um eine Stellungnahme zu bitten.
Denn, und das wird Sie erstaunen, die Piraten haben weder etwas mit dem Verbrechen, noch mit dem Aufruf zum Lynchen auf Facebook zu tun, geschweige denn sind sie dafür zuständig. Ihnen hier eine Teilschuld unterzuschieben ist wahrscheinlich Ihre Meisterleistung in diesem durch und durch politischen Kommentar, der auf die Freiheitsbeschneidung des Internets abzielt.

Vielleicht verstehen Sie mein Entsetzen besser, wenn ich Ihnen ein Beispiel für Aufrufe nenne: Vor gut zwei Jahren hat eine Sechzehnjährige die Einladung zu ihrem Geburtstag versehentlich auf Facebook öffentlich gestellt, und rund zweitausend eigentlich ungeladene Gäste sind erschienen.
Dem Aufruf zum Lynchen folgten gut fünfzig Jugendliche und Heranwachsende. Sehen Sie das Missverhältnis? Wollen Sie mir allen Ernstes sagen, in Emden gibt es nur fünfzig Menschen dieses Alters?
Ist es nicht vielmehr so, dass die überwiegende Mehrheit der Emdener Facebook-Nutzer, die sicherlich zu einem Geburtstag gegangen wären, lieber nicht einem Aufruf zum Mord gefolgt sind? Sicher sind fünfzig Teilnehmer sechzig zuviel, aber die Dimensionen sind hier mehr als verzerrt.

Abschließend muss ich sagen, dass Sie offensichtlich versuchen, den "Schuldigen" mit aller Gewalt im Internet zu finden, anstatt ihn bei der Presse zu suchen, die überhaupt erst dieses Klima gegen den Verdächtigen geschaffen und damit vermutlich seinen weiteren Lebensweg erschwert oder sogar ruiniert hat. Die fünfzig Lynchmobber haben das nicht getan und können das auch gar nicht. Auch Facebook kann das nicht. Das schafft allein die Presse, die trotz - ich sage es noch einmal - explizitem Wunsch der Emdener Staatsanwaltschaft sukzessiv über den Fall berichtet hat, obwohl bei dem hochsensiblen Thema äußerste Zurückhaltung angebracht gewesen wäre. Nun gibt es ein Opfer, das tote Mädchen, ein weiteres, den Rufmordgeschädigten ehemals Verdächtigen, und fünfzig Menschen, die sich auf Seiten des Rechts glaubten, weil die Medien ihnen diesen Unsinn suggeriert haben. Diese Artikel standen teilweise im Internet, zugegeben, aber nicht auf Facebook.
Es gibt ein Sprichwort, das auf diesen Fall, auf Sie, zutrifft, Herr Bruggaier. Matthäus 7, Vers 3: Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?

Ich hoffe, dass Sie sich in Zukunft auf Ihre Ausbildung rückbesinnen, und nicht versuchen, mit Ihrer schlechten Argumentation eine Schuld beiseite zu schieben, die die Presse trifft. Jede, die entgegen der Wünsche der Emdener Ermittler exzessiv berichtet hat, und jede, die sich darüber nicht empört hat, wie es ihre Pflicht gewesen wäre.

Mit freundlichen Grüßen,

Alexander Kaiser

P.S.: Wie ich schon erwähnt habe, hat Herr Bruggaier heute mit einem weiteren Kommentar in der überregionalen Sparte der LDZ nachgelegt, und die gedruckte Version seiner Zeitung mit Facebook verglichen. Dass sich seine Zeitung strafbar machen würde, wenn sie Mordaufrufe in Leserbriefen veröffentlichen würde, und warum Facebook das dürfe. Das Internet müsse reguliert werden, genau wie man den Straßenverkehr reguliert hat, und überhaupt kann man ja vor dem Milliardenkonzern Facebook nicht auf die Knie fallen, sondern müsse etwas tun, etc...
 ...sacken lassen.

Herr Bruggaier, auch hier sind Sie auf eine perfide Art unlogisch. Die einzige Möglichkeit, um so einen Aufruf zu verhindern - der, einmal den Betreibern angezeigt, natürlich als rechtswidrig erkannt und gelöscht wird, was Sie einfach unterschlagen - wäre, sämtliche Beiträge aller Facebook-User zu moderieren, bevor sie freigeschaltet werden.
Sie mit der gedruckten Zeitung MÜSSEN alles durchlesen, was Sie abdrucken wollen. Aber selbst in den Onlineforen von Zeitungen kommt es zu verbalen Entgleisungen, die anschließend gelöscht werden. Und nur in den schlimmsten Foren kommt es zu einer Vorabmoderation.
Facebook ist ein soziales Netzwerk, keine Nachrichtenplattform. Sie existiert für den Kontakt untereinander, und hier vorab zu moderieren würde vollkommen am Sinn vorbei gehen und die Seite unnötig verlangsamen. Oder, um es anders auszudrücken: Wollen Sie alle anderen Facebook-Nutzer bestrafen, weil es einen Emdener Idioten mit fünfzig Freunden gibt? Anscheinend ja. Ich finde, Sie schießen erheblich am Ziel vorbei.
Was Ihre Argumentation betrifft, auch der Straßenverkehr musste geregelt werden, also kann man auch das Internet regeln: Diese Regeln gibt es schon. Sie nennen sich Bürgerliches Gesetzbuch, und gelten für die Menschen auf Facebook und die Betreiber der Seite ebenso wie für Sie und für mich.
Ihre Forderung nach Intenetzensur steht nicht nur auf tönernen Füßen, der Anlass ist unverschämt. Auf dem Rücken des ermordeten elfjährigen Emdener Mädchen; es fehlen mir die Worte, um zu beschreiben, was ich bei diesem Gedanken empfinde.
Alles in allem sind beide Kommentare von Ihnen, der am Samstag, und der heute, vollkommen am Thema vorbei und kräftig an den Haaren herbei gezogen.

Freitag, 30. März 2012

Wenn BILD säht, wird Sturm geerntet.

Vor einigen Tagen wurde eine Minderjährige in einem Emdener Parkhaus tot aufgefunden. Was genau passiert ist, was dem Kind passiert ist, wissen wir nicht, denn die Staatsanwaltschaft hält sich wohltuend zurück, bittet darum, den Namen des Kindes aus der Presse raus zu halten, und Spekulationen nicht zu Tatsachen zu erheben, solange die Ermittlungen laufen.
...sacken lassen.

Dies hielt unter anderem BILD nicht davon ab, den Namen des getöteten Mädchens zu nennen, über den Tathergang und über einen möglichen sexuellen Missbrauch zu spekulieren. Wir können wohl froh sein, dass das getötete Mädchen kein Facebook-Profil hatte - wie wir in ausreichendem Maße wissen, kennt die Zeitung mit den vier großen Buchstaben nur den eigenen Voyeurismus, nicht aber den Opferschutz, oder gar den Schutz der Angehörigen, die durch den Tod ihres Kindes/ihrer Verwandten durch eine schwierige Zeit gehen, und bestimmt nicht durch die Medienmühle gedreht werden wollen.
Nützt ihnen natürlich nichts, ebenso wenig wie der Aufruf der Staatsanwaltschaft zu mehr Ruhe und weniger Vermutungen, die zu, ja, Tatsachen erhoben wurden.

Naturgemäß hat BILD auch Probleme mit der Unschuldsvermutung, also dem Umstand, das der Rechtsstaat einen mutmaßlichem Täter beweisen muss, dass er schuldig ist - nicht, dass der Täter seine Unschuld beweisen muss.
Das bekam auch ein jugendlicher Tatverdächtiger zu spüren, der angeblich in der Nachbarschaft des Mädchens wohnt, und von einer anderen Jugendlichen als möglicher Täter ins Spiel gebracht wurde, weil "er sich merkwürdig verhält".
Nun hatte der Junge kein wasserdichtes Alibi und soll sich auch in Widersprüche verstrickt haben. Das sind Indizien, aber noch keine Beweise. Besser wäre es, Kamerabeweise zu haben, die ihn zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts zeigen, aber das nur nebenbei.
BILD scherte das jedenfalls nicht, und die Berichterstattung ging nicht um den mutmaßlichen Täter, sondern um "den Täter", der "Einzelgänger ist und Killerspiele spielt".
...sacken lassen.

Der Höhepunkt des Geschehens war, so ist sogar meiner Tageszeitung zu entnehmen, der Facebook-Aufruf eines Achtzehnjährigen zur Lynchjustiz am Verdächtigen, woraufhin eine größere Gruppe Jugendlicher längere Zeit eine Polizeiwache "belagert" hatte, angeblich die ganze Nacht hindurch.
...sacken lassen.

Nein, dieser Blogeintrag dreht sich nicht um Täter und Opfer, um Angehörige, um Bekannte. Er dreht sich einzig um den wütenden Lynchmob, wie die Presse ihn nennt, und um eine einseitige Berichterstattung. Geradezu peinlich mutet es an, wenn man bedenkt, das ausgerechnet BILD - in meinem Fall per Ausschnitt im BILDBlog - verkündet, dass der Verdächtige nicht der Täter sei, wie auch Stern berichtet.
Ich meine, ob er wirklich unschuldig ist, das bleibt abzuwarten, bis die Ermittlungen beendet sind, und eventuell gegen den mutmaßlichen Täter - der durchaus ein Dritter sein kann - Anklage erhoben wird. Das ist die normale Polizeiroutine, mit derem Jargon BILD aber noch nie besonders gut zurecht kam. Und das heißt auch nicht, das der Jugendliche der Täter ist/war. Es heißt nur, das er Bestandteil der polizeilichen Ermittlungen ist, selbst wenn die Polizei ihn nicht mehr verdächtigt.
Im Umkehrschluss aber haben sich ausgerechnet im ruhigen Emden, über das man nur was hört, wenn mal wieder die Ems vertieft werden soll, oder ein Kreuzfahrschiff an die Küste verlegt wird, ein paar Dutzend Jugendliche zum Lynchmob verabredet.
Die Frage, die sich mir stellt, die sich uns allen stellt, ist NICHT, ob Facebook jetzt wieder böse ist.
Die Frage ist, wie sehr die einseitige Berichterstattung, die Stilisierung des Verdächtigen zum unbestreitbaren Täter, wie sehr der Eingriff in die polizeilichen Ermittlungen, wie sehr die Personalisierung des Opfers - entgegen dem Wunsch der Familie, entgegen der Bitte der Ermittlungsbehörde - dazu beigetragen hat, dass eine Gruppe Jugendlicher sich berufen fühlte, ein Lynch-Happening zu veranstalten, weil "er ja schuldig ist".
Das hätte auch per Telefonkette, per Mail-Kette oder einem anderen sozialen Netzwerk als Facebook erfolgen können, sogar über Annoncen in der Zeitung. Facebook trifft hier keine Schuld, so wie der Rasen in den seltensten Fällen Schuld ist, wenn Hamburg wieder verliert. *sic*
Nein, Schuld hat hier ein Jugendlicher, der zum Lynch-Flashmob aufgerufen hat, Schuld haben die Jugendlichen, die zum Lynch-Flashmob gegangen sind, Schuld hat hier die BILD, die dieses abstruse Happening begünstigt hat.
...sacken lassen.

BILD weiß das meiner Meinung nach nur zu gut. Und genau deshalb gibt es keine Schimpftiraden gegen die "schlaffe Staatsanwaltschaft, die den Täter gehen lässt", sondern ein einfaches "er war es gar nicht". Würde BILD den Atem der Emdener Staatsanwaltschaft nicht im Nacken spüren, wäre noch mehr Polemik einher gekommen, eventuell mit einem ultimativen "Jetzt spricht der mutmaßliche Täter"-Interview.
Nein, BILD rudert zurück. Wahrscheinlich weil die Staatsanwälte in Emden noch Menschen mit Biss sind, die ihren Job machen und sich nicht vom weitverbreitetsten Klopapier Deutschlands reinreden lassen. Obwohl, der letzte Satz ist lediglich meine Spekulation.

Man denke einmal den undenkbaren Fall. Die Jugendlichen, die das Ganze noch als Spaß ansahen, wären in der Nacht aufgepeitscht worden. Durch den Initiator mit ein paar Hasstiraden, durch Alkohol, durch was auch immer. Nehmen wir an, sie hätten die Wache gestürmt. Nehmen wir auch an, der Verdächtige hätte dort gesessen, und nicht in U-Haft in einem Gefängnis. Nehmen wir an, die Beamten hätten Widerstand geleistet, wie es ihre Pflicht ist, und letztendlich von der Schusswaffe Gebrauch gemacht. Denken wir, wie es weiter gegangen wäre. Der losgelassene Mob wäre irgendwann vor der Zelle des Verdächtigen aufgetaucht, hätte ihn wie auch immer da raus geholt und auf offener Straße an einer Laterne aufgeknüpft.
Der Schaden: Ein toter Verdächtiger, etliche Tote und/oder Verletzte im Mob und unter den Polizisten und eine ganze Reihe Strafverfahren, die mit Kindesmissbrauch und Mord in Vertuschungsabsicht durchaus mithalten können.
Wie hätten die Schlagzeilen ausgesehen? Welche Stimme wäre am lautesten gewesen? Was wäre berichtet worden? Wie viele Leben wären zerstört gewesen?
Und was wäre gewesen, wenn am nächsten Tag verkündet worden wäre, die Vorwürfe gegen den Verdächtigen wären fallen gelassen worden, weil kein Tatbestand mehr bestünde?
Richtig, noch mehr Ermittlungsverfahren, und davon nicht wenige gegen Zeitungsverlage mit der Anklage der Aufhetzung.
...sacken lassen.

Leute, um es mal auf den Punkt zu bringen: In den USA sitzen ein paar tausend Menschen in den Todeszellen und warten auf ihre Hinrichtung. Etwa ein Drittel von denen, die schon hingerichtet wurden, sind im nachhinein rehabilitiert worden. Das ist das Problem bei etwas so endgültigem: Wenn jemand tot ist, hat er nichts mehr von seiner Rehabilitierung und von seiner wiedergewonnenen Freiheit.
Wir haben hier in Deutschland ein ganz klares Gewaltmonopol, und das liegt beim Staat. Der Staat sorgt im Zuge seiner Arbeit für eine gerechte Justiz, die ohne Anschauung der Person ihre Urteile fällt. Ist nicht perfekt, das System, zugegeben. Aber es ist weit besser als in einem totalitären Staat mal eben von der Straße zu verschwinden, weil einem Ermittler deine Nase nicht passt.
Um es auf den Punkt zu bringen: Wir haben in Deutschland in dubio pro reo - im Zweifel für den Angeklagten. Wir müssen dem Angeklagten beweisen, das er schuldig ist. Und wenn wir das nicht können, wird er nicht nur freigelassen, es gibt auch eine ziemlich gerechtfertigte Chance dafür, dass der ehemals Tatverdächtige unschuldig ist.
Das Recht in die eigene Hand nehmen sollte nur, wer auch bereit ist, anschließend selbst vor Gericht zu sitzen. Denn der Rechtsstaat behandelt immer alle gleich. Das schließt die Mitglieder eines Lynch-Flashmobs ebenso ein wie hetzende und polarisierende Reporter in Schundblättern.
Überlegt Euch das gut; in Emden sind wir an einer Katastrophe vorbei geschliddert. Aber es gibt keine Garantie, das sich das nicht doch wiederholt. Und dann ist eine Gewalthoheit ausschließlich bei der Polizei das Beste, was Deutschland hat.