Freitag, 30. März 2012

Wenn BILD säht, wird Sturm geerntet.

Vor einigen Tagen wurde eine Minderjährige in einem Emdener Parkhaus tot aufgefunden. Was genau passiert ist, was dem Kind passiert ist, wissen wir nicht, denn die Staatsanwaltschaft hält sich wohltuend zurück, bittet darum, den Namen des Kindes aus der Presse raus zu halten, und Spekulationen nicht zu Tatsachen zu erheben, solange die Ermittlungen laufen.
...sacken lassen.

Dies hielt unter anderem BILD nicht davon ab, den Namen des getöteten Mädchens zu nennen, über den Tathergang und über einen möglichen sexuellen Missbrauch zu spekulieren. Wir können wohl froh sein, dass das getötete Mädchen kein Facebook-Profil hatte - wie wir in ausreichendem Maße wissen, kennt die Zeitung mit den vier großen Buchstaben nur den eigenen Voyeurismus, nicht aber den Opferschutz, oder gar den Schutz der Angehörigen, die durch den Tod ihres Kindes/ihrer Verwandten durch eine schwierige Zeit gehen, und bestimmt nicht durch die Medienmühle gedreht werden wollen.
Nützt ihnen natürlich nichts, ebenso wenig wie der Aufruf der Staatsanwaltschaft zu mehr Ruhe und weniger Vermutungen, die zu, ja, Tatsachen erhoben wurden.

Naturgemäß hat BILD auch Probleme mit der Unschuldsvermutung, also dem Umstand, das der Rechtsstaat einen mutmaßlichem Täter beweisen muss, dass er schuldig ist - nicht, dass der Täter seine Unschuld beweisen muss.
Das bekam auch ein jugendlicher Tatverdächtiger zu spüren, der angeblich in der Nachbarschaft des Mädchens wohnt, und von einer anderen Jugendlichen als möglicher Täter ins Spiel gebracht wurde, weil "er sich merkwürdig verhält".
Nun hatte der Junge kein wasserdichtes Alibi und soll sich auch in Widersprüche verstrickt haben. Das sind Indizien, aber noch keine Beweise. Besser wäre es, Kamerabeweise zu haben, die ihn zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts zeigen, aber das nur nebenbei.
BILD scherte das jedenfalls nicht, und die Berichterstattung ging nicht um den mutmaßlichen Täter, sondern um "den Täter", der "Einzelgänger ist und Killerspiele spielt".
...sacken lassen.

Der Höhepunkt des Geschehens war, so ist sogar meiner Tageszeitung zu entnehmen, der Facebook-Aufruf eines Achtzehnjährigen zur Lynchjustiz am Verdächtigen, woraufhin eine größere Gruppe Jugendlicher längere Zeit eine Polizeiwache "belagert" hatte, angeblich die ganze Nacht hindurch.
...sacken lassen.

Nein, dieser Blogeintrag dreht sich nicht um Täter und Opfer, um Angehörige, um Bekannte. Er dreht sich einzig um den wütenden Lynchmob, wie die Presse ihn nennt, und um eine einseitige Berichterstattung. Geradezu peinlich mutet es an, wenn man bedenkt, das ausgerechnet BILD - in meinem Fall per Ausschnitt im BILDBlog - verkündet, dass der Verdächtige nicht der Täter sei, wie auch Stern berichtet.
Ich meine, ob er wirklich unschuldig ist, das bleibt abzuwarten, bis die Ermittlungen beendet sind, und eventuell gegen den mutmaßlichen Täter - der durchaus ein Dritter sein kann - Anklage erhoben wird. Das ist die normale Polizeiroutine, mit derem Jargon BILD aber noch nie besonders gut zurecht kam. Und das heißt auch nicht, das der Jugendliche der Täter ist/war. Es heißt nur, das er Bestandteil der polizeilichen Ermittlungen ist, selbst wenn die Polizei ihn nicht mehr verdächtigt.
Im Umkehrschluss aber haben sich ausgerechnet im ruhigen Emden, über das man nur was hört, wenn mal wieder die Ems vertieft werden soll, oder ein Kreuzfahrschiff an die Küste verlegt wird, ein paar Dutzend Jugendliche zum Lynchmob verabredet.
Die Frage, die sich mir stellt, die sich uns allen stellt, ist NICHT, ob Facebook jetzt wieder böse ist.
Die Frage ist, wie sehr die einseitige Berichterstattung, die Stilisierung des Verdächtigen zum unbestreitbaren Täter, wie sehr der Eingriff in die polizeilichen Ermittlungen, wie sehr die Personalisierung des Opfers - entgegen dem Wunsch der Familie, entgegen der Bitte der Ermittlungsbehörde - dazu beigetragen hat, dass eine Gruppe Jugendlicher sich berufen fühlte, ein Lynch-Happening zu veranstalten, weil "er ja schuldig ist".
Das hätte auch per Telefonkette, per Mail-Kette oder einem anderen sozialen Netzwerk als Facebook erfolgen können, sogar über Annoncen in der Zeitung. Facebook trifft hier keine Schuld, so wie der Rasen in den seltensten Fällen Schuld ist, wenn Hamburg wieder verliert. *sic*
Nein, Schuld hat hier ein Jugendlicher, der zum Lynch-Flashmob aufgerufen hat, Schuld haben die Jugendlichen, die zum Lynch-Flashmob gegangen sind, Schuld hat hier die BILD, die dieses abstruse Happening begünstigt hat.
...sacken lassen.

BILD weiß das meiner Meinung nach nur zu gut. Und genau deshalb gibt es keine Schimpftiraden gegen die "schlaffe Staatsanwaltschaft, die den Täter gehen lässt", sondern ein einfaches "er war es gar nicht". Würde BILD den Atem der Emdener Staatsanwaltschaft nicht im Nacken spüren, wäre noch mehr Polemik einher gekommen, eventuell mit einem ultimativen "Jetzt spricht der mutmaßliche Täter"-Interview.
Nein, BILD rudert zurück. Wahrscheinlich weil die Staatsanwälte in Emden noch Menschen mit Biss sind, die ihren Job machen und sich nicht vom weitverbreitetsten Klopapier Deutschlands reinreden lassen. Obwohl, der letzte Satz ist lediglich meine Spekulation.

Man denke einmal den undenkbaren Fall. Die Jugendlichen, die das Ganze noch als Spaß ansahen, wären in der Nacht aufgepeitscht worden. Durch den Initiator mit ein paar Hasstiraden, durch Alkohol, durch was auch immer. Nehmen wir an, sie hätten die Wache gestürmt. Nehmen wir auch an, der Verdächtige hätte dort gesessen, und nicht in U-Haft in einem Gefängnis. Nehmen wir an, die Beamten hätten Widerstand geleistet, wie es ihre Pflicht ist, und letztendlich von der Schusswaffe Gebrauch gemacht. Denken wir, wie es weiter gegangen wäre. Der losgelassene Mob wäre irgendwann vor der Zelle des Verdächtigen aufgetaucht, hätte ihn wie auch immer da raus geholt und auf offener Straße an einer Laterne aufgeknüpft.
Der Schaden: Ein toter Verdächtiger, etliche Tote und/oder Verletzte im Mob und unter den Polizisten und eine ganze Reihe Strafverfahren, die mit Kindesmissbrauch und Mord in Vertuschungsabsicht durchaus mithalten können.
Wie hätten die Schlagzeilen ausgesehen? Welche Stimme wäre am lautesten gewesen? Was wäre berichtet worden? Wie viele Leben wären zerstört gewesen?
Und was wäre gewesen, wenn am nächsten Tag verkündet worden wäre, die Vorwürfe gegen den Verdächtigen wären fallen gelassen worden, weil kein Tatbestand mehr bestünde?
Richtig, noch mehr Ermittlungsverfahren, und davon nicht wenige gegen Zeitungsverlage mit der Anklage der Aufhetzung.
...sacken lassen.

Leute, um es mal auf den Punkt zu bringen: In den USA sitzen ein paar tausend Menschen in den Todeszellen und warten auf ihre Hinrichtung. Etwa ein Drittel von denen, die schon hingerichtet wurden, sind im nachhinein rehabilitiert worden. Das ist das Problem bei etwas so endgültigem: Wenn jemand tot ist, hat er nichts mehr von seiner Rehabilitierung und von seiner wiedergewonnenen Freiheit.
Wir haben hier in Deutschland ein ganz klares Gewaltmonopol, und das liegt beim Staat. Der Staat sorgt im Zuge seiner Arbeit für eine gerechte Justiz, die ohne Anschauung der Person ihre Urteile fällt. Ist nicht perfekt, das System, zugegeben. Aber es ist weit besser als in einem totalitären Staat mal eben von der Straße zu verschwinden, weil einem Ermittler deine Nase nicht passt.
Um es auf den Punkt zu bringen: Wir haben in Deutschland in dubio pro reo - im Zweifel für den Angeklagten. Wir müssen dem Angeklagten beweisen, das er schuldig ist. Und wenn wir das nicht können, wird er nicht nur freigelassen, es gibt auch eine ziemlich gerechtfertigte Chance dafür, dass der ehemals Tatverdächtige unschuldig ist.
Das Recht in die eigene Hand nehmen sollte nur, wer auch bereit ist, anschließend selbst vor Gericht zu sitzen. Denn der Rechtsstaat behandelt immer alle gleich. Das schließt die Mitglieder eines Lynch-Flashmobs ebenso ein wie hetzende und polarisierende Reporter in Schundblättern.
Überlegt Euch das gut; in Emden sind wir an einer Katastrophe vorbei geschliddert. Aber es gibt keine Garantie, das sich das nicht doch wiederholt. Und dann ist eine Gewalthoheit ausschließlich bei der Polizei das Beste, was Deutschland hat.

Kommentare:

Spelllord hat gesagt…

Also das ist volkommen an mir vorbei gegangen
trotzdem wie blöd muss man sein nen Lynchmob auszurufen?
naja wer der Bild glaubt sollte sich mal überlegen ob er ins Internet passt
denn nur wer lernfähig und tollerant ist kann es wirklich nutzen
und verkümmert nicht als der spielball anderer

(na hoffentlich ergibt das für manche noch sinn)

Ace hat gesagt…

Und wie blöd muss man sein, mit seiner Polemik einen Lynchmob zu provozieren?
Ich hoffe, dass das noch Folgen haben wird.

Die Jugendlichen haben sicherlich gedacht, dass die eindeutige Verurteilung bei BLÖD ein Freibrief wäre. Vielleicht ein Hinweis an den Staat, den politischen Bildungsauftrag ernster zu nehmen.
Und ja, das war sehr dumm. Sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr dumm.