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Mittwoch, 8. Dezember 2010

Die größte Angst ist die Angst vor dem Unbekannten

Ich weiß nicht, warum ein ganz bestimmtes Thema in der Presse tot geschwiegen wird...
Ab Januar soll ein neues Jugendschutzgesetz in Kraft treten, das die Kennzeichnung und Klassifizierung aller Webseiten nach Altersstufe verlangt. Damit soll die Grauzone der Internet-Spiele endlich staatlich geregelt werden.
Nebeneffekt ist die unerfreuliche Tatsache, dass quasi alle Seiten aus Deutschland demnach ratifiziert und gekennzeichnet werden müssen.
Damit ist Deutschland im Jugendschutz im Internet ganz klar internationaler Vorreiter.

...Soweit die Fakten, jetzt meine Meinung: Höchstwahrscheinlich wird Deutschland auch die einzige Nation bleiben, die so einen gequirlten Unsinn macht. Internetseiten, Blogs und Foren klassifizieren? Nach Altersstufen freigeben? Vielleicht ein Dutzend Sheriffs durch das Netz jagen, die Seiten und Blogs, die sich nicht an die Altersfreigabe halten, maßregeln, bestrafen, verwarnen?
Ich verstehe nicht, was die Politik damit bezweckt. Um Online-Spiele zu spielen, muss man sie zuerst einmal kaufen. Und an diesem Punkt hat die Industrie die Möglichkeit, nach den Richtlinien der FSK ihre Käufer nach Alter zu sortieren.
Blogs zu kennzeichnen, um zu ermitteln ob sie für Kinder geeignet sind - mein kleiner Blog hier zum Beispiel - halte ich für maßlos übertrieben. Soll ich in Zukunft nur noch Achtzehnjährigen den Zugang erlauben, weil Achtjährige mit meiner feinsinnigen *hüstel* Satire nichts anzufangen wissen? Oder weil ihnen die Zusammenhänge in der Politik nicht klar sind, und ich ihnen damit einen Schreck versetzen könnte? Einmal ganz davon abgesehen, dass ein Achtjähriger ohnehin nur auf Seiten surft, die seine Eltern über die Elterliche Freigabe ihres Browsers frei geschaltet haben. Zumindest sollten sie das getan haben.
Warum wird ein bewährtes System noch zusätzlich verkompliziert? Und warum ist davon so wenig in der öffentlichen Diskussion?
Dafür gibt es schlicht und einfach zwei Gründe: Unsere Politiker nutzen und verstehen das Internet nur unzureichend, fürchten es als freien Informationspool und rechtsfreien Raum, und versuchen ihn nach guter alter deutscher Zucht und Ordnung überzureglementieren. Und was man nicht kennt, das fürchtet man halt.
UND: Dies ist nichts weiter als der nächste Ansatz zu einer Internet-Zensur, die schon zweimal gescheitert ist. Diesmal, still, leise und heimlich, wird versucht, sie mit dem Argument Jugendschutz durchzudrücken. Nicht laut schreiend und sich selbst feiernd wie bei den Stoppschildern für pädophile Seiten. (Löschen! Löschen, sage ich da nur! Ist mit heutigen Mitteln durchaus möglich. Fragt doch mal den Chaos Computer Club. Die helfen euch da bestimmt weiter, meine lieben Politiker.)
Diesmal wird es durchscharwenzelt, und diesmal haben sie es fast schon geschafft. Nur noch bis Januar durchhalten, und die Welt wird sich wundern, warum auf deutschen Seiten so merkwürdige Zeichen zu finden sind. Und warum mancher Blog und manches Forum plötzlich nicht mehr zugänglich ist, für eine gewisse Zeit oder gleich für immer.

Vielleicht sollten unsere Politiker einen Senioren-Kurs für den Umgang mit dem Internet mitmachen, um ihre Ängste zu verlieren, das Netz und seine Community kennen zu lernen. Die Möglichkeiten sehen, die das Netz uns bietet. Anstatt Ängste vor dem Netz zu schüren und mit Schlagworten, die ins Leere zielen, zu untermauern.

Eine ähnliche Methode wird derzeit mit dem "Gesicht von Wikileaks", Julian Assange probiert, der nicht angezeigt wurde, aber dennoch per Haftbefehl gesucht wird.
Hier zeigt die Angst vor dem Internet zwei Gesichter: Das Ängstliche vor weiteren Veröffentlichungen der Whistleblower-Seite, und das Hässliche mit der Manipulation von Justiz, Medien und öffentlicher Meinung, um einen unbequemen Enthüllungsjournalisten los zu werden.
Unsere Politiker lernen nicht dazu, aber das ist anscheinend weltweit der Fall. Es wird wirklich Zeit, das unsere Generation Internet verstärkt in der Politik präsent ist. Ein schwieriger Auftrag, wenn ausgerechnet Philip Rösler und KTG quasi die Vertreter unserer Generation in der Regierung sind...

So, Zensur, da ist sie. Zusammen mit jener Willkür, der sich Assange gerade ausgesetzt sieht. Wir werden sehen, wie es weitergeht. Leider.

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