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Dienstag, 14. September 2010

BILD verteidigt die Redefreiheit? Guter Witz.

Seit einiger Zeit läuft die Debatte über Sarrazin und seine Aussagen, Migranten in Deutschland betreffend. Es ist noch gar nicht lange her, da habe ich in meinem Blog eine Aussage zerpflückt, die über Sarrazins Buch in den Medien kursierte. Das habe ich vor allem deshalb gemacht, weil ich bereits zweimal über Thilo Sarrazin gebloggt habe. Einmal war ich auf den Zug aufgesprungen und hatte ihn bashen geholfen (direkt nachdem BLÖD Auszüge aus einem Interview gebracht hatte, die nicht sehr schmeichelhaft für Migranten waren), später hatte ich das Interview gelesen, erkannt, wie die BLÖD die Worte aus dem Zusammenhang gerissen hatte, und mich entschuldigt. Auch diesmal, bei der aktuellen Buchdebatte, gehe ich grundsätzlich davon aus, dass Thilo Sarrazin wieder aus dem Zusammenhang zitiert wird. Weil ich grundsätzlich allem misstraue, was die BLÖD schreibt, und das bisher zu Recht.

Nun habe ich sein Buch noch immer nicht gelesen, denn Herr Sarrazin verdient mit dreiundzwanzig Euro recht gut daran, und das will ich mir nicht leisten.
Aber es gibt einen anderen Aspekt, über den man bloggen kann, auch ohne das Buch zu kennen. Und das ist die Art und Weise, wie die BILD Argumente aus dem Buch aufnimmt und verbreitet, egal ob aus dem Zusammenhang gerissen oder nicht.
Argumente wie: Das muss man doch noch sagen dürfen!, oder: Das ist Zensur!, sind Irreführung pur. Denn was die BLÖD uns da als neue Erkenntnisse unterjubelt oder als mittlere Sensation verkauft, ist allesamt kalter Kaffee. Neu an der Geschichte ist nur, dass (angeblich/augenscheinlich) Thilo Sarrazin diese Argumente in seinem Buch erwähnt hat.
Für BLÖD kommt es dann auch gar nicht darauf an, die "Wahrheit" zu berichten, oder "es aussprechen zu müssen oder nur zu können", sondern schlicht und einfach darum, Auflage zu machen. Das ist ihr einziges Ziel, und deshalb polarisiert ein Kai Diekmann auch schon mal mit einem Blog, um den Blick auf BILD und BILD.de zurück zu lenken.
Es geht der Redaktion der BLÖD nicht darum, dem Volk aus der Seele zu sprechen, und darauf hinzuweisen, dass es in Deutschland "zu viele integrationsunwillige Migranten gibt", sie bedienen lediglich Vorurteile, und hoffen dabei auf höhere Klickzahlen und besseren Absatz der Auflage. Dabei dient der Redaktion Sarrazins Buch nicht als Quelle, sondern als Feigenblatt. Und das ist das eigentlich Verwerfliche. Unter dem Deckmantel, auch unangenehme Dinge einmal aussprechen zu dürfen, die Redefreiheit, die Pressefreiheit zu wahren, polarisiert die BILD, legt einseitiges Gewicht auf die eigenen Fakten, ohne Vergleiche, ohne journalistische Sorgfalt, einfach nur dem Effekt zuliebe.
Korrektheit? Keine Chance. Gute Recherche? Warum, wenn man den Deutschen augenscheinlich aus dem Munde spricht? Arroganterweise wimmelt es dann in den Headern auf BILD und BILD.de auch von Umfrageergebnissen unter ihren Lesern, die dann großmundig angekündigt werden mit: So denken die Deutschen.
Nein, liebe BLÖD, so denkt ein Teil Deiner Leser, nämlich jener Teil, der Deinen Telefon-TED mit jedem Anruf ein wenig reicher gemacht hat. Aber es wäre ja nicht im Sinne der BLÖD, SO ehrlich zu sein. Dann könnte man ja nicht die Diskussion weiter anheizen, Argumente die jeder in Deutschland äußern kann und teilweise bereits geäußert hat (Stichwort Stammtisch), als Revolution verkaufen (so wie die Kanzlerin den Atom-Ausverkauf als Revolution bezeichnet hat) und sich nebenbei als Hüter der Meinungsfreiheit aufplustern. UND zweiundachtzig Millionen Deutschen die aktuelle Telefonumfrage als ihre Meinung unterzuschieben.

Ein sehr kluger Mann hat neulich erst geschrieben, dass Thilo Sarrazins Buch viel zu viel Aufmerksamkeit erhalten hat. Ich neige dazu, ihm in diesem Punkt Recht zu geben. Wie gesagt, ich habe das Buch nicht gelesen. Aber ich sehe, was die BLÖD darum für eine Kampagne macht. Und die Kampagne geht nicht auf Kosten der integrationsunwilligen Migranten in Deutschland, sondern auf Kosten aller Ausländer in Deutschland, egal ob eingebürgert oder nicht. Denn die BLÖD ist gar nicht daran interessiert zu informieren, zu trennen und zu differenzieren. Sie ist nur an Auflage interessiert, und wenn deswegen irgendwo irgendwas brennt, um so besser. Darüber kann man berichten und die Auflage steigern.
Und das wird so lange gut gehen, wie wir deutsche Konsumenten der BLÖD Aufmerksamkeit schenken. Ja, auch ich mit meinem heutigen Blog-Eintrag oder die Arbeit des Bildblog gehört zu dieser Aufmerksamkeit, das weiß ich selbst. Aber immerhin spricht Bildblog unangenehme Wahrheiten aus, und ich versuche es zumindest.
Die TAZ berichtet heute, nachzulesen im sechs vor neun auf Bildblog.de, von zwei Geschäftsleuten in Ottensen, die keine BILD-Zeitung mehr verkaufen. Auch DAS ist Meinungsfreiheit, meine liebe BILD, mein lieber Kai Diekmann. UND es ist ein Anfang.

Dienstag, 31. August 2010

Sarrazin schon wieder

Okay, ich gebe es gerne und offen zu: Ich irre, und das nicht gerade selten. Zum Beispiel habe ich wie alle anderen auf Sarrazin rumgehackt, als BILD ihn mit seinem "Kopftuchmädchen-Spruch" zitiert hat. Danach entdeckte ich irgendwann das Original-Interview, aus dem das Zitat stammt, im Web. Und ich musste erkennen, dass die Wortwahl vielleicht nicht sehr geschickt war, aber Sarrazin hier für die Integration dieser "Kopftuchmädchen" warb, anstatt es bei Sozialhilfe zu belassen und danach beide Augen für ihr weiteres Schicksal, ihr Zukunft und ihre Integration fest zu zu machen.

Im Moment wird über sein Buch diskutiert. Ich habe es nicht gelesen. Aber ich weiß, wie BILD damit umgeht. Und ich weiß, dass ich wieder Gefahr laufen würde, ihm Unrecht zu tun, wenn ich es nicht lese, und mich nur auf die Zitate in BILD und Spiegel berufe.
Das hole ich eventuell nach. Das Lesen, nicht das Zitieren.
Ein Argument jedoch, das gerade hitzig debattiert wird, will ich kurz mit meiner Laien-Bildung in Biologie beleuchten: Nämlich das hetzerisch zitierte "Juden-Gen".
Wenn BLÖD ausnahmsweise mal richtig zitiert hat, dann hat laut Sarrazin jeder Jude ein bestimmtes Gen. Und jeder Baske. Darüber regen sich die Medien jetzt auf und erklären das zu einer ganz bösen Sache.

Natürlich ist es vollkommener Unsinn. Nicht alle Juden haben ein bestimmtes Gen, das sie als Juden kennzeichnet, identifiziert, oder was man hier auch immer einsetzen möchte. Immerhin gibt es genügend konvertierte Juden aus vollkommen anderen Volksstämmen, Eingeheiratete, und dergleichen. Aber unsere Medien behandeln dieses Argument gleichbedeutend wie mit einer Herabwürdigung. Wieso?
Rein biologisch gesehen waren die Juden ein eigener Volksstamm. Und in einem solchen Stamm wird die eigene Genetik weiter gegeben. Das jüdische Volk zum Beispiel kommt an sich aus dem Nahen Osten und teilte früher (und teilweise heute noch) viele Charakteristika der Menschen in dieser Region. Das ist nun mal genetisch bedingt. Es ist absolut nicht auszuschließen, dass viele Juden ein bestimmtes Gen in ihrer Erbmasse haben, das wir Europäer oder Schwarzafrikaner nicht besitzen. Nicht einmal andere Völker im Nahen Osten. Das ist nichts Schlimmes, keine Diskriminierung, sondern einfach nur ein Fakt.
Uns Europäern werden in der Genetik beispielsweise fünf Frauen von den Spezies Homo Sapiens und Cro Magnon zugerechnet, von der alle Europäer genetisch abstammen. Auch das ist nichts Böses. Es ist Wissenschaft.

Natürlich will ich nicht ausschließen, dass Herr Sarrazin dieses Argument gewählt hat, um Juden und Basken zu diskriminieren. Aber ich glaube es nicht. Die Tatsache, WER dieses Zitat verbreitet, lässt vermuten, dass die Faktenverdrehung wieder Hochkonjunktur hat.

Mein Fazit: Ein "Juden-Gen" ist durchaus möglich, sogar wahrscheinlich. So wie es auch viele "Europa-Gene" gibt, die exklusiv in unserem Genpool vorkommen. Das ist nicht gut, das ist nicht böse, das ist einfach Wissenschaft. Wer das zur Diskriminierung nutzt, oder als Argument des Beweises der Diskriminierung, hat seine Biologie noch aus dem Dritten Reich der Herrenmenschenzeit. Wissenschaftlich ist das in keiner Weise haltbar. Denn was sagt schon ein Gen über einen Menschen aus? Vielleicht steuert dieses spezielle Gen den Hautstoffwechsel. Vielleicht bestimmt es die Größe des Blindarms. Vielleicht hängt von ihm die Größe der Nasenporen ab. Oder die Möglichkeit, Schuppen zu bekommen.
Na und? Das sagt nichts über die Genetik aus. Und es sagt absolut nichts über den Menschen aus, ob er nun Jude oder Christ, Europäer oder Asiat ist. Rein gar nichts.
Also, meine lieben Argumenteverdreher, freut Euch darüber, dass zu viele Menschen in Deutschland noch weniger von Genetik verstehen als ich, und macht weiter mit toll klingenden, aber recht substanzlosen Sprüchen und Zitaten Euren Reibach.
Ich sitze derweil hier, schüttle den Kopf und überlege ernsthaft, ob ich mir Sarrazins Buch nicht kaufen sollte, um es zu lesen und danach darüber zu urteilen.
Hättet Ihr besser auch in dieser Reihenfolge so gemacht, BILD und Spiegel.

Samstag, 24. Oktober 2009

Sarrazin und keine Ruhe

Ehrlich, es kommt selten vor, aber ich muss mich entschuldigen. Vor ein paar Tagen verfasste ich einen Blog unter der Voraussetzung, dass der Deutsche Bank-Vorstand Thilo Sarrazin tatsächlich sehr umstrittene Äußerungen zu Türken und Arabern in Deutschland, bzw. Berlin geäußert hatte.
Dabei stützte ich auf eine Meldung von Gmx.de...
Nun aber bin ich über meinen Lieblingsblogger Bildblog.de darauf gestoßen worden, dass die gesamte Thematik von der BILD künstlich aufgebauscht und gehyped wurde.
Man stelle sich vor, ausgerechnet die BLÖD steht auf der Seite der Migranten, obwohl die doch eher viel besseres Entfremdungsdiskussionsmaterial und "Darum darf die Türkei nicht in die EU"-Material bieten.
Leider verlinkten Niggemeyer und Co., die im Gegensatz zu mir journalistische Arbeit leisten, nicht auf das volle Sarrazin-Interview. Was ich aber bisher gelesen habe, lässt NICHT auf einen polternden, polemischen und rassistischen alten Stammtischmann voller Vorurteile schließen. Im Gegenteil, während er über Berliner Subventionen und über die Stadtentwicklung redet, entpuppt er sich als charmanter, leicht aggressiver (weil er den Finger auf die Wunde legt und darin bohrt) Plauderer, der zumindest den Anschein hat, über die Themen Ahnung zu haben, die er aufgreift.
Spiegel.de bringt dann noch einmal die wichtigsten Zitate, und siehe da, die Kernvorwürfe erwähnt die Sammlung gar nicht.

Herr Sarrazin, ich gestehe hiermit ein, dass ich Defizite habe. Defizite in meiner Recherche, Defizite in meinem blinden Vertrauen in vermeintliche Qualitätsmedien, Defizite auf die Untertöne zu hören. Hätte ich früh genug gesehen, dass die BLÖD diese Geschichte zuerst aufgenommen, breit getreten und entfremdet hat, wäre ich ihr nie so leichtgläubig auf den Leim gegangen.
Ich spreche Sie damit nicht frei; ich schiebe mein Urteil auf bis ich besser recherchiert habe.
Der Auszug Ihres Interviews auf Lettre International hat mich auf jeden Fall überrascht und zum Umdenken bewegt.
Ich entschuldige mich für mein voreiliges Handeln und werde weiter bohren. Sollte ich dennoch die Vorwürfe bestätigt sehen, versichere ich Ihnen, Herr Sarrazin, habe ich jetzt dennoch eine bessere Meinung von Ihnen als vor dem Auszug aus dem Interview.

Edit: Hier ein Link zum fraglichen Teil des Interviews, das ich aber mindestens noch durch eine Quelle gegenchecken werde.
Der Mann klingt mehr sachlich als verhetzend, aber auf keinen Fall befleißigt er sich der Political Correctness.

Sonntag, 11. Oktober 2009

Simon says...

"Simon says" ist ein amerikanisches Kinderspiel, in der eines der Kinder eine Tätigkeit vorführt und mit "Simon says" ansagt - alle anderen machen es ihm nach.
Die Leser der BILD am Sonntag spielen gerade "Sarrazin says", und blamieren sich damit m.E. selbst.

Was ist passiert? Thilo Sarrazin, Vorstand der Bundesbank hatte sich in einem Interview unwillig über den Integrationswillen von Türken in Deutschland geäußert. Das war sogar Gmx.de einen Bericht wert. Nun hat die BLÖD am Sonntag das Meinungsforschungsinstitut Emnid mit einer "repräsentativen" Umfrage betraut, und deren Ergebnis war, dass einundfünfzig Prozent der Deutschen seinen Aussagen zustimmen.
"Nicht integrationsfähig, nicht integrationsbereit", so Sarrazin laut dem Gmx.de-Artikel. Ach ja, ich habe ganz vergessen, dass er Araber auch in die Debatte geworfen hat.
Für das Ergebnis dieser Umfrage wurden fünfhundertneun Leute befragt, und abgesehen von den Wählern der Grünen stimmten die Wähler aller anderen Fraktionen seiner Aussage zu. Zweiundzwanzig Prozent stimmten sogar zu bei der Frage, ob es richtig von ihm gewesen sei, eine Integrationsdebatte angestoßen zu haben.
...sacken lassen.
Fünfhundertneun Personen? Repräsentativ? SPD-Wähler stimmen seiner Aussage zu? Bin ich der einzige, der ein halbes Tausend in keinster Weise für repräsentativ hält? Mal kurz im Kopf überschlagen und sehr großzügig gedacht sind das 0,001 Prozent der deutschen Bevölkerung.

Meine Meinung: Wir haben hier einen älteren Manager, der über Arbeitsmoral, Lebensweise und Integrationsbereitschaft aller Türken und Araber in Deutschland schimpft, ja, geradezu niedermacht. Und die BLÖD am Sonntag hat nichts eiligeres zu tun, um diese These durch eine "repräsentative" Umfrage mit Rückhalt der deutschen Bevölkerung zu untermauern.
Wer bezahlt Emnid für diese Studie? Die CSU mit ihrer "Die Türkei darf auf keinen Fall in die EU"-Paranoia? NPD, DVU oder Republikaner?
Auf jeden Fall ist der BLÖD am Sonntag mit dieser Umfrage ein Riesenwurf gelungen. In welche Richtung er geht und wie er sich weiter auswirkt ist noch offen. (Also, ich hätte nichts gegen eine weiter sinkende Auflage der BamS)
Sehr geehrter Herr Sarrazin, hat Ihnen noch niemand erklärt, dass Verallgemeinerungen grundsätzlich gefährlich, verfälschend und polemisch sind? Sind Sie ein aggressiver Agitator oder einfach nur ein bisschen... Sagen wir gehässig?
Und liebe BamS-Redaktion, was wäre wohl passiert, wenn Ihr eine repräsentative Telefonumfrage gemacht hättet? Ja, warum habt Ihr das eigentlich nicht? Das passiert doch sonst immer bei solchen Themen? Angst vor dem Ergebnis?

Herr Sarrazin, vor einundsechzig Jahren hat es mit den Juden im Dritten Reich genau so begonnen. Bitte denken Sie nach, bevor Sie als Vertreter der wichtigsten Bank Deutschlands solche Äußerungen treffen. Sie sind ehrverletzend, peinlich, abstrus und populistisch.
Ich bin sicher, eine ganze Reihe türkisch-deutscher Geschäftsleute, Abteilungsleiter, Manager und Akademiker werden eine sehr lange Zeit nicht gut auf Sie zu sprechen sein.
Von den türkischen Mitarbeitern in Ihrem Haus ganz zu schweigen. Ich hoffe, Sie haben ein dickes Fell, denn jedes Wort, das Sie bereits bekommen haben, und das Sie in den nächsten Wochen erwartet, haben Sie von A bis Z verdient.

Edit: Meine Heim- und Magenzeitung, die Leine Deister Zeitung, berichtet im überregionalen Part ebenfalls über den Fall und spricht im Titel von einer großen Mehrheit, die Sarrazin unterstützt. Auch sie hält die Umfrage im Auftrag der BLÖD am Sonntag für repräsentativ - bei ihr haben aber nur noch 501 Personen an der Umfrage teil genommen.
Ja, ja, Fehler zu machen oder subjektiv zu berichten ist kein Privileg der großen Zeitungen...

Edit Nr.2 am 14.: Tagesschau-online rudert zurück und berichtet erstmals, nachdem Sarrazin die Ressorts zusammen gestrichen wurden, er hätte seine Aussage speziell für Berliner Türken und Araber formuliert. Besser wird es dadurch allerdings nicht.
Ein Misantroph sollte nicht in einer Position arbeiten, in der er Menschen schaden kann.