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Mittwoch, 5. August 2015

Ja, wo ist er denn, der Grexit? II Diesmal als Rant

Stimmt, ausnahmsweise geht es heute nicht ums Schreiben, sondern wieder um die Weltpolitik, oder im engsten Sinne um die Europapolitik. Aber nicht nur um das oben im Titel erwähnte Griechenland und dem Mythos des erzwungenen Euro-Ausstiegs, der angeblich... wenn sich alle einig sind... anhand der unterzeichneten Verträge... irgendwie möglich ist... wenn Griechenland zustimmt...
Nein, es geht nicht nur darum, wie Europa dieses Land beutelt. Es geht auch darum, wie sehr das Land in Stich gelassen wird.

Aber zuerst möchte ich den Grexit beleuchten. Ich habe es gesagt, oder? Ich habe es gesagt: Es wird keinen Grexit geben. Denn nur das griechische Parlament kann den Grexit beschließen, auf gar keinen Fall aber Mutti Merkel oder Wolfgang "grauer Tiger" Schäuble. Dennoch hat der graue Tiger Varoufakis das Genick gebrochen und Tsipras mindestens symbolisch ins Gemächt getreten. Sein Vorschlag des "vorläufigen Grexit" ist nicht anders zu verstehen denn als Versuch der Kastration der Syriza, was ja auch wunderbar geklappt hat, und der Rücktritt von Varoufakis erscheint mir heute noch mehr wie die kleinliche Rache eines alten Mannes an jemandem, der ihm erfolgreich und faktenbasiert widersprochen hat.
Vorweg eines: Ich glaube an den Schuldenschnitt. An die Schuldenneuberechnung, die Fristenverlängerung, und auch an den Zinsschnitt. Warum ich das sage? Tsipras hatte über sechzig Prozent der Bevölkerung hinter sich. Sie alle sagten nein zu den Forderungen der Troika. Trotzdem ist er umgekippt und hat sämtliche Maßnahmen beschließen lassen, gegen die er protestieren wollte?
Wie ist das möglich? Hat der Mann kein Rückgrat? Oder gab es hinter verschlossenen Türen ein paar Versprechen, die die Öffentlichkeit nicht erreicht haben, so nach dem Motto: "Alexis, hör mal, wir müssen unser Gesicht wahren und wir müssen die Bankensubventionierung unbedingt beibehalten. Wenn du uns gut aussehen lässt und wenn du es schaffst, noch ein halbes Jahr im Amt zu bleiben und unsere Reformen durchsetzt, dann führen wir den Schuldenschnitt der IWF durch und verlängern und reduzieren die Zinszahlungsziele für Griechenland."?
Letzteres kann ich mir sehr gut vorstellen, denn selbst die IWF hat schon VOR den Verhandlungen genau diesen "dringend nötigen" Schuldenschnitt ins Spiel gebracht.
Und er wird kommen, sobald "sich Griechenland mustergültig beim Sparkurs verhalten hat". Wobei Schäuble eine Regierung der alten Eliten sicher lieber wäre als Tsipras' Syriza als Partner.

Und noch mal für alle ein paar wichtige Fakten: Das Geld, das von unserem Parlament immer wieder gebilligt wird, geht nicht nach Griechenland. Es verweilt ein, zwei Tage auf einem griechischen Konto, und dann werden damit Forderungen der Gläubiger bedient. Aber wer hält heutzutage noch Schuldanleihen aus Griechenland? Außer der einen oder anderen griechischen Bank, die diese einfach nicht loswird? Richtig: Europäische Banken, allen voran die EZB. Die Zeit recherchierte das schon 2011, und daran hat sich nichts geändert. Angereichert mit ein paar Milliönchen Steuergeldern aus griechischen Kassen fließt es zurück zur Europäischen Zentralbank, und von dort als Überschuss wieder in die Kassen der Staaten Europas. Was hat dieser Kreislauf für einen Sinn? Außer natürlich, weiteres Buchgeld aus dem gebeutelten Mittelmeerstaat abzufischen? Die einfachste Erklärung ist die: Damit man behaupten kann, unser Geld fließt nach Griechenland. Die zweiteinfachste Erklärung: Die Banken wollen es so.
Mit diesem Geld werden keinesfalls die "übergroßen griechischen Renten und Pensionen" finanziert.
Aber wenn Griechenland Staatseigentum für, so behauptet das der Schäuble, rund fünfzig Milliarden Euro verscherbelt, dann darf es ein Viertel von dem Geld für dringend erforderliche Investitionen im Inland behalten. Falls es diese fünfzig Milliarden überhaupt einnimmt. Ist das nicht nett von der EU?

Ich wurde auf Facebook von einem Freund darauf hingewiesen, dass in vielen staatlichen Betrieben Investitionen für Modernisierungen dringend notwendig sind, um sie überhaupt konkurrenzfähig zu halten, und dies ginge am einfachsten über den Verkauf, weil dies die Investoren eher anlockt als eine eher ungeliebte Beteiligung an einer staatlichen Firma. Gut, das mag sein. Dem versperre ich mich nicht - ich habe dabei allerdings auch nicht mitzuentscheiden. Hätte ich das allerdings, dann würde ich eine ganz klare Grenze bei der Grundversorgung ziehen. Strom, Wasser, Gas, Post, Krankenhäuser, Bahn, all das würde ich ums Verrecken nicht privatisieren. Was dann passiert, wissen wir ja alle. Zum Beispiel teilen sich in Deutschland vier große Konzerne den Kuchen, weshalb wir in Europa den höchsten Strompreis zahlen, obwohl die Preise an der Strombörse purzeln. Und auch Personen, die zu anderen Anbietern wechseln als E.ON, Vattenfall und Co. entkommen ihnen nicht wirklich, denn selbst am kleinsten Stadtwerk ist mindestens einer der großen Vier irgendwie auch noch beteiligt und hält mit Sicherheit zumindest eine Sperrminorität
Und deshalb können uns die großen Vier auch vorjammern, sie müssten Großkraftwerke in die Nordsee setzen und eine Stromtrasse nach Süddeutschland legen, um den Strom zu den dortigen Industrien bringen, oberirdisch natürlich, sonst kostet das zu viel (dabei hat mir mein MdB Bernd Westphal vor über vier Jahren schon zugebrüllt verraten, die Strompreise wären so hoch, weil die Unternehmen für den Umbau des Netzes Mittel zurücklegen würden - war anscheinend nicht genug für die Erdverkabelung, zumindest nicht bis zum Machtwort aus Berlin). Dabei läge die Zukunft der Energieversorgung eher in der dezentralen Versorgung in kleinen Stadtwerken und kleineren Energieprojekten, nicht darin, die abgeschalteten Atomkraftwerke gegen Großkraftwerke in Form von Offshore-Windparks auszutauschen. Die Spargel alle über Deutschland zu verteilen dürfte für die - zugegeben, wesentlich umweltfreundlichere und von mir auch geschätzte - Windenergie wesentlich mehr bringen als die Bündelung in der Nordsee, aber das ist nur die Meinung eines Mannes, der die Dezentralisierung bevorzugt, nicht die Bündelung.
Mein Fazit also: Die Versilberung der Grundversorgung wird mit Sicherheit kommen, die Griechen werden noch mehr Geld dafür ausgeben müssen, um überhaupt leben zu können, und ob die Privatisierung anderer Staatsbetriebe überhaupt erstmal die bestehenden Jobs erhält, geschweige denn die Höhe der bisherigen Gehälter, wage ich doch ernsthaft zu bezweifeln.
Immerhin ist es sogar hier in Deutschland üblich, verschiedene Löhne für gleiche Arbeit zu bezahlen, und das nur, indem die deutsche Post mal eben ein paar Tochterunternehmen gründet. Wenn das bei uns möglich ist, dann wird es in einem Land wie Griechenland, dem das Rückgrat gebrochen wurde, noch richtig lustig werden. Natürlich nicht für die Arbeiter und Angestellten, aber für die potentiellen Investoren, die jetzt ein Billiglohnland ausgerechnet in Westeuropa zum Austoben haben werden...

Weiterer Unsinn ist im Übrigen die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 23% - zehn Prozent mehr, die jetzt vor allem die einfachen Bürger aufbringen müssen. Ich meine, hierzulande wettert die Zeitung für Hetze und Schuldzuweisung, die Griechen sollen doch ihre Inseln verkaufen, und ihre Reeder und ihre Milliardäre besteuern, vor allem aber ihr Schwarzgeld zurückholen. Und dann ist nicht eine einzige Maßnahme aus dem Forderungskatalog darauf ausgelegt, diese demographische Gruppe überhaupt zu erreichen. Keine Schwarzgeldmaßnahmen, keine Sondersteuer auf Reiche (an die Reeder gehen die eh nicht ran, denn die bezahlen europaweit keine oder nur wenige Steuern), keine Erbschaftssteuer für Mega-Erbschaften - aber die Renten und Pensionen sollen weiter gekürzt werden. Das stört hier aber keinen, weil die Solidarität in Europa mit den einfachen Leuten in den anderen Ländern erfolgreich totdemagogiert wurde. Wieder von der uns bekannten Zeitung, aber auch von Stammtischparolenparteien wie AfD und, ja, der CSU.
Ich meine, wie viel Ouzo verbraucht ein Reicher so am Tag, wie viel Tzaziki braucht er, und wie viele nagelneue Sportwagen wird er die Woche kaufen und damit die Mehrwertsteuererhöhung um zehn Prozent mittragen? Ich verrate es Euch: Der superreiche Grieche wird unter dreiundzwanzig Prozent Mehrwertsteuer eher kaum so leiden wie der einfache Bürger. Weil er nicht mehr braucht als die kleinen Leute, weil er nur eine begrenzte Anzahl an Sportwagen kaufen kann und weil er, ja, wesentlich mehr Geld zur Verfügung hat. Das immer noch sakrosant ist.

Alles in allem mag sich dieses kleine Land in den Euro geschmuggelt haben, mag es gelogen haben, mag es zu hohe Pensionen bezahlt haben, mag es zu viele Beamte bezahlt haben, die gar nicht existieren, und meinetwegen mag es ein Ausbund an Korruption und Vetternwirtschaft sein, das die Mafia neidisch über die Adria blicken lässt - trotzdem ist der europäische Forderungskatalog ein Lebensverschlechterungspapier für die ganz normalen Bürger, wie wir sie auch sind. Aber "die Griechen haben das ja nicht anders verdient", oder wie?
Meine Idee ist ja, dass Griechenland gezielt ruiniert wird, damit die Arbeitslosen für nen Appel und nen Ei bereit sind, in Deutschland zu arbeiten. Der Mindestlohn ist immer noch günstiger als mancher Branchenlohn. (Dazu fällt mir Robert Bosch ein: Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe; ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne zahle.)
Zusammenfassend beklage ich nicht nur die Ausbeutung des ganz normalen Griechen, sondern auch den Zusammenbruch der innereuropäischen Solidarität und den fehlenden Willen, neben der Bankenrettung etwas wirklich effektives für Griechenland zu tun. Hier Gelder für vier Prozent zu leihen und dieses Geld für sechs Prozent an die Griechen weiterzureichen ist jedenfalls nicht diese Hilfe.

Und Zusammenbruch der innereuropäischen Solidarität ist auch das nächste Stichwort. Die "feigen, faulen, Ouzotrinkenden, Syrtaki tanzenden, Siestamachenden Griechen" bewältigen gerade ohne jede Hilfe von uns eine Aufgabe, die uns eigentlich genauso angeht wie die Griechen selbst. Über Griechenland, genauer gesagt über seine Inseln im ägäischen Meer ergießt sich ein Strom an Kriegsflüchtlingen aus Syrien und auch aus Afrika. Die gute Net Sparrow war kürzlich vor Ort und hat einen Bericht darüber geschrieben, den ich jedem hier ans Herz legen möchte.
Hilfe oder Geld aus Europa? Fehlanzeige. Menschlichkeit? Fehlanzeige. Die Griechen leisten, was sie können, aber hierzulande faselt man von "sicheren Herkunftsländern" und "beschleunigten Asylverfahren".
Fakt ist, die Vereinten Nationen habe Deutschland schon vor Jahren empfohlen, pro Jahr zwei Millionen Neubürger aufzunehmen, um den demographischen Wandel zu stoppen. Fakt ist, wir haben in Deutschland einen Wohnungsleerstand von rund fünf MILLIONEN Wohneinheiten. Fakt ist, wir haben eine Infrastruktur, die auf wesentlich mehr Menschen ausgelegt ist, als in diesem Land leben. Weil mehr Leute sterben als geboren werden. Fakt ist, diese syrischen Flüchtlinge kommen freiwillig zu uns, ebenso tun dies die Schwarzafrikaner, die Afghanen, und auch alle anderen, die sich als Ziel nicht England ausgesucht haben. Es sind nicht mal ansatzweise so viele Menschen, wie wir jedes Jahr aufnehmen und integrieren müssten, um das jetzige Schrumpfen der Bevölkerung zumindest zu verlangsamen. Warum tun wir das nicht? Warum entlasten wir die Griechen nicht? Die Syrer zum Beispiel haben meist einen hohen Bildungsstand, ihr Kulturempfinden ist unserem ähnlicher als man vermutet, und sie kommen nicht wegen der guten Sozialleistungen zu uns, sondern weil wir seit siebzig Jahren keinen Krieg mehr kennen, sind integrationsbereit, lernwillig und keinesfalls arbeitsscheu. Wir könnten die Flüchtlinge auf den griechischen Inseln problemlos aufnehmen. Der Platz ist da. Die Infrastruktur ist da. Die Nahrung ist da. Wir könnten die Griechen entlasten. Aber wir tun es nicht. Dies in einem Land, das von einer Partei regiert wird, die "christlich" im Namen hat, die aber statt nach christlichen Werten der Nächstenliebe zu handeln lieber "Das Boot ist voll"-Stammtischrhetorik betreibt, das ist für mich schwer zu verstehen.
Und nein, ich muss "nicht selbst Flüchtlinge aufnehmen, wenn ich schon so für sie Partei ergreife". Es gibt genügend freien Wohnraum in Deutschland. Paradoxerweise stecken wir sie lieber in Zelte auf öffentlichen Plätzen, damit sie es nicht zu komfortabel haben und lieber zurück in ihre kriegsgeschüttelten (oder von Konzernen ausgebluteten) Länder gehen. Und manche Idioten von der CSU finden es dann auch noch unerhört, wenn eine Zeltstadt voller Flüchtlinge WLAN hat...
Anstatt Chancen zu nutzen, wird mal wieder... Ausgesessen. Irgendwann gehen die schon wieder nach Hause, wenn wir sie nur schlecht genug behandeln, oder was?
Mit einem Kopfschütteln beende ich diesen langen Blogtext. Deutschland und deine Aussitzpolitik, Du verpasst nicht nur die humanitäre Krise, sondern auch Deine großen Chancen. Denn ich verrate Dir eins: Es werden garantiert keine zwei Millionen Schweden, Norweger, Dänen oder Holländer nach Deutschland einwandern wollen. Heute nicht, und auch im nächsten Jahr nicht.

Sonntag, 12. Juli 2015

Ja, wo ist er denn, der Grexit?

Nurmal für alle, die hier eher zufällig drauf stoßen und meine kleine Reihe an Griechenlandkommentaren nicht kennen: Der einzige mögliche Weg für den Grexit, also den Umstand, dass Griechenland aus dem Euro "fällt", ist, dass das griechische Parlament den Austritt beschließt. Zwar geistert das Gerücht herum, die anderen Staaten "könnten eventuell, wenn sie alle es beschließen", oder wenn man den Vertrag entsprechend auslegt, Griechenland austreten lassen, aber das ist alles unbelastbarer Bullshit. ES WILL AUCH GAR KEINER! Es ist klar, dass die Griechen nicht wollen, der Euro bringt ihnen viel zu viele Vorteile. Und wenn die nicht wollen, dann geht es nicht. Ende. Und auch die Bundesregierung will das gar nicht. Im Gegenteil, für sie ist der Grexit nichts weiter als eine unverhohlene Drohung gegen Griechenland, damit dort die Austeritätspolitik bis zum Erbrechen durchgeführt wird.

Warum, wird man sich fragen, aber dazu komme ich gleich. Zuerst kommen wir zum was.
Was hat Schäuble nicht alles gesagt. Grexit, Grexit, Grexit. Der große Grexit sollte über Griechenland kommen, zuletzt sollte er AUTOMATISCH eintreten, sollten die Griechen gegen die Sparlauflagen stimmen. Davor wurde er unzählige Male angedroht. Was ist passiert? Nix. Stattdessen gibt es neue Verhandlungsrunden, in die der IWF das erste Mal auch einen Schuldenschnitt einbringt. Das ist genau das, was Griechenland braucht. Eine Stundung oder eine Umschuldung würden auch gehen, wären aber für das gebeutelte Land nicht ganz so vorteilhalft. Aber, in genau dieser Stimmung, weiß die FAZ und auch andere Zeitungen zu vermelden, bringt Wolfgang Schäuble den Grexit auf Zeit ins Spiel. Und das ist nichts weiter als großer Bullshit. Ganz großer Bullshit. Denn wenn die Griechen einmal raus aus dem Euro sind, werden sie niemals wieder die Anforderungen an den Maastrichter Vertrag erfüllen. Schäuble versucht nur, die Drohung, die nur ein aufgeblasener Papiertiger war, mit neuem Leben zu erfüllen.

Jetzt kommt das warum. Warum tut der alte Mann im Rollstuhl das? Warum beharrt Merkel "alternativlos" auf die Austeritätspolitik?
Mein ganz persönlicher Verdacht ist ja, dass Griechenland systematisch ruiniert wird, damit junge arbeitslose Griechen, Italiener und Spanier nach Deutschland ziehen, um hier für den Mindestlohn und weniger zu arbeiten bereit sind. Aber das ist nur ein Aspekt der Geschichte. Im Kern geht es um die Austeritätspolitik. Die "darf nicht scheitern". Denn wenn sie das tut, wenn sich Schuldenschnitt, Investitionen und eine nicht korrupte Regierung als besserer Weg erweisen - Island hatte sich mit dem Mehrfachen der jährlichen Staatshaushalts in der Bankenkrise hoch verschuldet und vorgemacht, wie man da aus eigener Kraft rauskommt, übrigens ohne rigorose Totsparpolitik - dann ist das nicht nur das Scheitern der Austeritätspolitik (gescheitert ist die sowieso, denn fünf Jahre totsparen haben weder den Patienten umgebracht, noch die Wirtschaft gerettet), sondern auch der ganze Neoliberalismus, also die Bevorteilung der Wirtschaft vor der Gesellschaft, steht dann nicht nur vor dem Prüfstand, sondern kann getrost als gescheitert angesehen werden.
Überhaupt, was ist das für eine Ideologie, die zwar den freien Markt propagiert, der alles von selbst regelt, dann aber Hilfe vom Staat einfordert, um seine Ideologie durchsetzen zu können? Sei dies in der Austeritätspolitik zu sehen, sei dies bei der Abwehr berechtigter Gewerkschaftsforderungen, sei dies bei der Privatisierung (also dem Verkauf von Tafelsilber) staatlicher Firmen... Letzteres ist übrigens ein ganz, ganz großer Witz, der nun auch in Griechenland zu sehen ist. Denn die Neoliberalen wollen gar keinen Wettbewerb - sie wollen Monopole. Es soll eine Firma sein, die z.B. in Berlin die Wasserwerke aufkauft und betreibt. Das Monopol, also der Mangel an Mitanbietern, versetzt die Firma in der Lage, jeden Preis zu verlangen, den sie für das Wasser und seine Entsorgung haben will, bis dem Bürger der Kragen geplatzt ist und Berlin seine Wasserwerke zurückgekauft hat. Gut, dass das möglich war.

Das Gleiche steht nun Griechenland bevor. Neoliberale Firmen und Fonds lauern nur darauf, Griechenlands Monopole zu übernehmen und fortan jeden Preis verlangen zu können, den sie wollen. Gut, ich gebe zu, das ist Spekulation von mir, aber gesehen haben wir es oft genug. Zuletzt beispielsweise, als neoliberale Geldfonds Optionen auf Nahrungsmittel in Afrika gekauft und damit die Grundnahrungsmittel extrem verteuert haben. So einen Scheiß brauchen wir in Afrika nicht. So einen Scheiß brauchen wir auch nicht in Europa, in Asien, in beiden Amerikas. Wirklich nicht. Und vor allem brauchen wir keine neoliberale Wirtschaftspolitik in Griechenland. Sie funktioniert nämlich nicht.

Freitag, 4. November 2011

How to deceive german people...

Also, Leute, ich weiß ernsthaft nicht, wo ich heute anfangen soll.
Ich weiß wirklich nicht, wo ich thematisch hinsteuern soll.
Und ich weiß echt noch nicht, wie weit ich es heute führen soll.

Fangen wir mit dem Thema an, über das ich ursprünglich posten wollte:
Mittagstisch. Diskussion. Zufällig erwähnt: "Pluto ist ja kein Planet mehr."
Da kriege ich zu hören: "Ja, aber dieser andere Planet im Planetoidengürtel, der größer als der Mond ist, der soll ja Planet werden."
"Wo? Im Asteroidengürtel?" "Ja." "Größer als der Mond?" "Ja." "Du meinst nicht Ceres?"
"Nein, das kam im Fernsehen. Den haben sie neulich erst entdeckt."
"Das ist unmöglich." ... ... ... "Du weißt auch nicht alles besser, und es kam im Fernsehen."
...
"Das ist trotzdem unmöglich. Ein Objekt dieser Größe müsste schon vor Jahrtausenden entdeckt worden sein. Sieh dir Ceres an. Eintausend Kilometer groß, und seit Ewigkeiten bekannt."
"Aber es kam im Fernsehen in so ner Sendung. Man konnte ihn vorher nicht sehen, weil er so eine Oberflächenstruktur hat. Er wurde jetzt erst entdeckt."
"Sieh mal, ein Objekt größer als der Mond, das sich im Planetoidengürtel befindet, reflektiert Sonnenlicht und wird damit sichtbar. Ceres hat man so entdeckt. Wenn das Ding größer als der Mond ist, dann hätte man deinen Planeten noch vor Ceres entdecken müssen."
"Aber es kam im Fernsehen. Du weißt auch nicht alles besser. Die werden ja keinen Quatsch erzählen."
"Das ist trotzdem unmöglich. Du meinst sicher den neuen Planeten, den man in der Oortschen Wolke hinter Pluto entdeckt hat..."
"Nein, im Planetoidengürtel. Kam im Fernsehen. Und jetzt halt die Klappe."
...sacken lassen.

Also, hier noch mal zum Mitschreiben: Der Astronom Florian Freistetter, der auf Scienceblogs.de das Astrodicticum Simplex betreibt, ein Blog, der Astronomie Laien erklärt und näher bringt, hat vollkommen Recht. Die Existenz dieses Planeten, der angeblich im Planetoidengürtel existieren soll, erfordert Glauben. Wissenschaft aber erfordert Wissen. Mit einigen schlichten Beobachtungen, ein wenig Fachliteratur und gesundem Menschenverstand wäre mein Gesprächspartner von selbst darauf gekommen, dass ihm das Fernsehen - schade, dass ich den Sender nicht weiß - gequirlte Scheiße erzählt hat.
Florian hatte und hat zuerst mit dem Kometen Elenin zu kämpfen gehabt, der wahlweise aus hochverdichteter Masse eines Neutronensterns bestehen sollte, oder selbst ein Brauner Zwerg sein sollte (weil Idioten Koma und Schweif des Planeten für genauso fest hielten wie Sonnenmasse, dabei ist sie gasförmig und flüchtig), oder eben ein Vorbote von Nibiru, der schon im Dezember nächsten Jahres die Erde treffen soll, und das auf einer Bahn, für die er dreitausendsechshundert Jahre braucht... Was 1) eine sehr exzentrische, ellyptische Umlaufbahn erfordert, und 2) bedeutet, er müsste, um nächsten Dezember der Erde auch nur nahe zu kommen, bereits auf Höhe der Jupiterbahn sein.
Wäre das Objekt tatsächlich so groß wie ein Brauner Zwerg, und damit locker zwanzigmal so Massereich wie der Jupiter, hätten wir schon einen zweiten Mond am Himmel, alleine weil er Sonnenlicht reflektiert.
Klingt das soweit für alle logisch? Gut, okay. Und für alle, die jetzt rufen, Nibiru sei nur im Infrarotbereich zu erkennen, bzw. er absorbiert Sonnenstrahlen, eine Gegenfrage: Wenn da plötzlich ein riesiger schwarzer Fleck durchs Sonnensystem wandert, der Sterne verdeckt, meint Ihr, der fällt nicht auf?

Summa summarum verhält es sich auch mit dem Planeten, von dem das Fernsehen behauptet hat (Oh, ich WILL wissen, welcher dämliche Sender das war!!!), er wäre größer als der Mond und befände sich im Planetoidengürtel: Ein Ding, das so groß ist, erreicht fast die Größe des Mars. Zwar ist der Planetoidengürtel noch weiter entfernt als Mars, aber trotz der höheren Entfernung wäre er das hellste Objekt im Gürtel und wäre ohne Mühe bei der richtigen Konstellation mit bloßem Auge zu sehen.
Und auch wenn er Licht absorbiert, d.h. kein Sonnenlicht reflektiert, aus welchen Gründen auch immer, würde man ihn spätestens dann entdecken, wenn er Sterne verdeckt.
Also, Leute, bitte, bitte, bitte. Das ist Kreationismus, das ist Glaube statt Wissenschaft. Das ist Schwachsinn. Schaut zum Himmel und guckt nach, ob da irgendwas zu finden ist.
Und an meinen Gesprächspartner gerichtet: Glaub nicht jeden Scheiß, den Du im Fernsehen siehst, und verbiete mir nicht den Mund, nur weil Dir meine Antwort unbequem ist. Letztendlich weiß ich nicht annähernd so viel über Astronomie wie Florian Freistetter, aber unter den Blinden ist der Einäugige König.


Nächstes Thema. Es ist lange her, dass ich mich über GMX.de/Web.de aufgeregt habe. Heute ist es mal wieder so weit.
Die Redaktion schreibt unter dem Titel Deutsche für Euro-Aus Athens bei Sparverweigerung: "Die große Mehrheit der Deutschen ist für einen Austritt Athens aus der Eurozone, sollten die Griechen bei einem Volksentscheid gegen das internationale Hilfsprogramm stimmen. 82 Prozent sprechen sich im aktuellen ARD-Deutschlandtrend für das Euro-Aus der Hellenen aus."
...sacken lassen.

Leute, ich kann hier zwei Dinge nicht glauben. Das eine ist, dass hier wirklich suggeriert wird, dass Griechenland aus dem Euro aussteigen KANN; das andere, dass deutsche Politiker das für eine LÖSUNG halten.
Und noch ein Punkt stößt mir dabei sehr sauer auf: BILD. Natürlich ist es die BILD-Berichterstattung, die Fähnchen nach dem Wind-Merkel dazu gebracht hat, nach Atom-Umstieg und Minderlohnschwenk nun vom alternativlosen Retten von Griechenland auf den RAUS! RAUS! RAUS!-Zug aufzuspringen.
...sacken lassen.

Leute, mal ganz ehrlich. Griechenland hat knappe elf Millionen Einwohner. Das Bruttoinlandsprodukt beträgt lt. Wikipedia 230 Milliarden Euro pro Jahr.
Zum Vergleich: Deutschland macht bei 82 Millionen Einwohnern fast 3,3 Billionen!
Oder um es mal in Worte zu fassen: Für eine Million Steuergelder, die Griechenland generiert, generieren wir zwei! Wir sind reicher als unser beliebtes südländisches Urlaubsland, erheblich reicher. Nicht nur ein bisschen reicher, sondern RICHTIG reicher. Und wir sind nicht die einzigen EU-Motoren. Sonst wäre das eine traurige Sache, das Vereinigte Europa.
...sacken lassen.

Natürlich läuft nicht alles rund in Griechenland. Gerade erst in den Siebzigern Demokratie geworden, ist der Staat recht jung. Korruption ist ein riesiges Problem. Beamte, die nicht existieren, Rentner, die nicht existieren und Tote, die Rente beziehen, sind für das erheblich geringere Budget Griechenlands ein Riesenproblem. Da muss was getan werden. Da muss aufgeräumt werden. Und man fängt am Besten z.B. in den Krankenhäusern an, wo man nur behandelt wird, wenn man sein Schmiergeld für den Arzt abgibt. Sicher. Aber das sind interne Probleme, die die Griechen bitte auch selbst regeln.
Okay, bleiben die großzügigen Beihilfen Deutschlands und anderer europäischer Staaten. Was ist damit?
Nun, ich misstraue Muberkel, dass wissen alle meine Blog-Leser. Und ich misstraue vor allem einer Hilfe, die vertraglich verlangt, das Griechenland von den Hilfsgeldern stantepede für ein paar Milliarden Euro deutsche U-Boote kauft. Was soll denn der Scheiß? Ich dachte, das Geld soll Griechenland helfen, und nicht Deutschen Werften? Muberkels Politik ist das.
Und jetzt kommt die Crux: Wofür ist das Geld da? Soll es die Infrastruktur verbessern? Fließen daraus Gehälter für Spezialisten, die Korruption bekämpfen? Werden wichtige Firmen wettbewerbsfähig gehalten, und damit Arbeitsplätze gesichert?
...sacken lassen.

Nun, es gibt da ein paar Banken, viele davon europäische Banken. Auch deutsche. Griechische sind, ehrlich gesagt, auch dabei. Die haben Griechenland geholfen, besser auszusehen als sie eigentlich dastanden, und ihnen damit den Sprung in die Währungsunion erleichtert. Und das war auch gut so, denn ich sehe einerseits in einem Land wie Griechenland in keinem Fall eine große Nagelprobe für eine Staatengemeinschaft von fast dreihundert Millionen Menschen, und andererseits kommt es auch deutschen Urlaubern zugute, die im Urlaub mit Euro bezahlen können.
Peter Scholl-Latour hat gesagt, es sei Quatsch, Griechenland zu "opfern" und den Euro politisch angreifbar zu machen, nur weil ein so kleines Land wie Griechenland in überschaubaren Schwierigkeiten steckt.
Zurück aber zu den Banken. Griechenland wurde ein rigoroser Sparkurs verpasst. Das mag auf den ersten Blick sinnvoll erscheinen. Haben die doch alle über ihre Verhältnisse gelebt, die Pensionskassen und Rentenkassen leergefressen, und dergleichen - zumindest wenn man BLÖD glaubt. Aber was macht dieser rigorose Sparkurs? Warum demonstrieren so viele Menschen in Athen? Wieso wollen die nicht zum eigenen Wohl sparen? Trauern sie dem Geld nach, das die nichtexistenten Beamten bekommen haben, und das ihnen nun fehlt? Mussten sie jetzt doch Opa als verstorben abmelden und kriegen keine Rente mehr für ihn? Oder... sieht es vollkommen anders aus, und sorgt der rigide Sparkurs dafür, dass - japs - der sich selbst regulierende Markt plötzlich Arbeitsplätze KOSTET, weil die Sparmaßnahmen jeden vernünftigen Unternehmer kleine Brötchen backen lässt, bis die Krise vorbei ist?
Griechenland spart sich kaputt, aber nicht auf Kosten derer, die dort das Geld haben, die berühmten fünf Prozent. Auch nicht so sehr auf Lasten korrupter Ärzte, Richter, Rechtsanwälte, und was weiß ich noch. Nein, auf dem Rücken der Masse. Und glaubt mir, achttausend Renten, die an tote oder nichtexistente Personen ausgezahlt wurden, reichen nicht für elf Millionen korrupte Griechen.
...sacken lassen.

Und wenn wir schon mal dabei sind: WER kriegt eigentlich das Geld, das die EU zur Euro-Rettung zur Verfügung stellt? WER profitiert? Griechenland? Die Griechen? Die griechische Regierung? BILD? Nur eine Antwort ist richtig.
Aber es profitiert noch jemand. Hierzu ein kleines Rätsel: Wo hat das Land die meisten Verpflichtungen, d.h. die meisten Zinsforderungen, die es mit den Krediten aus Euro-Land fleißig bedienen muss, damit das Geld weiter fließt?
*trommelwirbel*
Richtig! Bei AUSLÄNDISCHEN BANKEN, darunter auch deutsche Banken! Dieser ganze Knüppelkurs, zur Schicksalsfrage für den Euro hoch gepusht, ist nichts weiter als eine Subvention für unsere eigenen Banken. Und das auf Kosten, des - zugegeben - korrumpierten Staates Griechenland, aber vor allem auf dem Rücken der kleinen Leute.
Das ist das Knochenxylophon, auf dem Muberkel und BLÖD gerade spielen.
...sacken lassen.

Und jetzt die Crux des Themas. Die europäischen Staaten und damit auch Griechenland haben rechtsgültige Verträge abgeschlossen. Weit reichende Verträge. Viele Verträge. Haben Rechte und Pflichten auf sich genommen.
Glaubt hier irgendjemand, Griechenland könnte einfach so zur Drachme zurückkehren? Glaubt hier irgendjemand, nur weil eine obskure Umfrage behauptet, die meisten Deutschen wollen Griechenland aus der Eurozone kicken, das hätte auch nur die geringste Auswirkung auf die Politik?
Glaubt hier noch irgendjemand, dass wenn Muberkel irgend etwas als "alternativlos" bezeichnet, dass es keine Alternativen gibt?
Nein, das geht alles nicht. Aber schreien tut sie ja, die Frau Doktor. Ach, wäre sie doch nur in der Physik geblieben. Dort kann man Macht-Politiker, die ihr Fähnchen nach dem Wind drehen, sicher noch gut gebrauchen...

Mein Fazit: Retten sieht anders aus. Größter Schwachsinn aus den Stuben des Turbokapitalismus und aus dem Schwarz/Gelben Regierungssumpf.
Mein Rat: Entweder die Zügel schleifen lassen und Griechenland zu einer Wirtschaft verhelfen, die ihre Verpflichtungen eines Tages begleichen kann, oder ein radikaler Schuldenschnitt. Trifft dann ohnehin nur die Banken, die überhaupt eine Mitschuld am Griechenland-Desaster haben.
Was den Schuldenschnitt angeht: Keine Angst vor dem Staatsbankrott. Staaten überleben sowas. Und ein so kleines Land wie Griechenland mit einem so kleinen Bruttosozialprodukt reißt uns nicht mit in den Untergang.

Aber, man fragt sich zu Recht, warum dafür Geld da ist, und in Deutschland Menschen beinahe schon zwei Jobs brauchen, um ihre Familien über Wasser zu halten.
Die Antwort steht weiter oben. Das Geld ist ja nicht für die Griechen, sondern für deutsche Banken. Und für ein paar versteckte Subventionen hat Schwarz/Gelb doch immer Zeit und ein paar Milliarden übrig...
Anstatt den Banken das Geld und die Zinsen in den Arsch zu schieben, wäre eine Übernahme der Schulden und eine Verringerung der Zinslast angebracht. Daran würde Deutschland noch sehr gut verdienen. Aber dann könnte man die Banken ja nicht versteckt fördern.
Und das erklärt auch unser bröckelndes Sozialsystem: Deutsche Staatsbürger, ob mit oder ohne Hartz IV, sind keine Banken.
...sacken lassen.


So, genug geschrieben. Das reicht definitiv für einen Eintrag. Und es reicht für mich, um mich zu ärgern.
Das nächste Mal hoffe ich, dass Lettland pleite geht. Nicht, dass ich den Letten Böses wünsche... Aber wer wie ich gefühlte fünfzig Mal Griechenland geschrieben hat, der weiß, was ich meine. ^^°°°