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Mittwoch, 5. August 2015

Ja, wo ist er denn, der Grexit? II Diesmal als Rant

Stimmt, ausnahmsweise geht es heute nicht ums Schreiben, sondern wieder um die Weltpolitik, oder im engsten Sinne um die Europapolitik. Aber nicht nur um das oben im Titel erwähnte Griechenland und dem Mythos des erzwungenen Euro-Ausstiegs, der angeblich... wenn sich alle einig sind... anhand der unterzeichneten Verträge... irgendwie möglich ist... wenn Griechenland zustimmt...
Nein, es geht nicht nur darum, wie Europa dieses Land beutelt. Es geht auch darum, wie sehr das Land in Stich gelassen wird.

Aber zuerst möchte ich den Grexit beleuchten. Ich habe es gesagt, oder? Ich habe es gesagt: Es wird keinen Grexit geben. Denn nur das griechische Parlament kann den Grexit beschließen, auf gar keinen Fall aber Mutti Merkel oder Wolfgang "grauer Tiger" Schäuble. Dennoch hat der graue Tiger Varoufakis das Genick gebrochen und Tsipras mindestens symbolisch ins Gemächt getreten. Sein Vorschlag des "vorläufigen Grexit" ist nicht anders zu verstehen denn als Versuch der Kastration der Syriza, was ja auch wunderbar geklappt hat, und der Rücktritt von Varoufakis erscheint mir heute noch mehr wie die kleinliche Rache eines alten Mannes an jemandem, der ihm erfolgreich und faktenbasiert widersprochen hat.
Vorweg eines: Ich glaube an den Schuldenschnitt. An die Schuldenneuberechnung, die Fristenverlängerung, und auch an den Zinsschnitt. Warum ich das sage? Tsipras hatte über sechzig Prozent der Bevölkerung hinter sich. Sie alle sagten nein zu den Forderungen der Troika. Trotzdem ist er umgekippt und hat sämtliche Maßnahmen beschließen lassen, gegen die er protestieren wollte?
Wie ist das möglich? Hat der Mann kein Rückgrat? Oder gab es hinter verschlossenen Türen ein paar Versprechen, die die Öffentlichkeit nicht erreicht haben, so nach dem Motto: "Alexis, hör mal, wir müssen unser Gesicht wahren und wir müssen die Bankensubventionierung unbedingt beibehalten. Wenn du uns gut aussehen lässt und wenn du es schaffst, noch ein halbes Jahr im Amt zu bleiben und unsere Reformen durchsetzt, dann führen wir den Schuldenschnitt der IWF durch und verlängern und reduzieren die Zinszahlungsziele für Griechenland."?
Letzteres kann ich mir sehr gut vorstellen, denn selbst die IWF hat schon VOR den Verhandlungen genau diesen "dringend nötigen" Schuldenschnitt ins Spiel gebracht.
Und er wird kommen, sobald "sich Griechenland mustergültig beim Sparkurs verhalten hat". Wobei Schäuble eine Regierung der alten Eliten sicher lieber wäre als Tsipras' Syriza als Partner.

Und noch mal für alle ein paar wichtige Fakten: Das Geld, das von unserem Parlament immer wieder gebilligt wird, geht nicht nach Griechenland. Es verweilt ein, zwei Tage auf einem griechischen Konto, und dann werden damit Forderungen der Gläubiger bedient. Aber wer hält heutzutage noch Schuldanleihen aus Griechenland? Außer der einen oder anderen griechischen Bank, die diese einfach nicht loswird? Richtig: Europäische Banken, allen voran die EZB. Die Zeit recherchierte das schon 2011, und daran hat sich nichts geändert. Angereichert mit ein paar Milliönchen Steuergeldern aus griechischen Kassen fließt es zurück zur Europäischen Zentralbank, und von dort als Überschuss wieder in die Kassen der Staaten Europas. Was hat dieser Kreislauf für einen Sinn? Außer natürlich, weiteres Buchgeld aus dem gebeutelten Mittelmeerstaat abzufischen? Die einfachste Erklärung ist die: Damit man behaupten kann, unser Geld fließt nach Griechenland. Die zweiteinfachste Erklärung: Die Banken wollen es so.
Mit diesem Geld werden keinesfalls die "übergroßen griechischen Renten und Pensionen" finanziert.
Aber wenn Griechenland Staatseigentum für, so behauptet das der Schäuble, rund fünfzig Milliarden Euro verscherbelt, dann darf es ein Viertel von dem Geld für dringend erforderliche Investitionen im Inland behalten. Falls es diese fünfzig Milliarden überhaupt einnimmt. Ist das nicht nett von der EU?

Ich wurde auf Facebook von einem Freund darauf hingewiesen, dass in vielen staatlichen Betrieben Investitionen für Modernisierungen dringend notwendig sind, um sie überhaupt konkurrenzfähig zu halten, und dies ginge am einfachsten über den Verkauf, weil dies die Investoren eher anlockt als eine eher ungeliebte Beteiligung an einer staatlichen Firma. Gut, das mag sein. Dem versperre ich mich nicht - ich habe dabei allerdings auch nicht mitzuentscheiden. Hätte ich das allerdings, dann würde ich eine ganz klare Grenze bei der Grundversorgung ziehen. Strom, Wasser, Gas, Post, Krankenhäuser, Bahn, all das würde ich ums Verrecken nicht privatisieren. Was dann passiert, wissen wir ja alle. Zum Beispiel teilen sich in Deutschland vier große Konzerne den Kuchen, weshalb wir in Europa den höchsten Strompreis zahlen, obwohl die Preise an der Strombörse purzeln. Und auch Personen, die zu anderen Anbietern wechseln als E.ON, Vattenfall und Co. entkommen ihnen nicht wirklich, denn selbst am kleinsten Stadtwerk ist mindestens einer der großen Vier irgendwie auch noch beteiligt und hält mit Sicherheit zumindest eine Sperrminorität
Und deshalb können uns die großen Vier auch vorjammern, sie müssten Großkraftwerke in die Nordsee setzen und eine Stromtrasse nach Süddeutschland legen, um den Strom zu den dortigen Industrien bringen, oberirdisch natürlich, sonst kostet das zu viel (dabei hat mir mein MdB Bernd Westphal vor über vier Jahren schon zugebrüllt verraten, die Strompreise wären so hoch, weil die Unternehmen für den Umbau des Netzes Mittel zurücklegen würden - war anscheinend nicht genug für die Erdverkabelung, zumindest nicht bis zum Machtwort aus Berlin). Dabei läge die Zukunft der Energieversorgung eher in der dezentralen Versorgung in kleinen Stadtwerken und kleineren Energieprojekten, nicht darin, die abgeschalteten Atomkraftwerke gegen Großkraftwerke in Form von Offshore-Windparks auszutauschen. Die Spargel alle über Deutschland zu verteilen dürfte für die - zugegeben, wesentlich umweltfreundlichere und von mir auch geschätzte - Windenergie wesentlich mehr bringen als die Bündelung in der Nordsee, aber das ist nur die Meinung eines Mannes, der die Dezentralisierung bevorzugt, nicht die Bündelung.
Mein Fazit also: Die Versilberung der Grundversorgung wird mit Sicherheit kommen, die Griechen werden noch mehr Geld dafür ausgeben müssen, um überhaupt leben zu können, und ob die Privatisierung anderer Staatsbetriebe überhaupt erstmal die bestehenden Jobs erhält, geschweige denn die Höhe der bisherigen Gehälter, wage ich doch ernsthaft zu bezweifeln.
Immerhin ist es sogar hier in Deutschland üblich, verschiedene Löhne für gleiche Arbeit zu bezahlen, und das nur, indem die deutsche Post mal eben ein paar Tochterunternehmen gründet. Wenn das bei uns möglich ist, dann wird es in einem Land wie Griechenland, dem das Rückgrat gebrochen wurde, noch richtig lustig werden. Natürlich nicht für die Arbeiter und Angestellten, aber für die potentiellen Investoren, die jetzt ein Billiglohnland ausgerechnet in Westeuropa zum Austoben haben werden...

Weiterer Unsinn ist im Übrigen die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 23% - zehn Prozent mehr, die jetzt vor allem die einfachen Bürger aufbringen müssen. Ich meine, hierzulande wettert die Zeitung für Hetze und Schuldzuweisung, die Griechen sollen doch ihre Inseln verkaufen, und ihre Reeder und ihre Milliardäre besteuern, vor allem aber ihr Schwarzgeld zurückholen. Und dann ist nicht eine einzige Maßnahme aus dem Forderungskatalog darauf ausgelegt, diese demographische Gruppe überhaupt zu erreichen. Keine Schwarzgeldmaßnahmen, keine Sondersteuer auf Reiche (an die Reeder gehen die eh nicht ran, denn die bezahlen europaweit keine oder nur wenige Steuern), keine Erbschaftssteuer für Mega-Erbschaften - aber die Renten und Pensionen sollen weiter gekürzt werden. Das stört hier aber keinen, weil die Solidarität in Europa mit den einfachen Leuten in den anderen Ländern erfolgreich totdemagogiert wurde. Wieder von der uns bekannten Zeitung, aber auch von Stammtischparolenparteien wie AfD und, ja, der CSU.
Ich meine, wie viel Ouzo verbraucht ein Reicher so am Tag, wie viel Tzaziki braucht er, und wie viele nagelneue Sportwagen wird er die Woche kaufen und damit die Mehrwertsteuererhöhung um zehn Prozent mittragen? Ich verrate es Euch: Der superreiche Grieche wird unter dreiundzwanzig Prozent Mehrwertsteuer eher kaum so leiden wie der einfache Bürger. Weil er nicht mehr braucht als die kleinen Leute, weil er nur eine begrenzte Anzahl an Sportwagen kaufen kann und weil er, ja, wesentlich mehr Geld zur Verfügung hat. Das immer noch sakrosant ist.

Alles in allem mag sich dieses kleine Land in den Euro geschmuggelt haben, mag es gelogen haben, mag es zu hohe Pensionen bezahlt haben, mag es zu viele Beamte bezahlt haben, die gar nicht existieren, und meinetwegen mag es ein Ausbund an Korruption und Vetternwirtschaft sein, das die Mafia neidisch über die Adria blicken lässt - trotzdem ist der europäische Forderungskatalog ein Lebensverschlechterungspapier für die ganz normalen Bürger, wie wir sie auch sind. Aber "die Griechen haben das ja nicht anders verdient", oder wie?
Meine Idee ist ja, dass Griechenland gezielt ruiniert wird, damit die Arbeitslosen für nen Appel und nen Ei bereit sind, in Deutschland zu arbeiten. Der Mindestlohn ist immer noch günstiger als mancher Branchenlohn. (Dazu fällt mir Robert Bosch ein: Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe; ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne zahle.)
Zusammenfassend beklage ich nicht nur die Ausbeutung des ganz normalen Griechen, sondern auch den Zusammenbruch der innereuropäischen Solidarität und den fehlenden Willen, neben der Bankenrettung etwas wirklich effektives für Griechenland zu tun. Hier Gelder für vier Prozent zu leihen und dieses Geld für sechs Prozent an die Griechen weiterzureichen ist jedenfalls nicht diese Hilfe.

Und Zusammenbruch der innereuropäischen Solidarität ist auch das nächste Stichwort. Die "feigen, faulen, Ouzotrinkenden, Syrtaki tanzenden, Siestamachenden Griechen" bewältigen gerade ohne jede Hilfe von uns eine Aufgabe, die uns eigentlich genauso angeht wie die Griechen selbst. Über Griechenland, genauer gesagt über seine Inseln im ägäischen Meer ergießt sich ein Strom an Kriegsflüchtlingen aus Syrien und auch aus Afrika. Die gute Net Sparrow war kürzlich vor Ort und hat einen Bericht darüber geschrieben, den ich jedem hier ans Herz legen möchte.
Hilfe oder Geld aus Europa? Fehlanzeige. Menschlichkeit? Fehlanzeige. Die Griechen leisten, was sie können, aber hierzulande faselt man von "sicheren Herkunftsländern" und "beschleunigten Asylverfahren".
Fakt ist, die Vereinten Nationen habe Deutschland schon vor Jahren empfohlen, pro Jahr zwei Millionen Neubürger aufzunehmen, um den demographischen Wandel zu stoppen. Fakt ist, wir haben in Deutschland einen Wohnungsleerstand von rund fünf MILLIONEN Wohneinheiten. Fakt ist, wir haben eine Infrastruktur, die auf wesentlich mehr Menschen ausgelegt ist, als in diesem Land leben. Weil mehr Leute sterben als geboren werden. Fakt ist, diese syrischen Flüchtlinge kommen freiwillig zu uns, ebenso tun dies die Schwarzafrikaner, die Afghanen, und auch alle anderen, die sich als Ziel nicht England ausgesucht haben. Es sind nicht mal ansatzweise so viele Menschen, wie wir jedes Jahr aufnehmen und integrieren müssten, um das jetzige Schrumpfen der Bevölkerung zumindest zu verlangsamen. Warum tun wir das nicht? Warum entlasten wir die Griechen nicht? Die Syrer zum Beispiel haben meist einen hohen Bildungsstand, ihr Kulturempfinden ist unserem ähnlicher als man vermutet, und sie kommen nicht wegen der guten Sozialleistungen zu uns, sondern weil wir seit siebzig Jahren keinen Krieg mehr kennen, sind integrationsbereit, lernwillig und keinesfalls arbeitsscheu. Wir könnten die Flüchtlinge auf den griechischen Inseln problemlos aufnehmen. Der Platz ist da. Die Infrastruktur ist da. Die Nahrung ist da. Wir könnten die Griechen entlasten. Aber wir tun es nicht. Dies in einem Land, das von einer Partei regiert wird, die "christlich" im Namen hat, die aber statt nach christlichen Werten der Nächstenliebe zu handeln lieber "Das Boot ist voll"-Stammtischrhetorik betreibt, das ist für mich schwer zu verstehen.
Und nein, ich muss "nicht selbst Flüchtlinge aufnehmen, wenn ich schon so für sie Partei ergreife". Es gibt genügend freien Wohnraum in Deutschland. Paradoxerweise stecken wir sie lieber in Zelte auf öffentlichen Plätzen, damit sie es nicht zu komfortabel haben und lieber zurück in ihre kriegsgeschüttelten (oder von Konzernen ausgebluteten) Länder gehen. Und manche Idioten von der CSU finden es dann auch noch unerhört, wenn eine Zeltstadt voller Flüchtlinge WLAN hat...
Anstatt Chancen zu nutzen, wird mal wieder... Ausgesessen. Irgendwann gehen die schon wieder nach Hause, wenn wir sie nur schlecht genug behandeln, oder was?
Mit einem Kopfschütteln beende ich diesen langen Blogtext. Deutschland und deine Aussitzpolitik, Du verpasst nicht nur die humanitäre Krise, sondern auch Deine großen Chancen. Denn ich verrate Dir eins: Es werden garantiert keine zwei Millionen Schweden, Norweger, Dänen oder Holländer nach Deutschland einwandern wollen. Heute nicht, und auch im nächsten Jahr nicht.

Sonntag, 12. Juli 2015

Ja, wo ist er denn, der Grexit?

Nurmal für alle, die hier eher zufällig drauf stoßen und meine kleine Reihe an Griechenlandkommentaren nicht kennen: Der einzige mögliche Weg für den Grexit, also den Umstand, dass Griechenland aus dem Euro "fällt", ist, dass das griechische Parlament den Austritt beschließt. Zwar geistert das Gerücht herum, die anderen Staaten "könnten eventuell, wenn sie alle es beschließen", oder wenn man den Vertrag entsprechend auslegt, Griechenland austreten lassen, aber das ist alles unbelastbarer Bullshit. ES WILL AUCH GAR KEINER! Es ist klar, dass die Griechen nicht wollen, der Euro bringt ihnen viel zu viele Vorteile. Und wenn die nicht wollen, dann geht es nicht. Ende. Und auch die Bundesregierung will das gar nicht. Im Gegenteil, für sie ist der Grexit nichts weiter als eine unverhohlene Drohung gegen Griechenland, damit dort die Austeritätspolitik bis zum Erbrechen durchgeführt wird.

Warum, wird man sich fragen, aber dazu komme ich gleich. Zuerst kommen wir zum was.
Was hat Schäuble nicht alles gesagt. Grexit, Grexit, Grexit. Der große Grexit sollte über Griechenland kommen, zuletzt sollte er AUTOMATISCH eintreten, sollten die Griechen gegen die Sparlauflagen stimmen. Davor wurde er unzählige Male angedroht. Was ist passiert? Nix. Stattdessen gibt es neue Verhandlungsrunden, in die der IWF das erste Mal auch einen Schuldenschnitt einbringt. Das ist genau das, was Griechenland braucht. Eine Stundung oder eine Umschuldung würden auch gehen, wären aber für das gebeutelte Land nicht ganz so vorteilhalft. Aber, in genau dieser Stimmung, weiß die FAZ und auch andere Zeitungen zu vermelden, bringt Wolfgang Schäuble den Grexit auf Zeit ins Spiel. Und das ist nichts weiter als großer Bullshit. Ganz großer Bullshit. Denn wenn die Griechen einmal raus aus dem Euro sind, werden sie niemals wieder die Anforderungen an den Maastrichter Vertrag erfüllen. Schäuble versucht nur, die Drohung, die nur ein aufgeblasener Papiertiger war, mit neuem Leben zu erfüllen.

Jetzt kommt das warum. Warum tut der alte Mann im Rollstuhl das? Warum beharrt Merkel "alternativlos" auf die Austeritätspolitik?
Mein ganz persönlicher Verdacht ist ja, dass Griechenland systematisch ruiniert wird, damit junge arbeitslose Griechen, Italiener und Spanier nach Deutschland ziehen, um hier für den Mindestlohn und weniger zu arbeiten bereit sind. Aber das ist nur ein Aspekt der Geschichte. Im Kern geht es um die Austeritätspolitik. Die "darf nicht scheitern". Denn wenn sie das tut, wenn sich Schuldenschnitt, Investitionen und eine nicht korrupte Regierung als besserer Weg erweisen - Island hatte sich mit dem Mehrfachen der jährlichen Staatshaushalts in der Bankenkrise hoch verschuldet und vorgemacht, wie man da aus eigener Kraft rauskommt, übrigens ohne rigorose Totsparpolitik - dann ist das nicht nur das Scheitern der Austeritätspolitik (gescheitert ist die sowieso, denn fünf Jahre totsparen haben weder den Patienten umgebracht, noch die Wirtschaft gerettet), sondern auch der ganze Neoliberalismus, also die Bevorteilung der Wirtschaft vor der Gesellschaft, steht dann nicht nur vor dem Prüfstand, sondern kann getrost als gescheitert angesehen werden.
Überhaupt, was ist das für eine Ideologie, die zwar den freien Markt propagiert, der alles von selbst regelt, dann aber Hilfe vom Staat einfordert, um seine Ideologie durchsetzen zu können? Sei dies in der Austeritätspolitik zu sehen, sei dies bei der Abwehr berechtigter Gewerkschaftsforderungen, sei dies bei der Privatisierung (also dem Verkauf von Tafelsilber) staatlicher Firmen... Letzteres ist übrigens ein ganz, ganz großer Witz, der nun auch in Griechenland zu sehen ist. Denn die Neoliberalen wollen gar keinen Wettbewerb - sie wollen Monopole. Es soll eine Firma sein, die z.B. in Berlin die Wasserwerke aufkauft und betreibt. Das Monopol, also der Mangel an Mitanbietern, versetzt die Firma in der Lage, jeden Preis zu verlangen, den sie für das Wasser und seine Entsorgung haben will, bis dem Bürger der Kragen geplatzt ist und Berlin seine Wasserwerke zurückgekauft hat. Gut, dass das möglich war.

Das Gleiche steht nun Griechenland bevor. Neoliberale Firmen und Fonds lauern nur darauf, Griechenlands Monopole zu übernehmen und fortan jeden Preis verlangen zu können, den sie wollen. Gut, ich gebe zu, das ist Spekulation von mir, aber gesehen haben wir es oft genug. Zuletzt beispielsweise, als neoliberale Geldfonds Optionen auf Nahrungsmittel in Afrika gekauft und damit die Grundnahrungsmittel extrem verteuert haben. So einen Scheiß brauchen wir in Afrika nicht. So einen Scheiß brauchen wir auch nicht in Europa, in Asien, in beiden Amerikas. Wirklich nicht. Und vor allem brauchen wir keine neoliberale Wirtschaftspolitik in Griechenland. Sie funktioniert nämlich nicht.

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Eso-Eso-Eso

Okay, Leute, heute ist der zwanzigste Dezember 2012. Und was macht dieses Datum zu etwas besonderem, abgesehen natürlich davon, dass bald vierter Advent und bald darauf Weihnachten ist?
Richtig, die Welt soll morgen untergehen. Ach nee, doch nicht, es gibt ja nur einen Synchronisationsstrahl aus dem Zentrum der Milchstraße, der die Gesellschaft zerstört... Ach nee, doch nicht. Wir erleben ja alle nur das Ende der Zivilisation... Auch nicht. Nein, jetzt ist es nur noch der Bewusstseinssprung auf eine höhere Ebene des Bewusstseins.
Also ungefähr jene Ebene, die die Propheten dieser Botschaften beim Verbreiten ihrer Pamphlete schon erreicht hatten. Sei es durch Drogen, sei es durch psychosomatische Zustände... Tja.
Was passiert morgen also? Geht die Welt unter, oder werden wir alle nur ein wenig schlauer/besser/guter/höher/wasauchimmer?

Zuerst einmal die gute Nachricht: Passend zum Ende der Welt veranstaltet die Discothek Checkpoint die Zappenduster-Party. Auf der Tanzfläche bleibt das Licht aus, passend zum Ende aller Tage.
Und jetzt zu den schlechten Dingen: Es werden mindestens weltweit einhundertfünfzigtausend Menschen sterben.
Schauerlich, nicht wahr? Aber bei einer Gesamtbevölkerung von sechs Milliarden Menschen weltweit ist das nur der übliche statistische Wert.
Ansonsten passiert nicht mehr und nicht weniger als an allen anderen Tagen. Oh, eventuell regnet es morgen. Es könnte auch kalt genug für Eisregen oder Schnee werden. Das dürfte es dann aber auch schon gewesen sein. Abgesehen von der Checkpoint-Party natürlich. ^^V
Die Welt geht nicht unter. Garantiert nicht. Die Kultur auch nicht, der Westen nicht, und obwohl Muberkel sich bemüht hat, geht auch der Euro nicht unter. Tja. Es ist eben nur Wintersonnenwende, das ist auch schon alles.

Ich will mal ein wenig zusammenfassen, was mir so zum Thema im Gedächtnis geblieben ist. Und danach stelle ich Fragen.
1993 hat der Prediger Harold Camping das Ende der Welt terminiert. Ist was passiert? Nein.
Besagter Camping verlegte das Ende der Welt daraufhin auf Mai 2011. Als an jenem Tag nichts geschah, behauptete er, wir befänden uns bereits in der Zeit der Prüfung vor dem jüngsten Gericht, und der eigentliche Weltuntergang wäre erst im Herbst. Ist was passiert?
Nun, ich will nicht ausschließen, dass die Welt untergegangen ist und wir uns alle im Fegefeuer befinden, aber dann kann man es hier echt gut aushalten, finde ich. Das Internet läuft, das Bier schmeckt  - aber Reality TV hat schon was von ewiger Pein, zugegeben.

Etwa zur gleichen Zeit behaupteten Eso-Eso-Eso-Spinner, der frisch entdeckte Komet Elenin wäre in Wirklichkeit ein Neutronenstern, der mit der Erde kollidieren würde. Natürlich hat die NASA uns das alles verschwiegen, damit sich die Mächtigen in Ruhe retten konnten. Aber ist etwas passiert?
Der Witz bei der Geschichte ist aber, der Schweif eines Kometen ist noch nicht mal annähernd so dicht wie Morgennebel - wenngleich über eine viel größere Fläche verbreitet - während ein Neutronenstern der Überrest einer kollabierten Sonne ist, der einmal eine Million oder mehr Kilometer Durchmesser gehabt hat - und nun so ultradicht ist, dass ein starker Mann einen Teelöffel mit Materie des Neutronensterns nicht anheben könnte. (Und der arme Teelöffel würde sich wahrscheinlich verbiegen und plattgewalzt werden.)
Der Hype um Elenin ging soweit, dass sich der Entdecker des Kometen, ein promovierter Physiker, der in seiner Freizeit Kometen jagt, bei einem Interview ausweisen musste, um zu beweisen, dass es ihn gibt. Denn die Spinner sagten, der Name Elenin wäre eine versteckte Warnung an Insider, weil ELE im Namen Elenin Extinction Level Event bedeuten würde, Auslöschungslevelereignis. Ein Begriff, der vom Behörden gar nicht verwendet wird und der bisher nur im Abenteuerfilm Armageddon vorkam.
Ach ja, Erdbeben auslösen sollte er auch können. Nämlich dann, wenn er mit Sonne und Erde auf einer Linie lag. Tatsächlich fällt in die Zeit seines Einflugs das Touhoku-Erdbeben in Japan. Allerdings einen Tag zu spät für eine Linie Elenin-Erde-Sonne.
Und dann war da noch der gute Conrebbi auf Youtube, der sich mit Vorliebe mit Verschwörungstheorien beschäftigt - auf der Gegenseite, wohlgemerkt. Der hatte ein besprochenes Video zum sogenannten Elenin-PDF gemacht, das ich aber leider nicht mehr finden kann. Im Video ging es um den gekippten Saturn (also Fotos, bei denen die Kameras verschieden gehalten wurden und was prompt als gekippter Saturn ausgelegt wurde), um die Vernichtung der Erde durch den Neutronenstern Elenin, und, und, und. Die Kommentare dazu waren dann auch angefüllt mit Gläubigen und Vernünftigen. Auch ich habe mich auf der Seite verewigt und mit Fakten gegengehalten, aber wie gesagt, es ist nicht mehr zu finden... Na ja, Elenin hat die Welt nicht ausgelöscht und Chemtrails machen Conrebbi ja auch Spaß. Bei dem Thema glaube ich ihm aber erst, wenn er Kachelmann tatsächlich verklagt. Tja.

Aber das ist ja noch nicht der Höhepunkt. Das Beste kommt ja erst noch: Nibiru, eine geheimnisvolle Welt, entweder ein Riesenplanet, oder aber einer von mehreren Planeten, die einen braunen Zwergstern umkreisen, der so alle dreitausendsechshundert Jahre an der Erde vorbeikommt, damit die auf ihm lebenden Annuaki uns versklaven können.
Abgesehen davon, dass man sich fragt, warum die Annuaki freiwillig dreitausendsechshundert Jahre durch das kalte Weltall gondeln, anstatt auf der Erde zu bleiben, und abgesehen davon, dass Nibiru als Riesenplanet und erst Recht als Brauner Zwergstern seit November letzten Jahren problemlos am Himmel zu sehen sein müsste, bleibt uns hierfür nicht viel hinzuzufügen. Wenn er nicht noch morgen heranwarpt, um uns zu vernichten/versklaven/zu Tode zu langweilen/zutreffendes bitte einfügen, fällt Nibiru sowas von flach.

Da diese Option zwar immer noch möglich, aber verdammt unwahrscheinlich ist, haben sich die Eso-Eso-Eso wie Dieter Broers, der sich sicherheitshalber in Deutschland nicht mehr Doktor nennt, diverse andere Geschichten ausgedacht, die ich oben schon erwähnt habe. Herr Broers ist Erfinder des Synchronisationsstrahls aus dem Zentrum der Milchstraße, der uns erreicht, wenn wir in Konjunktion mit dem Zentrum stehen, der unser Bewusstsein erweitern soll. Der Witz bei der Geschichte ist: Es wird keine Konjunktion am morgigen Tag geben.  Und auch keinen Synchronisationsstrahl.
Auch sagte Dieter Broers in seinem Buch Checkliste 2012 eine weltumspannende Krise vorher. Dieses Buch hat sich demnach als absolut falsch erwiesen. Das Geld für dieses Buch könnt Ihr Euch schon mal sparen. Stattdessen investiert mal lieber hier drin.

Für die anderen Details weiterer Eso-Eso verlinke ich mal auf den Journalisten-Leitfaden des Astronomen Florian Freistetter, der sein Bestes tut, um verschreckte, verängstigte und potentiell selbstmordgefährdete Opfer des Hypes zu beruhigen und ihnen beizubringen, sich das Wissen dazu anzueignen, um selbst zu erkennen, warum es keinen Weltuntergang geben wird. Denn gegen Glauben hilft nur Wissen, Leute.

Was also bleibt als Fazit? Die traurige Erkenntnis, dass die Eso-Eso-Eso morgen leider nicht unglaubwürdig sein werden, obwohl die Welt nicht untergeht, oder wir einen Bewusstseinssprung erleben. Behaupten werden sie die Sache mit dem Bewusstseinssprung natürlich, logisch. Wie sollte ihnen auch das Gegenteil beweisen werden können? Und die traurige Erkenntnis, dass es immer noch Menschen gibt, die lieber glauben, als zu wissen. Dabei kann man die meisten Thesen mit logischem Nachdenken und ein wenig Recherche selbst entkräften.
Und ach ja: Der Maya-Kalender endet morgen nicht. Kalender tun so etwas nicht. Sie werden solange fortgeschrieben, wie es jemanden gibt, der sie fortschreibt. Und selbst wenn die Erde menschenleer und die Galaxis ohne jedes intelligente Leben wäre, er würde immer noch nicht enden. Kalender sind nur eine mathematische Krücke für Menschen, um auf dieser Welt in Zivilisation leben zu können, nicht mehr und nicht weniger.

Also, die Frage ist nicht mehr, ob irgendjemand vor morgen Angst haben muss, die Frage ist, was uns die Eso-Eso-Eso als Nächstes verkaufen wollen. Naturkatastrophen wie den Supervulkan unter Yellowstone vor dem Ausbruch, Chemtrails, HAARP, doch noch ein Besuch von Nibiru (leicht verspätet), ihnen wird schon etwas einfallen. Und dafür wollen sie Geld. Sagt das nicht alles?