Freitag, 28. Juni 2013

Wir Deutschen sind noch da

Die Intention

Zugegeben, dieser Titel kann missinterpretiert werden. Aber ich versichere, dieser Blogpost wird sich anders entwickeln, als ein Missinterpret, der Schnurrbartpropaganda vermutet, erwartet.
Zuerst einmal möchte ich wieder auf das Buch über Geschichte hinweisen, das ich Dienstag erwähnt habe und das ich gerade lese. Ich bin mittlerweile beim Faschismus angekommen, genauer gesagt bei den Ideologien, Beweggründen und Möglichkeiten der Nationalsozialismus, markig und prägnant auch gerne mal als Nazitum abgekürzt. In Adolf Hitlers Machwerk "Mein Kampf" hat er viele Ideologien und die Ziele seiner Politik vorweggenommen. Ich möchte hier an dieser Stelle nicht allzu sehr auf seine "Blut und Boden"-Philosophien eingehen, die sogar mir Realschüler in der achten Klasse beigebracht worden sind, auch nicht auf fatale Dolchstoßlegende und wie die Nazis sie für ihre Sinne ausgenutzt haben. Und da ist durchaus noch das Kleinbürgertum zu nennen, die Bauernverbände, die Industrie, die Beamtenschaft und schließlich noch das Offizierskorps. All das konnte Hitler erfolgreich im Kampf gegen Sozialisten und - ja, jetzt kommt es - das Weltjudentum einspannen.
...sacken lassen.


Das Umfeld

Also, Hitler war Antisemit. Und damit stand er in einer furchtbar alten europäischen Tradition und konnte sich reichlich aus einem Pool an Vorurteilen, an Hörensagen, wilden Behauptungen und vor allem einer Tradition an Pogromen (Judenverfolgungen) bedienen und für seine Zwecke benutzen. Würde ich sagen, Antisemitismus war damals weiter verbreitet als heute und vor allem gesellschaftlich anerkannter, weil, irgendeinen Sündenbock für alles muss es ja geben, dann denke ich nicht, dass ich mit dieser Aussage übertreibe.
Aber Hitler geht noch weiter. Nicht nur, dass er den alltäglichen Antisemitismus für seine Zwecke genutzt, ja, geschürt hat... Indem er die Deutschen zu "Ariern" erklärt, ja, zur besten Rasse unter den Ariern und mit schlechtem Sozialdarwinismus zu legitimieren versucht (das Schwache muss dem Starken weichen; die fruchtbaren Schwarzböden der Ukraine müssen von Ariern bewirtschaftet werden; das Blut der Arier muss rein bleiben, usw, usf), indem er die Juden, das weltweite Judentum an sich zu allem Schlechten hochstilisiert, zum Weltfeind, der aufgehalten werden muss.. Indem er den kommenden Krieg als Krieg gegen die Juden herbeiredet, als ultimative Schlacht zwischen den guten Herrenmenschen, den Ariern, und den alles verseuchenden Untermenschen, dem Weltjudentum, treibt er die Propaganda, die Verleumdungen und den volkseinenden Aspekt eines gemeinsamen Feindes auf die Spitze. Und er gibt seinem Krieg eine Legitimation, eine Mission, die Recht und Gesetz, die Regeln und Anstand davon wischen, denn dem schlimmsten Feind von allem, der nicht zögert, dem Arier das Schlimmste anzutun, dem darf auch angetan werden, was einem sonst selbst blüht. Blah, blah, blah, und so weiter.


Wir sind noch da

Um es kurz zu machen: Wir Deutschen sind noch da. Das "arische" deutsche Volk, von Hitler herbeigeredet, hat den Krieg verloren. Und nach Hitlers Logik bedeutet verlieren, die Niederlage, dass man am Ende ist. Dass der Sieger mit dem Verlierer tut, was immer ihm beliebt. Und laut "Mein Kampf" ist dieses Ziel die Ausrottung der "Arier", die Vernichtung der Welt, und was einem noch an Propagandamüll einfällt, dem ein Josef Goebbels einfallen möchte. Sind wir ausgerottet? Wurden wir vernichtet? Hat man uns versklavt? Ich will alle drei Fragen mit Nein beantworten.


Fazit

Im Umkehrschluss bedeutet das schlicht und einfach Folgendes: Es gibt keinen Weltfeind, es gibt keinen unnachgiebigen Gegner, der die "Arier" ausrotten will. Es gibt kein Weltjudentum, das den Sieg zum Anlass unserer Ausrottung genommen hat. Hitler hatte, und das wird keinen wirklich verwundern, in keinem dieser Punkte Recht. So einfach ist das. Hitler war vor allem ein verbitterter Anhänger der Dolchstoßlegende, zudem Antisemit, weil das bequem und en vogue war, und als er einen Gegner brauchte, den eh alle gehasst haben, waren es eben die Juden. Obwohl die Kommunisten auch einen ziemlich guten Feind abgegeben hätten. Immerhin ist deren erklärtes Ziel die Weltrevolution.
Mit zwei Worten: Alles Quatsch. Der beste Beweis: All das, was dem Weltfeind in Deutschland und Polen, aber auch in Russland angetan wurde, führte nach der Niederlage nicht zur Vernichtung der Deutschen. Nicht einmal ansatzweise. Also ist die Stilisierung der Juden zur Weltgefahr einfach nur eine Riesendummheit.
Und dass sich die Ober-Nazis dabei nicht so sicher waren, wie gut die Riesendummheit funktioniert, ergab sich schon bei der Wannseekonferenz. Damals sagte einer der Teilnehmer zur Judenfrage, wer weiß ich nicht mehr, ungefähr sinngemäß: "Die Judenfrage muss eine komplette Lösung haben. Tun wir das nicht, hat zwar jeder Deutsche sein Feindbild, aber er sagt dann halt: Halt, den nicht, das ist mein Nachbar, der ist in Ordnung. Und schließlich hat jeder Jude seinen deutschen Fürsprecher, und wir haben nichts erreicht."


Traditionen

Was uns gleich zur nächsten Erkenntnis bringt: Antisemitismus hat eine große und lange Tradition in Europa, aber das macht ihn weder richtig, noch macht es ihn in auch nur einer Weise gut.
Und wie sagen die Tschechen doch immer? Alle Verallgemeinerungen sind gefährlich - auch diese.
In dem Sinne wenden wir uns dem wahren Feind der Menschheit zu: Geltungssucht, Borniertheit, Standesdünkel, Klassendenken, Rassismus. Sollte ich da was vergessen haben, schreibt es mir in die Kommentare.


Kleiner Nachtrag

Vieles von dem, was ich in dem Buch Abitur Wissen: Geschichte aus dem Weltbild-Verlag gelesen habe, haben auch meine Geschichtsbücher in der Realschule behandelt. Aber es wird eben nur ein Teil erwähnt, vielleicht die Hälfte. Wenn das mal hinkommt. Dazu wird in einer Ausführlichkeit berichtet, einer Detailtiefe, die mich verwundert, und die mich auch ärgert. Abiturienten erhalten, wenn sie sich denn auf ihr Lehrfach Geschichte einlassen, einen so umfassenden, einen so tiefgreifenden Einblick, kriegen ein solches Verständnis für Geschichte gelehrt, dass ich mich beinahe schäme, nur auf der Realschule gewesen zu sein. Ich muss daher davon ausgehen, dass Abiturienten in vielen, wenn nicht allen Fächern ein wesentlich besseres Rüstzeug mitgegeben wurde und wird.
Zum Beispiel die Bereiche des Buchs über Kapitalismus und Liberalismus und Sozialismus - super erklärt. Und dann blicke ich in den Bundestag, sehe die Kanzlerin und die Minister und wer sonst noch alles studiert hat und Abitur haben muss und eben dieses Wissen vermittelt bekommen haben muss... Und ich sehe sie die ganzen Fehler des neunzehnten Jahrhunderts einen nach dem anderen wiederholen.
Kann man es wissen und trotzdem mutwillig falsch machen? Augenscheinlich ja.
Im Bezug auf Antisemitismus (und hier möchte ich mich nicht mehr auf die Bundesregierung beziehen, btw.) erklärt es, warum es ihn immer noch gibt. Er ist nicht logisch, aber bequem.
(Kreationismus und intelligentes Design übrigens auch, wenn ich schon mal dabei bin.)

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