Dienstag, 3. Januar 2017

Warum fährt die Deutsche Wirtschaft eigentlich so viele Integrationswerbespots?

Das frage ich mich schon länger.
Halt. Nein. Ich meine, die Antwort darauf schon seit einiger Zeit zu kennen. Nämlich genau seit jenen Tagen Mitte 2015, als der Postvorstandsvorsitzende Herr Appel sich dafür stark gemacht hat, den Flüchtlingen so schnell wie möglich den Arbeitsmarkt zu öffnen.
Dazu muss man wissen, dass die Post zur Zeit eine recht merkwürdige Personalpolitik verfolgt, die folgendermaßen funktioniert:
Es werden vier Personen zur Probe eingestellt. Von denen schaffen drei die ersten beiden Monate nicht, weil es ein fordernder, anstrengender Job ist. Der Vierte, der "überlebt", wird dreimal verlängert. In den meisten Fällen auf zwei Jahre (so ist es mir passiert), und danach läuft der Vertrag aus (so ist es mir passiert). Dann werden die nächsten vier eingestellt. Dieses Prinzip dient der Niedrighaltung der Lohnkosten, denn in den zwei Jahren Betriebszugehörigkeit steigt natürlich der Lohn nicht. Und bei all den Zusatzleistungen, die die Post für den Job gewährt, geht es da um richtig Geld.
Das klappt natürlich nur, wenn es einen beständigen Nachschub an Leuten gibt, die tatsächlich auch für die Post arbeiten UND fit genug sind, um in den zwei Jahren zumindest durchschnittliche Arbeit zu leisten. Ein etwas anderer Teil der Firmenpolitik Herrn Appels war die Gründung der Post Delivery GmbHs, lokalen Gesellschaften, die die Paketauslieferung mit übernehmen sollten. Dort wurde Bundesweit Tariflohn Spedition gezahlt. Für Bayern natürlich eine tolle Sache. Für Niedersachsen nicht so, weil das einen Euro weniger die Stunde bedeutet. Das wirkt sich auch auf die Zusatzleistungen aus, die teilweise in der GmbH gar nicht gezahlt werden... Muss ich extra erwähnen, dass nach und nach alle Mitarbeiter der AG in die GmbH wechseln sollten? Ab 2019 wird sich Verdi was einfallen lassen müssen, um das weiter zu verhindern.
Auch hierfür benötigt Herr Appel Menschen, die überhaupt erst mal für die GmbH arbeiten. Einziger Lichtblick: In Ländern mit sehr schwachem Tarif zahlt die Post automatisch mehr. Aber auf die Idee, die Leute bereits in den bestehenden AG-Strukturen einzustellen, ist man im Vorstand vor lauter Einsparerei natürlich nicht gekommen.

Weiter im Text. Wie der Hase schnürt, wusste die ZEIT bereits im April: Demnach propagierte Herr Achim Wambach, Chef des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, den Mindestlohn für Flüchtlinge auszusetzen, weil man so die Leute besser in Arbeit bekommt, und weil man für Sprachkurse und Integration ja so viel investieren muss.
Wohlgemerkt, meine Damen und Herren, es geht hier NICHT um Tariflöhne. Es geht hier um das von der SPD gerade erst erstrittene absolute Minimum, das für Vollzeitarbeit in Deutschland gezahlt werden muss (wobei sich die Arbeitgeber auch hier Ausnahmen erstritten haben, so als ob der Mindestlohn als Überraschung vom Himmel gefallen wäre).

Aber der Hase schnürt noch weiter. Heute in der LDZ wurde ein Artikel aus der Süddeutschen Zeitung zitiert, in dem gesagt wurde, die Bundesregierung erwäge, Facharbeitern unter den Flüchtlingen keinen Mindestlohn zu zahlen, wenn sie für die Arbeit in Deutschland nachqualifiziert werden müssen.
Man höre und merke, erneut geht es nicht um den Tarif. Es geht um den Mindestlohn.
Dazu habe ich dann aber auch ein paar Fragen.
1) Warum geht es um Mindestlohn, und nicht um Tarif? Sollen Flüchtlinge von der Wirtschaft grundsätzlich zum Mindestlohn eingestellt werden? Heißt das, man muss Flüchtlingen, die sich in unseren Arbeitsmarkt integrieren wollen, generell vorschlagen, sich gewerkschaftlich zu organisieren?
2) Was genau ist mit "Nachqualifikation" gemeint? Ein Syrer, der in Deutschland als Deutschlehrer angestellt wird, könnte eventuell eine Nachqualifikation brauchen. Aber ein Handwerker, ein Industriearbeiter, ein Anwalt?
3) Wie lange soll diese "Nachqualifikation" dauern? Wer bestimmt, dass sie stattfinden muss? Wer bestimmt die Inhalte der "Nachqualifikation"? Wer bestimmt, wie lange ein Arbeitsverhältnis eines Flüchtlings, der "Nachqualifikation" braucht, als Praktikum gewertet wird, und nicht als Arbeitsverhältnis und damit nicht tariflich vergütet wird?
4) Besteht die Möglichkeit, dass eine solche "Nachqualifikation" verhältnismäßig überlange dauern kann und dementsprechend nicht wie eine Vollzeitstelle, sondern wie ein Ausbildungsverhältnis entlohnt wird, solange sie andauert, obwohl Vollzeitarbeit geleistet wird?





Mein persönliches Fazit: Wer Menschen für einen Beruf fitmachen will, nachdem er sie in den Beruf gebracht hat, nur um den Menschen dann weniger als Tarif und auch weniger als Mindestlohn zu zahlen, setzt sich dem Verdacht aus, diese Menschen auf gesetzlicher Grundlage der Ausbeutung auszusetzen. Punkt.

Kommentare:

Nathan hat gesagt…

Ach Ace...seit Black-Penny gehts mit der Post in sachen Mitarbeiter den Bach runter...
Und auch bei der Tochter DHL-Delivery sind heut um die 50% nur befristet beschäftigt.

(Öffentliche)Begründung: Wir müssen Flexibel auf die Sendungsmengenschwankungen reagieren können...
von 2014 auf 15 stieg die sendungssmenge im weihnachtsverkehr um 15%
von 2015 auf 16 stieg die sendungssmenge im weihnachtsverkehr um 10%
In dieser zeitraum gab es aber keine 25% mehr mitarbeiter

Ace Kaiser hat gesagt…

lol Was? Als ich noch bei dem Verein war (Ja, ich bin einer von den Zweijährern der Post AG), wurden wir Befristeten damit geködert, dass wir bei der Delivery GmbH einen Festvertrag bekommen würden - bei gleichem Stundenlohn. Natürlich nicht beim gleichen Manteltarifvertrag, muss sich ja doch irgendwie lohnen für die Mutterfirma, aber immerhin Festvertrag. Wundert mich nicht, dass das aufgeweicht wurde, denn bis 2018 darf die Post AG ja keine Leute mit Gewalt in die GmbH zerren, wie es uns ursprünglich schmackhaft gemacht werden sollte.

Du, ich weiß, dass man Angestellte braucht, um Arbeit zu erledigen. Du weißt, dass man Angestellte braucht, um Arbeit zu erledigen. Wir beide wissen, dass man für den Post-Job absolut nicht jeden gebrauchen kann. Appel weiß, dass er eine gewisse Rendite erzeugen muss. Und was denkst Du, wie will er das erreichen? Vielleicht auf den denkbar schlechtesten Weg, indem er seiner eigenen Firma durch schlechte Personalpolitik die Möglichkeit nimmt, die aufkommende Arbeit zu bewältigen? Leider ja...