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Dienstag, 9. Juni 2009

Mit Computerspieleverboten gegen Kinderpornos, oder was?

Manchmal kann ich selbst nicht so recht verstehen, was in der Welt vorgeht - und ich halte mich im allgemeinen für einen klugen Burschen. So sind mir einige der Vorgänge der letzten Zeit unbegreiflich. Geradezu selbstzerstörerisch.
Ich meine, wenn jemand die Pest hat, dann kommt doch auch kein Arzt und sagt: "Das ist gar nicht die Pest, das sind Mückenstiche! Kippt sofort alle Teiche zu, um die Mücken auszurotten!"
Merkwürdiges Beispiel? Ha! Von wegen.

Nehmen wir mal Bezug zum Titel: Computerspieleverbot.
Es gibt tatsächlich Politiker in Deutschland, die behaupten, wer Egoshooter spielt, verroht innerlich und ist eher bereit andere Menschen zu töten. Dies führt zu Amokläufen. Wenn wir also die Egoshooter und andere Computerspiele des Genres verbieten, sind wir auf der sicheren Seite, und es kommt nicht mehr zu Amokläufen.
Hallo? Das klingt doch wieder nach Pest und Mückenstichen!
Herrschaften, jetzt mal ganz ehrlich: Wenn tatsächlich einmal jemand Realität und Spielewelt nicht mehr auseinander halten kann, bezweifle ich stark, dass er mit Computerspielen für den nächsten Amoklauf üben kann. Diese Spiele erklären weder den Ladevorgang, noch Kniffe wie Sicherung und gezieltes Schießen. Hey, ich war beim Bund, ich habe mit allen geläufigen Waffen geschossen. Ich kenne mich aus. Seit ich das erste Mal eine P1 abgeschossen habe und vor dem lauten Knall erschrak weiß ich: Mit Waffen zu töten trainiert man mit Waffen! Das kann einem kein Computerspiel vermitteln.
Gut, gut, es kann eventuell, in irgendeiner Pararealität jenseits von Vernunft und Verstand einen Amokläufer geben, der seine grausige Tat begangen hat, weil ein Egoshooter seine Synapsen zersäbelt hat. Wahrscheinlich ist es indes nicht. Amokläufer, die Computergames wie Egoshooter auf ihren PCs haben, werden damit sicherlich nicht für den Amoklauf trainiert haben. Sonst würden sie nämlich erwarten, an jeder Ecke neue Munition zu finden, die sie aufnehmen, indem sie drüber weg laufen; und ein Tippser auf die Erste Hilfe-Box würde ihnen helfen, wieder volles Leben zu bekommen. Sie haben Egoshooter TROTZDEM auf dem PC.
Wir haben in Deutschland eine sehr strenge FSK für Computerspiele. Sehr viele Spiele sind nur für Erwachsene freigegeben, eine verschwindend geringe Zahl gibt es sogar erst ab achtzehn. Wollt Ihr, liebe verbotswütige Politiker, tatsächlich die sehr gute Arbeit dieser Institution in den Wind schießen, sechzig Millionen Erwachsenen ihre Mündigkeit absprechen und alles auf ein "Killerspiel" schieben?
Waffen töten Menschen, und natürlich derjenige, der diese Waffen in Händen hält. Spiele tun das nicht. Denn: Wo sind all die Amokläufer, die Egoshooter spielen, dadurch labil und mordlüsternd werden, sich Waffen besorgen und dann über unschuldige Menschen herfallen? Immerhin wurden hunderttausende dieser Spiele verkauft.
Jeder Amoklauf ist eine furchtbare Tat, ausgeführt von einem zerrissenen, jenseits der Menschlichkeit befindlichen Täter ohne Hoffnung auf eine Zukunft. Mein Mitgefühl gilt den Opfern und den Angehörigen. Aber, und das ist das perfide, mit dem Verbot von Computerspielen, die zudem der FSK unterliegen, verhindern wir bestimmt keine Amokläufe.
Das geht nur über das soziale Umfeld, Prävention, psychologische Beratung und vielleicht ein wenig Verständnis lange bevor jemand mit dem Leben abschließt und sich zu solch einem Wahnsinn hinreißen lässt.

Auch ein großes Thema: Kinderpornographie.
Zur Zeit ist es hochaktuell, nachdem die Gebärmaschine im Ministersessel (ich entschuldige mich explizit hier bei allen Frauen und Müttern, die nicht über Vermögen verfügen und dementsprechend ihre Kinder nicht an Nannys abschieben können) gesagt hat, man müsse das Internet zensieren. Gemeint ist, Seiten von Anbietern der Kinderpornographie mit Stoppschildern zu belegen, um den Surfer auf sein Missverhalten aufmerksam zu machen. Und ich bin mir nicht ganz sicher, ob die IP dabei nicht auch noch gespeichert wird.
Nur: Was soll das bitte bringen? Kinderpornographie ist ein Verbrechen. Schlimmer noch ist es Kinder zu missbrauchen um diese Aufnahmen zu machen. Wird das verhindert, indem man virtuelle Stoppschilder vor entsprechende Seiten hängt? Ich meine, Hallo? Wenn Ihr solche Seiten gefunden habt, warum blockt oder löscht Ihr sie nicht? Und den Opfern hilft das auch nicht weiter.
Pädophile im weitesten Sinne waren noch nie Personen der Öffentlichkeit oder haben sich dazu in irgendeiner Form bekannt. Sie sind meist Täter, Konsumenten, Weiterverbreiter. Sie organisieren sich in Zirkeln, beinahe geheimen Logen. Alle Schläge der Polizei gegen Kinderpornographie im Inland ist immer gegen diese geschlossenen Gesellschaften gerichtet. Immer wieder berichten die Medien von Netzwerken, also Passwortgeschützten Servern, auf die nur die Mitglieder Zugriff haben. Ich kann mir jetzt nicht vorstellen, wie ein harmloser Internetuser ausgerechnet auf diese Seite stoßen, das Passwort knacken und in diesen Zirkel gelangen soll. Im Umkehrschluss kann ich mir nicht vorstellen, dass Fahnder da erst ein Stoppschild vorsetzen, um eventuell allen Mitgliedern dieser kranken Gemeinschaft die Zeit zu geben, belastendes Material zu vernichten.
Imho ist das nicht weiter als der Versuch, uns, die User, langsam an eine staatliche Kontrolle zu gewöhnen. Ich habe hierzu ein interessantes Beispiel aus Finnland ertwittert. Dort findet die Sperrung von Internetseiten statt (nicht die dämlichen Stopp-Schilder). Aber welche Seiten wurden dort gesperrt? Von über eintausend Seiten hatten zwei einen Bezug Kinderpornographie, eine war tatsächlich vollkommen zu Recht gesperrt worden.
Die restlichen tausend Seiten? Auch Pornographie, allerdings keine verbotene.
Das droht uns auch in Deutschland, wenn deutsche Beamte in Entscheidungswut geraten und auch noch die Macht dazu haben, solche Seiten zu sperren.
Herrschaften! Auch damit verfehlen wir die Wirkung! Wir sind wieder bei der Pest und Mückenstichen! Die Täter gehören verhaftet, verurteilt und therapiert, bzw. psychiatrisch isoliert, und die Opfer in psychologische Behandlung, um die Traumata zu verarbeiten. Virtuelle Verbotsschilder nützen ihnen gar nichts.
Lasst die Polizei ihre Arbeit machen. Das Thema ist zu wichtig und zu ernst, als dass man es als Aushängeschild für illegale Kontrolle freier Medien missbrauchen sollte.

Fazit: Wenn jemand die Pest hat, kann man ihm nicht helfen, indem man Teiche mit Mückenlarven zuschüttet. Das ist nicht nur sachlich falsch, sondern sträflich unverantwortlich. Für Volksverdummung sollte es ein Strafmaß geben.

Kommentare:

Miyu-Moon hat gesagt…

Vielleicht soltest du dich daran gewöhnen, dass die meisten Maßnahmen der Politiker nur Moggelpackungen sind.
Sie entscheiden sich für die billigste Maßnahme die " alle" zufriedenstellt oder die den Bürger in dem Glauben wiegt, dass etwas gegen KP unternommen wird. Tatsächlich würden ein richtiges Vorgehen vermutlich das Budget sprengen, dass sie halt in diese No(n)Sense-Kampagne stecken. Wenn ich daran denke, dass viele unserer Polizeireviere einen Mangel an PCs (durchscnhittlich kommen auf einen PC drei Beamte) haben und man dann ausgerechnet von diesen Leuten groß angelegte Recherche- oder Infiltrierungsarbeit erwartet, kommen mir da fast schon die Tränen.
Zu der Frage, warum die Seiten nicht gelöscht oder geblockt werden. Eigentlich hast du die Frage schon zur Hälfte selber beantwortet. Deutschlands Politiker sind zu beschränkt (egal ob in Mitteln, Macht oder Hirnzellen) als dass sie die richtigen Leute auf eine solche Problematik ansetzen würden.
Hm, wie formulier eich meine nächsten Vermutungen ohne total beleidigend zu werden?

Vielleicht sitzen ja genügend Leute am Tisch, die weniger an eine effektive Lösung des Problems, als vielmehr an ihre Wahlstimmen denken? Muss ich das Gedankenspiel weiter ausbreiten?

Noch eine Frage zum Thema Waffen?
Was ist eine P1? Ist der Knall einer solchen Waffe wirklich so laut, wie ein Kannonenschuss was die Dezibelstärke betrifft? (Das versuchte mir der Autor eines Romanes weißzumachen.)

Ace hat gesagt…

Liebe Miyu, des Rätsels Lösung liegt nicht in der Bekämpfung von Kinderpornographie. Das war nie das Ziel dieses Gesetzes. Sondern die Möglichkeit den rechtsfreien Raum Internet zu kontrollieren und dafür gesetzliche Grundlagen zu schaffen.
In Frankreich hat es die Musikindustrie versucht.
http://netzpolitik.org/2009/frankreich-gericht-kassiert-internetsperrungen/
Die Politiker machen schon einen guten Job, in diesem Fall aber nicht für die Internet-User.
Ach, und bevor ich es vergesse, im Prinzip bin auch ich Politiker, wenn auch nur auf kommunaler Ebene, Miyu...

Was die Dezibelstärke eines P1-Schusses angeht, damals die Standard-Handfeuerwaffe der Bundeswehr, wirst Du googlen oder die Wiki aufsuchen müssen.
Der Schuss an sich ist sehr laut. Ohne Hörschutz durfte niemand auch nur einen Schuss abgeben.
Lauter als ein Kanonenschuss oder auch nur gleich laut?
Es werden unterschiedlich große Treibladungen verwendet, also möchte ich das mal bezweifeln. Nach einem P1-Schuss klirren auch keine Fensterscheiben.