Montag, 11. Februar 2013

Menschlich nicht in Ordnung, Frau von Cramm?

Okay, okay, ich hinke etwas hinterher: Ich beziehe mich bei meinem heutigen Post auf einen Artikel in der Leine Deister Zeitung von letztem Freitag, wo besagte Zeitung im regionalen Teil regionale Politiker der CDU zu Wort kommen ließ, um ihre Meinung über den Entzug des Doktortitels von Frau Schavan kund zu tun.
Vorweg dazu einmal für alle, die es nicht mitbekommen haben: Frau Anette Schavan, ehemals Doktor phil., bekam von ihrer Universität ihren Doktortitel aberkannt, weil die dortige Prüfungskommission rund einhundert Seiten ihrer Doktorarbeit als direktes und indirektes Plagiat erkannt hat. Dies zog einige Reaktionen nach sich; die letzte war ihr Rücktritt von ihrem Posten als Bundesbildungsministerin.
Dabei, das möchte ich hier noch mal kurz festhalten, weist Frau Schavan jegliche Täuschungsabsicht von sich, kann sich aber nicht auf andere Zitatregeln in den siebziger Jahren berufen, wie Stefan Weber, an der Uni Wien habilitiert und Spezialist für plagiierte Doktorarbeiten, in einem tagesschau.de-Interview eindeutig sagt, da die Promotionsvorschriften die gleichen seien wie heutzutage
Oder anders ausgedrückt: In Zeiten ohne Internet und allgemeiner Verfügbarkeit des Wissens der Menschheit kann man so ein großräumiges Kopieren vielleicht nicht bemerken, in unserer Zeit ist das hinfällig. Gut, gut, mag man jetzt anmerken, die Frau Schavan hat aus Versehen Texte, die sie schon kannte, in ihre Doktorarbeit eingebaut, und das passiert ja schonmal. Aber einhundert Seiten und davon nur ein Teil abgewandelt? Abgesehen davon muss sich Frau Schavan schon für sie unangenehme Fragen gefallen lassen.

Aber kommen wir zur Überschrift. Kommen wir zu den Kommentaren regionaler CDU-Politiker. So hat Klaus Krumfuß, Direktabgeordneter der CDU im niedersächsischen Landtag, gesagt: "Ich schätze die Arbeit von Frau Schavan sehr. Sie hat in den vergangenen Jahren viele Leuchttürme in der Bildungspolitik entwickelt."
Das halte ich für eine gute Aussage, die sich auf ihre Leistungen in der Politik bezieht, nicht auf ihre Doktorarbeit, und ihre Arbeitsweise hervorhebt. Das kann man stehenlassen.
Klaus Knoke, Vorsitzender der Gruppe UWE/CDU/Grüne, sagte unter anderem: "Die Uni hat versagt."
Damit hat er natürlich Recht, und selbstverständlich unterstütze ich das Nichtgesagte, nämlich dass eine Uni einfach nicht versagen dürfte. Deshalb müssen m.E. sämtliche Doktorarbeiten an deutschen Universitäten auf den Prüfstand.
Was aber gar nicht geht, das ist die Aussage von Frau von Cramm, Stadtverbandsvorsitzende der Elzer CDU und Kreistagsabgeordnete. Ich zitiere aus dem Text: [...]Aus ihrer Sicht sei der Zeitpunkt des Plagiatsvorwurfs gegenüber der Bildungsministerin aus Reihen der CDU von den Sozialdemokraten bewusst so gewählt. Sie will gehört haben, dass die SPD sogar Leute eingestellt habe, die darauf angesetzt werden, "solche Geschichten" auszugraben. "Das ist doch Hetze vor der anstehenden Bundestagswahl..." [...]
Und es geht weiter: [...]Bei der SPD würde man solche Fälle nicht aufdecken, weil die gar nicht so viele Mitglider mit Doktortitel hätte.[...]
Und: [...]"Lächerlich. Ein Mord wäre längst verjährt."[...]
...sacken lassen. Sehr, sehr, sehr lange sacken lassen.

Einer der Gründe, warum ich erst heute darauf eingehe, ist, damit ich ruhiger werde und keinen brandroten Leserbrief schreibe. Dazu juckt es mir immer noch in den Fingern, mich wahnsinnig über diese Schulhofhafte Verteidigung und die Vorwürfe an meine Partei - Ihr habt hoffentlich nicht vergessen, dass ich Kommunalpolitiker der SPD bin (sehr, sehr, sehr kommunal im Gemeinderat) - aufzuregen und einen Leserbrief zurückzufeuern.
Nun, ich habe mich beruhigt und gehe vorerst nur auf meinem Blog auf Frau von Cramm ein.


Sehr geehrte Frau von Cramm, es mag nicht vorstellbar für Sie sein, dass das Aufdecken noch eines Doktors, der nie hätte einer werden dürfen, keine SPD-Kampagne ist. Und es ist Ihr gutes Recht, das zu glauben. Aber wie ich schon in meinem Kommentar zu von Guttenberg schrieb: Man hat gefunden. Und zwar kräftig. Im Moment sieht es ganz so aus, als hätte Frau Schavan absichtlich plagiiert. Die Universität Düsseldorf geht davon aus, sonst hätte sie Frau Schavan den Doktortitel nicht entzogen. Da stellt sich mir die Frage: Wenn es eine SPD-Kampagne ist, ja, wenn sogar eigens dafür eingestellte Leute gezielt nach gegutteten Doktorarbeiten suchen -  warum macht Ihre Partei es denen dann so leicht, Doktoren zu finden, die niemals hätten Doktor werden dürfen, Frau von Cramm? Können Sie wirklich der SPD vorwerfen, dass sie eventuell findet? Oder gilt Ihr Vorwurf eher dem Umstand, dass sie eventuell überhaupt sucht? Wobei ich persönlich nicht davon überzeugt bin, dass es so eine Kommission gibt. Das Internet ist dynamisch genug, um selbst für solch einen Effekt zu sorgen. Dazu braucht es keine SPD-Leute, keine SPD-Mentalität und erst Recht kein SPD-Geld.
Der Zeitpunkt, das gebe ich zu, ist vor einer Bundestagswahl. Aber gestehen Sie der SPD doch ein wenig Verstand zu, dass sie diese Bombe, so sie denn dafür verwantwortlich wäre, möglichst erst im Frühjahr oder Sommer hätte platzen lassen, damit es für die Bundestagswahl den größtmöglichen Effekt gegeben hätte.

Ihr Vorwurf, bei der SPD würde man solche Vorwürfe gar nicht aufdecken, weil sie gar nicht so viele Doktoren hätte, kann ich entkräften. Auch wir haben Doktoren, denen selbstverständlich der Doktortitel entzogen wird, wenn sie ihn durch gutten erlangt haben. Davon aber einmal abgesehen halte ich diesen Vorwurf von Ihnen für den lächerlichsten Ihrer Aussagen. Das wirkt wie Schulhof-Trotz-Verhalten: Ätsch, wir haben trotzdem mehr Doktoren als Ihr. Sind Sie sich sicher, dass solch eine Aussage einer Kreistagsabgeordneten würdig ist? Davon abgesehen, sind Sie sich sicher, dass die SPD weniger Doktoren in ihren Reihen hat als die CDU? Ich bin es nicht.

Und zuguterletzt gilt es, eine Bildungslücke zu schließen. Sie sagten: "Lächerlich, ein Mord wäre längst verjährt."
Dieser sehr unpassende Vergleich, was soll er bezwecken? Abgesehen davon, dass es Unsinn ist, eine geguttete Doktorarbeit mit Mord zu vergleichen? Sowohl was die Ernst der Tat als auch die Härte der Strafe betrifft, wird hier mit zweierlei Maß gemessen; beide Taten haben nichts miteinander gemein. Im Gegenteil, solange die Universität Düsseldorf der Meinung bleibt, Frau Schavan gehört der Doktortitel entzogen, sehe ich keinen Grund, dies in Frage zu stellen. Der Rechtsweg bleibt Frau Schavan natürlich offen. Der Vergleich mit einem Mord ist nicht nur vollkommen unangebracht, Sie implizieren damit, dass eine geguttete Doktorarbeit "nicht so schlimm wie Mord ist". Da haben Sie natürlich Recht. Und auch wieder nicht. Denn für die Doktorarbeit gibt es einen Titel, für Mord nicht. Wer eine Doktorarbeit fälscht, kann viel erlangen, wer mordet, riskiert alles, was er hat.
Deshalb hinkt Ihr Vergleich nicht nur nicht, er assoziiert Ihr Verhalten mit einer, pardon, beleidigten Leberwurst ganz nach dem Motto: Was habt Ihr Euch erdreistet zu finden? Was habt Ihr Euch erdreistet, überhaupt zu suchen?
Nebenbei bemerkt: Dank Helmut Schmidt verjährt Mord in Deutschland nicht mehr.

Sehr geehrte Frau von Cramm, natürlich können Ihre Worte und Zitate aus dem Zusammenhang gerissen sein, was meine Antwort hier um vieles zu scharf macht. Sollte das der Fall sein, entschuldige ich mich dafür. Immerhin war ich nicht dabei, als Sie interviewt wurden.
Auf der anderen Seite, wenn Herr Rolf Kuhlemann alles wortwörtlich wiedergegeben hat, muss ich mich doch sehr über Sie wundern. Diese viele Vorwürfe an die SPD klingen wirklich, wirklich - ich bemühe den Vergleich erneut - an eine beleidigte Leberwurst.
Sehen Sie, Herr Klaus Krumfuß (MdL) hat Frau Schavan mit seiner Aussage genützt und ihre Arbeit gewürdigt. Sie hingegen haben Schuld, die es nicht gibt, auf die SPD abzuwälzen versucht. Es hätte nur noch ein Vorwurf wie in der WELT gefehlt, dass ja eigentlich die SPD an der Doktorarbeit überhaupt Schuld gewesen sei. Wobei er geflissentlich übersieht, dass die Düsseldorfer Universität von der CDU gegründet wurde... Aber wenn es so schön passt...
Sind Sie sicher, Frau von Cramm, dass Sie in solche Gesellschaft gestellt werden möchten?
Ich kann Ihnen nicht in den Kopf gucken, habe es gleichwohl aber probiert. Auch dafür entschuldige ich mich, denn wenngleich ich keinen Doktortitel habe und/oder in der CDU bin, so bin ich höflich genug einzugestehen, dass ich spekuliert habe. Ob meine Spekulationen zutreffen oder falsch sind, mögen andere entscheiden. Sie zum Beispiel, Frau von Cramm.

Mit freundlichem Gruß,
Alexander Kaiser, kein Doktor, kein CDU-Mitglied und auch kein Journalist. Einfach nur Alexander Kaiser.

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