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Dienstag, 5. Februar 2013

Aufschreien will gelernt sein

Tja, nun blogge ich auch mal, aber nur ganz kurz, versprochen, zum Aufschrei des #aufschrei in der Sexismus-Debatte. Dazu habe ich bereits einige sehr gute Beiträge gelesen und auch gesehen... Teilweise mal einen Blick auf das Twitter-Hashtag geworfen, wo am heftigsten diskutiert, oder eher gebrüllt wird. Meist "gegen" den Sexismus der Männer, wie ich subjektiv empfinde.
Nun hat die @manutextura, der ich seit dem NaNoWriMo folge, die @Frau_Elise retweetet, die ihren Blogpost Was vom #aufschrei übrig blieb getwittert und ein wenig über die Nutzer sozialer Netzwerke und deren Verhalten in der Debatte geschrieben hat. Doch zu ihr später mehr.

Vorab erstmal noch für alle, die davon noch nicht kotzen können, worum es überhaupt geht, inklusive meiner laienhaften Analyse. Die Journalistin Laura Himmelreich vom Stern hat den Rainer Brüderle von der FDP Abends nach dem Parteitag in der Hotelbar schräg angequatscht. Nachlesen kann man das in diesem FAZ-Artikel. Der alte Mann hat das gekontert, indem er Frau Himmelreich gesagt haben soll, sie würde ein Dirndl sicher gut ausfüllen. Ich bin sicher, Frau Himmelreich konnte daraufhin ihr Glück kaum fassen. Hatte sie m.E. anfangs vor, Brüderle zu einer vielleicht auch wütenden Äußerung zu verleiten, die ein wenig tiefer blicken lassen würde, als ein Politiker seines Schlages normalerweise zulässt, so hatte sie ihn nun in einer weit besseren Position: Er hatte sie ungefragt angemacht. Grund genug für sie, im Stern eine Kolumne zu schreiben, in der sie jammert, wie schlimm es ihr als weiblicher Politikjournalistin in Deutschland doch geht, weil an jeder Ecke der Sexismus lauert.
...sacken lassen.

Herrschaften, versteht mich nicht falsch. Frau Himmelreich hätte dem alten Mann an der Bar, der vielleicht um Mitternacht mehr als ein Glas Wein getrunken hatte, den Spruch durchaus verzeihen, eventuell auch als Kompliment auffassen können. Oder als das abtun, was es war: Eine Nebensächlichkeit. Genauso gut hätte der Brüderle sie auch für ihre Frechheit in der Luft zerfetzen können, implizierte sie doch, dass der alte Knacker die FDP nicht mehr "retten" könne. Wie auch immer, sie hat ihre Story, und das auf Kosten eine FDP-Mannes. Nichts könnte mir sonst egaler sein, aber ich sehe in der Debatte durchaus Sinn. Allerdings läuft sie aus dem Ruder, denn meines Erachtens nach gibt es genauso viele Empfindungen, was Sexismus ist, wie es Diskussionsteilnehmer gibt. Was wir brauchen, ist ein Sexismus-Knigge.
Ich will das mal an einem Beispiel erläutern.
Kein Sexismus, weil schlimmer: Vergewaltigung, Nötigung, Kindesmissbrauch, körperliche Gewalt im Allgemeinen
Kein Sexismus, weil harmlos: Komplimente zu Figur, Kleidung, Frisur, Gesicht, Schmuck bei Frauen und Männer gleichermaßen (Parfum nicht zu vergessen); Komplimente über Dekolletées, so nicht allzu plump, gehören ebenfalls dazu, warum sonst sollte Frau so etwas tragen?; Handküsse, Bussi auf die Wange, kurze, nicht ausufernde Umarmungen; Schulterklopfen.
Sexismus: Hinterherpfeifen (da sexuell motiviert), anzügliche bis beleidigende Bemerkung mit sexueller Intention; Kneifen, schlagen, bedrängen, ungewünschte Berührungen bis zum Aneinanderdrängen z.B. in vollen Fahrstühlen.
Alle drei Aspekte sind nicht vollständig, wie ich zugeben möchte, aber sie zeigen doch gut auf, was und wie ich denke.
Klar ist, Sexismus darf nicht tabuisiert werden. Im gleichen Maße aber darf die Sexualität der Frau weder gegen sie gerichtet werden, noch darf der Frau erlaubt sein, ihre Sexualität als Waffe zu missbrauchen. Schwierig? Unmöglich? Sicherlich. Aber was bleibt uns anderes übrig, als es zu versuchen? Immerhin MÜSSEN Männer und Frauen auf dem gleichen Planeten leben und miteinander auskommen. Und die meisten von ihnen waren oder sind auf der Suche nach dem nicht gleichgeschlechtlichen Lebenspartner. Wollen wir uns das unnötig erschweren, indem wir tabuisieren?
Oder noch schlimmer, das wir zulassen, dass ein Kompliment über ein Trachtenkleid, das ohnehin als offenherzig bekannt ist (und, ganz ehrlich, nahezu jedes Dekolletée pushen kann), automatisch auf die Sexismus-Liste gesetz wird? Gut, gut, ich bin ein Mann, und der Einzige, der mich je mit anzüglichen Bemerkungen genervt hat, war ein homosexueller Schotte, der meine Nippel toll fand. Aber wenn mich das über Gebühr genervt hätte, hätte ich ihm das auch gesagt. Tatsächlich kamen wir sogar recht gut miteinander aus, nachdem sich herausstellte, dass ich kein verklemmter, steifer Hetero war, der sich allzu leicht provozieren ließ - und nachdem ich herausfand, dass britische Schwule zwei Interpretationen für das Wort "Bagpipe" kennen, phonetisch gesehen. Warum kann ich das nicht auch von einer Frau erwarten, dass sie sagt: Du, bis hier und nicht weiter, Junge.? Ich meine, wir leben in einer Kultur, in der eine kräftige Ohrfeige durch eine Frau toleriert wird. Und der derart getadelte Mann hat sie hinzunehmen, wenn er sie verdient hat. Das soll sich geändert haben?
Sicher, problematisch wird es, wenn der Sexismus vom Chef, vom Vorgesetzten oder von jemandem kommt, der Frau was zu sagen hat. Aber ich verlange jetzt ja auch nicht von einer Frau, die derart in Bedrängnis ist, dass sie gleich einen Stern-Artikel schreibt. Wenn aber ein klares "Nein" zuviel verlangt ist, haben wir kein Sexismus-Problem in Deutschland, sondern eines des Selbstverständnisses der deutschen arbeitenden Frau. An die Debatte #aufschrei muss sich also nahtlos eine Debatte #Selbstsicherheit anschließen. Und noch was, liebe Frauen: Ich bewundere all jene, von denen ich im Zusammenhang mit der Debatte gelesen habe und die die Opferrolle nicht bereitwillig übernommen, bzw. verteidigt haben.

Was mich wieder zu @Frau_Elise und ihren Blogpost bringt. Dort rechnet sie mit der Debatte ab, aber auch mit ihren eigenen Verhalten während der Debatte. Unter anderen beklagt sie sich über die Provokateure in der Debatte, die selbige benutzt haben, um sich zu profilieren, und das auf Kosten der Ernsthaftigkeit des Themas. Unter anderem erwähnte sie, dass es nahezu unmöglich sei, mit einem Sexismus-Provokateur zu diskutieren, der entsprechendes, ihn verteidigendes Fußvolk sein eigen nennt.
(Wieso erinnert mich das jetzt an den Pseudo-Wissenschaftler und Evolutionssprung-Theoretiker Dieter Broers und seine Gefolgsleute?)
Aber während @Frau_Elise hier den Schwachpunkt sozialer Medien sehen mag, weil man mit den Provokateuren in deren Hinterhof eben zu deren kontraproduktiven Bedingungen diskutieren muss und auch noch seine Anhänger gegen sich hat, sehe ich hier Möglichkeiten. Möglichkeiten, eine Meinung zu fassen. Über solche Personen. Und Erkenntnisse zu gewinnen. Über solche Personen. Denn wenn man bei einen durchaus sehr ernstem Thema wie Sexismus in Deutschland mit besagten Personen eben nicht ernsthaft und sachlich diskutieren kann, welchen Grund gibt es anzunehmen, dass es in anderen, nicht weniger wichtigen Themen möglich sein soll? Ich nenne solche isolierten Communities bei mir ab sofort Troll-Gesellschaften, die sich zu einem gewissen Thema oder bei einer gewissen Person eingefunden haben und die Gleichheit ihrer Meinungen feiern.
Impfgegner, Esoteriker, Verschwörungstheoretiker (obwohl, ich bin ja selbst einer, peinlich, peinlich), Weltuntergangsapologeten, Klimawandelleugner, radikale Christen und intelligentes Design-Anhänger, und, und, und... Hatte ich Waffenlobbyisten schon?, bis hin zu den Sexismus-Debatten-Verweigerern, sie bilden Troll-Communities. In denen man einander versichert, wie Recht man doch hat, und dass der Rest der Welt ahnungslos ist im Gegensatz zu ihnen. Und das kein Zweifel bestehen kann, dass der Rest der Welt über kurz oder lang erkennen muss, dass sie Recht haben und die Welt nicht.
Das ist der große Vorteil sozialer Netzwerke: Man kann sich sehr genau merken, wer diskussionsfähig ist und wer nicht. Eine oder zwei, besser drei Begegnungen dieser Art sollten jedem ausreichen, eine Meinung über betreffende Person, bzw. Community zu entwickeln. Oder anders ausgedrückt: Man kann recht fix lernen, wer was zum Thema beitragen kann und wer einfach nur ein Arschloch ist.
Just my two Cent.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo Ace,

ich habe da so meine eigenen Fragen zu dieser Sexismusdebatte... zum einen natürlich der Zeitpunkt ... komisch dass das genau jetzt hochkocht, nach der letzten Wahl und den nachfolgenden Personalentscheidungen der FDP...

Aber allgemein mal zum Thema Gleichberechtigung ... Bei allem was Da so gesagt und geschrieben wird, sollte man erst mal mal die Geschlechterrollen umkehren und nachdenken, wäre die Reaktion gleich?(Das bedeutet ja Gleichberechtigung) .... Was wäre, wenn ein junger Journalist Frau Merkel eine Frage stellt und auf ihr "fortgeschrittenes Alter" verweist? Ok, Frau Merkel wäre wohl souverän, aber bei so manch anderer Frau säße da wohl die Hand locker - Reaktion der Öffentlichkeit wäre wohl "selber schuld, warum quatscht der Typ sie so blöd an?"

Du schreibst, du hattest noch keine Erfahrungen mit anzüglichen Bemerkungen von Frauen: Frag mal zum Beispiel Handwerker welche was in einem Büro voller Frauen zu erledigen haben oder ähnliche Leute .... Da fallen manchmal Kommentare(und nicht nur Kommentare), die würde sich kein Mann in vergleichbarer Situation trauen ....

Ace hat gesagt…

Oje. Es scheint, das #Selbstbewusstsein-Problem haben nicht nur Frauen... Aber die Männer geben es wohl ungern zu, wenn sie mit Sexismus belästigt werden. Und das ist weder eine spaßige Sache, noch stecken Männer das besser weg, weil "sie ohnehin mit jeder schlafen würden, die bei drei nicht auf den Bäumen ist".

Wenn ein Mann das bei der Merkel durchgezogen hätte, und sie hätte mit einer schlüpfrigen Bemerkung reagiert, hätte der junge Mann dann auch eine Sexismus-Debatte anstoßen können? Nicht solange die BLÖD-Zeitung Merkels Dekolletée als toll vermarktet. Ich denke, es gibt hier ein massives Ungleichgewicht in Deutschland, das aber nicht ein Geschlecht belastet, sondern beide.
Von Frauen erwarten die Strukturen, dass sie devot sind und den Fehler bei sich selbst suchen, wenn sie mit Sexismen belegt werden (was natürlich Bullshit ist).
Von Männern erwarten die gleichen Strukturen, die Klappe zu halten und sich auch noch nach sexistischen Anspielungen zu freuen. "Mann" erregt ja immer noch die Aufmerksamkeit der Frauen (was mindestens genauso idiotisch ist).