Mittwoch, 15. Mai 2013

Seit wann sind Autovervollständigungen Nachrichten?

Okay, es ist passiert. Wir leben jetzt in einer Welt, in der Angelina Jolie sich nicht durch eine subkutane Mastektomie die Milchdrüsen hat entfernen lassen, sondern laut unserer deutschen Fachpresse und den weltweiten Experten stattdessen eine komplette Amputation beider Brüste vornehmen ließ. Okay, streicht das mit den weltweiten Experten, denn CNN zum Beispiel berichtet vollkommen korrekt von einer Mastektomie, d.h., von einem Eingriff. Sind wohl doch nur wir Deutschen, die tatsächlich glauben, eine Komplettamputation würde tatsächlich mehr Sinn machen als die Entfernung des gefährdeten Gewebes... Kam mir gleich komisch vor. Die Heldin im Chaos, von Bildblogs 6 vor 9 verlinkt, hat's richtiggestellt und meine Vermutung bestätigt.

Wir leben jetzt aber auch in einer Welt, in der Google vom BGH gesagt wird, ihre Autovervollständigung sei redaktionelle Arbeit.
Was ist geschehen? Ein Unternehmer hat sich dran gestört, dass bei der Suche nach seinem Namen Begriffe wie Scientology von der Autovervollständigung als Suchergebnis angeboten wurden. Dies macht die Website automatisch, und zwar anhand der Suche der Personen, die diese Begriffe verwenden. Ein Vorgang, auf den Google keinen Einfluss nimmt.
Das war schon bei Frau Wulff so, die den Autovervollständigungsskandal (also das Skandälchen jetzt) um die Hinzufügung der Worte "Eskort" und "Rotlicht" zu ihrer Namenssuche genutzt hat, um ihr Buch zu promoten. Nun also hat Google eine höchst richterliche Anordnung zu befolgen und beanstandete Autovervollständigungen zu löschen.
Dr. Johannes Bruggaier, Webexperte im Team des Medienmoguls Dirk Ippen, hat dazu auch sehr treffend festgestellt, dass Google weder Zeit noch Geld investieren dürfte, um zu prüfen, ob jede Beschwerde rechtmäßig sei. Da Google jetzt für die Wortwahl der Autovervollständigung wie für eine redaktionelle Arbeit verantwortlich ist, werden sie eher, um Strafen zu vermeiden, jeder Löschaufforderung nachkommen, und jeder Halunke im Netz und da draußen in der Realität wird das nutzen, um zutreffende, aber geschäftsschädigende Zusätze löschen zu lassen. Megadownload zum Beispiel, die Abo-Abzock-Falle zum Beispiel wird das sicher ebenso nutzen wollen wie eine Person, die sich hochtrabend Dotcom nennt und nicht ganz zu Unrecht die Aufmerksamkeit des FBI erregt hat.
Dr. Bruggaiers Fazit bei "ist es das wert?" kann ich hingegen nicht zustimmen. Es ist die Löschung beanstandeter Autovervollständigungen nicht wert.

Es ist aber auch nicht schlimm. Denn die Links führen ja immer noch dorthin, wo über gewisse Personen Tacheless gesprochen wird. Und man kann seine Verdachtsmomente immer noch selbst eingeben, ohne dass man daran gehindert wird. Es ist halt nur nervig und ein klein wenig zeitaufwändig. Dieses vermeintlich furchtbar schlechte Urteil für Google geht im Prinzip nur auf Kosten einer Sache: Den Komfort der deutschen Benutzer. Genauso gut kann Google auch die Autovervollständigung (in Deutschland, für uns Deutsche) abschalten. Die Welt ändert sich deshalb nicht. Besagte Personen werden dadurch aber auch nicht besser. Oder schlechter. Es fehlt halt ab dato etwas Service. Das regt mich nicht weiter auf.
Was ich aber nicht so schön finde, ist eigentlich nur, dass das BGH 1) tatsächlich glaubt, die Autovervollständigung zu redaktioneller Arbeit aufwerten zu müssen (danach klingt es auch bei Dr. Bruggaier, und das ist m.E. vollkommen falsch), und 2) dass tatsächlich ein deutsches Gericht der Argumentation des Klägers gefolgt ist. Unabhängig davon, ob die Scientology-Vorwürfe stimmen oder nicht, es ist ein kleines, nicht sehr wichtiges, aber doch freies Stück Internet, das uns verloren geht...

Fazit: Kann man einer deutschen Presselandschaft trauen, die einen invasiven chirurgischen Eingriff, die subkutane Mastektomie bei Angelina Jolie in eine erheblich folgenschwerere, gefährlichere und deutlich sichtbarere Amputation umdichtet? Und, liebe ARD, ZDF, RTL, Pro7 und Ihr üblichen Verdächtigen, sollen die vielen Bilder von Angelina im hochgeschlossenen Pulli vielleicht suggerieren, dass sie jetzt vorne ohne Ballast herumläuft? (Entschuldige die Wortwahl, Angelina.)
Ich sage, hier ist die Sorgfaltspflicht verletzt worden. Mein Vertrauen in deutsche Medien ist wieder einmal erschüttert worden. Bäh.
Kann man einem deutschen Gericht trauen, das ein Urteil gegen Google gefällt hat und das aus den Ergebnis eines Algorhythmus eine redaktionelle Arbeit macht, ganz so als würde Google einen Praktikanten dransetzen, der den ganzen Tag nichts anderes tut, als Autovervollständigungen zu konstruieren? Man muss ja, es ist immerhin der BGH. Aber es ist wohl an der Zeit, eine Kammer zu schaffen, in der sich die Richter im Internet mindestens ebensogut auskennen wie im Persönlichkeitsrecht. Dann hätten sie die Autovervollständigung garantiert nicht mit einer Verleumdung gleichgesetzt.
Fragen über Fragen über Fragen. Zum Glück ist das Internet schneller, schlauer und ehrlicher als Ihr.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Es klingt aber wesentlich aufregender, wenn die Medien von einer Aputation reden, obwohl nur das Drüsengewebe entfernt wurde. Auch bei Bruskrebs gibt es verschiedene OP Methoden. Meist wird versucht Brust-erhaltend zu operieren und im nachhinein diese wieder aufzubauen, entweder mit Eigengewebe oder mit beispielsweise Silikonkissen.
Als ich gelernt habe, wurde oftmals nach einem Schnellschnitt im OP und der Feststellung wie weit der Krebs vortgeschritten ist, radikal operiert. Sowas macht man heute nur noch selten. Hat ja auch viel mit der Früherkennung und Krebsvorsorge zu tun.

LG betty0815

Anonym hat gesagt…

sorry, hab mich ein paarmal in den Tasten vergriffen, aber man kann es trotzdem lesen

Ace Kaiser hat gesagt…

Das weiß ich, das weißt Du. Nur die deutsche Presselandschaft setzt zu einhundert Prozent auf Desinformation und erzählt einen von Amputation. Nicht mal die Amis tun das.
Und ich wette mit Dir, wenn sich Angelina Jolie die Eierstöcke entfernen lässt, weil dies bei ihrer Genkomposition ebenfalls ein potentieller Krebsherd ist, (was sie auch schon angekündigt hat) dann werden die deutschen Medien schon irgendwas finden, was schön dramatisch klingt. Oder wieder nachplappern, was der erste in die Welt setzt. Kann man denn nur noch Bloggern vertrauen? ^^°°°

Keine Sorge, der Text kommt vollkommen korrekt rüber. Keine gravierenden Fehler drin.