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Donnerstag, 15. März 2012

Acht Millionen in der Scheiße

Jetzt habe ich schon eine ganze Zeit nicht mehr gebloggt. Nicht, dass es nicht genügend Themen gegeben hätte. Es war nur eben keines dabei, das mich mitgerissen hat.
Heute war das anders. Ein Blick in die Zeitung, und ich wusste, worüber ich bloggen kann.
Das Institut für Arbeit und Qualifikation schreibt nämlich in seinem Report: Fast jeder vierte Arbeitnehmer arbeitet im Billiglohnsektor.
Demnach sind 23,1% aller Steuer zahlenden Arbeitnehmer mit einem Stundenlohn von unter 9,15 Euro gestraft. Rechnet man Studenten, Rentner und Schüler hinzu, sind das fast acht Millionen Beschäftigte in der Branche.
Ich zitiere direkt aus dem Dokument: "Die Durchschnittslöhne im Niedriglohnsektor lagen im Jahr 2010 mit 6,68 € in West- und 6,52 € pro Stunde in Ostdeutschland weit unter der Niedriglohnschwelle."
Durchschnittslohn, nicht Untergrenze.
...sacken lassen.

Was sagt uns das?
1) In den letzten fünfzehn Jahren haben Arbeitnehmerverbände zugunsten des Aufschwungs immer wieder auf prägnante Lohnerhöhungen verzichtet. Im Gegenzug wurden Arbeitsplatzerhaltungen von Seiten der Arbeitnehmer zugesagt, aber nicht immer eingehalten. Eine Festlegung auf zwei oder drei Jahre ist somit fast immer eine Garantie, das im Folgejahr Arbeitsplätze abgebaut werden.
Im gleichen Arbeitsschritt ist das Realeinkommen frappierend gesunken, d.h. trotz der Gesetze der Preisspirale (höhere Löhne, höhere Preise; höhere Preise, höhere Löhne) und trotz des fehlenden Faktors des höheren Lohns stiegen die Preise weiter, und der Kaufwert des Einkommens ist gesunken.
Zugleich wanderten deutsche Unternehmen ins Ausland ab, benutzten das Allheilmittel des Jobabbaus und/oder fuhren überdurchschnittliche Gewinne ein. Leidtagende: Der Arbeitnehmer.

2) Immer wieder beklagen sich Arbeitgeberverbände über die hohen Löhne und Sozialleistungen in Deutschland, die es so teuer macht, Menschen zu beschäftigen; sie fabulieren über Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt und setzen sich, so die Börsennotierten Unternehmen, Ziele von 7%, 15%, oder mehr an Umsatzsteigerung pro Jahr.
Ironischerweise sind die Firmen bereit, für weniger soziale Verantwortung mehr zu zahlen. In der Zeitarbeit ist es nicht unüblich, dass der Preis für eine Arbeitsstunde das Doppelte über Tarif liegt. Der Arbeitnehmer sieht davon freilich den kleinsten Teil, und dies durchaus unter der Mindestlohngrenze, während die Zeitarbeitsagentur die Differenz einstreicht. Beweise? Seht weiter oben: 23,1% der deutschen Arbeitnehmer sind bereits im Zeitarbeits-, und Niedriglohnsektorwunderland angekommen. Und das alles nur, um Zeitarbeiter bei Bedarf schnell wieder loswerden zu können.

3) Deutschland, unser kleines Deutschland, ein Teilstaat des vereinten Europas, der EU, war Jahrzehntelang Exportweltmeister und wird/wurde ab und an abgelöst, mal von Japan, dann von China. D.h., wir haben im Inland immer mehr Waren produziert als wir für die Binnennachfrage brauchen. Diese Waren gammeln nicht irgendwo herum, sondern wurden ins Ausland verkauft. Exportweltmeister wird man nicht, indem man einen Großfrachter mit zweitausend Autos beladen einmal um die Welt schickt, sie müssen auch verkauft sein. Zur Zeit sind wir Vize-Weltmeister im Export. Das heißt, unsere Wirtschaft verkauft und verkaufte sehr gut ins Ausland.
Industrie und Mittelstand profitieren davon. Deutsches Know how, deutscher Erfindungsreichtum und die Tatsache, dass wir in einigen Industrien, z.B. erneuerbare Energien, Marktführer sind, haben uns zu dem gemacht. Und dennoch: Fast ein Viertel der Beschäftigten arbeitet im Niedriglohnsektor.

4) Wie existiert man, wenn man von einem Stundenlohn von 6,68€ leben muss, eventuell von weniger? Und das bei einer Arbeitszeit von vierzig Stunden oder mehr die Woche, womöglich mit Familie? Richtig, man lässt sich bezuschussen, vom Staat, um überhaupt seine laufenden Kosten bezahlen zu können.
Das ist der perfide Gedanke daran. Zeitarbeit ist m.E. enstanden, indem Agenturen für kurzzeitige Überbrückungsmaßnahmen geeignetes Personal für Firmen zur Verfügung stellt. Rent a Fachmann. Leider ist dieser Unternehmenszweig vollkommen pervertiert. Er bietet eine ganze Armee von Arbeitswilligen an, die jederzeit wieder gegangen werden können, auch wenn sie vorher Monate, ja, Jahre in dem Unternehmen gearbeitet haben. Ich habe es auch schon erlebt, das einem Teil einer Belegschaft gekündigt wurde, sie aber wieder eingestellt wurden, wenn dies über eine Zeitarbeitsfirma erfolgte. Hauptsache, man hat einen Job? Sind wir wirklich schon so weit in Deutschland? Ja, das sind wir. Leider.

5) Gehen wir ans Eingemachte. Als das Briefmonopol aufgeweicht wurde, die Post ihre Vorrangstellung für die alleinige Briefbeförderung verlor, gingen die Mitarbeiter eines neu gegründeten Unternehmens auf die Straße, das Briefe befördern lassen wollte. Der Name: PIN. Der Grund für die Proteste: Einführung eines Mindestlohns in diesem Dienstleistungssektor. Und zwar protestierte die PIN-Belegschaft GEGEN einen Mindestlohn. Warum? Ganz einfach. PIN, an der die Axel Springer AG stark beteiligt war, basierte auf einem Geschäftsmodell mit einem Stundenlohn knapp über fünf Euro. Für Vollzeit, wohlgemerkt.
Was haben wir hier also? Da wollte ein Unternehmen der Post was vom Kuchen abbeißen, und das auf eine Methode, die damit kalkulierte, dass der Wohlfahrtsstaat schon dafür sorgte, dass die absolut unannehmbaren Löhne auf ein erträgliches Maß aufgestockt werden würden. Was wäre die Folge gewesen, bzw. ist es heute? Wir, die breite Masse der deutschen Bürger, die Steuern entrichten, hätten PIN dabei finanziert, wie sie Menschen in Lohn und Brot, in einem ordentlichen Tarifvertrag mit einer ordentlichen Bezahlung quasi den Job unterm Arsch weg subventioniert.
Leider sieht es in vielen Branchen heute so aus. Dank Niedriglöhnen und Zeitarbeit. Wir sind in den letzten fünfzehn Jahren dafür aufgekommen, dass nicht wettbewerbsfähige Unternehmen dank der Einsparungen im Lohnsektor Firmen, die ihre Mitarbeiter ordentlich nach Tarif bezahlt haben, kaputtsubventioniert haben. Was tun mit all den Arbeitnehmern, die anschließend entlassen werden und wurden? Ab in die Zeitarbeit mit ihnen.


6) Was passiert mit Menschen, die ihren Euro zweimal umdrehen müssen, bevor sie ihn ausgeben? Urlaub in der Karibik oder wenigstens an der Nordsee? Den neuen Flachbildschirmfernseher kaufen, oder tut es das alte Röhrengerät noch? Gibt man dem Markenwahn des eigenen Kinds nach, damit es in der Schule nicht gehänselt wird, oder tun es dann doch die Sachen aus KIK und Takko?
Mit anderen Worten: Menschen aus dem Niedriglohnsektor haben weniger Geld zur Verfügung, geben weniger Geld aus, und belasten damit den deutschen Binnenmarkt. Leider gilt der als Stütze unserer Wirtschaft.  Tja, Pech gehabt, oder was?


Fazit: Hire&Fire heißt eine Praxis aus den USA. Dort ist es durchaus üblich, heute bei A zu arbeiten, und nächste Woche bei B. Die verlangten Qualifikationen sind in etwa identisch, und die Arbeitnehmer hüpfern ohne große Probleme von Job zu Job. Nun, sie hüpften, denn der liberale Wirtschaftswahn hat auch in den USA jede Menge Jobs vernichtet.
In Deutschland war es eigentlich immer so, dass man durchaus in der Firma, in der man gelernt hat, bzw. seine erste Anstellung fand, Jahrzehnte oder gleich für den Rest des arbeitenden Lebens angestellt war. Durch den Druck der Forderung der Lohnkostensenkung ist dieses erfolgreiche Modell, das uns Deutschland wieder aufbauen ließ, das uns durch die Ölkrise in den Siebzigern brachte, und uns sechzehn Jahre Kohl überdauern ließ, zusammengeklappt wie ein Kartenhaus. Aber deutsche Firmen beherrschen Hire&Fire nicht; im Gegenteil, einige befleißigen sich der Methode, ihre Arbeitnehmer zu feuern und über Zeitarbeit wieder einzustellen.
Dazu muss ich sagen: Wir sind hier nicht in den USA. Aber zahme Gewerkschaften und der Aufruf der Arbeitgeber, das zarte Pflänzchen des Aufschwungs nicht zu beuteln, haben zu niedrigen Lohnsteigerungen geführt als wir gebraucht hätten. Ein bis zwei Prozent Inflation pro Jahr gab es trotzdem. Dies ist ein nicht hinnehmbarer Zustand, dem der Kampf angesagt werden sollte. Definitiv. Gewerkschaften, Betriebsräte, SPD, meinetwegen Grüne und Linke, das muss der Weg der Zukunft sein: Für den Arbeitnehmer wieder einfordern, was seine Arbeit wert ist. Wir sind doch nicht Export-Vize-Weltmeister, weil die Firmen mehr Profite durch Lohneinsparung machen; wir sind es, weil die Arbeitnehmer jene Produkte fertigen und verkaufen, denen die Firmen ihre Profite verdanken.
Wo ist also die soziale Gerechtigkeit hin, die Beteiligung der Arbeitnehmer am Profit, wohin steuert der Binnenmarkt, wenn die Arbeitnehmer immer weniger Geld für seine Produkte haben? Was ist schlimm daran, den Menschen zu bezahlen, was sie wert sind?
So, wie es jetzt gerade läuft, ist es für den Binnenmarkt, für die Arbeitnehmer, für ganz Deutschland einfach nur schlimm.
Beweise: Schaut noch mal oben nach. 23,1% kriegen weniger Stundenlohn als 9,15€.

Kommentare:

Stinkstiefel hat gesagt…

Ist es nicht so das viele Manager der großen deutschen Firmen ihre Ausbildung (Studium) in den USA machen. Verwundert es dort noch das sie versuchen die gleichen Praktiken wie dort anzuwenden. Das gleiche gilt doch auch für die Wirtschaftswissenschaften.
Würdest du nicht auch glücklicher sein, wenn deine Firma dir wegen einem hohen Gewinn, statt 500.000, 600.000 auszahlt?

Ace hat gesagt…

Ehrlich gesagt, kann ich Dir diese Frage nicht zufriedendstellend beantworten. Generell bin ich dafür, dass Leistung generell belohnt wird. Wenn also jemand ein Budget von zwanzig Millionen Euro verwaltet, und für die erfolgreiche Verwaltung eine halbe Million Prämie erhält, habe ich damit kein Problem.
Mein Problem beginnt, wenn die Liquidierung der Firma einen großen Gewinn verspricht, und deshalb eines Tages die Belegschaft auf der Straße sitzt, oder zu schlechteren Konditionen weiter arbeiten muss.
Ich denke, dass Manager, egal ob sie in den USA studiert haben oder hier, in erster Linie der Firma verpflichtet sind; den Menschen, die für sie arbeiten und ihre Leben haben. Es muss einfach die Pflicht sein, dass die Interessen der Firma zuerst kommen - und das bedeutet, dass die Firma weiter besteht, dass die Renditen ausgezahlt werden, und dass die zufriedene Belegschaft für ihr gutes Geld entsprechende Produktivität an den Tag legt.
Das wäre deutsches Verhalten.
Ich bevorzuge das.

Nathan hat gesagt…

Ich hab mir heut nen bericht über die paketbranche angesehen
http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/videos/minuten393.html

kurz darauf bin ich auf einen Bericht von der Konkurenz gestoßen
http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2011/0825/hermes.php5

tja da bekommt der herr otto ein bundesverdienstkreuz für sein soziales engagment und zugleich hat er für die Paketzusteller seines unternehmens die verantwortung abgewälzt und wenn man ihn darauf anspricht merkt der herr in seinem elfenbeinturm noch nicht mal wie die wirklichkeit ist

Anonym hat gesagt…

Armut hat viele schlechte Konsequenzen für die Geselschaft. Paradoxerweise sogar für die am meisten verdienenden... dazu ein wunderbarer TED Talk: http://www.ted.com/talks/lang/en/richard_wilkinson.html
In Deutschland ist es leider von Jahr zu Jahr schlimmer... Erstens gibt es immer mehr Konsumenten auf der Welt, und daher bekommt der statistische Deutsche immer weniger vom Kuchen ab, zweitens gibt es eine starke Tendenz zur Kapitalkonzentration. Die wird von Finanzmarkt der auf Spekulationen basiert und Geldsystem dass auf Kreditvergabe basiert nur noch verstärkt.

Ace hat gesagt…

Nathan: Erinnert mich jetzt ein wenig an die Amazon-Diskussion und die für 400,-€ eingestellten Saisonkräfte für das Weihnachtsgeschäft, die hinterher wieder gehen müssen. Auch keine astreiche Geschichte.

Ace hat gesagt…

Anonym: Richtig. Eine Umverteilung ist dringend nötig. Sie wird sicher auch kommen. Die Frage ist halt, ob durch Occupy, freiwillig, oder durch eine Revolution? Letzteres schließe ich nicht aus.

Stinkstiefel hat gesagt…

Die Revolution!
...
Die gute Revolution wird aber sicherlich nicht gewaltlos von statten gehen.

Ace hat gesagt…

Oh, es gab gewaltlose Revolutionen. Nicht jede wird mit der Waffe ausgetragen, manche nur mit Ideen. Neuen Ideen.

Stinkstiefel hat gesagt…

Sollte es zu einer Revolution in Deutschland kommen, würde es genug Gruppen (Verrückte) geben die gewaltsame Aktionen durchführen würden. Um die die einzig wahre Gesellschaftform (z.B. Kommunismus) einzuführen.
Idioten sterben nie aus!

Ace hat gesagt…

Ja, das erinnert doch an das Chaos vor der Machtergreifung durch die Nazis, eh?
Aber diesmal würde es etwas anders ausfallen. Wir haben ja jetzt Internet, und damit auch ganz andere Möglichkeiten. Gewalt würde sicherlich aufflackern, einfach nur, weil "sich jemand ausleben" will, aber es wäre gläserne Gewalt, denn das Internet und Youtube-Videos sind überall.
Ich schätze, Hoyerswerda und Rostock waren vor zwanzig Jahren möglich, aber nicht mehr heutzutage.