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Montag, 10. September 2012

Hinter dem Internet - wenn PR-Frauen logische Fehler übersehen

Ja, dies ist in der Tat ein Blog-Eintrag über die Wulff. Die zweite Frau des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff. Wie heißt sie doch gleich? Hm, Bettina, sagt Google. Stimmt, Bettina.
Über die hat, das wird ihm unterstellt, der Günther Jauch was ganz Böses angedeutet: Sie hätte mal Escort gemacht, wird er aus einer Talkrunde zitiert. Das war laut meiner Tageszeitung im Mai.
Hier der Vollständigkeit halber mal seine Meinung zum Thema auf tagesschau.de.

Heute steht in der BILD, dass besagte Frau Wulff ein Buch geschrieben hat. Es heißt "Hinter dem Protokoll."
Und am Wochenende ging durch die Presse, dass sie Günther Jauch auf Unterlassung verklagt hat. Aber jetzt erst hat es die Nachricht in die Medien geschafft.

Ich will mich nicht über eine angebliche oder tatsächliche Vergangenheit von Frau Wulff im Escort-Gewerbe oder im Rotlichtmilieu auslassen. Ich möchte zu dem Thema anmerken, dass in Zeiten, in denen Gina Wild wieder zu Michaela Schaffrath werden konnte, nur besonders spießige, rückständige und konservative Menschen in einer jungen, intelligenten und hübschen Frau, die womöglich Escort gemacht haben könnte, einen Aufreger finden können. Mich lässt das eiskalt. Genauer gesagt, es interessiert mich nicht die Bohne.
Ich will mich auch nicht darüber auslassen, dass die Veröffentlichung über die Unterlassungsklage gegen Jauch und die Ankündigung der Buchveröffentlichung überraschend gut zusammen fallen, und eine gute Publicity garantieren. Oder darüber, dass BILD wieder dazu übergeschwenkt ist, den Wulff-Karren zu ziehen, was dem Buch schon vorab gute Abverkäufe garantiert.

Nein, mir geht es in diesem Blogeintrag um den zweiten "großen Wurf", der von Frau Wulff gelandet wurde. Ihre Unterlassungsklage gegen Google, in dem der Suchmaschine verboten werden soll, im Zusammenhang mit ihrem Namen auf Seiten zu verlinken, die Verbindungen zwischen ihr und Escort oder gar das Rotlichtmilieu darstellen.
...sacken lassen.


Das ist natürlich eine strategisch kluge Entscheidung von Frau Wulff. Die großen Printverlage wollen ohnehin gerade an die Honigtöpfe von Google, und mit Google Streetview hat sich der Konzern gerade unbeliebt gemacht (nicht bei mir, wohlgemerkt)... Außerdem, um die öffentliche Stimmung weiter gegen Google zu kippen, wird ja gerne und oft darauf hingewiesen, was Google an Daten über unser Surfverhalten speichert. Die Suchmaschine auch für die eigenen Zwecke an den Pranger zu stellen, ist en vogue. In gewissen, nicht ganz so freien und ganz so informierten Kreisen zumindest.
Nun verlangt Frau Wulff aber mit genau diesem Verbot... Zensur.

Ich will mal ganz kurz sagen, wie ich das sehe, bzw. den Vorgang der Google-Suche beleuchten.
Ich tippe einen Suchbegriff ein. Google liefert mir je nach Suchbegriff sagen wir null bis zwei Millionen weiterführende Links. Die Links, die beim gleichen Suchbegriff öfter angeklickt werden, wandern nach oben. Die, die weniger angeklickt werden, wandern nach unten. Die am häufigsten angeklickten Links bilden Seite eins. Im Klartext: Wenn ich Bettina Wulff bei Google eingebe, und ich kriege auf Seite eins erstmal zwanzig Links zu Seiten, die sich über ihre angebliche Vergangenheit als Escort-Dame oder im Rotlichtmilieu auslassen, dann ist das eine urdemokratische Entscheidung der Benutzer Googles. Sie haben gezielt und sehr, sehr oft mit Google nach diesen Seiten über Frau Wulff gesucht. Mehr und öfters als alle anderen Google-Nutzer, die etwas über Frau Wulff wissen wollten.
Sicher ist es technisch möglich, die entsprechenden Seiten zu sperren, damit sie über die Google-Suche nicht mehr gefunden werden können - Zensur bleibt es trotzdem. Denn nicht Google stellt diese Links an die Spitze, sondern der Algorhythmus der Suchmaschine. Eine Manipulation seitens von Google bleibt eine Manipulation, und außerdem tut der Konzern dann genau das, was ihm von der Politik und der Wirtschaft immer wieder vorgeworfen wird: Er würde die Link-Ergebnisse manipulieren. Dabei ist das einzige, was Google macht, entsprechende Anzeigen am rechten Seitenrand zu schalten, die zum gesuchten Thema passen. Dort wird auch in wenigen Tagen bei der Suche nach Bettina Wulff ihr Buch zu finden sein. Passend mit Verkaufslink.
...sacken lassen.

Ich fasse zusammen: Die Unterlassungsklage ist einerseits geschickt, weil Google-Bashing gerade Mode ist. Andererseits ist es ein Aufruf zu Zensur, und das auch noch an der falschen Stelle. Frau Wulff muss sich eigentlich mit den Seiten anlegen, die entsprechende Artikel über sie verfasst haben, und nicht Google damit behelligen. Das wäre effektiver, denn selbst wenn Google dieser Zensur zustimmen würde, die Artikel wären trotzdem noch im Web. Und es gibt immer jemanden, der sie weiterverlinkt.
Was haben wir hier also? Technisches Unverständnis bei Frau Wulff? Oder doch nur eine weitere taktische Werbung mit populären Begriffen für ihr Buchdebüt?
Ich vermute Letzteres. Dennoch bleibt die Forderung nach Zensur von Google selbst im wohlwollendsten Fall... ungeschickt. Nehme ich kein Blatt vor den Mund, nenne ich es eine Frechheit. Aber Werbung ist es in jedem Fall für Frau Wulff. Leider. Sogar ich blogge ja darüber. ^^°°°

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo Ace,

so einfach ist das nicht. Frau Wulff verlangt nur etwas von Google, was google auf Wunsch anderer mafias^W Organisationen(von Religiösen vereinen bis zur "Contentindustrie") schon hundertfach macht. Beispiele? "The Pirate" wird auch nicht mit "Bay" ergänzt, bei "Se" schmeißt google auch nicht das x hinterher, "Megaup" wird durch das falsch geschriebene "megauploud.com" ersetzt aber nicht durch die korrekte Schreibweise, obwohl solche Suchanfragen sicher sehr häufig sind.

Fazit: Frau wulf verlangt da nur etwas, was google eh tagtäglich schon zigmal tut ohne dass es jemanden stört.

Tostan

Ace hat gesagt…

Danke für die Information, Tostan. Das war mir nicht bekannt.
Es ändert aber nicht den Grundtenor meiner Argumentation. Sie fordert Zensur (die ich auch bei Deinem Pirate-Beispiel für einen Eingriff in die Grundrechte halte), und zugleich löst sie das Problem nicht. Die Seiten und Blogs, die weiterhin über sie herziehen, existieren weiterhin. Das hat etwas von des Kaisers neuen Kleidern. Wenn man sich nur gut genug anstrengt, dann sieht man die Sachen auch...
Es wäre Frau Wulff dringend geraten, gegen die Sites direkt vorzugehen. Ein anwaltlicher Rundumschlag bringt sicher mehr als etwas halbherziges Google-bashing.

Anonym hat gesagt…

Frau Wulff geht ja auch gegen andere Medien vor, die so was direkt behaupten. Aber: Es geht ihr ja nicht unbedingt darum, diese Gerüchte zum Schweigen zu bringen(dann hätte sie das schon längst getan - außerdem ist ihre[r|m] PR-BeraterIn der Streisand-Effekt sicher ein Begriff) Es geht ihr um PR für ihr Buch. Und da ist eine Klage gegen Google viel wirksamer(und positiver) als zig arme Blogger zu verklagen.

Aber es zeigt schön, wie heutzutage zensiert wird und wie marktbeherrschende Großkonzerne damit Meinungsmache betreiben(können). Betrifft nicht nur Google mit seinen manipulierten Suchalgorithmen sondern auch andere ... der marktbeherrschende Großbuchhändler der durch Vorschläge Verkäufe pushen kann, die handvoll Medienunternehmen welche alle relevanten Nachrichtenkanäle(TV, Radio, Zeitung, ...) besitzen undsoweiter....

Tostan

Ace hat gesagt…

Tostan, das schreibt doch geradezu nach einem Gastblog. Ist ja auch schon halb fertig. Hast Du nicht Lust auf zwei, drei weitere Seiten zum Thema? Du hast da definitiv den besseren Überblick als ich, und für meine Leser wäre es definitiv eine Bereicherung. ^^b

Dass es um Buch-PR geht, war mir auch klar, sonst wäre die Unterlassungsklage nicht in die Veröffentlichung des Buches hinein gefallen. Ich finde nur, dass wir User nicht so dumm sind zu glauben, dass eine Klage gegen Google ihr wirklich weiterhelfen könnte. Wenn Frau Wulff das wirklich glaubt, bzw. darauf spekuliert, ist ihr nicht zu helfen.