Seiten

Donnerstag, 7. Juni 2012

Was vom Sushi übrig blieb...

Jeder, der im Mai meinen Blog aufmerksam gelesen hat, weiß: Ich liebe Sushi! Um ehrlich zu sein gibt es nur EINE Sache, die ich noch lieber esse als Sushi, und das sind Nudeln, speziell Spaghetti. Und das will schon was heißen.
Nun habe ich in der heutigen überregionalen Ausgabe der Leine Deister Zeitung einen Artikel über Sushi gelesen. Sushi-Boom bedroht Meere heißt der Artikel, und als Quelle wird dpa angegeben. Im Artikel selbst geht es aber vor allem um den von Überfischung bedrohten Blauflossenthunfisch, auch oder eigentlich Roter Thun genannt, und um den Dokumentarfilm Sushi - The Global Catch von Mark Hall, dem auch Zeit Online einen Artikel gewidmet hat.
Demnach ist Sushi ein Luxusprodukt, und für die Überfischung des Blauflossenthunfisch verantwortlich. Und während Zeit Online von der "milliardenschweren Sushi-Industrie" schwadroniert, zeigt sich die LDZ eher versöhnlich, indem sie darauf hinweist, Sushi-Fans "können auf den Gelbflossenthunfisch ausweichen".

...sacken lassen.

Worüber ich mich aufrege: Weder bei Zeit Online noch LDZ, geschweige denn dpa scheinen die Redakteure jemals in ihrem Leben Sushi gegessen zu haben. Sonst wüssten sie nämlich, dass es außer Thunfisch-Sushi und vegetarischem Sushi auch noch ganz andere Sorten Sushi in der Welt gibt. Tatsächlich sind Thunfisch-Sashimi und Thunfisch-Nigiri auf vielen Karten weltweit vertreten, aber nicht die Essenz von Sushi.
Ich will an dieser Stelle einlenken. Wenn Blauflossenthunfisch überfischt wird, wenn der Bestand durch Überfischung womöglich vernichtet wird, wenn es bald nie wieder Blauflossenthunfisch geben wird, ist das ein Thema, über das man berichten muss, berichten kann und auch berichten darf. Auch einen Dokumentarfilm drehen. Die Tatsache, das auf der Tokioter Fischbörse schon mal dreihunderttausend Euro oder mehr für ein Prachtexemplar bezahlt werden, zeigt ja wohl zwei Dinge an: Zumindest richtig hochwertiger Blauflossenthunfisch ist (bereits?) eher selten, aber der Bedarf ist da, und die Kunden der Sushi-Künstler sind bereit, für diesen Genuss Unsummen zu zahlen. Und gerade Sushi-Produzenten sollten mehr als alle anderen daran interessiert sein, dass es Blauflossenthunfisch auch noch in fangbarer Menge in hundert Jahren im Ozean gibt.
Aber dafür quasi das ganze Thema Sushi pauschal zu verurteilen, das ist ein starkes Stück.
Was ist mit meinen Shrimps-Maki und -Nigiri? Wie sieht es mit meinem Lachs aus? Was mit mit Herzmuschel-Nigiri? Die Lachsrogen-Maki? Oder diese leckeren Maki mit Fischsalat? Barsch-, Lachs-, und Tintenfisch-Sashimi? Und hier fange ich erst an. Klar ist Thunfisch ein Bestandteil der Sushi-Küche. Aber ich bezweifle doch sehr, dass ich je in meinem Leben Blauflossenthunfisch in Deutschland serviert bekommen habe. Hat trotzdem geschmeckt. Und ehrlich gesagt habe ich Thunfisch-Sashimi erst einmal, und Thunfisch-Nigiri zweimal in meinem Leben gegessen. Schmeckt, zugegeben, wobei mir Sashimi an sich nicht so sehr zusagt wie die Nigiri, weil ich die Reisnote sehr mag. Doch lieber esse ich Lachs und Shrimps. Gerne auch mal Tako, und wenn es halt sein muss, auch ein gutes Nigiri mit Rührei-Stückchen, die Tamago-Nigiri.

Fazit: Um es auf den Punkt zu bringen, wusste ich schon, was mich erwartet, nachdem der Artikel Sushi-Boom bedroht Meere sich bereits in den ersten Zeilen ausschließlich um Blauflossenthunfisch gedreht hat. Ein Eyecatcher als Schlagzeile, Anklage an populäres Yuppie-New Age-Food, und dann das Fazit: Sushi-Esser rotten den Blauflossenthunfisch aus.
Nicht mit mir, Leute. Und sicher nicht mit irgendjemandem, der gerne mal Sushi isst.
Diese Totalverurteilung von Sushi an sich ist ein totaler redaktioneller Fehlgriff. Eine Konzentration auf das Thema an sich, den Blauflossenthunfisch, wäre dem Thema auch in Hinsicht auf die Tokioter Fischbörse und den Bedarf der Sushi-Künstler besser gewesen, wie es der Dokumentarfilmer sicherlich auch gemeint hat, indem er seine Interviews von Verwertern und Kritikern unkommentiert lässt. So aber ist es nur ein nichtssagendes Pamphlet, unter dem eine Kochsparte zu leiden hat, die nur mittelbar "Schuld" ist.

Zwei Gedanken, die ich noch zum Thema habe, möchte ich loswerden.
Zum einen sind da die horrenden Auktionspreise, die Blauflossenthunfisch erzielt. Besonders der Artikel auf Welt Online ist zwiespältig verfasst. Wird nun jeder Thunfisch da so teuer versteigert? Oder zumindest die Hälfte, ein Drittel, oder wieviel?
Ich vergleiche das jetzt mal mit den Koi-Karpfen, die in Japan sehr beliebt sind, und auch in der westlichen Welt ihre Fans haben. Nur eine Sorte Koi-Karpfen bringt wirklich einen Höchstpreis: das sind jene schneeweißen Karpfen mit dem roten Punkt im Nacken, die aussehen wie die japanische Nationalfahne. Dann kommt erst einmal lange Zeit nichts, und dann erst setzen die Zuchtformen ein, bei denen große, prächtig gemusterte Fische auch ihren Preis erzielen, aber eben nicht die Spitzenpreise wie die mit der japanischen Fahne als Schuppenkleid.
Ebenso wird es mit den Blauflossenthunfisch sein. Ein frischer, gesunder und besonders großer sowie wohlgeformter Fisch schafft es hier in die oberste Preiskategorie - da ich Fotos von Sushi-Tafeln gesehen habe, wo der Kopf mitserviert wurde, gibt es hier wohl auch einige wichtige Kriterien, den Kopf betreffend. Alle anderen fallen unter ferner liefen, werden aber, bei entsprechendem Bedarf, auch ihren Preis erzielen - nur halt keine halbe Million Euro.

Der andere Gedanke ist, dass Sushi, wie ich mal gelesen habe, angeblich entstanden sei, weil "die frühen Japaner alles, was irgendwie essbar war, in Reis gelegt und mit Reisblättern umwickelt haben" sollen.
Tatsächlich ist die Geschichte des Sushi sehr alt, und nicht nur in Japan weitverbreitet. Kulturell gehört diese Speise zu ganz Südostasien.
Und wenn mal nicht gerade ein Dreihunderttausend Euro-Thunfisch auf dem Teller liegt, dann gilt Sushi durchaus nicht als Delikatesse, sondern als Alltagsessen. Spötter meinen sogar, Sushi sei eigentlich ein "Arme Leute-Essen".

Tja, es ist legitim und richtig, dem Hauptabnehmer für Roten Thun, der Sushi-Industrie, auf die Finger zu schauen und diesen Aspekt besonders zu beleuchten. Auch die verantwortlichen Geschäftsleute mit dem Problem zu konfrontieren.
Dafür aber eine ganze Kochrichtung abzuwatschen und so zu tun, Sushi würde grundsätzlich und ausschließlich mit Thunfisch zubereitet - ja, und selbstverständlich NUR mit Blauflossenthunfisch - ist nicht nur eine Frechheit, sondern ganz mieser Journalismus.
Also: Sushi bedroht keinesfalls die Meere, jedenfalls nicht mehr, als die übliche Überfischung durch westliche Fangflotten ohnehin verursacht. Und mir meine Tako-Nigiri und meine Kappa-Maki madig zu reden, weil die Autoren der Artikel nicht mal wissen, dass es diese Varianten gibt, ist sehr, sehr, sehr peinlich.

Aber bevor ich es vergesse: Rettet den Roten Thun. Ich für meinen Teil esse jetzt gar keinen Tuna mehr, oder, wenn es sich nicht vermeiden lässt, nur noch Gelbflossenthunfisch.

P.S.: Ein großer, ausgewachsener Roter Thun bringt es auf drei Meter Länge und rund dreihundert Kilo Gewicht. Das sind eine ganze Menge Sashimi und Nigiri.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Da ich Sushi erst vor kurzen für mich entdeckt habe (eigentlich nur die California Springsrolls, aber Zubereitungstechnisch ist das ja auch schon Sushi!) und ich den normalen Dosenthunfisch sehr mag, bin ich mir nicht sicher ob ich jetzt ein schlechtes Gewissen entwickeln sollte. Blau- oder Rothuna ist bei mir noch nie auf dem Teller gelandet, da wir eher bescheiden sind bei der Auswahl von Fisch (außer wir gehen zur Nordsee essen).
Natürlich ist es auch ne Sauerei das so zu verurteilen, aber so ist Deutschland halt. Bibbert und Zetert gegen alles was der Bauer (bzw. Deutsche) halt nicht kennt.

Ich hab auch schon den anderen Sushi-Artikel gelesen (Hannover-Nacht, war es glaube ich?), aber ich musste leider feststellen, dass es diese Restaurants nicht bei uns gibt. Ok, 2 oder 3 Sushibars habe ich schon erspäht, aber es wäre ein verdammt komisches Gefühl da auch wirklich reinzuspazieren, wenn es fast leer ist. (der Sushi-Boom scheint hier wohl noch nicht angekommen zu sein)
Außerdem verwirrt mich diese Tellerfarbensache (ich geb es wenigstens zu!) ungemein und meine Geldbörse sitzt auch nicht so locker das ich am Ende ne ganze Platte bezahlen könnte, wenn ich mal nach dem Falschen gegriffen hätte. Und natürlich herrscht das alt hergebrachte Misstrauen gegen den angeblich giftigen Fisch (wobei, ich in so ne Sushibar vermutlich gar nicht reinkäme, preismäßig), aber irgendwann habe ich mir den Schubs gegeben und habe es nicht bereut.
Und ich lebe noch, wie man sieht.
Vielleicht werde ich auch mal in den Genuß der Boxen mit dem echten Fisch kommen, wenn ich es endlich schaffe den Röllchen-Konsum zu steigern. (5,5 Rollen machen einen wirklich satt- hätte ich nicht geglaubt. )
"Retten den Thuna?"? Du meintest wohl eher "Rettet den Roten Thun".
Ich hoffe das kannst du noch editieren.

Miyu-Moon

Ace hat gesagt…

Keine Sorge, California Rolls sind auch Sushi. Recht schmackhaftes, wenn man sie z.B. in Hannover unter dem Bahnhof in meinem Lieblingsladen isst.
Ich glaube, das deutsche Problem mit Sushi ist einfach, weil roher Fisch suspekt ist, und so ein "Elite-Futter" wie Sushi tatsächlich nichts für Bauern ist, auch wenn das fies klingt.

Na ja, die farbigen Teller hast Du nur beim Fließbandsushi. In den üblichen Lokalen bestellt man á la Carte.
Aber wenn Du mal in einen Fließbandsushi rein gerätst: Die Maki, also die Röllchen, sind immer am billigsten. Die Farbcodes stehen auch überall, damit man sich nicht aus Versehen mit den sieben Euro-Teller in den Ruin isst.
Nimmst Du denn auch schön Sojasoße, Wasabi und eingelegten Ingwer dazu?

Danke für den Hinweis. Fehler ist ausgemerzt.

Anonym hat gesagt…

Die Sushibars die ich gesehen habe, waren meist Fließbandsushi. Richtige Sushirestaurants wären wohl nicht meine Preisklasse, wobei es das Sushi meist nur als Zugabe in den chinarestaurants gibt. Wobei...hm, ich glaube ich hab ein richtiges Sushi-Restaurant im Kopf, aber ich bin mir nicht sicher ob das noch existiert.
Am liebsten würde ich meine Familie als Alibi hinschleppen, aber die verdrehen dann nur die Augen und würden sich beschweren, das ich sie "vergiften" wollte.

Bei Wasabi bin ich vorsichtig, da dass selbst für mich sehr ungewohnt scharf ist.^^ Sojasoße leere ich meist die halbe Flasche drauf aus und der (eingelegte?)Ingwer ist auch mit dabei. Ist nämlich alles inbegriffen in der Sushi-4Euro-box von der Nordsee and dafür mag ich die. Übrigens das Design der Sushiflaschen ist echt süß.

http://www.bento-und-mehr.de/wp-content/uploads/2010/03/sojafisch3-450x337.jpg

Aber Bilder von der Box finde ich gerade nicht. Das einzige was es nicht dazu gibt, ist Sake.
Gehe ich richtig davon aus, das Kapa-Maki, Sushi mit Gürkchen ist?

Anonym hat gesagt…

obiges Sushi-Kommentar ist von mir. >.>

Miyu-Moon

Ace hat gesagt…

Fließbandsushi-Läden gehören normalerweise zu den preisgünstigen Varianten - aber natürlich nicht in Deutschland. Generell ist Fließbandsushi eine witzige Sache, aber ich würde vorher mal die Preise vergleichen. Wenn ich mich in Hamburg richtig satt esse und zehn bis zwölf Teller anhäufe, dann bin ich mit Miso-Suppe und drei bis vier Sake schnell bei vierzig bis fünfzig Euro.
Es lohnt sich, also vorher auf die Preise zu schauen. Genauso lohnt es sich aber auch, auf die Qualität zu achten.

Du kannst das Wasabi einerseits auf das Sushi streichen - mache ich sehr gerne bei Nigiri, also die Teile, wo der Fisch auf den Reis drauf gelegt wird, und Du kannst einen Teil des Wasabi in der Sojasoße einrühren. Wenn sie heller wird, bekommt sie etwas mehr Schärfe. Ich mag das sehr.

Bei Nordsee gibt es Sushi-Boxen? Gestern war ich einhundert Meter von einem Nordsee-Laden entfernt. :(((
Der Sushi-Fisch hat schon Symbolcharakter und ist weltbekannt. ^^

Wenn Du Deine Familie zu Sushi überreden willst, dann schwärm ihnen mal vom exzellenten Grüntee vor, den es dort gibt. Vom heißen Sake, den ich nur empfehlen kann. *seufz*
Und erwähne die vegetarischen Sushi. Ja, Kappa-Maki sind solche vegetarischen Sushi, in diesem Fall mit Salatgurke. Nicht mit Essiggurke, wohlgemerkt.
In einigen Restaurants gibt es auch gegarten Fisch, z.B. in den Maki mit Fischsalat. Den kannst Du gefahrlos essen. Und wenn sie angefixt sind, dann verführ sie mal dazu Maki mit Lachs zu essen. So beginnt es. ^^
Ach, manche bieten als Vorspeise auch gebratene Nudeln an und haben Gabeln für Stäbchenlegastheniker. ^^ Die gebratenen Nudeln muss ich einfach empfehlen.

Noch was zum Vergiften: Das geht nur mit Fugu, dem Kugelfisch, der ein Gift enthält, das die Atmungsmuskeln lähmen kann. Oder durch verdorbenen Fisch. Aber das riecht man in einem Sushi-Laden, wei frisch der Fisch ist, wenn Du reinkommst. ^^

Anonym hat gesagt…

Also mit Tee werde ich sie wohl kaum anködern können. Bei Sake bin ich mir nicht sicher, wiel ich gar nicht weiß, ob einer von denen jemals in seinen Leben Sake gesehen hat. (außer vielleicht in Filmen)

Yupp, Nordsee (Süddeutschland zumindest) hat ne Menge Boxen Sushi-2Go, von klein bis Partyboxen. In den Genuß der Partyboxen bin ich natürlich noch nicht gekommen, da bei mir keine Feiern anstehen.

Das größte Hindernis stellt natürlich meine Cousine und meine Tante dar, bei denen ich überhaupt nicht weiß, ob die echten Fisch essen würden.
Und wenn es um solche Essen geht, sind das immer Entscheidungen wo es nicht nach der Mehrheit geht, sondern danach was der einzelne so mag. Wenn es also einen Fischhasser in der Runde gibt, muss man darauf Rücksicht nehmen.^^°
Und ich bezweifle ob das Cousinchen schon aus dem Fischstäbchen-Stadium draußen ist. (oder ob sie Fisch überhaupt mag.)
Naja, Nordsee wäre nicht so dramatisch, weil sich da jeder seinen Fisch bestellen könnte, ohne sich zum Sushi gezwungen zu fühlen.

Was den Kapa-Maki betrifft, wusste ich nicht welche Art von Gurke das war, nur das Kappas angeblich keine Gurken mögen. So ist das doch ein recht ironisches Gericht.

Miyu-Moon

Ace hat gesagt…

Ich glaube tatsächlich, dass Nordsee für ein erstes Vortasten die richtige Wahl ist.
Mist, warum habe ich das mit Nordsee nicht früher gewusst? ^^°°°

Äh, nein. Der Kappa, ein Wasser-Land-Hybrid aus der japanischen Mythologie, dessen Delle auf dem Kopf immer mit Wasser befüllt sein muss, ist ein großer Gurken-Liebhaber. Tatsächlich frisst der Kappa nur Gurken. Also, der Kappa frisst nur Kappa. ^^
Das ist dann schon irgendwie komisch.