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Mittwoch, 18. Mai 2011

Pwned 'bout Fukushima

Gestern wurde ich gepwned. Und das vollkommen zu Recht, wenn ich im Nachhinein nachdenke. Wegen der Reaktorkatastrophe in Fukushima Daiichi. Vom Freund meiner Schwester.
Was war passiert? Nun, das was immer passiert, wenn wir zusammensitzen: Wir unterhalten uns, hüpfen durch die Themen, und da wir beide ein breites Wissen haben, kommt immer was Konstruktives bei raus. Dann kam das Thema auf Fukushima, und ich, mit dem Gedanken daran, was passiert wäre, wenn bei einem, oder womöglich allen sechs Kernkraftwerken die sogenannten Cores supererhitzt auf z.B. Grundwasser getroffen wären, was eine wirklich erstklassige Explosion mit anschließender Verseuchung Nord-Honshus zur Folge gehabt hätte, sagte: Das hätte noch viel schlimmer kommen können.
Nun, der Freund meiner Schwester war nicht dieser Meinung. Er sagte, es wäre so schon schlimm genug, und es würde die Menschen, die unter Tsunami, Erdbeben und nun Atomkatastrophe leiden müssten, verhöhnen. Mit einem "Es hätte schlimmer kommen können" ist ihnen weder geholfen, noch werden sie in irgendeiner Form getröstet. Von den Toten, den Obdachlosen, den Evakuierten und den Angehörigen der Opfer, die ganze Liste runter. Keinem ist damit geholfen, diese Riesenkatastrophe auch nur ansatzweise, auch nur in Gedanken zu beschönigen. Pwned. Vollkommen zu Recht.

Es passt sich eigentlich. Ich wollte die Tage ohnehin etwas zu Fukushima Daiichi schreiben, alleine schon um zu zeigen, das ich das Thema weiterhin im Fokus habe (wobei, wie ich zugeben muss, die Folgen von Erdbeben und Tsunami etwas aus meinem Blickwinkel verdrängt werden, was nicht zuletzt an unserer einseitigen Berichterstattung in den Medien liegt - ich würde wirklich gerne mehr über den Wiederaufbau und die Versorgung der Bevölkerung erfahren, über die Arbeit der Hilfskräfte im Erdbebengebiet, und ich würde liebend gerne etwas darüber lesen oder sehen, dass Menschen in der Krisenregion tatsächlich wieder zur Normalität übergehen. Nun, hoffen darf man doch.).
Wenn ich jetzt darüber schreibe, dann mit dem schlechten Gedanken im Hinterkopf, dass ich tatsächlich dachte, es hätte schlimmer kommen können. Das alleine wäre wohl der Fall gewesen, wenn das Erdbebenepizentrum nicht im Pazifik, sondern beispielsweise direkt unter Tokio gelegen hätte. Oder wenn die Evakuierungszone näher an der Hauptstadt liegen würde. Dennoch, auch so ist es schlimm genug. Und ich habe nicht einmal ansatzweise Daten dazu - kann aber runterbeten, in welchen Reaktoren es zu Wasserstoffverpuffungen kam. Das ist zwiespältig.
Zehntausende Menschen an der Küste sind im Zuge eine Tsunami gestorben, die durch ein Erdbeben der Stufe 9 ausgelöst wurde, einem der stärksten Beben unserer Tage. Hunderttausende waren im Inland betroffen - selbst in der Mega-Region Tokio zeigte das Erdbeben Auswirkungen. Und ich habe absolut keine Ahnung, wie viele Menschen leiden und sterben mussten, weil sie erst späte oder gar keine Hilfe erhielten... In einem Land, das auf Tsunamis eingestellt ist. In einem Land, das auf Erdbeben eingestellt ist. Damit will ich den Helfern und den japanischen Streitkräften keine Unfähigkeit vorwerfen, sondern die GRÖßE der Aufgabe beschreiben, derer sie sich stellen mussten. Warum liest man davon so wenig? Und warum ist der berühmte deutsche THW bereits nach vier Tagen wieder außer Landes geflogen, angeblich weil "die radioaktive Wolke" auf sie zugekommen war, während andere Länder wie China (China, hm, mit dem Japan eigentlich gerade nicht so gut kann) und Südkorea im Lande blieben und halfen?

Alles in allem hätte es natürlich schlimmer kommen können. Ironischerweise geht es immer noch schlimmer. Aber ich gebe dem Freund meiner Schwester nach langem Nachdenken vollkommen Recht. Es war schlimm genug, es war erschütternd. Und es ist nicht vorbei. Weder in der überbevorzugten Berichterstattung über Fukushima Daiichi, die auch ich betreibe, noch in jenen Gebieten, die von Erdbeben und Tsunami verwüstet wurden. Wohlgemerkt, das Land ist auf Erdbeben eingestellt, und entsprechende Hafenanlagen und Strandwälle sollen gegen die Tsunamis helfen (was sie bei schwächeren wohl auch tun). Dennoch wurde es hart getroffen, und es verdient wie jedes andere Land auf diesem Erdball, das eine solche nationale Katastrophe wohl zwei Dinge:
Erstens, unsere Loyalität, Unterstützung und unsere Hilfe, wie wir sie auch allen anderen Ländern zuteil haben werden lassen.
Zweitens, dass die Berichterstattung über Japan aus diesen Tagen, wenn schon auf diese gigantische Katastrophe reduziert, dann doch wenigstens nicht auf die Atomkatastrophe reduziert ist/bleibt/sein wird. Die großen Nachrichtenagenturen und Sender sollten der Bekämpfung der Folgen von Tsunami und Erdbeben genauso viel Nachrichtenzeit einräumen wie der Berichterstattung über die sechs Reaktoren von Fukushima Daiichi.
Meine Meinung. Und, liebe Japaner, entschuldigt, wenn es irgendwann, irgendwo in meinem Blog so geklungen haben sollte, als wäre die Katastrophe nicht schon schlimm genug. Das wäre eine Dummheit, die mir tatsächlich auf der Seele liegen würde.

P.S.: Wer für Japan etwas tun will, kann dies mittlerweile auf die verschiedensten Wege tun. Für WoW-Zocker wie mich bietet Blizzard ein besonderes Cenarius-Jungtier als Pet an. Der Verkaufspreis von zehn Euro soll laut Blizzard Europe komplett an die Japanhilfe gehen.
Selbstverständlich habe ich dieses Pet - das erste Mal, dass ich für so etwas Geld ausgegeben habe.

Kommentare:

Stinkstiefel hat gesagt…

Hi Ace.
Hm, ja Ich kann irgendwie beide Aussagen verstehen.
Bei der Aussage: „Das hätte noch viel schlimmer kommen können.“, ist halt ein rein Emotionsloses Denken vorherrschend. Man sieht nur die nackten Zahlen und steigert sie mit den anzunehmenden Möglichkeiten.
Wie sagte Stalin: „Ein toter Mann ist eine Tragödie, 2 Millionen eine Statistik“
Man nimmt halt den Standpunkt eines unbeteiligten Beobachters ein und reagiert auch danach.
Die zweite Möglichkeit ist seine emotionale Distanz aufzugeben und vollkommen dem Leid der Menschen hinzugeben. Das Problem kann sein, dass man sich den Menschen aufdrängt und dadurch eine trotz Reaktion hervorruft.
Es ist wohl meistens, das Beste einen Mittelweg einzuschlagen und den Menschen zu helfen ohne sich Aufzudrängen.
Dies aus der Warte einer Person geschrieben die mehrere Tausend Kilometer entfernt ist und den Wunsch hegt, dass es doch nie passiert wäre.

Um zu denn deutschen Medien zu kommen. Es ist halt uninteressant geworden. Die Möglichkeit der großen Emotionen ist vorbei.
Was folgt ist das „Routinegeschäft“ des Wiederaufbaus, etwas was man schon tausendmal gesehen. Es ist die Tragik der Sensationslust der Menschen.

Stinkstiefel
(Dies sind meine völlig rohen Gedanken zu dem Thema. Also kurz Luft holen und dann.)

Ace hat gesagt…

Das Stalin-Zitat kenne ich auch. Sehr treffend.
Ich denke, Distanz oder keine Distanz ist hier nicht so entscheidend wie die Frage der Gewichtung. Natürlich, für uns Deutsche ist die Havarie von Fukushima Daiichi gewichtiger, weil es in unsere - von der CDU verursachte - Laufzeitverlängerung einspielt und drastisch zeigt, dass Atomkraft nur bis zu einem gewissen Punkt beherrschbar ist. Aber zehntausende Tote und Verletzte, verwüstete Küstenstädte, verödete Landstriche und vernichtete Infrastruktur in einem hochbesiedelten Land wie Japan ist wohl eine weit größere Katastrophe als ein dreißig Kilomter oder bald auch vierzig durchmessender Evakuierungsradius, auch wenn dieser Großstädte umfasst. Ich finde schon, dass die Medien hier falsch gewichten und glauben, die Deutschen würden sich nicht dafür interessieren. Tun sie ja auch nicht - es ist ja nichts davon mehr in den Medien!

Übrigens, ich mag Deine völlig rohen Gedanken zum Thema. ^^


Übrigens ist mir auch aufgefallen, dass ich bereits acht Button-Klicks habe, obwohl der Post erst ein paar Stunden on ist. Ich würde Euch, meine unbekannten User, gerne einladen, mitzudiskutieren, gerne auch unter Synonym.

Stinkstiefel hat gesagt…

Es tut mir jetzt Leid dies zu schreiben Ace, aber „zehntausende Tote und Verletzte, verwüstete Küstenstädte, verödete Landstriche und vernichtete Infrastruktur“, dass kann Ich auch habe ohne nach Japan sehen zu müssen.
Jeder ist am Ende, sich selbst der Nähste.

Ace hat gesagt…

Hm. Der Witz hierbei ist, das Land ist auf genau solche Katastrophen akribisch vorbereitet.
Und dennoch gab es so viele Tote, so viel Zerstörung. Das alleine ist auf eine schaurige Art beachtlich. Und es zeigt was passiert wäre, wären sie eben nicht vorbereitet...
Auf jeden Fall sollte es niemanden, auch nach zwei Monaten nicht, kalt lassen.
Man darf sich erlauben, sich nicht drauf zu fokussieren, um nicht zu verzweifeln. Aber ignorieren, unterschlagen, wäre von Übel.

SilviaK hat gesagt…

Ich hab mir mal vorgestellt, das ganze wäre in den USA oder sonstwo passiert, nicht in Japan. Was da für ein heilloses Chaos ausgebrochen wäre, kann man sich vorstellen, wenn man an diesen Hurrikan Kathrina etc. denkt. Ich glaube nicht, dass ein anderes Volk als die Japaner, die solche Szenarien schon von Kind auf üben und natürlich von der Mentalität her kulturell etwas anders gestrickt sind, so relativ gefaßt mit diesem Geschehen umgegangen wäre. Ich find das einfach nur bewundernswert. Und möchte mir besagtes Chaos mit Massenpanik, Plünderungen und keine Ahnung welchen Nachwirkungen in anderen Ländern lieber gar nicht vorstellen.

In der Zeit war letztens ein Artikel darüber, dass die Kinder in den Auffanglagern (wie nennt sich das dort?) wieder Schulunterricht haben. Zwischen diesen Pappwänden. Ich fürchte, das wird echt noch lange dauern, bis man dort wirklich wieder halbwegs von Normalität reden kann.

SilviaK hat gesagt…

Was bedeutet eigentlich "pwned"?

Ace hat gesagt…

Ups, der Gedanke ist mir noch gar nicht gekommen. Interessant, sich das zu überlegen, ob die Obama-Administration mit so einer Katastrophe erfolgreicher umgegangen wäre als die Bush-Regierung mit dem "Untergang" von New Orleans, wo sie völlig versagt hat....
Die USA sind riesig. Es wäre nur eine Fußnote geworden, selbst mit einer Viertelmillionen Toten. Oder kräht in den USA heute noch einer danach, den Republikanern nachtragend gegenüber zu sein, die New Orleans und Katrina vermasselt haben? Nein, stattdessen radikalisieren sie mit der Tea Party und hetzen labile Menschen als Amoktäter auf unliebsame Demokraten...


Pwned ist so ein typischer Internetbegriff. Er bedeutet soviel wie, dass man von jemand anderen kräftig untergebuttert wurde. Die englische Wiki sagt dazu das hier: http://en.wikipedia.org/wiki/Pwn