Mittwoch, 15. August 2012

Dirk Niebel im Rausch des Zynismus

Es ist jetzt gerade zweiundzwanzig Uhr, während ich beginne, diesen Blogpost zu schreiben. Das ist eigentlich nicht meine Art. Blogposts schreibe ich am späten Morgen oder am Nachmittag, selten mal nach dem Perfekten Dinner auf Vox. Um zu dieser Uhrzeit etwas schreiben zu wollen, muss mich ein Thema also ganz schön pricken.
Dies hat ein Bericht auf tagesschau.de getan. Dort wird der FDP-Entwicklungsminister Dirk Niebel damit zitiert, E10 wieder abzuschaffen, weil er den Hunger in der Welt fördert.
Für alle, die mit E10 nichts anfangen können, hier ein kurzer Abriss: Im Gegensatz zum normalen Krafstoff Super, dem zum normalen Gemisch, bestehend aus Erdölraffinat, fünf Prozent Biosprit beigemengt ist (dabei handelt es sich um brennbare Ethanole, also Alkohol), der schon seit Jahren in Deutschland eingesetzt wird und von allen Autos gut vertragen wird, gibt es eine Super-Variante namens E10, bei der nicht fünf, sondern zehn Prozent Biosprit beigemengt wird. Um diesen angeblich Autozerschleißenden Sprit attraktiv zu machen, wird er um drei bis vier Cent günstiger angeboten, weshalb ich ihm mit meinem Golf sehr, sehr gerne zuspreche. Ich tanke ihn seit seiner Einführung, und mein Wagen läuft immer noch.
Laut Niebel gibt es einen Konflikt "zwischen Tank und Teller", und der Kraftstoff "sei doch eh ungeliebt".
...sacken lassen.

Ich muss es ja wirklich mal sagen, zu behaupten, dass die Erhöhung der Beimengung im Super-Benzin von fünf auf zehn Prozent für den Welthunger verantwortlich ist, ist ja wohl eine grenzenlose, menschenverachtende und peinliche Posse. Zuerst einmal wird dieser Sprit nicht besonders gut verkauft; weiterhin hält das normale Super die Hauptmarktanteile. Dementsprechend wenig E10 wird produziert. Zudem gibt es mit Diesel, Biodiesel (der aus Rapsöl besteht), Super Plus und einigen Spezialitäten wie bei Shell, das alte Benzin nicht zu vergessen, noch wesentlich mehr Sorten, unter denen sich das Käuferfeld auch noch mal aufteilt. Ich frage mich, wie bei dieser minimalen Erhöhung der Biobeimengung gleich die Weltpreise für Lebensmittel explodieren sollen.
...sacken lassen.

Es ist noch nicht sooo lange her, da haben sogenannte Heuschrecken mit Warentermingeschäften für eine künstliche Verknappung der Rohölpreise gesorgt. Dabei wurden große Mengen Rohöl geordert, aber noch nicht bezahlt, geschweige denn abgenommen. Bezahlung und Abnahme erfolgte erst später. Da die Ware, das Rohöl, rechnerisch gesehen vom Markt war, verringerte sich das Angebot, was bei gleicher oder steigender Nachfrage aber für einen höheren Marktpreis sorgte. Nun wurde das Erdöl erst bezahlt und weiter verkauft - dank der künstlichen Preissteigerung zu einem höheren Preis als zuvor. Das klappt natürlich nicht mit einem einzigen Supertanker, oder deren drei oder vier. Da muss schon ein finanzstarker Fondsmanager ein paar Milliarden investieren, weil das Öl irgendwann ja auch bezahlt werden muss. Je mehr dieser Fonds auf Warentermingeschäfte auf Öl einsteigen, desto "knapper" wird das Erdöl, und desto höher wird der Preis. Wir sind gerade wieder in einem solchen Preishoch, obwohl real genügend Rohöl zur Verfügung steht, und die Raffinerien nicht mal ausgelastet sind. Das ist nicht nur ein Nachteil von Warentermingeschäften, es ist nichts weiter als die Ausbeutung des normalen Bürgers durch geldpotente Fonds, die Reiche noch reicher machen, während der Durchschnittsbürger mehr und mehr draufzahlt.
Nun kommt aber der Witz bei der Geschichte. Diese Heuschrecken können ja nicht ewig beim Öl bleiben. Zwischendurch muss sich der Markt auch entspannen, weil ansonsten weiterverarbeitende Firmen und Verbraucher nach Alternativen suchen und die Abnehmer wegbrechen. Also suchen sich die Heuschrecken ein neues, lohnendes Betätigungsziel. Dies waren vor knapp drei? Jahren, als der Ölpreis geradezu in den Keller rauschte, Fonds für Lebensmittel. Die Folge davon war, das in vielen afrikanischen Ländern die Lebensmittelpreise explodierten, obwohl genügend Nahrung produziert worden war, was mancherorts und vollkommen zu Recht fast zu Aufständen geführt hätte.
Nun haben wir gerade mal wieder ein Hoch beim Öl überwunden (hoffentlich), und die Heuschrecken suchen ein neues Operationsgebiet. Warum nicht wieder Lebensmittelfonds?
Hinweis darauf: Eine deutsche Großbank hat sich erst neulich dazu verpflichtet aus "ethischen Gründen auf den Ankauf von Lebensmittelfonds" zu verzichten.

Zur Zeit droht in der sogenannten Sahel-Zone eine große Hungersnot wegen anhaltender Trockenheit. Die Menschen dort können sich nicht selbst ernähren und sind auf internationale Hilfe angewiesen.
Dazu ist Afrika groß, und in den über fünfzig Ländern auf diesem Kontinent sind nur wenige, und von denen wieder nur wenige regelmäßig, von Hungersnöten betroffen. Herr Niebel soll mir mal erzählen, wie die Produktionsausfälle in einer Dürreregion, die eine Hungersnot auslösen, irgend etwas mit deutschen Biosprit zu tun haben sollen. Anstatt auf die Spekulanten zu schauen, die ihre Warentermingeschäfte mit Rohstofffonds im Lebensmittelbereich betreiben.
...sacken lassen.

Fazit: So, so. Da springt der Herr Minister mit Schwung auf den liberalen Zug auf. Weg mit dem E10, weil es will ja sowieso keiner (ich schon), und es löst ja Hungersnöte aus, weil die Lebensmittel der armen Menschen in Afrika ja für unseren Biosprit verwendet werden müssen...
Er versucht auf diese Weise gleich drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Mit zwei Geschenken an Tankstellenkonzerne, die das ungeliebte E10 loswerden können, trotz EU-Richtlinie; die mentale Beruhigung der Verbraucher, die glauben, nachdem ihre künstlich geschürten Ängste befriedigt werden - auf die dümmste und hässlichste Weise, übrigens -  Herr Minister Niebel würde was für sie tun, und sie können getrost zum teureren E5 zurückkehren, bei dem sie sich "wohlfühlen"; und er gibt Rückendeckung für Heuschreckenfonds, die ja natürlich nicht daran Schuld sein können, dass, obwohl mehr als genügend Lebensmittel in Afrika erzeugt werden, diese nicht zu annehmbaren Großhandelspreisen eingekauft und in der Krisenregion ausreichend für alle Betroffenen verteilt werden können.
Das bedeutet liberal wohl heutzutage. Ich hätte nicht gedacht, das jemals zu sagen, aber da war mir Westerwelle lieber. Eine Primadonna, ein Narziß, weichgespült und konturlos, aber er hat wenigstens nur deutschen Hoteliers Steuergeschenke gemacht, und nicht den Lebensmittelfondsheuschrecken jegliche Mitschuld am Welthunger abgesprochen.
Alles in allem eine Peinlichkeit hoch drei. Aber was will man von dieser FDP auch noch anderes erwarten?

Und Herr Minister, Deutschland kann seinen Biosprit durchaus alleine erzeugen, ohne dass allein die Preise auf dem deutschen Rohstoffmarkt explodieren. Immerhin wurden von der EU vor fünfzehn Jahren etliche landwirtschaftliche Flächen gegen Prämienzahlung für fünf, zehn oder zwanzig Jahre stillgelegt, um die Überproduktion zurück zu fahren. Aber auch ohne diese zu reaktivieren, kommen wir nicht in Not, oder werden vom Exporteur zum Importeur. Denn das müssten wir sein, wenn unser Biosprit Afrikanern die Yamswurzel aus dem Topf klaut. Zynischer und dümmer kann man mit dem Thema nicht umgehen.

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